Sicario

Nach „Prisoners“ und „Enemy“ beweist der kanadische Meisterregisseur mit SICARIO endgültig, dass er nicht mehr bloß zu den Geheimtipps seiner Gilde gehört. Der Filmemacher rückt in dem bedrückenden Drogenthriller die toughe Ermittlerin Kate – gespielt von Emily Blunt – in den Mittelpunkt, die an der mexikanisch-amerikanischen Grenze gegen den Drogenkrieg vorzugehen versucht. Was sie dort erlebt, ist die Hölle auf Erden. Doch wie ist der Film dazu geworden? Das verrate ich in meiner Kritik.Sicario

Der Plot

Der Drogenkrieg beherrscht seit Jahren den Grenzbereich zwischen Arizona und Mexiko. Nachdem die idealistische FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) im Geheimversteck eines Drogenkartells einen grausamen Fund macht, meldet sie sich zu einer internationalen Task-Force um Jagd auf die Drahtzieher zu machen. Ihr erster Einsatz führt Kate direkt in das umkämpfte Grenzgebiet, wo sich ein routinierter Gefangenentransfer innerhalb von Sekunden als gefährlicher Hinterhalt entpuppt. Nur durch die Hilfe des ebenso skrupellosen wie kampferprobten Söldners Alejandro (Benicio del Toro) kann sie entkommen. Bei der nächsten Geheimoperation trifft sie Alejandro wieder, der wie sie Bestandteil einer Spezialeinheit ist. Doch bald wird klar, dass er zusammen mit anderen Mitstreitern eigene Pläne verfolgt. Kates moralische Überzeugungen werden einer harten Prüfung unterzogen, als die Grenzen zwischen Gut und Böse im Laufe der Operation zusehends verschwimmen…

Kritik

Denis Villeneuve macht alles wie mit einem Fingerschnipp. Ob sein paralysierendes Mysterydrama „Die Frau, die singt“, sein schizophrener Twistride „Enemy“ oder das zermürbende Entführungsdrama „Prisoners“: Als Zuschauer gewinnt man den Eindruck, der 52-jährige Kanadier würde seine Filme wie im Vorbeigehen inszenieren. Dies sei an dieser Stelle auf keinen Fall negativ gemeint, denn wenngleich seine Geschichten von ganz unterschiedlicher Aussage sind, so wohnt ihnen stets etwas Anarchisches inne. Villeneuves Werke sind nicht bis ins letzte Detail ausstaffiert. Der Filmemacher schafft mithilfe einer weitestgehend unkonventionellen Inszenierung Möglichkeiten der emotionalen Entfaltung, von der andere Regisseure nur träumen können. Darüber hinaus eint Villeneuves Filme eben genau das: eine beeindruckende, emotionale Bandbreite, die mehr im Mittelpunkt steht, als die Story an sich. Der Fokus liegt bei all seinen Filmen auf den Figuren und deren charakterlicher Entwicklung. Dies schafft Momente der Unberechenbarkeit. Und so entstehen Projekte, in denen der Zuschauer von Filmbeginn bis Schluss nicht fähig ist, einzuschätzen, auf welche cineastische Route Villeneuve ihn diesmal mitzunehmen gewillt ist. Mal haben diese filmischen Reisen ausschließlich künstlerischen Anspruch, ein anderes Mal wiederum reißen sie tiefschürfende Fragen an. So auch im Falle von „Sicario“, einer Gesellschaftsstudie, die uns daran erinnert, in was für einer kranken Welt wir bisweilen leben, wenn wir die sozialen Missstände in vielen Orten der Welt für eine Weile nicht einfach nur verdrängen. Denn „Sicario“ bedeutet im Mexikanischen soviel wie „Auftragskiller“ – und so handelt Villeneuves Film eben nicht zwingend davon, dass die Guten in seinem Film am Ende auch gewinnen.

Sicario

Mit der Entscheidung, Emily Blunt („Edge of Tomorrow“) in seinem Drogenthriller zur Hauptfigur zu machen, zog Denis Villeneuve zunächst den Missmut der geldgebenden Studios auf sich. Eine Frau zwischen den Fronten mexikanischer Bandenkriege ist ein mutiger Blickwinkel, den sich der Kanadier für seinen Film ausgedacht hat. Zu mutig für die Kameraden hinter den Kulissen – ursprünglich wollte man nämlich Benicio del Toro zur Hauptfigur machen und sich bei der gesamten Konzeption von „Sicario“ weniger auf den emotionalen Unterbau konzentrieren denn vielmehr den Fokus auf spektakuläre Actionsequenzen legen. Überraschend, dass das Skript von Taylor Sheridan („Sons of Anarchy“) sich im fertigen Projekt nun als so substanziell durchdringend erweist – Verfolgungsjagden und wilde Schießereien sind nun allenfalls Gewaltspitzen, eingebettet in jenes realistische Szenario, durch das „Sicario“ so wunderbar punktet. Villeneuves Film ist kein herkömmlichen Highspeed-Thriller, sondern vielmehr ein Blick hinter die Kulissen. „Sicario“ beäugt die Strippenzieher im Rahmen der knallharten Polizei-Einsätze, die sich so oder zumindest so ähnlich an der Grenze von Mexiko und den USA abspielen. Alles, was über das Planen der Zugriffe und die Betonung der wirtschaftlichen Zustände in dem Land hinaus geht, findet hier beiläufig statt. Das Drehbuch hebt explizit die vielen verschiedenen Zahnräder hervor, aus denen das Konstrukt „Antidrogenkrieg“ besteht und am Laufen gehalten wird. Dazu gehört auch, dass sich der Film trotz aller Härte in den dynamischer inszenierten Actionszenen sehr auf seine Dialoge konzentriert.

Politische Entscheidungen spielen bei den Planungen der Einsätze ebenso eine Rolle, wie das Seelenleben der Cops, insbesondere das von Ermittlerin Kate Macer, die innerhalb ihrer Spezialeinhalt gewillt ist, dem Drogenkrieg an der mexikanischen Grenze Einhalt zu gebieten. Gespielt wird diese toughe Ermittlerin von Emily Blunt, die sich mit ihrer lebensecht-berührenden Performance Hoffnungen auf Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen machen darf. Die Interaktion mit ihren männlichen Kollegen ist derweil kein Anlass für Villeneuve, Macers Sonderstellung als Frau unter vielen Männern besonders hervorzuheben. Sicher gibt es in „Sicario“ die eine oder andere Szene, in welcher sich Kate Macer besonderen Respekt von ihren Kollegen anderen Geschlechts erarbeitet, doch gerade aufgrund dieser fast schon gleichgültigen Inszenierung gewinnt Villeneuves feministische Aussage an Bedeutung. Es ist vollkommen irrelevant, ob ein Mann oder eine Frau Macers Job ausführt. Es ist lediglich von Relevanz, welches Können die Cops mitbringen. Macer muss sich nicht behaupten, geschweige denn erklären. Macer wird anerkannt und geachtet, gleichsam nicht bevorzugt oder mit Nachdruck in Schutz genommen. Trotzdem verleiht Blunt ihrer Rolle immer noch eine gewisse Form der Weiblichkeit. Bei diesem Balanceakt gibt es am Ende nur Gewinner. Und der größte unter ihnen ist der Zuschauer, der sich auf die zielgerichtete Charakterstudie einer starken Frau freuen darf. Da sind die formidablen Leistungen ihrer Schauspielkollegen, allen voran die des in seiner Unnahbarkeit respekteinflößend auftretenden Benicio del Toro („Inherent Vice – Natürliche Mängel“) fast schon Nebensache. Darüber hinaus hebt das eindringliche Spiel von Josh Brolin („Labor Day“) die kaum einschätzbaren Spannungen innerhalb des Teams deutlich hervor. In „Sicario“ ist die Spannungsschraube also nicht nur aufgrund der Szenerie bis zum Anschlag gespannt, sondern auch aufgrund der uneinschätzbaren Charaktere, die das Drehbuch zeichnet.

Kate Macer (Emily Blunt) und Reggie (Daniel Kaluuya)

Die Art, wie Villeneuve sich des Themas Drogenkrieg annimmt, ist in seiner Zurückhaltung ungeheuer effektiv. Sein Kameramann Roger Deakins („Prisoners“) kreiert Motive, die an Brachialität kaum zu übertreffen sind. Hier erweist sich ebenjene beiläufige Inszenierung als zusätzlicher Storymotor: Die unfassbare Gewalt innerhalb des Hexenkessels Mexiko gehört dort zum Alltag. Wenn auf offener Straße Menschen gehängt werden, widmet Villeneuve derartigen Schockbildern nicht mehr als wenige Sekunden – und schnürt dem Publikum gerade durch diese fast desinteressierte Machart die Kehle zu. Schon die Eröffnungsszene, die aufgrund der Wirkungskraft an dieser Stelle nicht gespoilert werden soll, gibt einen Eindruck für die schier grenzenlosen Möglichkeiten, mit denen die in „Sicario“ aufspielenden Menschen hier Gewalt zelebrieren. Selten waren gezeigte Gräueltaten effektiver zur Abschreckung geeignet, als in Villeneuves neuestem Meisterwerk, das sich die FSK-Freigabe ab 16 wirklich verdient hat und aufgrund der äußerst pessimistisch-realistischen Weltanschauung durchaus auch eine Freigabe ab 18 hätte bekommen können.

Fazit: „Sicario“ nimmt uns mit auf eine schier unerträgliche Reise in die menschlichen Abgründe. Es geht um Geld, um Macht, um Perspektivlosigkeit und um die Frage, was der Mensch zu tun im Stande ist, wenn er nichts hat, für das es sich zu leben lohnt. Ein Film der weh tut, aber auch ein Film, der aufzurütteln in der Lage sein könnte. Darüber hinaus ein Kunstwerk von formvollendeter, wenn auch brachialer Schönheit – ein absolutes Must-See in diesem Kinojahr und ein sicherer Garant auf den einen oder anderen Filmpreis.

„Sicario“ ist ab dem 1. Oktober bundesweit in den Kinos zu sehen.

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