Alles steht Kopf 2
Groß war die Sorge, ob Pixar mit einer Fortsetzung ihres Animationshits „Alles steht Kopf“ an die Qualitäten des Vorgängers anknüpfen könnten. Doch Angst kann sich zur Ruhe setzen: ALLES STEHT KOPF 2 könnte kein würdigeres Sequel sein.
Darum geht’s
Gerade erst haben Rileys Emotionen Freude, Kummer, Ekel, Wut und Angst die Ordnung in Rileys Kopf halbwegs wiederhergestellt, da blinkt plötzlich ein großer, roter Button auf dem Steuerbord ihrer Kommandozentrale auf: Pubertät! Und dann stehen auch noch neue Emotionen vor der Tür, die für mächtig Chaos Sorgen, obwohl sie doch eigentlich nur das Beste für die 13-jährige Teenagerin wollen. Doch die überambitionierte Zweifel nimmt ihren Job, Riley vor sozialer Vergiftung zu schützen und ihr eine möglichst problemfreie Zukunft zu planen, sehr ernst. So sehr, dass die anderen Emotionen in den Hintergrund rücken. Kurzerhand werden Freude, Kummer, Ekel, Wut und Angst in ein emotionales Gefängnis verbannt und müssen alles unternehmen, um sich als unterdrückte Gefühle wieder ihren Weg in die Kommandozentrale zu bahnen, während sich ihr Mädchen gerade in einem Hockeycamp um Anerkennung bei den Älteren bemüht…
Kritik
Zwischen der Veröffentlichung von „Alles steht Kopf“ und „Alles steht Kopf 2“ sind neun Jahre vergangen. Damit befindet sich das Sequel zum, laut der Oscar-Academy „Besten Animationsfilm 2016“ in guter Gesellschaft, denn im Gegensatz zu so vielen anderen Hollywood-Studios lässt sich der Pixar-Konzern immer recht viel Zeit mit der Ankündigung von Fortsetzungen. Zwischen „Findet Nemo“ und „Findet Dorie“ lagen 13, zwischen „Die Monster AG“ und „Die Monster Uni“ 12 und zwischen dem aller ersten und dem jüngsten „Toy Story“-Film sogar 24 Jahre. Darüber hinaus betonen die verantwortlichen Kreativen immer wieder, dass Fortführungen (oder wie im Falle von „Die Monster Uni“ Prequels) bereits bekannter Geschichten nur dann in Angriff genommen werden, wenn es auch wirklich was Neues zu erzählen gibt. Inwiefern das nun bei „Findet Dorie“ oder „Toy Story 4“ tatsächlich der Fall war, darüber lässt sich streiten. Wenn allerdings eine Pixar-Reihe zu einer Weitererzählung regelrecht einlädt, dann ist es „Alles steht Kopf“. Schließlich erlebten wir im ersten Teil das Aufwachsen eines jungen Mädchens bis kurz vor der Pubertät mit. Der Film endete mit den Worten „Schließlich ist Riley jetzt zwölf. Was soll schon passieren?“

Als in Rileys Kopf plötzlich der Pubertätsbutton aufleuchtet, sind Freude, Kummer, Ekel, Wut und Angst völlig überfordert.
Doch wie wir alle aus leidvoller Erfahrung wissen: Mit 13 fangen die Probleme erst so richtig an. Und während sich in jungen Jahren der Umgang mit den eigenen, mannigfaltigen Emotionen nach und nach stabilisiert und sich erste Persönlichkeitsmerkmale bilden, wird das Gefühlsleben immer komplexer, je älter man wird. Insofern ist es nur konsequent, dass „Alles steht Kopf 2“ nur ein Jahr nach den Ereignissen seines Vorgängers ansetzt. Denn im Kopf der Teenagerin Riley geht es drunter und drüber. Dabei stehen dieses Mal zwar auch die bekannten Emotionen, ergänzt um die omnipräsente Zweifel, den verschüchterten Peinlich, die unauffällige Neid und die immer gelangweilte Ennui (oder auch „Null Bock“), im Fokus der Handlung. Mindestens gleichbedeutend geht es aber auch um Charakterbildung und die individuelle Persönlichkeitsstruktur. Damit macht „Alles steht Kopf 2“ große Fässer auf, die nochmal deutlich größer sind als jene in Teil eins. Das hat zur Folge, dass sich das Sequel längst nicht mehr so universell anfühlt. Um die Abläufe in Rileys Kopf auf alltägliche Situationen (und auf sich selbst) zu übertragen, muss man diesmal etwas häufiger um die Ecke denken. Das von Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst durchlebte Abenteuer als unterdrückte Emotionen bleibt immer ganz nah an dem, was Riley gerade durchmacht.
„Diesmal stehen zwar auch die bekannten Emotionen, ergänzt um die omnipräsente Zweifel, den verschüchterten Peinlich, die unauffällige Neid und die immer gelangweilte Ennui, im Fokus. Mindestens gleichbedeutend geht es aber um Charakterbildung und die individuelle Persönlichkeitsstruktur.“
Wo „Alles steht Kopf“ noch vor allem den Emotionen gehörte, ist der Handlungsstrang rund um Riley selbst diesmal genauso präsent. Teil zwei macht sie von einer „Mittel zum Zweck“-Nebenfigur zum fast wichtigsten Charakter, dem wir eineinhalb Stunden lang beim emotionalen Reifeprozess zuschauen dürfen. Dabei sind die von ihr erlebten Konflikte immer nahbar: Vom Wunsch nach Anerkennung durch ihre älteren Trainingskolleginnen bis zur Angst davor, ihre beiden besten Freundinnen aufgrund eines Schulwechsels zu verlieren – das, was Riley erlebt, sind ganz natürliche Teenagerprobleme. Es ist ein großer Pluspunkt des Films, dass die Drehbuchautor:innen Dave Holstein („Weeds“) und Meg LeFauve (gehörte schon zum Autor:innentrio des ersten Teils) für Riley keine katastrophalen Ausnahmesituationen aus dem Hut ziehen. In „Alles steht Kopf“ waren es ein Umzug und die damit verbundenen Ängste vor einem Neuanfang in einer fremden Stadt, mit denen Rileys Emotionen umzugehen lernen mussten. In „Alles steht Kopf 2“ sind es viele kleine Alltagssituationen, mit denen das heranwachsende Mädchen struggled. Vor allem deshalb dürfte es insbesondere einer Zielgruppe in Rileys Alter besonders leicht fallen, mit der dreidimensionalen Leinwandheldin zu sympathisieren: Das was sie durchmacht, macht da draußen so ziemlich jeder Teenager und jede Teenagerin durch.
In Rileys Kopf wird es ab sofort eng, denn neben den fünf bekannten Grundemotionen nisten sich dort noch vier weitere ein. Wie schon im ersten Teil fällt nicht allen die gleiche Wichtigkeit zu. Insbesondere die kleine türkisfarbene Neid und die lilafarbene Französin Ennui aka Null Bock aka Langeweile bekommen kaum mehr zu tun als in Einzelszenen Stichworte zu liefern. Dafür erhalten von der „alten Garde“ diesmal alle gleichermaßen Aufmerksamkeit. Das ist nur konsequent, schließlich hat sich Riley mit ihren ausgeglichenen Grundemotionen mittlerweile gut arrangiert. Umso schwerer wiegt die Ankunft von Zweifel (im Original: Anxiety), die fortan Rileys Gefühlswelt bestimmt. Als eine Art Mischung aus Wut und Angst, die sich über ihre akribische Vorausplanung definiert, macht sie sich zügig in Rileys Kopf breit und sondiert fortan jedes Erlebnis auf die Gefahr sozialer Vergiftung. Da könnte man die Frage aufwerfen, weshalb sich für Zweifels „Job“ nicht einfach Wut und Angst zusammentun. Doch Zweifels emotionales und handelndes Spektrum umfasst noch viele weitere Grautöne, die allein durch die zwei Grundemotionen kaum abgedeckt wären. Es ist eben unglaublich schwer, mit nur einem einzigen Wort zu beschreiben, wie man sich gerade fühlt.
„Von der ‚alten Garde‘ erhalten diesmal alle gleichermaßen Aufmerksamkeit. Das ist nur konsequent, schließlich hat sich Riley mit ihren ausgeglichenen Grundemotionen mittlerweile gut arrangiert.“
Während die Kommandozentrale fortan den neuen Emotionen gehört, müssen sich Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst erst aus einem emotionalen Gefängnis hinaus und schließlich wieder bis ganz nach oben kämpfen, um Zweifels unaufhaltsame Emotionsschübe zu stoppen. Wo „Alles steht Kopf“ noch die Entstehung von Depressionen veranschaulicht hat, geht es diesmal um das nimmermüde Gedankenkarussell, das für Riley sogar in eine Panikattacke mündet. Passend dazu kommt Teil zwei nur selten zur Ruhe. Hatte der Vorgänger noch die ein oder andere Ruheinsel und wurde gen Ende hin immer gefühliger, ist „Alles steht Kopf 2“ ein ziemlich wilder Ritt durch Rileys Gehirn. Zeit zum Durchatmen bleibt kaum, doch irgendwie müssen die Macher ja all ihre überbordenden Ideen in dem gerade einmal 96 Minuten lange Film unterbringen. Der Fluss der Bedürfnisse, die Schlucht des Sarkasmus oder ein Kino, in dem sich aus Rileys Gedanken die größtmöglichen Katastrophen entspinnen: In Sachen Einfallsreichtum steht „Alles steht Kopf 2“ seinem Vorgänger in Nichts nach. Ein Highlight: Die von Riley tief im Unterbewusstsein versteckten Vorlieben für eine an den Stil der beliebten Kinderserie „Bluey“ angelehnte Zeichentrickfigur und den dramatischen Videogamehelden Lance Swordblade, wovon natürlich niemand wissen darf.

Auch wenn er so gar nicht gern im Mittelpunkt steht, ist auch Peinlich fortan ein wichtiger Bestandteil von Rileys Emotionen.
Bei dem Design dieser beiden Nebenfiguren schöpfen die Kreativen aus den Vollen. Der zweidimensional animierte Zeichentrickhund Bloofey, der immer eine sprechende Bauchtasche bei sich trägt und sich vor einer Problemlösung erstmal an sein junges Publikum wendet, setzt einen hübsch-kreativen Akzent in der qualitativ ansonsten sehr nah am Stil des ersten Teils befindlichen 3D-Welt. Lance Swordblade hat passend zu seiner Videospielherkunft eine pixelige, an den Rändern ausfransende Optik und kann keine Kurven laufen. Vor allem aber erweist sich seine gar nicht so spektakuläre Superkraft in seinen kurzen Auftritten als der große Lacher, für den man auch ausnahmsweise mal nicht groß um die Ecke denken muss, sondern einfach genießen kann. Das gilt übrigens auch für den Score von Andrea Datzmann, die am ersten bereits als Score Coordinator an Bord war und für Teil zwei Michael Giacchino beerben durfte. Das fällt allerdings zu keiner Sekunde auf, denn das mittlerweile zum modernen Score-Klassiker avancierte Main Theme setzt auch diesmal genau in den richtigen Momenten die emotionalen Betonungen, die einen Film wie „Alles steht Kopf 2“ von einem guten Animationsfilm zu einem solchen machen, der noch über viele, viele Jahre Generationen von Filmliebhaber:innen begeistern und durch das Erwachsenwerden begleiten wird.
Fazit: Eine mehr als würdige Fortsetzung zum Animationshit „Alles steht Kopf“, der ein gutes Stück komplexer und wilder geraten ist, seinem Vorgänger in Sachen Humor und Emotionalität jedoch in Nichts nachsteht.
„Alles steht Kopf 2“ ist ab dem 13. Juni 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

