Kill Billy

Mit dem kultigen Tarantino-Rachethriller „Kill Bill“ hat die schwedische Komödie KILL BILLY absolut nichts zu tun. Hier geht es um eine lustlose Entführung des IKEA-Gründers Ingvar Kamprad, die alles ist, aber auf keinen Fall kultig. Mehr dazu in meiner Kritik.Kill Billy

Der Plot

Seit mehr als 40 Jahren schuftet Harold Lunde (Bjørn Sundquist) gemeinsam mit seiner Frau Marny (Grethe Selius) in seinem Möbelgeschäft „Lunde Furniture“. Doch damit ist es schlagartig vorbei. IKEA eröffnet eine große Filiale direkt nebenan und zerstört dadurch sein Lebenswerk. Harold und Marny verlieren nicht nur ihr Geschäft, sondern auch ihr Haus an die Bank. In seiner Wut und Verzweiflung denkt Harold nur an eins: Rache. Er besorgt sich eine Pistole und startet seinen alten Saab. Er hat nur ein Ziel: Den IKEA- Gründer Ingvar Kamprad (Bjørn Granath) zu entführen! Entgegen aller Erwartungen gelingt der Plan – doch die Aktion nimmt schon bald eine unerwartet tragisch-komische Wendung.

Kritik

„Prakti.com“ handelte von der Arbeit beim Internetgiganten Google, „Sex Tape“ befasste sich mit dem Mysterium Apple-Cloud und in „The Social Network“ ging es um die Entstehung der Social-Media-Plattform Facebook. Was letzteren filmischen Vertreter von den beiden vorausgegangenen unterscheidet: Hier wird die Unternehmensgeschichte bewusst zum Handlungsmittelpunkt auserkoren. Es ließe sich also gut und gern von einer Art Firmen-Biopic sprechen. Die anderen beiden Filme wollen einfach nur dort (also in der Google-Zentrale) spielen, oder ganz beiläufig die (Apple-)Produkte in die Geschichte involvieren. Das kann wie im Falle von „Prakti.com“ in eine harmlose, bisweilen sogar augenzwinkernde, vor allem sich selbst aber nicht ganz so ernst nehmende Komödie münden, oder sich wie bei „Sex Tape“ als hemmungsloses Product Placement entpuppen. Und in welche Kategorie fällt nun mit „Kill Billy“ die Geschichte um die fiktive Entführung von IKEA-Erfinder Ingvar Kamprad? Man merkt, dass der schwedische Regisseur Gunnar Vikene („Vegas“) gern eine rabenschwarz-komödiantische Kapitalismuskritik auf Kosten des weltweit größten Möbelhauses inszeniert hätte. Dafür fehlt es dem Skript, das Vikene selbst verfasste, jedoch nicht nur an Biss, sondern auch an dem Mut, sich an den Steilvorlagen in Ingvar Kamprads ohnehin angeknackstem Image zu bedienen. So entsteht der Eindruck, Vikene würde die Auseinandersetzung mit dem Möbelbaron im Vorbeigehen zwar nicht scheuen, doch wenn es ernst wird, zieht der Filmemacher den Schwanz ein. „Kill Billy“ ist wie mit Schmirgelpapier von sämtlichen Ecken und Kanten befreit, sodass sich letztlich Niemand ernsthaft über Kamprad aufregen kann – kein Wunder; selbst ein Entführungsszenario lässt der Multi-Milliardär emotionslos über sich ergehen.

Kill Billy

„Kill Billy“ beginnt vielversprechend und zunächst auch ganz anders, als man es anhand der Trailer erwartet hätte. In der Exposition befasst sich Regisseur Gunnar Vikene nur kurz mit dem plötzlichen Auftauchen einer riesigen IKEA-Filiale in direkter Nachbarschaft zu Harolds Möbelgeschäft, um anschließend sich erst einmal ausführlich mit dem altersbedingten, seelischen Verfall seiner Ehefrau Marnie zu beschäftigen. Es geht um das Thema Demenz, um eine nahende Heimunterbringung und den plötzlichen Tod, einhergehend mit einem Selbstmordversuch Harolds, der beim Versuch, sich und den Laden abzufackeln, die Rechnung ohne die automatische Sprinkleranlage gemacht hat. In diesen zehn Minuten ist „Kill Billy“ nicht bloß überraschend emotional und aufgrund der selbstverständlichen Chemie zwischen Bjørn Sundquist („Hänsel & Gretel: Hexenjäger“) und Grethe Selius („Ich reise allein“) sofort zu Herzen gehend. Auch der humoristische Bruch hin zum missglückten Suizid gewinnt aufgrund der unvorhersehbaren Morbidität jenen Galgenhumor, der sich im Anbetracht der Filmprämisse ohnehin anbietet. Es folgt ein Besuch des existenziell zwischen gescheitert und hoffnungsvoll angesiedelten Sohnes Jan (Vidar Magnussen) und schließlich der Entschluss, Ingvar Kamprad zu entführen – was sich Harold davon genau erhofft, darüber lässt das Skript den Zuschauer erst einmal im Unklaren; wohl vor allem, weil die Hauptfigur es bis dahin selbst noch nicht weiß. So weit, so klar die Ausgangslage. Doch das Entführungsszenario selbst gerät nicht bloß zu einem filmisch vollkommen nichtigen Desaster, sondern offenbart teilweise auch arg fehlgeleitete Aussagen, bei denen wir uns an dieser Stelle nicht trauen wollen, darüber zu urteilen, ob diese so tatsächlich gewollt (und damit als eine Art IKEA-Patriotismus zu verstehen) sind, oder ob sich Gunnar Vikene einfach unglücklich in seiner Inszenierung verfranzt hat.

IKEA-Gründer Ingvar Kamprad gehört zu den reichsten Männern der Welt. Trotzdem (oder gerade deshalb) geriet sein Name mit der Zeit auch immer häufiger im Zusammenhang mit Negativschlagzeilen in die Medien. Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Vereinigungen und herbe Kritik an den vor Ort bei IKEA vorherrschenden Arbeitsbedingungen sind nur zwei Kritikansätze, mit denen sich Kamprad immer wieder auseinandersetzen muss. Dass Gunnar Vikene ohne die Involvierung des echten Kamprad weder unerlaubte Schadensbegrenzung, noch Rufschädigung betreiben darf, versteht sich von selbst. Dass sich die Kritik am IKEA-Gründer jedoch ausschließlich auf zwei Nebensätze der von Bjørn Granath („Verblendung“) recht eindimensional verkörperten Figur beschränkt, wirkt fast schon duckmäuserisch. Vor allem aber ist es inkonsequent: „Kill Billy“ versteht sich allein schon aufgrund der Prämisse als Kritik daran, dass Großkonzerne kleineren Handwerksbetrieben die Kundschaft abkömmlich machen. Wenn die Figur des Ingvar Kamprad dem jedoch entgegen setzt, dass er damit Abertausende von Arbeitsplätze geschaffen hat, dann steht der farblos bleibende Harold ohne Argumente daneben und zelebriert einzig und allein ebenjene Ziellosigkeit, die im Film selbst vermutlich Lacher generieren soll, sich hier jedoch als stinklangweilig erweist. Kurzum: Harold hat sein Hassobjekt zwar entführt, seinen Status als bewaffneter (!) Entführer auszuspielen, misslingt ihm jedoch nicht bloß, er will es einfach nicht. So möchte man der Leinwand immer wieder „Nun tu doch endlich mal irgendwas!“ entgegenrufen – nicht, weil wir Ingvar Kamprad sterben sehen wollen. Sondern einfach, damit sich auf der Leinwand überhaupt mal irgendwas tut. Das tut es aber nicht, bis sich Harold zum Schluss eben selbst in einem IKEA-Bett wiederfindet. Dem Charme von „Billy“ und Co. kann sich über Kurz oder Lang dann eben doch keiner entziehen.

Kill Billy

Das skandinavische Kino setzt im Comedybereich zwar immer auf eher ruhige Töne, doch so einschläfernd wie im Falle von „Kill Billy“ hat sich das Land, aus dem Genre-Filme wie „Einer nach dem Anderen“ stammen, noch nie präsentiert. Nebenfiguren wie die rebellierende Teenagerin Ebba (Fanny Ketter) dienen einzig und allein als Stichwortgeber, denn solch klischeebehafteten Profilen wie hier lässt sich nun mal schwer Leben einhauchen. Am Ende fragt man sich bei aller Liebe, was genau „Kill Billy“ denn eigentlich werden sollte. Denn der Film ist weder lustig, noch spannend, noch dramatisch – nein, er kann dem Zuschauer genau so viele Emotionen entlocken, wie die beiden Hauptfiguren sich gegenseitig: keine. Daher macht sich bei uns fast ein wenig die Vermutung breit, Gunnar Vikene hätte man von Seiten IKEAs einen Einkaufsgutschein versprochen, wenn dieser mit dem Möbelgiganten nicht allzu hart ins Gericht geht. Auf dieser Ebene kann sich der Regisseur dann wohl tatsächlich auf die Schulter klopfen. Immerhin: Von dem sehr engagiert und trotzdem zurückhaltend aufspielenden Vidar Magnussen („Lilyhammer“) möchten wir in Zukunft gern ein wenig mehr sehen.

Fazit: „Kill Billy“ ist der Versuch einer plumpen Kapitalismuskritik, die weder besonders komisch, noch besonders tragisch geraten ist. Denn das ganz große Problem dieses wenig subtilen IKEA-Imagefilms ist in erster Linie, dass im Laufe der 80 Minuten Laufzeit nichts, aber auch rein gar nichts passiert.

„Kill Billy“ ist ab dem 23. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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