Conjuring – Die Heimsuchung

Einmal mehr ist es vor allem der schaurig schöne Drehort, der sogar den Darstellern zeitweise den Rang abläuft. An sich gar nicht so leicht, denn „Conjuring“ ist sowohl in den Haupt- als auch in den Nebenrollen hervorragend besetzt, wobei gerade die Jungdarstellerinnen positiv ins Auge stechen. Allen voran Joey King („Die fantastische Welt von Oz“) liefert in den spannenden Momenten solch überzeugende Leistungen ab, dass man als Zuschauer nicht umher kommt, ihre gespielte Angst bewusst am eigenen Leibe zu spüren. Damit übertrumpft sie sogar Lili Taylor („Public Enemies“), die durch ihre zweigeteilte Pro- und Antagonistenrolle besticht, in den ruhigeren Momenten jedoch zu unauffällig bleibt. Gleiches gilt für Ron Livingston („Das wundersame Leben des Timothy Green“), der zu oft nur Staffage ist und dadurch zwar nicht stört, jedoch denkwürdigere Auftritte hätte vertragen können. Die Leistungen seitens der Warrens, dargeboten von Vera Farmiga („Orphan – Das Waisenkind“) und Patrick Wilson („Prometheus – Dunkle Zeichen“) gehören definitiv zu den ganz starken und überzeugen vor allem aufgrund der spürbaren, inneren Zerrissenheit der beiden Figuren. Gerade Farmiga schafft es, ihrer Figur genau die Portion Unbehagen einzuverleiben, die es für die Rolle braucht, gleichzeitig wirkt sie in den starken Momenten nicht überdreht oder gewollt tough.

Während bereits vom Beginn an durch das Setting und die beobachtenden Perspektiven in der Kameraarbeit ein beklemmendes  Gefühl beim Zuschauer entsteht, hat sich Wan auch bei der Platzierung der Schockeffekte ordentlich Mühe gegeben. So verzichtet „Conjuring“ zwar nicht gänzlich auf das gewohnte Zusammenspiel zwischen Schreck und ankündigender Musik, ist dabei aber sichtlich darum bemüht, nicht erneut auf vielfach abgedroschene Schemata zurückzugreifen. Allzu oft kommen die Jump Scares aus dem Nichts und sorgen für den überraschenden Kick, mit dem Wans Filme stets auftrumpfen können und mit welchem er vielen seiner Kollegen immer wieder weit voraus ist. So holt er das Maximum an Innovation aus einem eigentlich schon oft dagewesenen Thema und bedient dadurch sowohl die heranwachsende Horrorfilmgeneration, als auch die Liebhaber des Oldschool-Gruselkinos.

Das Horrorfeeling alter Schule findet sich auch in der Wahl des Soundtracks beziehungsweise der -kulisse wieder, in der sich Umgebungsgeräusche und mal aufgeregte, mal beunruhigende Pianoklänge mischen. Charakteristisch für „Conjuring“ ist jedoch eine allgegenwärtige Ruhe. Viele Szenerien besitzen gar keine Tonkulisse, genau wie viele Szenen kaum Bewegung in Form hektischer Kamerafahrten oder Schnitte genießen. Am Beispiel einer quälend langen Einstellung, in welcher Lili Taylors Figur nachts hochschreckt und minutenlang in eine dunkle Zimmerecke starrt, ohne dass dabei irgendetwas Aufregendes passiert, lässt sich die Konsequenz, mit welcher Wan vorging, genau demonstrieren: Der Regisseur hat keine Hemmungen, seinem Publikum eine augenscheinlich ellenlange und dabei langweilige Einstellung zu präsentieren. Viel zu sehr ist er sich der Atmosphäre seines Films sicher, die einzig und alleine dafür zuständig ist, dass sich das Publikum zu keiner Sekunde bewegen, geschweige denn wegsehen mag. Für James Wan müsste es eine Wonne sein, in diesem Moment eine Kinovorstellung zu besuchen: Das allgegenwärtige Herzklopfen dürfte nahezu spürbar sein.

Es sind einzig und allein die letzten zwanzig Minuten, die „Conjuring“ ein wenig aus seinem ruhigen Gruselflair herausbringen. Das anziehende Tempo, der sich zwar vorab ankündigende aber dennoch radikal ändernde Tonfall und eine reichlich unnötige, bluthaltige Szene hätten es nicht zwingend gebraucht, ziehen – ganz im Gegensatz zu manch anderen Genrevertretern dieses Jahres, wie etwa „Mama“ – den Gesamteindruck des Films aber nicht nach unten. Wan hat sich für ein insgesamt stimmiges Finale entschieden, das sich passend in die Szenerie eingliedert und einen konsequenten Höhepunkt, auf den die einzelnen Szenen nach und nach unaufhörlich zusteuern, markiert. Vielleicht hätte sich der ein oder andere Zuschauer ein weniger aufgeregtes Ende gewünscht. Insgesamt nimmt es dem Streifen jedoch seinen Rhythmus nicht und überzeugt aufgrund der sich immer weiter steigernden Spannung sowie einer zwar abgegriffenen aber Wan-typisch modern arrangierten Thematik.

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Fazit: „Conjuring – Die Heimsuchung“ zehrt zwar deutlich von seinem Hype, der aufgrund der nicht ganz neuen Geschichte in der Form nicht hundertprozentig berechtigt ist, ist aber dennoch der derzeit beste Genrebeitrag des Jahres und eines der eindringlichsten Gruselerlebnisse der letzten Dekaden. Der bodenständige Charme der Inszenierung, eine atemberaubende Kulisse und die Darbietungen sämtlicher Darsteller sorgen beim Zuschauer – wirklich! – für Gänsehaut und dafür, dass man sich in einigen Situationen nicht mehr zu bewegen traut. Geschweige denn, jemals wieder zuhause unters Bett zu gucken.

„Conjuring – Die Heimsuchung“ ist ab sofort in den deutschen Kinos zu sehen.