Die Unsichtbaren – Wir wollen leben

Virtuos lässt Regisseur Claus Räfle in seinem Kriegsdrama DIE UNSICHTBAREN – WIR WOLLEN LEBEN zwei Ebenen miteinander verschmelzen. Zeitzeugenberichten und -Material lässt er nachgestellte Spielfilmszenen folgen. Das Ergebnis ist ein zutiefst menschlicher Einblick in das Kriegsgeschehen der NS-Zeit. Mehr dazu lest Ihr in meiner Kritik.

Der Plot

Berlin, 1943. Die nationalsozialistische Regierung hat die Reichshauptstadt offiziell für „judenrein“ erklärt. Doch einigen Juden gelingt tatsächlich das Undenkbare. Sie werden unsichtbar für die Behörden. Oft ist es pures Glück und ihre jugendliche Unbekümmertheit, die sie vor dem gefürchteten Zugriff der Gestapo bewahrt. Nur wenige Vertraute wissen von ihrer wahren Identität. Da ist Cioma Schönhaus, der heimlich Pässe fälscht und so das Leben dutzender anderer Verfolgter zu retten versucht. Die junge Hanny Lévy blondiert sich die Haare, um als scheinbare Arierin unerkannt über den Ku’damm spazieren zu können. Eugen Friede verteilt nachts im Widerstand Flugblätter. Tagsüber versteckt er sich in der Uniform der Hitlerjugend und im Schoße einer deutschen Familie. Und schließlich ist da noch Ruth Gumpel, die als Kriegswitwe getarnt, NS-Offizieren Schwarzmarkt-Delikatessen serviert. Sie alle kämpfen für ein Leben in Freiheit, ohne wirklich frei zu sein.

Kritik

Im Jahr 1943 gab es von Seiten des NS-Regimes die offizielle Verlautbarung, Berlin sei ab sofort „judenfrei“. Eine rein strategische Behauptung, um der Gegenseite einen „Erfolg“ zu suggerieren, der nicht existierte. Denn natürlich gab es noch immer diverse Juden, die sich innerhalb der Hauptstadt bewegten – wenn auch nicht frei, sondern weitestgehend unerkannt. Es ist ein bislang kaum beachtetes Kapitel aus dem Zweiten Weltkrieg, das wie kaum ein anderes von persönlichen Schicksalen geprägt ist. Sich als Gejagte im eigenen Land verstecken zu müssen, ist traumatisch und kräftezehrend zugleich. Es ist eine Art Krieg innerhalb des Krieges, den Regisseur Claus Räfle („Die Kritiker – Zwischen Macht und Ohnmacht“) in seinem halbdokumentarischen Drama „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ ebenso stilsicher wie kreativ einfängt, indem er Zeitzeugenberichte und extra für diesen Film geführte Interviews mit Überlebenden mit nachgestellten Spielfilmszenen kreuzt. Das Ergebnis ist ein ehrlich ergreifendes, zu keinem Zeitpunkt gefühlsduseliges Porträt vier verschiedener Zeitzeugen, die zum Zeitpunkt des Zweiten Weltkrieges im jungen Erwachsenenalter waren und die ihr Schicksal als Jude im nazibesetzten Deutschland für immer prägte. So authentisch hat dieses Thema lange Zeit Niemand mehr beleuchtet.

Ruth Arndt (Ruby O. Fee), findet in Frau Gehre (Steffi Kühnert) Unterstützung.

Noch nicht einmal eine Träne gesteht Claus Räfle seinen Interviewpartnern zu: Als er diese gen Ende von „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ zu einer Art Abschlussmonolog bittet, blendet er nämlich in exakt jenem Moment aus, als die Augen des Zeitzeugen Eugen Friede (in den Spielfilmrückblenden gespielt von Aaron Altaras) glasig werden. Ein weniger fähiger Filmemacher hätte einen solchen Moment vermutlich mit Kusshand genommen; emotional effektiv wäre ein so ein Abschluss zweifelsfrei gewesen. Doch am Ende ist all das geschehene, erlebte und vor allem überlebte Leid an sich schon schlimm genug ist, sodass es keine zusätzliche Betonung mithilfe einer gezielt eingesetzten Träne bedarf. Eugen Friede gehört genauso wie Hanni Lévy, Ruth Arend und Cioma Schönhaus zu einigen der letzten verbliebenen Zeitzeugen der Judenverfolgung, die Anfang der Vierzigerjahre auf ganz unterschiedliche Art und Weise versuchten, sich im vermeintlich judenfreien Berlin durchzuschlagen. Pässe fälschen, sich die Haare blond färben, mithilfe einer neuen Identität im Untergrund leben – in ihren Jugendjahren stand das Überleben der Vier ganz oben auf der Liste, denn auf jede unbedarfte Handlung konnte sogleich eine Strafe folgen. Claus Räfle, der gemeinsam mit Alejandra López  auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, orientiert sich bei seiner Erzählung ganz genau an den Schilderungen seiner vier Interviewpartner und geht so über standardisierte Allgemeinplätze und das Repertoire gewöhnlicher Weltkriegsdramen hinaus, blickt sozusagen hinter die Kulissen und verhilft „Die Unsichtbaren“ zu seinem ganz eigenen Stellenwert. Es mag vor emotionaler Anspannung bisweilen kaum zu ertragen sein, doch das Drama vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, an den Ereignissen 1943 hautnah teilzuhaben.

Dass sich ein verfolgter Jude zum damaligen Zeitpunkt damit „retten“ konnte, sich die Haare blond zu färben und nicht mehr geduckt, sondern aufrechten Hauptes durch die Straßen Berlins zu schlendern, ist eines von vielen Kleinigkeiten, die in ihrer Banalität fast schon zum Staunen einladen. Auf der anderen Seite offenbaren Dinge wie die Abkommandierung von Privatpersonen zwecks persönlicher Spionage, dass das Grauen in weitaus mehr Details steckt, als von Filmemachern üblicherweise zurate gezogen. „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ befasst sich mit kleinen, privaten Beobachtungen und versucht anhand dieser, einen Alltag nachzuzeichnen, der von Furcht und Todesangst geprägt war, jedoch gelebt werden musste, um nicht für Aufsehen von Seiten der NS-Regimes zu sorgen. Natürlich gibt es auch in „Die Unsichtbaren“ die bekannten Szenen von plötzlichen Hausdurchsuchungen oder Anfeindungen auf öffentlicher Straße. Gleichwohl besitzen diese hier eine weitaus tiefer greifende Wirkung; werden sie doch direkt vor unseren Augen von den Betroffenen geschildert und laufen somit nicht Gefahr, einer erzählerischen wie inszenatorischen Überhöhung zum Opfer zu fallen. Der Schrecken der Nazizeit erwacht in Claus Räfles Film auf entsetzlich authentische Art und Weise zum Leben, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, hier würde nur einmal mehr etwas erzählt werden, was schon so viele andere zuvor erzählt haben.

Max Mauff in der Rolle des Cioma Schönhaus.

Im Falle eines solchen Films von so etwas wie Unterhaltsamkeit zu sprechen, würde den Sinn und Zweck des Projekts ad absurdum führen. Trotzdem lässt sich im Falle von „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ eine beachtliche Kurzweil ausmachen, sodass es Räfles Film später leicht haben wird, als Unterrichtsmaterial in Geschichtsstunden zu funktionieren. Das Leinwandgeschehen reißt bei aller Tragik nämlich so sehr mit, dass man – selbst mit dem Wissen um den Ausgang der Geschichte – zu jedem Zeitpunkt an den Befindlichkeiten der Figuren teilhat, mit ihnen mitleidet und ihnen in ausweglosen Situationen die Daumen drückt. Ohne einen belehrenden Zeigefinger kommt „Die Unsichtbaren“ als modern und technisch hochwertig inszeniertes, aufklärendes Zeitdokument daher, das einfach nur zeigt, wie es wirklich war. Und durch die sich sehr elegant abwechselnden Erzählperspektiven aus subjektiven Interviewsequenzen und beobachtenden Spielfilmszenen folgt auf die Theorie direkt die Praxis. Dass sich darüber hinaus keiner der Darsteller in den Vordergrund drängt, unterstreicht das Dasein von „Die Unsichtbaren“ als voll und ganz auf das Thema konzentriertes Stück Filmgeschichte ohne fehlambitionierte, möglicherweise gar nach Preisen gierende Ansprüche. Ruby O. Fee („Rockabilly Requiem“), Max Mauff („Jonathan“), Alice Dwyer („Die verlorene Zeit“) und Aaron Altaras („Das Leben ist zu lang“) spielen die Rollen ihrer vier Vorbilder mit äußerstem Feingefühl, das die Ehrfurcht  an der Aufgabe durchklingen lässt. In Nebenrollen sind unter anderem der kürzlich verstorbene Andreas Schmidt („Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“), Lucas Reiber („Verrückt nach Fixi“) und Victoria Schulz („Von jetzt an kein Zurück“) zu sehen.

Fazit: Ohne falsche Sentimentalität bringt „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ dem Zuschauer ein bislang weitgehend unterbelichtetes Kapitel der Nazizeit näher. Eine hochelegant inszenierte Symbiose aus Dokumentation und Spielfilmdrama, die gleichermaßen beeindruckt wie erschüttert.

„Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ ist ab dem 26. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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