Logan

Es ist ein großer Abschied! Mehrmals hat Hugh Jackman betont, nach LOGAN nicht noch einmal in die Rolle des Marvel-Helden Wolverine zu schlüpfen. Und nach diesem spektakulären Finale bleibt nur eine einzige Reaktion: gut so. Denn fulminanter könnte der tragische Held nicht abtreten. Mehr dazu in meiner Kritik.Logan

Der Plot

Wir schreiben das Jahr 2029. Ein abgekämpfter Wolverine alias Logan (Hugh Jackman) und ein gebrochenen Professor X (Patrick Stewart) vegetieren in einem Versteck nahe der mexikanischen Grenze vor sich hin. Doch Logans Versuche, sich vor der Welt und seinem Vermächtnis zu verstecken, misslingen, als ein junger Mutant namens Laura (Dafne Keen), von dunklen Kräften verfolgt, bei ihnen Zuflucht sucht. Für Logan könnte das junge Mädchen die letzte Möglichkeit sein, in die Gesellschaft zurück zu finden. Doch vielleicht will er das ja auch überhaupt nicht!?

Kritik

Die Entstehungsgeschichte von „Logan“ ist untrennbar mit dem Erfolg von „Deadpool“ verbunden. Wäre der von Ryan Reynolds so leidenschaftlich unterstützte Superheldenfilm trotz seines R-Ratings nicht derart krachend ins Box-Office eingeschlagen, hätten sich die Studios und Produzenten wohl kaum dazu hinreißen lassen, das neueste (und letzte) „Wolverine“-Abenteuer mit ähnlich brachialer Kraft zu inszenieren, wie nun geschehen. Die FSK-Freigabe ab 16 mutet im Anbetracht der gezeigten Szenen fast schon wie ein Experiment an; ein Experiment, wie viel Gewalt das Mainstream-Kino über die reichlich überzeichnet anmutenden „Deadpool“-Grenzen hinweg noch verträgt. Der aktuell ebenfalls in den Kinos laufende Rächer-Actioner „John Wick: Kapitel 2“ ist nicht weniger explizit als „Logan“ und erhielt im Gegensatz zu diesem dennoch keine Jugendfreigabe. Regisseur James Mangold („Knight and Day“) geht für seinen zweiten sowie den insgesamt dritten Film der „Wolverine“-Saga bis an die Schmerzgrenze. Wo zunächst nur ein wenig mehr Blut spritzt, als im standardisierten Superheldenkino üblich, dauert es nicht lang, bis ein junges Mädchen einen abgetrennten Schädel in der Hand hält, um ihn anschließend lässig über den Fußboden zu kicken. Das Abtrennen diverser Gliedmaßen oder der wiederholte Gebrauch von Wolverines Klingen gehören im Verlauf des Films noch zu den harmloseren Gewaltspitzen. Doch „Logan“ ist alles andere als ein exzessiver Blutrausch. Das mit Western-Anleihen inszenierte Actiondrama ist auch erzählerisch ein äußerst reifes Unterfangen.

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Professor X (Patrick Stewart) und Logan (Hugh Jackman) halten sich in der Wüste versteckt.

Die Genrebezeichnung „Actiondrama“ wurde an dieser Stelle ganz bewusst gewählt. Anders als vor allem bei Marvel üblich, steht in „Logan“ nämlich nicht der Spaß, sondern die in ihrer Tragik nahezu erschütternde Prämisse rund um den gleichnamigen Titelhelden im Mittelpunkt. Fast scheint es so, als würde Regisseur James Mangold auf den letzten Metern nochmal alles an verpasster Charakterformung aufholen wollen, was innerhalb der ersten beiden „Wolverine“-Filme „X-Men Origins: Wolverine“ sowie „Weg des Kriegers“ versäumt wurde. Ganz zu schweigen von den Teilen der „X-Men“-Saga, in denen Hugh Jackman ebenfalls einen (Kurz-)Auftritt hat. Wenngleich Kenner der Vorgängerfilme respektive der Comicfigur an sich einen klaren Vorteil haben, die Ereignisse in „Logan“ direkt einzuordnen, schafft das Skript von Scott Frank („Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones“), James Mangold und Michael Green („Alien: Covenant“) genug Grundlage, um den Charakter Logan in seiner ganzen Bandbreite zu zeigen. Aus dem ohnehin immer schon recht tragisch gezeichneten Helden wird ein gebrochener Säufer mit Depressionen und ohne jeden erkennbaren Lebenswillen. Die angedeuteten Suizid-Gedanken liegen wie ein Schleier über dem gesamten Film, was mit dazu beiträgt, dass „Logan“ auf dem Papier zwar wie ein Superheldenfilm anmutet, sich jedoch zu keinem Zeitpunkt wie ein solcher anfühlt. Der Wolverine in diesem Film ist kein Superheld; er ist nicht einmal ein tragischer Held. Stattdessen mimt Hugh Jackman einen sichtbar mit sich und seinem Schicksal, der Welt und der Gesellschaft hadernden Schwerkranken, dessen Zeit bald zu Ende scheint. So ist „Logan“ in erster Linie eine tieftraurige Charakterstudie, die ihre inszenatorischen Höhepunkte immer wieder in genial choreographierten Actionszenen findet – der Jähzorn eines Wolverine ist schließlich nur schwer zu bändigen.

Der Aufbau der Geschichte erinnert im Falle von „Logan“ an klassische Kapitel: Auf ruhige, dialoglastige Szenen, die sowohl die Handlung vorantreiben, als auch zur Charakterformung der Hauptfigur beitragen, folgen in regelmäßigen Abständen heftige Kampfsequenzen. Jene Szenen sind notwendig und fest in der Geschichte verankert; in diesem Film fließt kein Blut, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Des Weiteren punktet James Mangold in der visuellen Ausführung. Die vier großen Actionsequenzen unterscheiden sich stets von dem zuvor Gezeigten. Liegt der Fokus zu Beginn noch auf einer Martial-Arts-Kämpfen ähnlichen, weitestgehend harmlosen Prügel-Choreographie, nimmt Mangold später Dinge wie bestimmte Zeitlupen-Einstellungen zu Hilfe, fokussiert ein anderes Mal verstärkt die üppig eingestreuten Slasher-Effekte und findet seinen Höhepunkt (leider) ein wenig zu früh in einem optisch berauschenden Gemetzel bei Nacht auf einer abgelegenen Pferdefarm. Sogar die berühmt berüchtigte „Ruhe nach dem Sturm“ kann James Mangold in diesem Moment für sich nutzen, indem er das Bild der Zerstörung für sich sprechen lässt, nur um es kurz darauf mithilfe subtiler Musik (Marco Beltrami) zu einer waschechten Horrorkulisse zu machen. Das Spiel mit unterschiedlichen Genreeinflüssen gelingt Mangold nicht nur hier formidabel; aufgrund von Thematik, Dramaturgie und Kulisse ist vor allem der moderne Western jenes Filmsegment, das der Regisseur mit Liebe streift. Direkte Zitate finden sich auch – auch wenn das fast schon wieder zu viel des Guten ist.

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Spielt die Rolle seines Lebens: Hugh Jackman alias Wolverine

Bei einer derart starken Fokussierung der Hauptfigur kommt es nicht selten vor, dass die umstehenden Charaktere zurückstecken müssen. Dieses Problem kann leider auch James Mangold nicht ganz umgehen. Lediglich Patrick Stewart („Green Room“) als Professor X erhält die Möglichkeit, das Geschehen um seine eigenen, ganz persönlichen Ecken und Kanten anzureichern. Seine eingestreuten Dialoge mit Logan sind von einer Intensität und Weisheit, wie man sie im Superheldenkino lange nicht mehr zu sehen bekam. Trotz weitaus geringerer Screentime gehen die eindringlichsten Szenen zweifelsohne aufs Konto des 76-jährigen Briten. Dass ausgerechnet die beeindruckend tough aufspielende Newcomerin Dafne Keen („The Refugees“) den Eindruck erweckt, als storytreibende Kampfmaschine ein wenig verheizt zu werden, ist ärgerlich, zumal sie dem lange Zeit nicht entgegenwirken kann. Erst im letzten Drittel sucht ihre Figur echten Kontakt zu Logan und erhält so die Möglichkeit, das Geschehen persönlich zu prägen. Vollkommen blass bleibt dagegen Boyd Holbrook („Gone Girl – Das perfekte Opfer“), der die Schurkenrolle hier reichlich mechanisch ausführt. Trotz dieser kleinen Schwächen und einigen Lücken im Rahmen der innerfilmischen Logik ist „Logan“ ein herausragend anderer, reifer, intensiver Superheldenfilm geworden. Und auch, wenn wir zu Beginn noch daran zweifelten, ob das hier tatsächlich einer ist, bleibt am Ende doch die Erkenntnis, dass echte Helden ja selten solche sein wollen. Insofern ist Wolverine vielleicht der größte Held von allen. Und Hugh Jackman hat ihn mit seiner spektakulären Performance unsterblich gemacht.

Fazit: Trotz kleiner erzählerischer Schwächen ist „Logan“ der reifste Superheldenfilm, den Marvel je hervor gebracht hat. Das düster-poetische, ultrabrutale und virtuos bebilderte Actiondrama könnte die Geschichte um Wolverine nicht besser abschließen.

„Logan“ ist ab dem 2. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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