Docteur Knock – Ein Arzt mit gewissen Nebenwirkungen

Erneut präsentiert sich Omar Sy in der Hauptrolle eines sympathischen Filous, doch in in der Tragikomödie DOCTEUR KNOCK – EIN ARZT MIT GEWISSEN NEBENWIRKUNGEN liegen die Probleme an anderer Stelle. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Dr. Knock (Omar Sy) ist ein sympathischer Exganove, der nicht nur auf den rechten Weg gefunden, sondern es sogar bis zu einem abgeschlossenen Medizinstudium gebracht hat. Trotzdem schlummert immer noch ein Filou in ihm. Als er in dem verschlafenen Nest Saint-Mathieu aufschlägt, führt er denn auch nichts Gutes im Schilde. Er will die quietschfidelen und vor Gesundheit strotzenden Dorfbewohner überzeugen, dass sie alle an der einen oder anderen Krankheit leiden. Der Trick: Er muss für jeden Einzelnen nur das passende Zipperlein finden. Weil sich Dr. Knock als Meister der Verführung und Manipulation erweist, klimpert schon bald das Geld in seiner Kasse. Doch dann passieren zwei Dinge, die Knock aus der Fassung bringen. Zum einen taucht eine dunkle Gestalt aus seiner Vergangenheit auf, und zum anderen erkrankt der Arzt selbst an einer Krankheit, gegen die es kein Heilmittel gibt: der Liebe.

Kritik

Normalerweise kann man es nur gutheißen, wenn sich verschiedene Filmemacher an komplett unterschiedlichen Interpretation identischer Filmstoffe versuchen. Schließlich wäre es langweilig, ein und dieselbe Geschichte in immer derselben Ausführung zu sehen. Die französische Regisseurin Lorraine Lévy („Der Sohn der Anderen“) hat das für ihr Feelgood-Projekt „Docteur Knock – Ein Arzt mit gewissen Nebenwirkungen“, das auf einem Theaterstück aus den Zwanzigerjahren basiert und seither bereits dreimal für die große Leinwand adaptiert wurde, beherzigt, geht dabei allerdings einen sehr fragwürdigen Weg. In der Geschichte geht es um einen zwielichtigen Arzt, der zwar studiert, jedoch nicht das Wohlbefinden seiner Patienten, sondern einzig und allein seinen Reichtum im Kopf hat. Der titelgebende Ganove Knock wurde darin ursprünglich als waschechter Schurke etabliert, der mit seinen Klienten ein ziemlich böses Spiel auf Kosten deren Gesundheit treibt. Lévys Ansatz sieht nun allerdings so aus: Aus dem skrupellosen Doktor wird ein sympathischer Draufgänger, der trotz seiner moralischen Verfehlungen bis zuletzt das Herz am rechten Fleck hat. Mit ihrer stets sonnigen Dorfidylle und der Hauptdarstellerwahl von Publikumsliebling Omar Sy („Plötzlich Papa“) hat Lévy klar ein Feelgood-Kinoerlebnis im Visier. Doch dieses Vorhaben geht nur bedingt auf, denn obwohl sich der den Film nahezu vollständig auf seinen Schultern tragende Sy Mühe gibt, die moralischen Grauzonen seiner Figur auszuloten, bleibt sein Knock bis zuletzt ein unnahbarer Zeitgenosse, der in den Momenten menschlicher Barmherzigkeit nie den kalkulierenden Ganoven vergessend machen kann, und andersherum.

Docteur Knock (Omar Sy) lernt nach und nach die Dorfbewohner kennen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Omar Sy in der Rolle des charismatischen Filous wiederfindet. Die auch als Drehbuchautorin fungierende Lorraine Lévy gönnt sich und ihrer Figur keinerlei Umschweife und zeigt Knock in der aller ersten Szene dabei, wie dieser sich vor zwei zwielichtigen Ganoven auf ein Passagierschiff rettet, auf dem er fortan als falscher Arzt praktiziert, um sich die Reise zu finanzieren. Dabei ist es schon erstaunlich, mit welcher Raffinesse er seinen nicht vorhandenen Ärzte-Status vor den Patienten verheimlicht. An das Wissen zu diversen Seekrankheiten gelangt er eher durch Zufall, doch wenn er dann wiederum zerstampftes Fett als Allheilmittel gegen Sonnenbrand verkauft, dass dann auch noch seine vermeintliche Wirkung entfaltet, kommen hier ein durchaus gefährliches Verhalten und sein lebensfroh-unbedarfter Wille, seinen Mitmenschen wirklich helfen und sich Fachwissen aneignen zu wollen, zusammen. Das ändert sich allerdings schlagartig nach einem Zeitsprung von fünf Jahren; Knock übernimmt die leer stehende Praxis im verschlafenen Städtchen Saint-Mathieu und macht sich seine Gabe für charmanten Smalltalk und tiefgründige Konversation zunutze, um sich schnell das Vertrauen der Dorfbewohner zu erschleichen. Anders als zuletzt etwa in „Ein Dorf sieht schwarz“ sorgt seine afroamerikanische Herkunft hier übrigens nicht für zusätzliche Skepsis; der Grund: Im Film wurde Saint-Mathieu während des Zweiten Weltkrieges nahezu vollständig zerstört, die Bewohner des Ortes entsprechend gebrandmarkt und sind so absolut aufgeschlossen gegenüber dem Fremden – auch wenn dieser sich als Arzt natürlich trotzdem erst einmal beweisen muss.

Das ist durchaus als Querverweis in Richtung der ursprünglichen Intention zu verstehen: Damals, im Jahr 1923, schrieb Jules Romain „Knock“ im Hinblick auf das sukzessive Erstarken der NSDAP und legte die Figur des manipulativen Docteur Knock als größenwahnsinnigen Tyrannen an, der nicht nur Medizin und Wissenschaft für seine Zwecke missbraucht, sondern seine Patienten mithilfe seiner rhetorischen Geschicke langsam davon überzeugt, dass er das Richtige tut. Dieses Wahnsinnige blitzt in der Neuauflage von „Docteur Knock“ immer noch vereinzelt durch; zum Beispiel wenn das Läuten der Kirchenglocken zur Mittagsstunde den Arzt fast in Ekstase versetzt, da in der von ihm eröffneten Gesundheitsklinik nun gleichzeitig bei mehreren hundert Patienten rektal Fieber gemessen wird. Seine Auffassung von Gesundheitsvorsorge reicht also durchaus ins vollkommen Absurde, genauso wie seine hanebüchenen Ideen, welcher gesunde Patient denn welche Krankheit haben könnte. Gleichzeitig versucht das Skript, Knock parallel dazu zu einer sympathischen Figur zu machen.

Knock verliebt sich in die charmante Adèle (Ana Giradot).

Das misslingt jedoch erwartungsgemäß so ganz ohne emotionales Fundament. Selbst wenn er einem dem Tode geweihten Hund durch medizinische Fingerfertigkeit das Leben rettet oder sich um gesundheitliche Aufklärung an der Grundschule bemüht, reicht das nicht aus, um Sys Figur tatsächlich zu einem glaubhaften Sympathieträger zu machen. Der eigentlich stark aufspielende Omar Sy kann gegen die nicht funktionierende Doppelzüngigkeit seiner Figur nichts unternehmen. Er lächelt charmant und macht die Bewohner seines Dorfes durchaus zu zufriedeneren Menschen, doch Lorraine Lévy verwendet viel zu wenig Zeit darauf, sich ernsthaft mit ihrer zwiegespaltenen Figur auseinanderzusetzen. Dasselbe gilt auch für die vielen Nebenhandlungsstränge: Die aufkeimende Liebe zwischen Knock und Adèle (Ana Giradot), der skeptische Pfarrer Lupus (Alex Lutz) oder das plötzliche Auftauchen eines alten Feindes werden lediglich auf ihren Zweck als Slapstick-Lieferant oder Tränenzieher reduziert. Zur notwendigen Charakterstudie über den per se interessanten Knock trägt all das allerdings nichts bei. Unterstrichen wird all das von der oberflächlichen Inszenierung, die sich perfekt der anvisierten Feelgood-Attitüde des Films anpasst. Das stets sonnige, mit viel Weichzeichner zusätzlich harmonisierte Städtchen entspricht dem Paradebeispiel eines friedlichen Urlaubsortes, während der Score Cyrille Aufort („Die Reise der Pinguine 2“) aufgeregt um seine Figuren herumtänzelt. Die komplette Inszenierung passt sich vollständig den fehlenden Ecken und Kanten der Geschichte an – bei einer Story rund um einen Charakter, dessen Faszination aber gerade von diesen herrührt, ist das ein absolutes No-Go.

Fazit: Mit ihrem Ansatz, aus einem tyrannischen Megalomanen einen gewitzten Gauner mit Herz zu machen, hat sich Regisseurin Lorraine Lévy zu viel vorgenommen. „Docteur Knock“ scheint die von Omar Sy solide gespielte Hauptfigur gleichzeitig zu verharmlosen und zu überdramatisieren. Die Folge: Die stattdessen auf billigen Slapstick setzende Komödie verliert sich in sperriger Bedeutungslosigkeit.

„Docteur Knock – Ein Arzt mit gewissen Nebenwirkungen“ ist ab dem 22. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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