Jonathan

Ein Film über den Tod, den man erst erreicht, wenn man richtig gelebt hat: Piotr J. Lewandowskis JONATHAN ist die intensive Auseinandersetzung mit unausgesprochenen Sehnsüchten, zum Leben erweckt von richtig starken Schauspielern. Mehr dazu in meiner Kritik.Jonathan

Der Plot

Jonathan (Jannis Niewöhner) pflegt seit Jahren seinen schwerkranken Vater Burghardt (André Hennicke) und bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Tante Martha (Barbara Auer) den Bauernhof der Familie. Die Pflege des Vaters, die Organisation des Hofes und die schwere Arbeit auf dem Feld bestimmen seinen Alltag. Das Verhältnis zwischen Martha und Burghardt ist angespannt, jahrelang haben sie kein Wort miteinander gewechselt.  Dass Burghardt keine Nähe zulassen kann und Jonathans Fragen zum frühen Tod seiner Mutter stets unbeantwortet lässt, macht die Situation nicht einfacher. Jonathan spürt, dass etwas zwischen ihnen steht, kann die Mauer zu seinem Vater aber nicht durchdringen. Da sich Burghardts Zustand zusehends verschlechtert, stellt Martha die Pflegerin Anka (Julia Koschitz) ein, die Jonathan mit ihrer Offenheit verzaubert.

Kritik

Der 24-jährige Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner ist ein Phänomen: Begann er seine Karriere im zarten Alter von 12 Jahren und wurde der jüngeren Zielgruppe wohl so richtig in der Hauptrolle des Peter Carsten aus der „TKKG“-Verfilmung „…und die rätselhafte Mind-Machine“ bekannt, spielte er bis heute an die 40 Rollen völlig unterschiedlichen Kalibers; dabei ist er der standardisierten Figur des rebellischen Jugendlichen längst entwachsen, sofern er sich wie im Falle von „Ostwind 2“ oder der Edelstein-Trilogie trotzdem ein weiteres Mal darin wiederfindet, nimmt man ihm diese nach wie vor ab. Seine Stärken so richtig ausspielen, konnte er indes etwa in der in einer Psychiatrie spielenden Tragikomödie „4 Könige“, an dessen Rolle nun auch die gleichnamige Hauptfigur in „Jonathan“ erinnert. Niewöhner spielt hier einen an den Rand seiner seelischen Belastbarkeit gedrängten jungen Mann, der sich seit Jahren aufopferungsvoll um seinen krebskranken Vater kümmert, gleichsam mit der ablehnenden Schwester Martha zu vermitteln versucht und hofft, auf die letzten Lebenstage noch das Geheimnis um seine verstorbene Mutter zu lüften, die einst bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein soll, an dessen Aussage Jonathan aber erhebliche Zweifel hegt. Was als gewöhnlich herbes Sterbedrama beginnt, entwickelt sich spätestens mit dem Auftauchen der umwerfend charmant aufspielenden Julia Koschitz („Hin und weg“) in eine völlig andere Richtung und scheut zwar das Hervorzaubern billiger Twists, offenbart die wahren Hintergründe um eine Familientragödie im letzten Drittel aber so unvorhersehbar, dass in „Jonathan“ selbst die abgedroschensten Plattitüden noch echt und realistisch wirken.

Jonathan

Eigentlich müsste Jannis Niewöhner die Handlung gar nicht alleine auf seinen Schultern stemmen. Mit André Hennicke („Das kalte Herz“) als resignierter Vater, der mit dem Leben längst abgeschlossen hat und Julia Koschitz in der Rolle der optimistischen, hoffnungsvollen, dabei aber nie aufgesetzt positiv wirkenden Anka setzt das Skript von Piotr J. Lewandowski („Götter wie wir“) auf ein Dreierkonstrukt aus Figuren, das dem Film auf seine ganz eigene Art und Weise abwechslungsreiche Facetten beimisst. Alle drei Darsteller spielen außergewöhnlich stark, authentisch und legen ihr ganzes Herzblut in ihre Performances. Der von Höhen und Tiefen geprägte Todeskampf von Vater Burghardt ist bisweilen nur schwer erträglich, rückt angesichts der tief im familiären Verborgenen liegenden Geheimnisse und unausgesprochenen Differenzen jedoch schon bald in den Hintergrund. Lewandowski wendet nicht viel Zeit auf, um die Prämisse zu erklären. Wenige Minuten genügen und wir kennen die Abhängigkeiten der Figuren untereinander. Auch das erste Aufeinandertreffen zwischen Jonathan und Anka funktioniert über große Gesten; auch, weil Jonathan kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er seine Angebetete zu ihrer hübschen Oberweite beglückwünscht, oder ihr das Angebot macht, unter einer Decke zu schlafen. Entsprechend flott schreitet die Handlung in „Jonathan“ voran, versäumt es dabei allerdings, sich zwischendurch genauer zu fokussieren. Trotz eines insgesamt gediegenen Tempos und der Konzentration auf viel Dialog gibt es in Lewandowskis Drama kaum eine Szene, die für das Geschehen irrelevant wäre. Insofern wirken die 99 Minuten Lauflänge fast zu kurz und vollgestopft, um sich so richtig zu entfalten.

Trotzdem behält der Regisseur und Autor eine gewisse Ordnung bei. Auf eine Auseinandersetzung zwischen Jonathan und seinem Vater folgen Momente inniger Zweisamkeit zwischen ihm und Anka, die fast wie ein Katalysator für die aufgestaute Aggression wirken und sich entsprechend offenherzig präsentieren. Überhaupt besitzt das Thema Sex in „Jonathan“ einen großen Stellenwert. Dabei wird der Film nie voyeuristisch, scheut aber die Nacktheit nicht und lässt verschiedenen Sexualpraktiken Raum, wenn es für die Handlung relevant ist. Das ist es – ohne eine wichtige Wendung in „Jonathan“ an dieser Stelle vorwegzunehmen – nämlich durchaus und prägt den Film eklatant; wichtige emotionale Veränderungen gehen hier immer auch mit körperlicher Liebe einher, was die erotischen Szenen im Geschehen verankert und sie vom Selbstzweck der Nacktheit freispricht. Die von Jannis Niewöhner an den Tag gelegte Reife, einhergehend mit einem selbstverständlich erscheinenden Körpergefühl verhilft den Sexszenen zu noch mehr Intimität, während Julia Koschitz die beim Beischlaf an den Tag gelegte Leidenschaft mit in ihr generelles Spiel übernimmt. Sex als Spiegel zur Seele: „Jonathan“ perfektioniert diesen erzählerischen Kniff und überträgt ihn bis zuletzt auf immer neue Filmsituationen, ohne dabei den Anschein der Pornographie zu erwecken.

Während „Jonathan“ technisch unauffällig bleibt, kann die genaue Beobachtungsgabe in Bezug auf Freizügigkeit jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass sich das Drama inhaltlich zwar an polarisierende Themen heran traut, die Inszenierung selbiger aber lediglich solide darbietet. Punktuell trifft Piotr J. Lewandowski die seelische Beschaffenheit seiner Figuren hervorragend, doch die Verwicklungen derselben werden gerade zum Ende hin immer austauschbarer. Wenn Anka Jonathan mit einer Toten konfrontiert und betont beiläufig der Satz fällt, dass alles in Ordnung wäre und sie ja „nur tot“ sei, dann fehlt es dieser Szene an Durchschlagskraft, denn Jonathan ist mit der Toten vorab nie in Berührung gekommen. Dafür ist die Story in der Lage, vermeintlich nichtssagenden Floskeln („Wenn du sterben möchtest, musst du erst leben wollen!“) Leben einzuhauchen, wenn sich eine derartige Äußerung später eins zu eins auf ein Ereignis übertragen lässt, das so rau-ruppig daher kommt, dass von Kitsch keine Rede sein kann. Insofern kann „Jonathan“ sehr wohl darin überzeugen, für eineinhalb Stunden das Seelenleben der Hauptfigur zu entblößen und ihr bei schweren Entscheidungen im Leben über die Schulter zu schauen. Doch so intensiv wie Jonathan selbst erlebt der Zuschauer die Ereignisse nie.

Fazit: „Jonathan“ besticht in erster Linie durch seine starken Hauptdarsteller, von denen sich Jannis Niewöhner einmal mehr als einer der stärksten deutschen Nachwuchsmimen seiner Generation beweist. Doch dem unvorhersehbaren, freizügigen und mutigen Drama fehlt es gen Ende an Wiedererkennungswert, durch den sich die Leiden der Figuren noch intensiver an den Zuschauer herantragen ließen.

„Jonathan“ ist ab dem 6. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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