Speak No Evil
Kann das US-Remake eines dänischen Terrorfilms auch nur annährend so verstörend sein wie das Original? „Eden Lake“-Regisseur James Watkins ist für seine harte Kost bekannt. Was er aus SPEAK NO EVIL macht, ist auf der Zielgeraden trotzdem weicher gespült als die Vorlage, macht manchen Sachen aber sogar besser…
Darum geht’s
Während eines Italienurlaubs lernen die Daltons das Ehepaar Paddy (James McAvoy) und Ciara (Aisling Franciosi) und ihren stummen Sohn Ant (Dan Hough) kennen. Trotz ganz unterschiedlicher Lebensentwürfe verbringen die beiden Familien nicht nur den Rest ihres Urlaubs gemeinsam. Paddy und Ciara laden Louise (Mackenzie Davis), Ben (Scoot McNairy) und Tochter Agnes Dalton (Alix West Lefler) sogar zu sich nach Hause ein. Weil ihnen ein Kurzurlaub guttun würde, sagen die Daltons zu und befinden sich schließlich in der Obhut eines Paares, das zunächst äußerst zuvorkommend wirkt, sich jedoch immer häufiger in Widersprüchen verstrickt. Schon bald realisieren Louise und Ben, dass es aus ihrem Haus so schnell kein Entkommen zu geben scheint…
Kritik
Während in Deutschland die Nachfrage nach Filmen im Originalton oder im Originalton mit Untertiteln immer größer wird, also immer mehr Kinos Vorstellungen in der nicht-synchronisierten Sprachfassung anbieten, ist das US-amerikanische Publikum dafür bekannt, nur sehr ungern Filme zu sehen, die nicht in seiner Landessprache produziert wurden. Insofern kommen selbst große ausländische Hits wie „Parasite“ oft nur limitiert in die US-Kinos. Stattdessen drehen die dort ansässigen Filmstudios die nicht-englischsprachigen Hits einfach neu. Der französische Übererfolg „Ziemlich beste Freunde“ bekam zum Beispiel ein solches Remake spendiert. Sogar Til Schweigers „Honig im Kopf“ existiert als US-Variante. Und nun erscheint nach gerade einmal zwei Jahren eine Neuverfilmung des skandinavischen Horrorfilms „Speak No Evil“. Prominent besetzt mit James McAvoy („Split“), Mackenzie Davis („Happiest Season“) und Scoot McNairy („Blond“), beerbt „Eden Lake“-Regisseur James Watkins seinen dänischen Kollegen Christian Tafdrup, der damals vollmundig ankündigte, mit „Speak No Evil“ nicht weniger als „den verstörendsten Film der dänischen Filmgeschichte“ inszenieren zu wollen. Was wohl dabei herauskommt, wenn sich ein derartig unbequemes und tatsächlich äußerst derbes Genrewerk einer US-amerikanischen Weichspülung unterziehen muss?
Denn dass das so kommen würde, war abzusehen. Immerhin werden Filme und ihre Enden für das US-Publikum gerne rund geschliffen, damit es am Ende eben nicht „der verstörendste Film der Geschichte“ wird. Gleichzeitig sitzt mit James Watkins ein Filmemacher auf dem Regiestuhl, dessen „Eden Lake“ nicht nur Michael Fassbender in den Kinderschuhen seiner Karriere zeigt, sondern obendrein richtig harter, bisweilen sadistischer Tobak ist. Nun war „Eden Lake“ aber auch keine Hollywoodproduktion. Das „Speak No Evil“-Remake dagegen schon. Hier kommt dann auch noch ein weiterer Name ins Spiel, denn wie so viele andere kostengünstige Horrorproduktionen der letzten Jahre erscheint auch dieser hier bei Blumhouse Productions. Das Studio ist bekannt dafür, wenig Geld an (auch gerne mal weniger bekannte) Filmemacher:innen zu verteilen, mit dem sie sich dann weitestgehend frei austoben dürfen. Bei dem schieren Output an Genrefilmen kann dann auch ruhig der ein oder andere Flop dabei sein, solange Übererfolge wie die „Halloween“-Trilogie, das „The Purge“-Franchise oder auch „Get Out“ das Geld wieder einspielen. Bei „Speak No Evil“ geht diese Strategie einmal mehr auf: Die 15 Millionen Dollar Budget hat der Film jedenfalls schon wieder reingeholt…
„Ab wann (beziehungsweise ob überhaupt) darf man sich in die Erziehung fremder Kinder einmischen? Wie viel Spaß muss man aushalten, ohne lautstark seine eigenen Grenzen abzustecken? Wie entgegenkommend muss man als Gäste den Gastgeber:innen gegenüber sein und wie sehr darf man für sich und seine Bedürfnisse einstehen, ohne selbstgerecht und egozentrisch zu wirken?“
Wer das Original von „Speak No Evil“ kennt, der bekommt mit der US-Variante konzeptuell ein ziemlich identisches Werk präsentiert. Im Zentrum stehen erneut zwei Familien, die sich durch Zufall in einem Italienurlaub kennenlernen. Während die einen sich als offenherzige Freigeister präsentieren, fühlen sich die anderen darin in ihrer eigenen Langweilig- und Spießigkeit bestärkt, sodass insbesondere unter den beiden Herren eine merkwürdige Anziehung entsteht. Hierauf baut insbesondere in der ersten Filmstunde ein Großteil des Horrors. Die bisweilen äußerst merkwürdigen Manierismen von Paddy und Ciara, ihr fragwürdiger Blick auf Kindererziehung, ihre unangenehm aufdringliche Art und ihr quasi nicht vorhandenes Gespür für Späße auf Kosten ihrer Gegenüber konfrontiert die Familie Dalton mit ihrem eigenen Verständnis für gutes Benehmen und soziale Gepflogenheiten. Ab wann (beziehungsweise ob überhaupt) darf man sich in die Erziehung fremder Kinder einmischen? Wie viel Spaß muss man aushalten, ohne lautstark seine eigenen Grenzen abzustecken? Wie entgegenkommend muss man als Gäste den Gastgeber:innen gegenüber sein und wie sehr darf man für sich und seine Bedürfnisse einstehen, ohne selbstgerecht und egozentrisch zu wirken? Das von James McAvoy und Aisling Franciosi („Die letzte Fahrt der Demeter“) mit einer großen Spielfreude verkörperte Paar fordert in seiner fehlenden Konventionalität das Normverständnis der Daltons mächtig heraus – und zwar bei den Daltons von Anfang an auf einem sehr unbehaglichen Spektrum zwischen Fremdscham und nackter Angst.

… doch schon bald bemerkt Louise Dalton (Mackenzie Davis) Ungereimtheiten im Zusammentreffen mit den beiden…
Im Gegensatz zum Original ist Watkins‘ „Speak No Evil“ in seiner Art, Menschen und ihr Gebaren zu beobachten, sogar noch ein gutes Stück feinsinniger. Manche Szenerien übernimmt er zwar eins zu eins aus der Vorlage, die längere Spielzeit füllt er aber vor allem mit noch subtileren Blicken darauf, wie sich die Machtverhältnisse zwischen den Familien nach und nach auf bedrohliche Weise verschieben – bis das Gefälle zwischen den passiven Daltons und ihren aktiven Gastgeber:innen unüberwindbar scheint. Die vom auch für das Drehbuch verantwortlichen James Watkins platzierten Nadelstiche des zwischenmenschlichen Terrors sitzen hier oft noch treffsicherer als in der Vorlage, sodass sich das Remake weniger konstruiert anfühlt als das hin und wieder doch sehr dramaturgiegetriebene Original, das für seinen Handlungsverlauf mehrere wenig nachvollziehbare Handlungen der Hauptfiguren benötigte. So wird etwa die Bedeutung des Kuscheltierhasen für die kleine Agnes Dalton hier deutlich besser erklärt, womit auch das Verständnis dafür einhergeht, weshalb die Eltern nur für dessen Wiederbeschaffung noch einmal zu Paddy und Ciara zurückkehren, obwohl sie sich bereits auf den Heimweg begeben haben.
„Die von James Watkins platzierten Nadelstiche des zwischenmenschlichen Terrors sitzen hier oft noch treffsicherer als in der Vorlage, sodass sich das Remake weniger konstruiert anfühlt als das hin und wieder doch sehr dramaturgiegetriebene Original.“
Im dänischen „Speak No Evil“ eskalierte die Situation erst spät im Film, dafür aber umso heftiger. Das Finale: ein Schlag in die Magengrube, von dem man sich nach dem Kinobesuch erst einmal erholen musste, so nihilistisch und abgrundtief böse endete das Schicksal der dänischen Version der Dalton-Family. Auch James Watkins lässt die Ereignisse auf der Leinwand in der zweiten Hälfte eruptieren, entscheidet sich dann aber auf der Zielgeraden dafür, dem Publikum eine Form der Erlösung zu bieten – indem er beim klassischen Kampf zwischen Gut und Böse auf den mainstreamtauglicheren Gewinner setzt. Trotzdem bleibt er innerhalb dieser Entscheidung bemerkenswert konsequent, verrät seine Figuren nicht und bleibt damit immer noch weit entfernt von einem Wohlfühlende. Vor allem das finale Zusammentreffen zwischen Paddy und seinem Sohn Ant fühlt sich besonders befriedigend an und hinterlässt einen mindestens genauso bleibenden Eindruck wie das zermürbende Schlussbild des Originals.
Fazit: Nein, die US-Version des dänischen Terrorthrillers „Speak No Evil“ ist nicht so konsequent und nihilistisch wie das Original. Dennoch fühlt sich der Film, seiner Anpassungen an den Mainstream zum Trotz, immer noch authentisch an und das Finale ist weit entfernt von einem massentauglichen Wohlfühlende.
„Speak No Evil“ ist ab dem 19. September 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

