San Andreas

Können Filme so schlecht sein, dass sie gerade dadurch schon wieder gut sind? Dieser Frage widme ich mich in meiner Kritik zum Katastrophenthriller SAN ANDREAS, in dem es Dwayne Johnson mit der Naturgewalt eines verheerenden Erdbebens zu tun bekommt. Das 3D-Spektakel ist auf technisch herausragendem Niveau, doch das Drehbuch ist so oberflächlich, dass man angesichts des katastrophalen Storytellings aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt. Mehr zum Film in meiner Kritik.

San Andreas

Der Plot

Seit Jahren arbeitet Ray (Dwayne Johnson) mit Leib und Seele als Rettungshubschauber-Pilot. Schon oft hat er Menschen aus nur allzu brenzligen Situationen befreit, doch die größte Aufgabe seines Lebens steht ihm noch bevor. Findige Forscher registrieren es zuerst: Als sich die berühmte San-Andreas-Verwerfung nahe der US-amerikanischen Großstadt Los Angeles verschiebt und ein Erdbeben der Stärke neun auslöst, sind die Folgen verheerend. Nach gewaltigen Erdstößen, die weite Teile der Metropole in Schutt und Asche legen, bilden sich riesige Wellen, die unaufhaltsam in Richtung Küste donnern. Mitten in den Tumulten befindet sich auch Rays Tochter Blake (Alexandra Daddario), die gemeinsam mit ihren neuen Bekanntschaften Ollie (Art Parkinson) und Ben (Hugo Johnstone-Burt) versucht, den höchsten Punkt der Stadt zu erreichen, um den gefährlichen Wassermassen zu entkommen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Emma (Carla Gugino), die Ray zufällig in einem Hotel aufgegabelt hat, setzt der besorgte Vater alles daran, seine Tochter heil aus dem Katastrophengebiet bringen.

Kritik

Es gibt Filme, bei denen krankt es qualitativ an so vielen Ecken und Kanten, dass man sich nicht scheuen sollte, jenes simple Wort „schlecht“ zu gebrauchen. Die Kunst eines jeden Kritikers ist es jedoch, zu unterscheiden, inwieweit Regisseur, Produzenten und Co. einfach nur ihr Handwerk nicht verstehen, oder ob hier und da vielleicht doch ein Fünkchen Kreativität durchscheint, das von fehlgeleiteten Ideen schlicht in Grund und Boden inszeniert wird. In der Vergangenheit waren es Filme wie „Knight & Day“, „Gesetz der Rache“ oder auch „The Boy Next Door“, die es dem professionellen Beobachter bisweilen äußerst schwer machten, den eigenen Job gewissenhaft auszuführen. Immer dann, wenn man nicht erkennt, ob die Macher um ihren Mangel an Unvermögen wissen und diesen ironisch zu unterwandern versuchen, wird es nämlich äußerst haarig, wenn man zu ergründen versucht,  ob die vorhandenen Schmunzler nun gewollt sind, oder ein Ergebnis unfreiwilliger Drehbuch-Katastrophen. Nun gab es bereits die Actionkomödie, den Rachethriller sowie das ironische Lehrstück eines mit Spannung angehauchten Verführungsdramas, um Kritiker wie Zuschauer vor die allumfassende Frage zu stellen: „Wie bewusst sind sich die Regisseure deren eigener Intention und nehmen die Macher ihr Machwerk tatsächlich ernst?“ Mit dieser Ratlosigkeit geht niemals das Filmurteil „gescheitert“ einher: All diese Beispiele haben makellose Entertainmentqualitäten und einen vollkommen verschenkten Filmabend muss der Zuschauer hier gewiss nicht fürchten. So auch im Falle von „San Andreas“, einem Katastrophen-Thriller wie aus dem Lehrbuch für Neunzigerjahre-Blockbuster.

San Andreas

Ebenjenes Lehrbuch scheint seit Jahrzehnten ein und dasselbe zu sein, denn Actionfilme, in denen die Erde kurz vor der Apokalypse steht, ähneln sich. Immer. Anstatt die Story selbst zu variieren, konzentriert man sich seit eh und je darauf, lediglich die technischen Aspekte dem aktuell vorherrschenden Standard anzupassen. Für neue Wege innerhalb des Plots ist da vermutlich einfach keine Zeit mehr. Der 100 Millionen US-Dollar teure Blockbuster „San Andreas“ nimmt sich da in seinem fast schon unverschämt genauen Abhaken gängiger Genreklischees nicht aus. Regisseur Brad Peyton („Die Reise zur geheimnisvollen Insel“) konzentriert sich ausschließlich auf die Versatzstücke eines typischen Katastrophen-Actioners und setzt dabei immerhin visuell ähnlich große Maßtsäbe wie Roland Emmerichs düsteres Weltuntergangsszenario „2012“ vor einigen Jahren. In der heutigen Zeit des von CGI-lastigen Bombastspektakeln nur so übersäten Filmmarkts ist dieser Umstand schon etwas Besonderes. Ansonsten lässt Peyton den Zuschauer jedoch recht ratlos zurück, denn die Frage, ob er seinen Film tatsächlich ernst meint, vermag man innerhalb der zweistündigen Laufzeit nie ganz herauszulesen. Der Filmemacher setzt auf den vollkommenen Verzicht von Ironie und beschränkt sich so sehr auf die Ernsthaftigkeit seiner Prämisse, dass er seinem Film dadurch nicht selten unfreiwillig komische Facetten beimengt. Aber ist vielleicht gerade das Peytons Verständnis für augenzwinkernde Unterhaltung?

Er war Hercules, gehört zu den wahnwitzigen Stuntfahrern der „Fast & Furious“-Reihe und darf nun in „San Andreas“ einmal mehr die Welt respektive die Menschen innerhalb der Stadt Los Angeles retten. Die Rede ist von Ex-Wrestler und Action-Haudegen Dwayne Johnson, mit dem Peyton schon in „Die Reise zur geheimnisvollen Insel“ zusammenarbeitete und der sich in den letzten Jahren eine große Fanbase aufbauen konnte. Als das Stereotyp eines muskulösen Helden hat Johnson in „San Andreas“ erwartungsgemäß nur wenig zu tun, doch die Interaktion mit Filmtochter Blake, souverän gespielt von Serien-Star Alexandra Daddario („True Detective“), überzeugt dennoch. Ausgefeiltere Emotionen als das Formen eines glaubhaften Vater-Tochter-Verhältnisses darf der Zuschauer von „San Andreas“ dann allerdings nicht erwarten. Denn auch, wenn Brad Peyton immer wieder durchblitzen lässt, dass er sich eine Geschichte mit tiefschürfenden Charakteren wünscht, mit denen das Publikum aktiv mitleiden soll, so bleiben die Stärken von „San Andreas“ vorzugweise die spektakulären Bildgewalten. Carla Gugino („Happy New Year“) ist als Stichwortgeberin für bemüht dramatische Filmmomente vollkommen unterfordert und scheint erst dann Spaß zu entwickeln, wenn sie im letzten Drittel – im wahrsten Sinne des Wortes – selbst ans Ruder darf, um Teile der Handlung im Ansatz zu steuern. Ansonsten beschränkt sich auch ihr emotional aufspielendes Repertoire auf das Abhaken von Phrasen.

 Ray (Dwayne Johnson) und seine Noch-Ehefrau Emma (Carla Gugino) sind angesichts der katastrophalen Zustände in Los Angeles erschüttert.


Ray (Dwayne Johnson) und seine Noch-Ehefrau Emma (Carla Gugino) sind angesichts der katastrophalen Zustände in Los Angeles erschüttert.

Da ein Spannungsbogen nur oberflächlich existiert und das Handeln jedweder Figuren meilenweit gegen den Wind zu erahnen ist, liegt der Entertainment-Fokus hauptsächlich auf den Effektspielereien. Die Zusammenarbeit zwischen den CGI-Spezialisten sowie Kameramann Steve Yedlin („Looper“) kreiert atemberaubende Bilder einer sukzessiven von den Naturgewalten zerstörten Weltmetropole. Dass ein Großteil des visuellen Erlebnisses aus dem Computer stammt, ahnt man beim Zusehen kaum, denn „San Andreas“ ist aus technischer Sicht ein echtes Brett. Den 3D-Aufschlag kann man sich indessen sparen: Obwohl der Blockbuster tatsächlich dreidimensional gedreht und nicht etwa nachträglich konvertiert wurde, ist das Bild ständig unscharf und von Phantombildern durchzogen. Stattdessen lohnt sich der Film als IMAX-Erlebnis; je größer die Leinwand, desto mitreißender die Action und auch akustisch kann „San Andreas“ auftrumpfen. Für ein weitestgehend anspruchsloses Filmerlebnis sollten diese positiven Aspekte eigentlich genügen, doch obwohl die Elemente, die für einen Film dieses Schlages notwendig sind, stimmen, wird es nicht lange dauern, bis sich das Publikum – mit Verlaub – an der Nase herumgeführt fühlt. Das Orientieren an gängigen Genre-Mechanismen ist okay. Erst recht, wenn ebenjene stilsicher umgesetzt werden. Doch Brad Peytons ist nicht nur zugekleistert mit Klischee-Dialogen und durchzogen mit Logiklöchern, sondern inhaltlich so mutlos und uninspiriert, dass der Film ausschließlich als Guilty Pleasure funktionieren könnte. Ist „San Andreas“ also so schlecht, dass es schon wieder cool ist?

Dwayne Johnson

Um diese Frage zu beantworten werfen wir einen Blick auf das Skript von Carlton Cuse („Bates Motel“). Dieses ist so arg vorhersehbar, dass das konsequente Verweigern eines halbwegs originellen Plotpfades jedwede Originalität im Keim erstickt. Die Handlungen der Figuren passen sich der Dramaturgie des Filmes an und nicht umgekehrt, Entscheidungen der Charaktere sind schon Minuten zuvor zu erahnen und selbst Kamerafahrten wiederholen sich kontinuierlich. Wird der Begriff „Kitsch“ normalerweise eher mit dem Genre der Romanze in Verbindung gebracht, so ist „San Andreas“ das beste Beispiel dafür, dass diese Vokabel auch in anderen Genres greift. Brad Peyton hat mit seiner dritten Langfilmarbeit einen astreinen Kitschfilm abgelegt, der seinem Publikum nicht mehr als anspruchslose Fast-Food-Unterhaltung serviert. Zugegeben: Auch Fast Food schmeckt zuweilen und so lässt sich „San Andreas“ als einmaliges Filmerlebnis durchaus akzeptieren. Mit der Idee, Protagonist Ray als Hubschrauberpilot zu etablieren um so die unzähligen Aufnahmen aus der Vogelperspektive zu rechtfertigen, gibt es sogar ein Ass im Ärmel, dass sich die Macher nicht nehmen lassen können. Für eventuelle Nackenschmerzen aufgrund steten Kopfschüttelns mögen wir an dieser Stelle dennoch keine Haftung übernehmen.

Fazit: Es lebe das Katastrophenkino der Neunzigerjahre! Brad Peytons Mega-Blockbuster „San Andreas“ ist so schlecht, dass er schon fast wieder gut ist. Bleibt die Frage, inwiefern das gewollt ist…

 „San Andreas“ ist ab dem 28. Mai bundesweit in den Kinos zu sehen – auch in 3D!

Erschienen bei Quotenmeter.de 

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