High-Rise

Im Jahre 1975 baut ein virtuoser Architekt ein Hochhaus, in welchem die Gesellschaft, nach Klassen sortiert, von unten nach oben lebt. Diese auf einem Roman basierende Thematik galt lange Zeit als unverfilmbar, doch nun hat Regisseur Ben Wheatly das angeblich Unmögliche gewagt und mit HIGH-RISE den gleichnamigen, umstrittenen Roman für die große Leinwand adaptiert. In der Hauptrolle: Tom Hiddleston. Wie gut der Film geworden ist, verrate ich in meiner Kritik.High-Rise

Der Plot

Das Jahr 1975. Zwei Meilen westlich von London bezieht Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) auf der Suche nach Anonymität sein neues Appartement, nur um bald feststellen zu müssen, dass seine Mitbewohner gar nicht daran denken, ihn in Ruhe zu lassen. So ergibt er sich schließlich in sein Schicksal, freundet sich mit den neuen Nachbarn an und wird dadurch zunehmend in das komplexe soziale Gefüge hineingezogen.Während er so seine Probleme damit hat, seinen Platz inmitten dieser Gesellschaft zu finden, bekommen Laings gute Manieren und sein Verstand ebenso deutliche Risse wie das Gebäude selbst.  Die Lichter gehen aus, die Aufzüge bleiben stehen, aber die Party hört nicht auf.  Die Menschen sind das Problem. Der Alkohol die Währung. Sex ist das Allheilmittel.  Erst sehr viel später, als er auf dem Balkon sitzt und den Hund des Architekten verspeist, fühlt Laing sich endlich zu Hause.

Kritik

Lange Zeit galt der dystopische Roman „High Rise“ (hierzulande auch unter den Titeln „Der Block“ und „Hochhaus“ bekannt) von James Graham Ballard als unverfilmbar. Doch derartigen Aussagen ist heutzutage schon lange nichts mehr beizumessen. Das Prädikat „unverfilmbar“ gestand man nämlich auch schon Meisterwerken wie „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ oder der Graphic Novel „Snowpiercer“ zu und bekannterweise erblickten beide Geschichten irgendwann doch als Leinwandadaption das Licht der Kinowelt. Dass „Snowpiercer“ hier sogleich als Paradebeispiel einer Verfilmung genannt wird, die es Expertenmeinungen zufolge eigentlich gar nicht geben dürfte, hat einen Grund: Die Geschichte um einen hierarchisch aufgebauten Zug, der in der Einöde einer in ferner Zukunft liegenden, desozialisierten Welt seine Runden um den Erdball zieht, gibt es in abgewandelter Form so auch in „High-Rise“ zu finden. Nur, dass wir es hier nicht mit einem Zug, sondern mit einem Hochhaus zu tun haben, in dem die gesellschaftlichen Schichten zunächst säuberlich voneinander getrennt und anschließend von unten nach oben auf die einzelnen Stockwerke verteilt werden. Inhaltlich geht es dann sowohl in „Snowpiercer“, als auch in „High-Rise“ um die Rebellion der unteren Klassen gegen die Obrigkeit, die im hier besprochenen Film in eine Mischung aus anarchischer Gewalt und hemmungsloser Orgie mündet. Dabei unterliegt das Leinwandgeschehen nicht zwingend einer Dramaturgie. Stattdessen ist es ein grenzenloser Rausch der Freizügigkeit, einhergehend mit dem vollständigen Verlust jedweder moralischer Prinzipien, die aus „High-Rise“ einen interessanten, dabei jedoch nicht leicht konsumierbaren Film machen. Ein Erlebnis, „Thor“-Star Tom Hiddleston inmitten dieser wolllüsternen, gewaltfanatischen Nachbarschaft zu erleben, ist es für aufgeschlossene Zuschauer dennoch.

Bereits mit der ersten Szene gibt Regisseur Ben Wheatly („Sightseers“) die obskure, teils surrealistisch anmutende Atmosphäre vor. Wir sehen die von Tom Hiddleston verkörperte Figur Dr. Robert Laing auf einem Balkon, einen Hund verspeisend. Daneben ein Mann, dessen Kopf in einem Fernsehapparat steckt und dessen letzte Lebenszeichen daraus bestehen, unkontrollierte Zuckungen von sich zu geben. Über allem liegen die kryptischen Worte Laings, die uns Anhaltspunkte dafür geben sollen, wie es zu dieser skurrilen Situation kommen konnte. Doch um sich davon ein vollständiges Bild machen zu können, hilft es dann doch am ehesten, sich der Faszination der folgenden zwei Kinostunden zu ergeben. Ben Wheatly und sein Stamm-Kameramann Laurie Rose („Sightseers“) legen mit der paralysierenden Inszenierung des ebenso wuchtigen wie faszinierenden Gebäudekomplexes, der in „High-Rise“ zum nahezu einzigen Setting wird, den Grundstein für die folgenden Ereignisse. Das Platz für etwa 2000 Parteien bietende Hochhaus ist neben Dr. Robert Laing die zweite, wichtige Hauptfigur, denn die sich innerhalb der Geschichte abspielenden Ereignisse könnten ihre Intensität kaum erreichen, wenn Romanautor James Graham Ballard respektive Drehbuchschreiberin Amy Jump („Sightseers“) nicht solch eine Akribie in die Ausarbeitung von Details gesteckt hätten. In diesem Hochhaus, von dem weitere vier geplant sind und die zusammen mit einem großen See in der Mitte die Form einer Hand ergeben sollen, ist jede Kleinigkeit genau durchgeplant. Die Wohnparzellen, Supermärkte, Fitnessstudios, Pools und aufwändige Gärten mitsamt Pferdeställen ergeben einen riesigen Mikrokosmos, der es nahezu unnötig macht, das Hochhaus überhaupt noch zu verlassen. Lediglich der Arbeit wegen, begibt sich Dr. Robert Laing ab und an noch aus seinem Lebensdomizil heraus. Dabei legt Regisseur Ben Wheatly den Fokus seiner Inszenierung von Anfang an so geschickt auf das Leben innerhalb des Hochhauses, dass sich jeder Gang nach Draußen nicht wie eine Befreiung, sondern wie eine selbst gewählte Ausgrenzung anfühlt. Die Folge: Auch dem Zuschauer bietet das Gebäude, aller beklemmenden Regeln zum Trotz, schon bald ein Gefühl der Sicherheit.

Es dauert tatsächlich eine ganze Weile, bis in „High-Rise“ etwas passiert, von dem man als Zuschauer den Eindruck hat, dass es für den Fortverlauf der Geschichte relevant ist. Die erste Dreiviertelstunde benötigt sowohl Dr. Laing, als auch das Publikum dafür, die Funktionalität des Gebäudes zu entdecken. Wir lernen die hier vorherrschenden Regeln kennen, die zwischenmenschliche Bande einzelner Figuren wird ersichtlich und nicht nur wir, auch die Hauptfigur erfahren erst nach und nach, wo er selbst überhaupt hingehört. Die an sich selbst gerichtete Frage, wo wir uns in diesem Hochhaus eigentlich einordnen würden, wird zwangsläufig nicht ausbleiben. Trotzdem hätte Regisseur Wheatly gut daran getan, den Auftakt seines Films ein wenig dynamischer, schlicht interessanter zu gestalten. Auch die Ausarbeitung einzelner Charaktere gleicht einer am Reißbrett entworfenen Orientierung an bereits existenten Filmfiguren; Jeremy Irons‘ („Batman v Superman: Dawn of Justice“) Performance des visionären Architekten entspricht nahezu 1:1 jenen Darbietungen, wie Ed Harris sie bereits in „Snowpiercer“ oder „Die Truman Show“ an den Tag gelegt hat. Doch glücklicherweise funktioniert „High-Rise“ ohnehin weniger als Darstellerkino, denn vielmehr als Momentaufnahme eines allumfassenden Exzesses. Ist der Strom nämlich erst einmal weg, hat das Skript bereits so viele verschiedene, gleichsam schwer durchschaubare Charaktere etabliert, dass es schwer ist, sich vorzustellen, was passiert, wenn diese erst einmal von der Leine gelassen werden.

High-Rise

Ohne an dieser Stelle bereits zu viel zu verraten, so reicht ein Funken Menschenverstand schon aus, um sich auszumalen, welche Folgen die plötzliche Konfrontation einzelner Gesellschaftsschichten wohl haben wird. Doch nicht nur der unvermeidbare Klassenclash wird in „High-Rise“ in den Mittelpunkt gerückt. Auch das plötzliche Freisprechen von jedweden Rechten und Pflichten ist ein Thema, das James Graham Ballard bereits inmitten der Siebzigerjahre behandelte. Denkt man einmal genauer darüber nach, gewinnt diese Thematik im Jahre 2016 sogar noch einmal gezielt an Bedeutung. Immerhin setzten sich unsere Schweizer Nachbarn erst vor Kurzem mit der Frage auseinander, was geschehen würde, wenn die Menschen aufgrund eines bedingungslosen Grundeinkommens von heute auf morgen nicht mehr arbeiten müssten. Dass tatsächlich so etwas eintreten würde, wie es in „High-Rise“ nun auf die karikatureske Spitze getrieben wird, darf zwar bezweifelt werden. Doch im Kern mag hier vermutlich mehr Wahrheit stecken, als es den Befürwortern des Grundeinkommens lieb ist. Während die Figuren hier nach und nach all ihre moralischen Prinzipien über Bord werfen, versucht sich Dr. Robert Laing lange Zeit am Widerstand. Ob er daran scheitert, oder ob auch er irgendwann dem Rausch der Sünde erliegt, sei aus Spoilergründen nicht verraten. Lediglich die faszinierende Darbietung Tom Hiddlestons sei in ihrer Mischung aus Unnahbarkeit und Charisma hier erwähnt. Doch selbst ihm fällt es schwer, gegen den von den Bildern ausgehenden Sog anzuspielen, der aus „High-Rise“ Style-over-Substance-Kino der anspruchsvolleren Sorte macht.

Fazit: Mit der Idee, den Bestseller „High Rise“ fürs Kino zu adaptieren, geht Regisseur Ben Wheatly ein großes Wagnis ein. Immerhin droht die Gefahr, unter dem visuellen Rausch den Blick für die Figuren zu verlieren. Diese Problematik vollständig zu umfahren, gelingt ihm tatsächlich nicht. Trotzdem ist „High-Rise“ ein virtuoses Kinovergnügen, das den Rausch von der Leinwand auf den Zuschauer transportiert.

„High-Rise“ ist ab dem 30. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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