Zu guter Letzt

Aus Feinden werden Freunde – in ZU GUTER LETZT versucht Regisseur Mark Pelligton einem altbekannten Thema eine Frischzellenkur zu verpassen. Leider gerät dieses Vorhaben nur bedingt amüsant. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Harriet Lauler (Shirley MacLaine) überlässt nichts dem Zufall. Einst eine erfolgreiche Geschäftsfrau, hat sie jeden Aspekt ihres Ruhestands bis ins letzte Detail geplant. Warum sollte es mit ihrem Nachruf anders sein? Die junge Journalistin Anne (Amanda Seyfried) soll ihn schon zu Harriets Lebzeiten verfassen, stößt aber schon bald auf ein gravierendes Problem: Niemand, wirklich niemand hat ein gutes Wort für Harriet übrig. Mit ihrer Kontrollsucht hat sie so ziemlich jeden vergrätzt, mit dem sie es je zu tun hatte. Wie soll da ein liebenswertes Porträt der zukünftig Verstorbenen entstehen? Die kratzbürstige alte Dame hat ein Einsehen und will auf ihre alten Tage die eigene Biografie noch einmal aktiv umschreiben. Dazu muss sie sich unter anderem mit ihrer Tochter (Anne Heche) versöhnen, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. So unternehmen Harriet und Anne eine Reise, die alles verändern soll…

Kritik

Dafür, dass sich Gegensätze anziehen, gibt es mittlerweile haufenweise filmische Beweise. Irgendwie ist es ja auch faszinierend, mit anzusehen, wenn sich zwei grundverschiedene Menschen nach und nach gegenseitig formen, ergänzen und prägen. Regisseur Mark Pellingon („Blindspot“) lässt in seiner Tragikomödie „Zu guter Letzt“ nicht bloß gut und böse aufeinanderprallen, sondern auch jung auf alt. Zugegeben: So richtig böse ist hier natürlich keiner. Die von Anfang an als ziemlich ätzender Griesgram dargestellte Harriet Lauler ist schließlich nicht derart menschenfeindlich und – pardon – asozial auf die Welt gekommen, sondern selbst ihr wohnt ein gutes Herz inne, das Amanda Seyfried („Väter & Töchter – Ein ganzes Leben“) im Laufe knackiger 108 Minuten von all seinem Hass und seiner Lebensmüdigkeit befreien soll. Leider deutet schon diese Zusammenfassung an, mit was für einer Art Film es der Zuschauer hier zu tun bekommt. Per se ist ja auch überhaupt nichts Verwerfliches daran, ein schon vielfach aufbereitetes Thema ein weiteres Mal aufzugreifen, wenn man ihm mit pfiffigen Ideen neues Leben einhaucht. Doch genau das gelingt Pellington und seinem mit „Zu guter Letzt“ debütierenden Drehbuchautoren Stuart Ross Fink nicht – eine der wenigen Trumpfkarten ihres Films sind lediglich das Darstellerinnengespann aus Shirley MacLaine („Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) und Amanda Seyfried sowie die gefällige Inszenierung, die zumindest bei der Zielgruppe ankommen dürfte.

Shirley MacLaine spielt ihre Harriet Lauler aufopferungsvoll, doch bis zuletzt kommt ihre Figur über eine Karikatur nicht hinaus.

Eigentlich bemüht sich Mark Pellington ja schon irgendwie, der altbekannten Prämisse einen neuen Dreh zu geben. Allein die Tatsache, dass er in „Zu guter Letzt“ zwei Frauen zu von ihrem Karriereleben gebeutelten Hauptcharakteren macht, verdient Anerkennung. Doch so richtig will das Gezeigte nicht zünden, obwohl die rüstige Shirley MacLaine in der halb so alten Amanda Seyfried eine tolle Gegenspielerin gefunden hat. Auch möchte man meinen, dass mit der von Beginn an als äußerst destruktiv mit ihrem Umfeld agierenden Harriet Lauler eine große Fallhöhe zu der zuckersüßen, jedoch nicht minder ehrgeizigen Journalistin Anne gegeben ist; leider findet sich hier aber auch schon das Problem: MacLaine spielt zwar mit Leidenschaft und (Über-)Eifer, lässt ihrer Harriet aber zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, mehr zu sein als die Karikatur einer ausgebrannten Geschäftsfrau. Pedantisch (im Zweifelsfall schneidet sich die alte Dame schon mal die Haare vor den Augen ihrer eigenen Friseurin selbst), rücksichtslos, egoistisch – absolut nichts an dieser Figur besitzt das Potenzial, sich im Laufe der Geschichte glaubhaft (!) ins Charmante umzukehren. Stattdessen versucht Mark Pellington, Taten sprechen zu lassen und scheint es zum Beispiel für amüsant zu halten, dass sich seine Harriet in einem Heim ein „Problemkind“ aussucht, um an diesem ihre versteckte gute Seite auszuleben – ganz so, als wäre man hier im Tierheim.

Mit dem Wissen um die derlei Szenen inne wohnende Idiotie ließe sich eine hervorragende Satire spinnen. Leider hat Mark Pellington zwar die richtigen Figuren dafür, bei der Inszenierung derselben baut er hingegen auf altbewährte Wohlfühlfilmmechanismen. Am Ende geht es in „Zu guter Letzt“ nämlich tatsächlich „nur“ darum, wie diese beide unterschiedlichen Frauen Zeit miteinander verbringen, aufgrund dessen die eine lernt, ihr Leben für sich auszunutzen, während die andere zumindest vorgibt, plötzlich auch Interesse an ihren Mitmenschen zu haben. Auf dem Weg dorthin hakt Mark Pellington alle möglichen Stationen einer solchen Standarderzählung ab; von der Familienzusammenführung über das Suchen einer neuen Lebensaufgabe bis hin zur im hohen Alter plötzlich frei werdenden, kriminellen Energie ist alles dabei, was man nicht auch schon in anderen Filmen dieser Art gesehen hätte – und wie man es dieser Tage etwa an „Abgang mit Stil“ sieht auch deutlich besser. Es ist eben eine Krux mit Filmen, bei denen man im Grunde schon von Beginn an weiß, wie sie ausgehen. Wenn dann auch noch der Weg zum Ziel austauschbar gerät, gibt es meist nur noch wenige Dinge, die den Mangel an Wiedererkennungswert ausgleichen können.

Amanda Seyfrieds Figur entwickelt sich im Laufe des Films zur wesentlich interessanteren…

Zu diesen wenigen Dingen gehören erwartungsgemäß die beiden Hauptdarstellerinnen. Bezeichnend ist jedoch, dass ausgerechnet diejenige den weitaus größeren, emotionalen Wandel zu durchleben scheint, die jenen der anderen eigentlich nur anstoßen soll. Tatsächlich ist es viel spannender, Amanda Seyfrieds Anne dabei zuzuschauen, wie sich die im Laufe vieler Jahrzehnte angesammelte Weisheit ihrer Klientin Stück für Stück auf sie überträgt. Da Anne, anders als Harriet, weniger grobmotorisch und wesentlich nahbarer auftritt, gerät dieser Wandel greifbarer als der der Rentnerin. Das beweist vor allem eine Szene im letzten Drittel: Harriet Lauler trifft Jahrzehnte nach dem letzten Besuch auf ihre Tochter, die ihr ein wenig widerwillig von ihrem Leben erzählt. Im Laufe der Szene wird nicht nur deutlich, wie viele Spleens die junge Frau von ihrer Mutter geerbt hat, es ist vor allem Harriet, die plötzlich für sich die Entscheidung fällt, eine gute Mutter gewesen zu sein und ihrer Tochter damit ein weiteres Mal vor den Kopf stößt. Anne, ein wenig ungläubig die Szenerie beobachtend, hat die Denkweise ihrer Klientin zu lesen gelernt und ist angesichts der Ereignisse dennoch schockiert über soviel Egomanie. Harriet dagegen scheint sich wie schon die letzten eineinhalb Stunden keinerlei Schuld bewusst – sie sei letztlich ja nur sie selbst. Und auch, wenn an der Botschaft, man selbst führe immer noch dann am besten, wenn man einfach man selbst bleibe, überhaupt nichts Verkehrtes dran ist, so wundert eine solche Aussage dann doch, wenn es doch bislang eigentlich darum zu gehen schien, dass man es sich vielleicht nicht automatisch mit jedem verscherzen sollte, wenn man auf Biegen und Brechen einen guten Nachruf erhalten will.

Fazit: „Zu guter Letzt“ ist in jeder Hinsicht durchschnittlich und geht für den Zuschauer zugleich den bequemsten, wie auch den möglichst angenehmsten Weg, wenn er eine Geschichte zeigt, die es so schon dutzendfach auf der Leinwand zu sehen gab. Das Zusammenspiel zwischen Shirley MacLaine und Amanda Seyfried ist allerdings wahrlich hinreißend.

„Zu guter Letzt“ ist ab dem 13. April 2017 bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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