Stadtlandliebe

Satire, Parodie oder ernst gemeinte RomCom? Bei Marco Kreuzpaintners neuem Film STADTLANDLIEBE waren wir uns gerade aufgrund der vorzeigbaren Vita des Regisseurs lange nicht sicher. Doch genau das ist ja irgendwie auch das Schlimme an diesem über weite Teile unerträglichen Film. Mehr dazu in meiner Kritik.Stadtlandliebe

Der Plot

Vegan, nachhaltig und politically correct, eben total Prenzlauer Berg. So leben Anna (Jessica Schwarz) und Sam (Tom Beck), bevor sie beschließen, ihrem Leben und ihrer Liebe eine echte Chance zu geben: auf dem Land! Dass sie dort eine eingeschworene Gemeinschaft mit sehr eigenen Vorstellungen vom Landleben erwartet, bringt ihren Plan durcheinander. Als dann auch noch Annas Babypläne ans Licht kommen, ist es mit der Liebe erst einmal vorbei. Doch die Landidylle ist kein leeres Versprechen, wenn man bereit ist, sich auf Land und Leute einzulassen. Da kommen auch Anna und Sam langsam dahinter!

Kritik

Regisseur Marco Kreuzpaintner ist immer für eine Überraschung gut. Er hievte das 2004 noch als großes Tabu behandelte Thema Homosexualität mit Leichtigkeit ins Coming-of-Age-Genre („Sommersturm“), adaptierte den Roman „Krabat“ so düster und doch liebevoll für die Leinwand, wie keiner zuvor und schlug all jenen Skeptikern ein Schnippchen, die aufgrund des miserabel geschnittenen Trailers davon ausgingen, „Coming In“ wäre eine durch und durch klischeehafte Schwulenparade, die der eigentlich sehr pfiffig inszenierte Film schlussendlich aber überhaupt nicht war. Insofern dürfte angesichts des ebenfalls nicht gerade von Vorurteilen befreiten Themas in Kreuzpaintners neuer Komödie „Stadtlandliebe“ also erstmal Durchatmen angebracht sein. Der erfolgreiche Regisseur, der nebenher auch Drehbücher schreibt – zum Beispiel jenes zu „Er ist wieder da“ – wird das schon schaukeln. Und in gewisser Weise stimmt auch unsere These bezüglich der Überraschung. Nur dass es sich in diesem Fall beim besten Willen nicht erklären lässt, was sich Kreuzpaintner bei seinem neuesten Projekt denn nun eigentlich wirklich gedacht hat. „Stadtlandliebe“ ließe sich mit viel gutem Willen irgendwo zwischen herkömmlicher RomCom, Satire und Parodie verorten. Gerne hätten wir mit dem Filmemacher darüber gesprochen, wie beabsichtigt dieser Eindruck tatsächlich ist. Nun bleibt uns nur der Blick auf das fertige Werk und lässt uns gerade aufgrund des wohl schmalzigsten Filmfinals, das es im Kino dieses Jahr zu sehen gibt, zu dem Schluss kommen: „Stadtlandliebe“ soll wirklich als herkömmliche romantische Komödie verstanden werden. Und als diese ist der Film in vielen Momenten einfach nur unerträglich.

Stadtlandliebe

Den Soja-Latte schlürfenden Großstädtern Axt schwingende Wilde gegenüber zu stellen, ist alles andere als originell, geschweige denn subtil. In einer Satire auf den Clash zwischen Stadt- und Landbewohnern wäre diese karikatureske Zuspitzung vorurteilsbehafteter Stereotypen aber immer noch in gewisser Weise nachvollziehbar. Denken wir nur an die fantastische Heimatfilm-Nachdichtung „Im weißen Rössl“. Insofern lässt Marco Kreuzpaintner sein Publikum tatsächlich sehr, sehr lange im Unklaren darüber, wie „Stadtlandliebe“ zu verstehen ist. Unter Zuhilfenahme skurriler Dorfdialekte und hinterwäldlerischer Traditionen auf der einen und Witzen über Veganer auf der anderen Seite kreiert „Einfach Rosa“-Autorin Conni Lubek ein Szenario, das mit Plattitüden so vollgepackt ist, dass auch damit einhergehende Gags nicht zünden wollen. Spätestens, wenn Pointen daraus bestehen, dass Dorfanwohner wie selbstverständlich dem Beischlaf des Stadtpärchens beiwohnen, ein Strip im Stroh als das Aphrodisiakum schlechthin verstanden wird und (natürlich) auch das Vorurteil vom Schafe-fickenden Bauern aufgegriffen werden muss, bedarf es schon eines sehr feinfühligen Skripts, das diese Anhäufung simpelster Kalauer in einen nachdichtenden Kontext bringen kann. Die Idee, all das als Satire zu verstehen, kommt auch gar nicht von ungefähr. Wenn sich all die Szenarien irgendwann als Teil eines (natürlich „Stadtlandliebe“ betitelten) Romans von Hauptfigur Sam erweisen, könnte man die Leinwandereignisse rückblickend tatsächlich als absichtlich vollkommen überspitzt verstehen. Unterstrichen wird diese Tatsache davon, dass Kreuzpaintner immer dann auf die inszenatorische Bremse drückt, wenn die Geschehnisse im Dorf nicht von Sam und Anna, sondern von Außenstehenden betrachtet werden. Doch selbst wenn das gewollt ist, ergibt sich daraus wiederum ein neues Klischee: Warum wollen die beiden Hauptfiguren um alles in der Welt all das auf dem Dorf erleben respektive erlebt haben, was man Nicht-Städtlern ohnehin immerzu nachsagt?

Neben dem Aufeinanderprallen städtischer und ländlicher Unterschiede, erzählt „Stadtlandliebe“ obendrein eine ziemlich standardisierte Liebesgeschichte. Als die erfolgreiche Oberarztanwärterin Anna über den Kopf ihres Freundes hinweg den Auszug ins Zwanzig-Seelen-Örtchen Kloppendorf beschließt, ahnt der auf dem Genreparkett auch nur halbwegs bewanderte Zuschauer schnell, dass sich hieraus ganz simpel ein RomCom-affiner Konflikt spinnen lässt. Und tatsächlich ist der emotionale Verlauf von einer aufgesetzten Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität hin zum handfesten Beziehungskrach einschließlich der Frage, wer hier nun ein Baby will und wer nicht, so seicht und vorhersehbar konstruiert, dass auch dieser Subplot „Stadtlandliebe“ nur schwer aufpeppen kann. Charakterentwicklungen sind kaum nachzuvollziehen (ein Ausraster ob Annas Versuch, ihren Freund mithilfe eines Striptease anzuheizen, existiert einzig und allein der Dramaturgie wegen und ist in dieser Form überhaupt nicht verhältnismäßig), zwischenmenschliche Beziehungen kommen und gehen so sprunghaft, dass es irgendwann vollkommen unwichtig ist, wer zu wem in welchem Verhältnis steht und angesichts des eingangs bereits kurz angerissenen Schlussakts würde eine Rosamunde Pilcher vor Neid erblassen.

Stadtlandliebe

„Stadtlandliebe“ hat zu keiner Zeit etwas mit einer liebevollen Auseinandersetzung mit interessanten Figuren zu tun. Dem können leider auch die Hauptdarsteller nur wenig entgegen setzen. Während Tom Beck („Alles ist Liebe“) hier überraschend am positivsten heraus sticht, tut sich Jessica Schwarz („Jesus liebt mich“) sichtlich schwer, ihrer eindimensional geschriebenen Figur etwas abzugewinnen. Ihrem hier äußerst egoistisch dargestellten Versuch, Sam auf Biegen und Brechen einen Kinderwunsch anzudichten, stellt sie ein wenig sensibles Spiel gegenüber, welches aus ihrem Charakter eine frei von jedweden Sympathien agierende Furie werden lässt. Dabei wird in ruhigen Momenten immer mal wieder klar, dass hinter dem Pärchen Anna und Sam eigentlich interessante Facetten stecken. Ihre Versuche, sich dem Landleben anzupassen, ohne die eigene Identität zu verlieren, offenbaren hier und da im Ansatz auch eine subtile Kritik am Mitläufertum. Doch solche Stärken kann Marco Kreuzpaintner nicht ausspielen. Stattdessen macht er aus einem eingefleischten Veganer den Marketing-Chef eines Fleischbetriebs, während Anna ihren Kinderwunsch dann erstmal doch nicht mehr so genau nimmt. Wie gut, dass das Schicksal den Figuren hier irgendwann auch noch den Aufwand einer erwachsenen Diskussion abnimmt – aber irgendwo muss es ja herkommen: das Happy-End.

Fazit: Während man zu Beginn noch denkt, Marco Kreuzpaintner hätte sich mit „Stadtlandliebe“ an einer Heimatfilm-Satire der Marke „Im weißen Rössl“ versucht, ahnt man bald, dass der Regisseur das alles hier erschreckend ernst nimmt. Kitschig, unlustig und voller Klischees – „Stadtlandliebe“ ist Kreuzpaintners mit Abstand schlechtester Film.

„Stadtlandliebe“ ist ab dem 7. Juli bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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