Rockabilly Requiem

Das Traurige am deutschen Film ist, dass angesichts nur geringer Kopienanzahlen Perlen wie ROCKABILLY REQIUEM unbeachtet bleiben. Dabei erzählt das Werk von Till Müller-Edenborn eine Geschichte, die die klassische Hollywood-Dramaturgie eines Coming-of-Age-Dramas ad absurdum führt. Mehr dazu in meiner Kritik.Rockabilly Reqiuem

Der Plot

BRD 1982: Hubertus (Ben Münchow) und Sebastian (Sebastian Tiede) wollen niemals so werden wie ihre Väter. Die Musik und ihre gemeinsame Liebe zu Punkprinzessin Debbie (Ruby O. Fee) sind die einzigen Möglichkeiten, dem Mief von Bohnerwachs und Spießigkeit zu entkommen. Als eine coole Rockabilly-Band nach einer Vorband für ihre Tournee sucht, ist klar: Das ist die Chance, allen Zwängen zu entfliehen! Doch Hubertus’ Vater (Alexander Hauff) versucht alles, um die musikalischen Gehversuche seines Sohnes zu verhindern. Als sie zum Vorspielen eingeladen werden, eskaliert die Situation.

Kritik

Die Entstehungsgeschichte von „Rockabilly Requiem“ begann vor einigen Jahren bei den Dreharbeiten zum Kinderserienklassiker „Schloss Einstein“: Während eines Unwettereinbruchs mussten die Aufnahmen für eine Weile unterbrochen werden. Im Laufe dieser erzwungenen Drehverzögerung habe sich bei den Darstellern eine große Unruhe aufgebaut, die mit der Zeit in Wut umschlug. Durch derartig intensive Emotionen habe sich Regisseur Till Müller-Edenborn an seine eigene Kindheit zurückerinnert gefühlt. Der Grundstein für das später mit Jörg Bruhn (Kurzfilm „Der Fährmeister“) verfasste Drehbuch sei somit gelegt worden. Wütend geht es zu in „Rockabilly Requiem“, einer Hommage an die Rockabilly-Musik, gleichsam aber auch an das Leben in der BRD der Achtzigerjahre. Die Freunde und Musikerkollegen Sebastian (Sebastian Tiede), Hubertus (Ben Münchow), Eddie (Jeremias Kochorz), Buddie (Roland Schreglmann) und die Punkprinzessin Debbie (Ruby O. Fee) leben für ihre Musik, und finden in ihr zugleich die so ziemlich einzige Möglichkeit, ihr schwieriges Familienleben für ein paar Minuten hinter sich zu lassen. Eines Tages hören Sie über das Radio den Aufruf, dass eine angesagte Rockabilly-Band für ihre anstehenden Gigs eine Vorgruppe sucht. Ein Angebot, wie geschaffen für Sebastian und seine Freunde, für die das der ganz große Erfolg bedeuten könnte und damit der endgültige Ausbruch aus den Engen und Zwängen der nur von Außen heilen Fassade von Bürgerlichkeit. Doch was passiert, wenn sich für die Protagonisten eine derartige Geschichte nicht im letzten Moment zum Guten wendet, präsentiert uns Regisseur Müller-Edenborg hier auf sehr prägnante Art und Weise.

Rockabilly Reqiuem

Es beginnt wie eine von zig cineastischen Erfolgsgeschichten, in denen sich eine Band langsam vom Niemand zur ganz großen Nummer hochmusizieren darf (aktuell ist „Sing Street“ nur eines von unzähligen Beispielen). Normalerweise dienen derartige Storys hauptsächlich der Message, dass man alles erreichen kann, wenn man nur fest dran glaubt. Doch was ist, wenn das pure Glauben an das Erreichen des eigenen Ziel nicht ausreicht? Es dauert nicht lange, bis der Zuschauer begreift, dass das Happy-End hier alles andere als zum Greifen nah ist. Die ersten 15 Minuten widmet sich Till Müller-Edenborn ausschließlich der Band, die den vielsagenden Namen Rebels trägt; dargestellt von großartigen Jungdarstellern, denen spätestens mit ihrer Performance in „Rockabilly Requiem“ sämtliche Türen zu weiteren einprägsamen Rollen offen stehen werden. Aus dem Off erzählt Mauerblümchen Sebastian davon, wie die Gruppe zusammenfand, warum er eigentlich überhaupt nicht zu ihr passt, davon, wie er vor Monaten mit der bezaubernden Debbie anbandelte und betont dabei immer wieder den Traum der Jungs, endlich erfolgreich zu werden. Nicht, weil ihnen der Fame so wichtig wäre, sondern weil es ganz einfach zu verlockend ist, ausgerechnet mit Punkmusik ihren Familien zu entfliehen. Wenn die Freunde des Nachts schließlich laut lärmend durch die Straßen rennen und Erwachsene anpöbeln, weiß man als Zuschauer aber auch, dass man es hier nicht mit braven Jugendlichen zu tun hat, sondern mit rotznäsigen Rebellen, die um alles in der Welt gegen die gelebte Spießigkeit ihrer Eltern aufbegehren wollen. Damit fällt es mitunter schwer, den Protagonisten Sympathien abzugewinnen. Doch das ändert sich schnell. Mit dem Auftauchen von Hubertus‘ Vater (angsteinflößend: Alexander Hauff), der seinen Sohn bei jeder Gelegenheit windelweich prügelt, wechselt der Tonfall von „Rockabilly Requiem“ nämlich schlagartig und für viele sicherlich auch auf eine ziemlich brachiale Weise überraschend.

Doch nicht nur in Hubertus‘ Familie sind Gewalt und Streit an der Tagesordnung. Sebastians Zuhause wird von Verwahrlosung und sozialem Missstand dominiert. Drogen, Gewalt, Kindesmisshandlung: Womit sich der junge Mann und seine noch wesentlich jüngere Schwester hier Tag für Tag auseinander setzen müssen, ist für den Zuschauer bisweilen nur schwer erträglich, bildet zu der Leichtigkeit, die innerhalb der musikalischen Momente dominiert, jedoch eine solch emotionale Diskrepanz, dass genau hieraus der Reiz entsteht. Auf der einen Seite steht der unbedingte Traum vom Ruhm, in der Musik der einzige Zufluchtsort für die eigentlich so furchtlosen Jugendlcihen steht. Auf der anderen Seite sind da die niederschmetternden Vorkommnisse im Zuhause der beiden Jungen. Beide Elemente sind dramaturgisch und emotional äußerst intensiv. Dass der Film dadurch aber auch seinen Fokus der Rockabilly-Musik-Hommage verliert, trägt nur zur Unberechenbarkeit ob des Ausgangs der Geschichte bei. Je weiter diese nämlich voran schreitet, desto mehr kristallisiert sich auch heraus, dass man hier nicht davon ausgehen sollte, dass die Romantik eines Coming-of-Ages-Filmes hier besonders zum Tragen kommt. Dazu scheinen Regisseur Till Müller-Edenborn und Autor Jörg Bruhn einfach viel zu realistisch zu sein.

Sebastian, Debbie und Hubertus genießen ihr Leben abseits der zuhause vorherrschenden Spießbürgerlichkeit

Fazit: Wer mit „Rockabilly Reqiuem“ einen musikalischen Streifzug durch die Zeit von Elvis und Co. erwartet, wird trotz eines fetzigen Soundtracks enttäuscht. Stattdessen gelingt Till Müller-Edenborn mit seinem Langfilmdebüt ein mit der Zeit immer tragischeres Familiendrama, dessen unberechenbare Entwicklung in ein höchst niederschmetterndes Finale mündet, das noch lange nachhallt.

„Rockabilly Reqiuem“ ist ab dem 9. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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