Deadpool & Wolverine
Einer der meisterwarteten Filme des Jahres kommt in die Kinos – mit einem Vorabhype im Gepäck, für viele aber auch aber auch mit Skepsis. Schließlich erscheint DEADPOOL & WOLVERINE als erster Film der Reihe nach der Übernahme der 20th Century Studios durch die Walt Disney Company. Doch die Sorge vor einer Verweichlichung ist unbegründet.
Darum geht’s
Nach seinen vergangenen Superheldeneskapaden verdingt sich Wade Wilson (Ryan Reynolds) als Autoverkäufer – immer noch frustriert, dass er es niemals zu den Avengers geschafft hat. Doch als ausgerechnet an seinem Geburtstag ein paar düstere Gesellen vor der Tür stehen, die sich als Mitglieder der Time Variance Agency, kurz: TVA, herausstellen, scheint Deadpools Wunsch in greifbare Nähe zu rücken. Der geheimnisvolle Mr. Paradox (Matthew Macfadyen) klärt ihn über unterschiedliche Zeitstränge auf und bringt außerdem den Namen Wolverine (Hugh Jackman) ins Spiel – mit dem wollte Wilson doch schon so lange zusammenarbeiten. Der neue Marveljesus ist Deadpool zwar (noch) nicht, aber sein Wunsch, mit dem Klingenhandkrieger ein Team zu bilden, rückt in greifbare Nähe – genauso wie eine finstere Schurkin namens Cassandra Nova (Emma Corrin)…
Kritik
Heutzutage ist es leicht, einen Hype zu kreieren. Manchmal reichen schon verschwommene Fotos vom Set oder vage Aussagen von Filmemacher:innen, um das Internet in Aufruhe zu versetzen. Im Horrorgenre hat dieser Trends zum Overhyping mittlerweile dazu geführt, dass man im Vorfeld besonders abgefeierten Produktionen eher mit Skepsis begegnet. Doch das ist längst nicht überall so. Wenn es jemand perfektioniert hat, das Publikum bereits lange vor Dreh und Kinostart heiß auf einen Film zu machen, dann ist es Ryan Reynolds („Free Guy“). Der zeitweise gefühlt omnipräsente Hollywoodstar hat zum Beispiel nie einen Hehl daraus gemacht, ein Riesenfan der „Deadpool“-Comics zu sein und nahm sogar eigenes Geld in die Hand, um eine Verfilmung anzutreiben. Das war zu Beginn vor allem deshalb problematisch, da „Deadpool“ zu Marvel gehört und Disney während erster Gespräche mit den 20th Century Studios gerade dabei war, das Marvel Cinematic Universe zu einer Riesenmarke auszubauen – da wollte man die Zuschauerinnen und Zuschauer bloß nicht durcheinanderbringen. Zum einen mit einem Film, der (dato) nichts mit dem MCU zu tun hatte, zum anderen mit einem Film, der vorlagengetreu ziemlich derb und gewalttätig sein müsste. Doch das „Projekt ‘Deadpool‘“ wurde schließlich federführend von Ryan Reynolds aus der Taufe gehoben – und während des gesamten Prozesses via Social Media begleitet. Lustige Videos – mal als Reynolds selbst, mal in Character – das Vorab-Zelebrieren von Soundtracks und Cameos, weirde Posterkreationen und noch viel mehr verhalfen den bisherigen „Deadpool“-Filmen zu ihrem Megaerfolg.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) trifft bei der TVA erstmals auf Mr. Paradox (Matthew Macfadyen), der ihn mit einer großen Aufgabe betraut…
In Sachen Vorabhype stellt „Deadpool & Wolverine“ Ryan Reynolds‘ Meisterstück dar. Die immer wieder online zur Schau gestellte, private Freundschaft zwischen ihm und Wolverine-Darsteller Hugh Jackman („Logan“) legte den Grundstein für Reynolds‘ Wunsch, den nächsten „Deadpool“-Film als Crossover zwischen diesen beiden Marvel-Ikonen aufzuziehen. Spielerisch baggerte Reynolds öffentlich an Jackman rum, bis sowohl dieser als auch das Studio der Idee zustimmen. Seither stand das Internet bei jedem noch so kleinen Entstehungsschnipsel (allen voran bei den vagen Ankündigungen diverser möglicher Cameos) Kopf. Doch es mischte sich auch Skepsis unter die Vorfreude, denn „Deadpool & Wolverine“ ist der erste „Deadpool“-Film, den die 20th Century Studios nach der Übernahme durch die Walt Disney Company herausbringen, worauf sogar der Trailer augenzwinkernd verwies. Vielleicht ein Indiz dafür, dass eine gewisse Form der Weichspülung zu befürchten steht? Bedenkt man, dass einst Miramax zu Disney gehörte, worunter unter anderem die „Scream“-Reihe oder „Kill Bill“ erschienen, war diese Sorge von Anfang an unbegründet. Und das bestätigt nun auch der Blick auf den fertigen Film. Der zu N*SYNCs Smashhit „Bye Bye Bye“ dargebotene Vorspann gibt einen Vorgeschmack auf Vieles, was in den darauf folgenden zwei Stunden Programm ist. In einer Gewalteskapade metzelt Deadpool blutig allerhand Gegner nieder, während er zwischendurch Original-Tanzschritte aus dem Boyband-Musikvideo nachahmt. Doch nicht nur das: Deadpool kämpft nicht bloß mit Fäusten und seinen eigenen Waffen, sondern auch mit Wolverines mumifizierten Leichenteilen – damit wäre die Frage, wie familientauglich der dritte „Deadpool“ unter Disney sein würde, auch schon beantwortet: gar nicht!
„Deadpool kämpft [in der ersten Szene] nicht bloß mit Fäusten und seinen eigenen Waffen, sondern auch mit Wolverines mumifizierten Leichenteilen – damit wäre die Frage, wie familientauglich der dritte „Deadpool“ unter Disney sein würde, auch schon beantwortet: gar nicht!“
Im Zentrum des Films steht ganz klar die Bromance zwischen Deadpool und Wolverine. Und dass Reynolds und Jackman Best Buddies sind, wird spätestens nach dem Film niemand mehr infrage stellen. Von einer Story zu sprechen, käme derweil einem Euphemismus gleich. Auf der einen Seite ist es erfrischend, dass der dritte „Deadpool“-Film nicht erneut eine austauschbare Superheldengeschichte erzählt (etwas, worüber sich ja die ersten beiden Teile noch so lustig, es aber selbst auch nicht anders gemacht haben); Stattdessen aber einfach gar kein Interesse an einer halbwegs stringenten Erzählung zu haben, ist das andere Extrem, funktioniert hier allerdings ganz gut. Auch wenn man trotzdem nicht darauf verzichten mochte, dem Duo einen generischen Schurken gegenüberzustellen. Nach einem kurzen Einstieg in Wade Wilsons Leben sowie seinem ersten Aufeinandertreffen mit der unter anderem durch die Marvel-Serie „Loki“ bekannte Time Variance Authority (TVA) wird „Deadpool & Wolverine“ zu einer Art Roadtrip, zusammengehalten von unzähligen Querverweise auf die Marvel-Comichistorie, in der vom Marvel Cinematic Universe über das X-Men-Franchise bis hin zu längst vergessenen Cashgrabs alles referenziert wird, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.
Das fünfköpfige (!) Autorenteam, zu dem unter anderem Reynolds selbst sowie Regisseur Shawn Levy gehören, macht selbst vor franchisefremden, studioübergreifenden Referenzen (Stichwort: „Mad Max“) nicht Halt – und überrascht! „Deadpool & Wolverine“ schafft es im übersättigten Comicfilmsegment tatsächlich, an einer gewissen Vorhersehbarkeit vorbeizuschrammen; Zumindest was die Frage angeht, wen sich die Autoren für ihren nächsten augenzwinkernden Kommentar vorknöpfen. Das ist natürlich in erster Linie der Marvel-Konzern. Mit Seitenhieben halten sich Levy und Co. allerdings erstaunlich zurück. Von manch süffisantem Kommentar auf generische Handlungen oder die albern-ausufernden Regeln verschiedener Zeitstränge einmal abgesehen, ist „Deadpool & Wolverine“ in erster Linie eine Hommage, stark beeinflusst von dem Erfolg eines „Spider-Man: Across the Spider-Verse“ oder dem Konzept – nicht Erfolg – von DCs „The Flash“. Überhaupt haben die Verantwortlichen im Vorfeld viel gesehen. Das müssen sie allerdings auch, um allen, aber auch wirklich allen Figuren gerecht zu werden, die im Film ihren mal kürzeren, mal längeren (Gast-)Auftritt bekommen. Selbst für Verneigungen lange zurückliegender Comichelden sowie Kommentare auf nie zustande gekommene Marvel-Projekte ist Platz, wie wir es etwa auch in „The Flash“ gesehen haben. „Deadpool & Wolverine“ ist vermutlich der feuchte Traum vieler Comicfans…
„Kaum ein Shot, kaum ein Wort kommt ohne kalkulierte Epicness aus – und wer droht, etwas davon zu übersehen, den weist Deadpool selbst nochmal darauf hin, dass gleich etwas voll Episches folgt.“
… womit es sich die Macher allerdings auch sehr leicht machen. Die vollständig ballastbefreite Handlungsstruktur fungiert als Bindeglied zwischen den diversen Referenzen, die das Ensemble mit einer mitreißenden Spielfreude vorträgt, die Shawn Levy aber auch mit dem Ziel der reinen Anbiederung inszeniert. Wenn nicht gerade irgendein Instagram-tauglicher Pop-Ohrwurm aus den Boxen dudelt, kreiert er allerhand memetaugliche Bilder und lässt die Superheld:innen leicht zu zitierende One-Liner von sich geben. Kaum ein Shot, kaum ein Wort kommt ohne kalkulierte Epicness aus – und wer droht, etwas davon zu übersehen, den weist Deadpool selbst nochmal darauf hin, dass gleich etwas voll Episches folgt. Das wird nach der Hälfte des Films redundant. Und der der überstrapazierte Gebrauch von Slow Motions ist da nur der Anfang. „Deadpool & Wolverine“ mag aus allen Rohren feuern, die Leinwand mit Witz und Action fluten, aber ein Risiko geht hier niemand ein. Vor allem die Kampfchoreographien, mit Ausnahme einer, in der sich zwei Figuren in einem Honda an die Gurgel gehen, geraten in ihrer Unübersichtlichkeit sogar überraschend generisch (wenngleich bemerkenswert blutig!). Genauso wie ein Großteil des Films vor wahlweise nach Studio aussehender oder aber sehr platt ausgeleuchteter Kulisse spielt, die „Deadpool & Wolverine“ zu einem visuell sehr uninteressanten Film macht. Dasselbe gilt für die wankelmütigen Computereffekte, irgendwo zwischen unübersehbar und angenehm zurückhaltend in den Rest eingebettet. Der vermutlich größte Gag spielt sich allerdings erst ganz am Ende des Abspannes ab: Dann nämlich, wenn der standardisierte No Animals were Harmed-Schriftzug eingeblendet wird, nachdem in den zwei Filmstunden zuvor ein offensichtlich gesundheitlich schwerkranker Hund zur Belustigung über die Leinwand gescheucht wurde. So brutal hätte der Film dann doch nicht sein müssen…
Fazit: Die verspielte Inszenierung und die grandiose Spielfreude des Casts machen Spaß und „Deadpool & Wolverine“ zu einem sehr kurzweiligen Vergnügen. Durch die bemühte Memetauglichkeit und den Nummer-Sicher-Fanservice wirkt das ganze Projekt aber auch reichlich anbiedernd. Die Zielgruppe wird’s freuen, für sie wird das hier der feuchte Comicfilmtraum sein. Dafür brauchte es dann vielleicht auch gar keinen großen Mut, sondern reines Kalkül.
„Deadpool & Wolverine“ ist ab dem 24. Juli 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.



Mich hatten die Cameo Auftritte von Blade, Elektra und Gambit sehr überrascht. Vom Cameo von Blade war ich echt erfreut. Das X-23 war irgendwie zu erwarten, aber trotzdem gut und mochte den. Werde mir den demnächst noch einmal im Kino angucken.