Silence

Für Martin Scorsese stellt SILENCE ein Herzensprojekt dar. Und das merkt man auch! Das dreistündige Monumentalepos ist ein detailverliebter Blick auf ein schweres Stück Religionsgeschichte. Doch der Zuschauer hat da nicht allzu viel von. Mehr dazu in meiner Kritik.Silence

Der Plot

1638 brechen Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) von Portugal ins für die westliche Welt völlig abgeschottete Japan auf, um der Wahrheit hinter den undenkbaren Gerüchten nachzugehen, dass ihr berühmter Lehrer Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) seinem Glauben abgeschworen habe. Nach ihrer Ankunft erleben sie die brutale und unmenschliche Verfolgung der Christen durch die japanischen Machthaber. Angesichts der Ereignisse in einer Gesellschaft, die keine Toleranz kennt und in der der Tod an der Tagesordnung ist, stellt sich Sebastião auf seiner Reise durch das von der Gewaltherrschaft der Shōgune zerrissene Land die immerwährende Frage: Wie kann Gott zu all dem schweigen?

Kritik

Für Meisterregisseur Martin Scorsese („The Wolf of Wall Street“) ist „Silence“ eine waschechte Herzensangelegenheit. Der selbst streng katholisch erzogene Filmemacher erhielt den dem Historiendrama zugrunde liegenden Roman „Schweigen“ im Jahr 1988 im Anschluss an eine Vorstellung seines „Die letzte Versuchung Christi“ von einem Erzbischof zur Lektüre. Für Scorsese sei die Spiritualität des römischen Katholizismus eigenen Angaben zufolge das Fundament seines Lebens. Das Studium des 1966 in Japan erstmals veröffentlichten und dort herausragend besprochenen Buches habe ihn mit überaus tiefgreifenden Fragen des Christentums konfrontiert, sodass ihn das Buch von Shūsaku Endō ganz direkt berührt habe. Fragen wirft sein knapp dreistündiges Monumentalepos tatsächlich auf. Die Beantwortung derselben scheut Scorsese jedoch. Das ist auch ganz richtig so, denn trotz der historisch belegten Ereignisse sind große Teile des in „Silence“ behandelnden Konflikts keine greifbaren. Genau das macht die Literaturverfilmung aber auch äußerst sperrig, denn wer sich nicht vollends den auf der Leinwand dargebotenen Gegebenheiten hingeben will und in den vielen theoretischen Dialogen versinken kann, den fordert „Silence“ zu massiver Geduld. Je nach eigenem Ermessen ist Martin Scorseses neuester Film also entweder eine Offenbarung, oder pompöses Ausstattungs- und Schauspielkino mit wenig inhaltlicher Substanz.

A

Adam Driver und Andrew Garfield machen sich auf die Suche nach einem verschollenen Pater.

Ursprünglich galt „Silence“ als einer der höchstgehandelten Favoriten der diesjährigen Oscar-Saison. Doch je näher diese kam, desto weiter rückte Scorseses 24. Langspielfilm in den Hintergrund bedeutender Preisverleihungen. Bei den Academy Awards konnte sich nun lediglich Kameramann Rodrigo Prieto („Passengers“) Hoffnungen auf einen der Goldjungen machen – scheiterte aber erwartungsgemäß an Linus Sandgren für „La La Land“. Die Berücksichtigung von Prietos Arbeit in ebenjener Kategorie fand dafür ganz zu Recht statt, denn die Bilder, die Scorseses Stamm-Kameramann für „Silence“ eingefangen hat, unterstreichen den Wert des Dramas als zeitloses Filmevent. Martin Scorsese kommt in Gänze ohne die Zuhilfenahme moderner Tricktechnik aus und gerade deshalb ist „Silence“ vor allem visuell ein spektakuläres Ereignis. Erinnernd an James Grays ebenfalls in diesem Monat startende Literaturverfilmung „Die versunkene Stadt Z“ führt es auch Martin Scorsese zurück zu den Ursprüngen des Filmemachens. Gedreht wurde an Originalschauplätzen mit Hunderten von Statisten, die rar gesäten Effekte sind das Ergebnis echter Handarbeit und die zu damaliger Zeit vorherrschenden Torturen wie Folter oder anderweitige körperliche Qual wurden schockierend authentisch nachgestellt. Entsprechend bedeutungsschwanger fühlt sich „Silence“ dann auch an, denn wenn sich auf der Leinwand derart schwere Thematiken entfalten (die durch entsprechendes Handwerk zusätzlich an Tragkraft gewinnen), lässt sich ein naturgegebener Respekt nicht leugnen. „Silence“ ist der Inbegriff von ganz großem Kino – kratzt man allerdings an der aus sämtlichen technischen Aspekten bestehenden Oberfläche, entfaltet sich ein inhaltlich recht überschaubarer Kern.

„Silence“ ist die Tour-de-Force eines streng gläubigen Paters, der im das Christentum verbietenden Japan des 17. Jahrhunderts weiter an seinem Glauben festhält. Die titelgebende Stille bezieht sich dabei direkt auf das Schweigen Gottes, der sich trotz des eisernen Willens von Sebastião Rodrigues zu keinem Zeitpunkt zu erkennen gibt. An genau dieser Stelle fordert Martin Scorsese das unbedingte Verständnis seines Publikums ein; die Bilder, die der 74-jährige Regisseur hier für sich sprechen lässt, leben in erster Linie von ihrer Symbolik. Wenn etwa die versteckt lebenden Christen den anstehenden Folterungen durch die Japaner dadurch entgehen könnten, mit dem Fuß ein Abbild Jesu‘ zu betreten – unter gläubigen Christen eine der größten Missachtungen Gottes –, dies aber einfach nicht tun, dann mag das gerade auf ein Publikum befremdlich wirken, das der gesamten Filmthematik skeptisch gegenüber steht. So droht auch der eiserne Willen des Protagonisten irgendwann in eine eher trotzige Attitüde zu kippen; nicht zuletzt, weil sich „Silence“ ab etwa der Hälfte der Laufzeit im Kreis dreht. Ist der von Andrew Garfield („Hacksaw Ridge“) äußerst kraftvoll und eindringlich gespielte Pater Sebastião Rodrigues nämlich erst einmal in japanischer Gefangenschaft, in welcher man den strenggläubigen Christen zur Leugnung seiner Religion zwingen will, wird die Abfolge aus versuchter Bekehrung und Folter redundant. Der hier auch für das Drehbuch mitverantwortliche Scorsese blickt bei seiner schwerfälligen Geschichte zwar auch immer wieder nach links und rechts, um das Leid des einen stellvertretend für sämtliche Christen erscheinen zu lassen, doch anstatt das Leid der Gläubigen möglichst mannigfaltig aufzubereiten, ergießt sich Scorseses Film in einer allumfassenden Tragik, bei deren Schwere für Nuancen kein Platz mehr scheint.

Liam Neeson

Pater Ferreira (Liam Neeson) überrascht den weit gereisten Rodrigues mit einer Erkenntnis…

In „Silence“ wird gelitten, gebetet und philosophiert – vor allem Letzteres lässt hier und da Erinnerungen an die Filme von Terrence Malick aufkommen, wenngleich Martin Scorsese bis zuletzt klare Aussagen trifft. Das Leid in seinem Film ist keine Form der Auslegung. Gleichwohl schafft er nicht genug Raum für die Frage nach einem Sinn. „Silence“ hantiert klar mit den Attributen Gut und Böse und wenn in einer Szene der Satz fällt, dass das Christentum auf dem Blut von Märtyrern erbaut werden muss, dann geschieht das derart beiläufig, dass man fast daran zweifelt, ob Scorsese diesen so befremdlichen Gedankengang hinter einer solchen Ideologie erkennt. So macht auch er seinen Held im Laufe der Geschichte mehr und mehr zum Märtyrer, womit er gewiss zu Diskussion anzuregen vermag. Im direkten Kontrast dazu steht jedoch die Heroisierung seiner Figur, womit eine Frage zwangsläufig gestellt werden muss: Darf man eine Person, wie Scorsese sie hier zeigt, wirklich zu einem Helden machen? Hier und da blitzt durch, dass Scorsese den Diskurs zu diesem Thema nicht scheut. Vor allem die von Adam Driver („Rogue One: A Star Wars Story“) gespielte Figur des Francisco Garpe tritt mehrmals als moralische Instanz an seinen Begleiter heran. Leider gibt Scorsese diesen so wichtigen Momenten nicht ausreichend Spielraum, was in dieser Form auch für Liam Neeson („Sieben Minuten nach Mitternacht“) gilt. Der alles abschließende Dialog zwischen ihm und Andrew Garfield besitzt den wohl höchsten Stellenwert im gesamten Film, wird von Scorsese aber fast schon nebenbei inszeniert. Am Ende gibt uns „Silence“ zwar einen drastischen Einblick in das Leben versteckt lebender Christen im Japan zu damaliger Zeit (die FSK-Freigabe ab 12 ist aufgrund der äußerst expliziten Gewaltszenen, zu der auch das direkt vor der Kamera stattfindende Abschlagen eines Kopfes gehört, nahezu indiskutabel), doch weder emotional kommen die Ereignisse an den Zuschauer heran, noch scheint Martin Scorsese mehrere Sichtweisen auf das Thema zu erlauben. Wer sich nach diesem Film zum Austritt aus der Kirche entschließt, dem sei hieraus kein Strick zu drehen.

Fazit: Der Aufwand hinter „Silence“ lässt zu keiner Minute die Frage aufkommen, ob es sich bei diesem Film tatsächlich um ein Herzensprojekt Martin Scorseses handelt. Doch die durchgehende Schwermut und die gezeigte Gewalt fordern nicht bloß viel Geduld und Gutwillen vom Zuschauer, sich für die Belange der unnahbar bleibenden Hauptfigur zu interessieren. Der Film bedarf auch einer fraglosen Akzeptanz der gezeigten Ereignisse. Und das ist auf die Dauer ganz schön anstrengend.

„Silence“ ist ab dem 2. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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