Paterson

Mit „Only Lovers Left Alive“ inszenierte Jim Jarmusch zuletzt die Gegenthese zur Faszination Unsterblichkeit. In seinem neuen Film PATERSON macht er nun einen ganz normalen Menschen zum Helden seiner kleinen Welt. Starkes Autorenkino oder prätentiöses Awardbaiting? Das verrate ich in meiner Kritik.Paterson

Der Plot

Paterson (Adam Driver) ist ein Busfahrer, der genauso heißt wie der Ort, in dem er lebt. Die Kleinstadt in New Jersey und ihre eigentümlichen Bewohner sind die Inspiration für seine Gedichte, die er Tag für Tag in der Mittagspause auf der Parkbank verfasst. Die Welt seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani) dagegen ist im ständigen Wandel. Fast täglich hat sie neue Träume, jeder einzelne von ihnen ein anderes, inspirierendes Projekt. Paterson liebt Laura und sie ihn. Er unterstützt ihre neugefundenen Ambitionen und sie bewundert seine Gabe für Poesie.

Kritik

Der Cineast liebt Jim Jarmusch. Der Regisseur von „Coffee And Cigarettes“, „Broken Flowers“ und zuletzt „Only Lovers Left Alive“ ist aber auch wirklich einer der herausragenden Beobachter unserer heutigen Gesellschaft, was er regelmäßig in seine Filme verpackt. Insofern hat sich Jarmusch auch als einer der wenigen Filmemacher aktueller Dekade gewisse Vorschusslorbeeren erarbeitet. So etwas wie ein Grundniveau erfüllen seine Werke immer, selbst wenn sie weitaus seltener mit den Sehgewohnheiten der breiten Masse einhergehen. Der inszenatorische Minimalismus Jim Jarmuschs beißt sich nun mal mit der Gier nach immer spektakuläreren Geschichten, Kamerafahrten und Effekten. Mit seinem neuen Film, der Tragikomödie „Paterson“, beweist Jarmusch allerdings, dass wir alle bislang völlig im Unrecht lagen, wenn wir glaubten, noch reduzierter könne man nicht drehen. Zum Protagonisten seines Films macht Jarmusch nämlich einen Mann, der ein Leben lebt, für das der Begriff „Alltagstrott“ noch zu viel Abwechslung versprechen würde. „Paterson“, der Name der Hauptfigur und dem Ort, in dem diese lebt, erzählt sieben Tage aus genau diesem Leben, in dem tagein, tagaus dasselbe geschieht. Eine durchaus interessante Erzählperspektive, die der ebenfalls als Autor für den Film tätige Jim Jarmusch hier wählt und der mithilfe winziger Beobachtungen durchaus auch eine nicht zu leugnende Poesie beigemengt wird. Vermutlich könnte sich diese sogar entfalten, würde sich der knapp zweistündige Schwermutreigen nicht viel zu sehr darin suhlen, genau das zu sein.

Wenn Paterson abends nach Hause kommt, hat seine Frau Laura in der Regel schon die nächste neue Idee...

Wenn Paterson abends nach Hause kommt, hat seine Frau Laura in der Regel schon die nächste neue Idee…

Was in „Paterson“ knapp zwei Stunden lang passiert, ist schnell zusammengefasst: Hauptfigur Paterson fährt Bus, wechselt ein paar Sätze mit seiner Frau Laura (die hauptsächlich daraus bestehen, dass er sie in einem weiteren Tagtraum bestärkt), legt sich im Geiste mit seinem Hund an, geht mit diesem eine Runde und landet gen Abend in seiner Stammkneipe, in der er – natürlich – jeden Tag dasselbe bestellt. Gewiss sind es bei einem solch simplen Grundkonzept die Zwischentöne, die der vorhersehbaren Dramaturgie das besondere Etwas verleihen. In „Paterson“ beschränkt sich das allerdings auf Begegnungen mit skurrilen Gestalten und das Schreiben der Gedichte, durch welche sich Paterson selbst, vor allem aber seine Frau ihn als Poeten definiert. Doch das alleinige Verfassen von Gedichten ist noch lange keine Poesie. Wie vieles in „Paterson“ bleibt nämlich auch dieser Umstand bloße Behauptung. Jarmusch betont durchgehend, die Schönheit im Detail zu finden. Etwa wenn sich sein Protagonist ausgiebig mit dem Namen einer Streichholzfirma beschäftigt, oder er das Gedicht einer Grundschülerin analysiert, die sich beim Schreiben überhaupt keine Gedanken über das tiefsinnige Dahinter machte. So dauert es nicht lange, bis „Paterson“ überhaupt nicht mehr richtig als Film zu genießen ist, sondern zu jeder Sekunde vom Zuschauer erwartet, das Gesehene ebenso zu analysieren, wie die Hauptfigur. Das ist mitnichten ein generelles Problem; vielmehr fällt hier auf, dass auch das permanente Hinterfragen keine zusätzliche Sehperspektive bietet. Das Leinwandgeschehen ist auch unter Zuhilfenahme der Gedichte so monoton, wie es uns Jarmusch von Anfang an zu verstehen gibt.

Trotzdem darf Paterson gelegentlich aus seiner starren Lethargie ausbrechen. In der Regel geschieht das bei den Zusammentreffen mit seiner Frau Laura, die Jarmusch leider viel zu deutlich als direkten Kontrast zu ihrem Ehemann anlegt. Gibt sich Paterson mit der Eintönigkeit seines Lebens zufrieden, sprudelt Laura nur so vor Ideen über. Jeden Tag findet die von der gebürtigen Iranerin Golshifteh Farahani („Exodus – Götter und Könige“) mit viel Inbrunst verkörperte Laura einen neuen Lebensinhalt, ist in ihrer Begeisterungsfähigkeit allerdings derart wankelmütig, dass ihre permanente Euphorie irgendwann nicht mehr wirklich glaubhaft scheint. Zunächst will Laura die Wohnung umdekorieren, dann Gitarre lernen, berühmt werden und schließlich mit einem Kuchenstand und selbstgebackenen Cupcakes Geld verdienen. In Typ, Ausstrahlung und Lebensplan könnte sie sich kaum mehr von Paterson unterscheiden. Hieraus ergibt sich zwar eine unübersehbare Dynamik (eine der wenigen überhaupt), gleichzeitig wirkt es gezwungen. Und sich mit der Floskel herauszureden, Gegensätze würden sich ja nun mal anziehen, kann wahrlich nicht das Ziel des sonst so subtilen Geschichtenerzählers Jim Jarmusch sein. Überzeugen können dafür die Darsteller. Neben Golshifteh Farahani gelingt es Adam Driver („Star Wars: Das Erwachen der Macht“) wie selbstverständlich, seinen Paterson als sensiblen Grübler anzulegen, dessen Gedankengängen man gern folgt.

Paterson geht jeden Abend mit seinem Hund dieselbe Runde zur selben Bar und bestellt... dasselbe...

Paterson geht jeden Abend mit seinem Hund dieselbe Runde zur selben Bar und bestellt… dasselbe…

Doch seien wir einmal ehrlich: Was genau das für Gedankengänge sind, bleibt dem Zuschauer bis zuletzt ganz schön egal. Das liegt in erster Linie daran, dass uns Jim Jarmusch von Anfang an zu verstehen gibt, die Einstellungen seiner Figuren seien unverrückbar. So etwas wie eine Charakterentwicklung bleibt vollständig außen vor und der Zusammenhang zwischen den poetischen Ergüssen Patersons hebt sich in Gänze von der Realität ab. Mit visuellen Spielereien wie etwa der Texteinblendung der Gedichte wird versucht, die Wichtigkeit des geschriebenen Wortes (zusätzlich zum Voice-Over!) zu unterstreichen. Leider wirken diese Momente willkürlich und vollkommen zusammenhanglos. Stattdessen funktioniert „Paterson“ immer dann, wenn Jarmusch das Geschehen einfach mal unkommentiert lässt. Es kann nämlich sehr wohl eine Faszination ausüben, eine Figur über einen längeren Zeitraum bei ihren alltäglichen Gewohnheiten zu beobachten. Um das zu entdecken, braucht man den Zuschauer allerdings nicht permanent darauf hinweisen, dass das, was ohnehin spannend ist, noch spannender sein könnte, wenn man es sich in einer verkopften Erzählperspektive irgendwie so zurecht rückt, dass am Ende ein einfacher Mann zu einem meisterhaften Poeten hochstilisiert wird.

Fazit: Jim Jarmuschs „Paterson“ findet seine nicht zu leugnende Schönheit in der Entschleunigung. Auch die Darsteller spielen absolut solide auf. Gleichzeitig bleiben Geschichte und Charaktere durchgehend oberflächlich und die vom Regisseur beabsichtigte Poesie verpufft, da sie bis zum Ende nur Behauptung bleibt.

„Paterson“ ist ab dem 17. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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