Der kleine Prinz

Die Geschichte vom Anfang der Vierzigerjahre veröffentlichten Roman DER KLEINE PRINZ wurde schon vielfach auf ganz unterschiedliche Art und Weise an das Publikum herangetragen. Nun versucht sich Regisseur Mark Osborne einmal mehr an einem 3D-Animationsfilm und versteht seine Produktion dabei mehr als eine Verbeugung denn eine ausschließliche Zeitgeistanpassung. Mehr zum Film in meiner Kritik.Der kleine Prinz

Der Plot

Ein exzentrischer und doch liebenswerter Tüftler und ehemaliger Pilot lernt ein kleines Mädchen kennen, das erst vor kurzem mit seiner sehr erwachsenen Mutter ins Nachbarhaus gezogen ist. Durch ein Buch und die Zeichnungen des Fliegers erfährt das Mädchen, wie er einst in der Wüste notlanden musste und dort den kleinen Prinzen kennenlernte, einen seltsamen Jungen von einem entfernten Planeten. Die Erlebnisse des Fliegers und die Geschichte des kleinen Prinzen, der andere Welten bereist, lässt das kleine Mädchen und den Flieger sich miteinander anfreunden und gemeinsam erleben die beiden ein außergewöhnliches Abenteuer. Auf diese Weise lernt das Mädchen seine Fantasie einzusetzen und sich wieder wie ein normales Kind zu verhalten, das durch die strengen Regeln seiner Mutter schon fast vergessen hat, wie das eigentlich geht…

Kritik

Es ist in den vergangenen Jahren fast aus der Mode gekommen, bekannte Werke der Literatur als Vorlage für familiengerechte Animationsfilme zu nutzen. Disney und Pixar, Dreamworks und Co. setzen vorzugsweise auf eigens erdachte Franchises („Toy Story“, „Findet Nemo“, „Madagaskar“), während Ausnahmen wie „Die Eiskönigin“ (basierend auf Hans Christian Andersens „Die Schneekönigin“) oder die „Der Froschkönig“-Interpretation „Küss den Frosch“ die Regel bestätigen. Da wirkt ein Film, der sich als Verbeugung vor Antoine de Saint-Exupérys Roman „Der kleine Prinz“ versteht, direkt wie ein Fremdkörper in der ansonsten so hypermodernen Animationsfilmwelt. Doch auch vor der 1942 veröffentlichten Geschichte über die emotionslose Erwachsenenwelt macht der Verjüngungswahn nicht Halt. „Kung Fu Panda“-Regisseur Mark Osborne erzählt nicht einfach nur die bekannte Geschichte des kleinen Prinzen nach, sondern bettet sie, als Rückblenden erzählt, in einen modernen Plot ein, der sich als Kommentar auf die heutige Zeit versteht, in der Helikoptermütter ihre Nachkommen schon vom Kleinkindalter an in Sprach- und Musikkurse drängen und dabei vergessen, ihre Zöglinge auch mal für einen Moment Kind sein zu lassen. Insofern ist „Der kleine Prinz“ in seiner Thematik aktueller denn je und auch aus der Sicht der Animation grenzen die Macher ihre beiden Handlungsstränge stilsicher voneinander ab. Trotzdem erweist sich die 2015-er-Variante von „Der kleine Prinz“ als ambivalentes und nicht immer ganz trittsicheres Unterfangen.

Der kleine Prinz

Normalerweise erzählt „Der kleine Prinz“ ausschließlich die Geschichte ebenjenes kleinen Prinzen, der auf einem Planeten lebt, der kaum größer ist als er selbst und der sich schließlich aufmacht, jene Himmelskörper zu erkunden, die sich in seinem Universum befinden. Hier trifft er auf ganz unterschiedliche Zeitgenossen, die allesamt Angewohnheiten einer anonymen, gefühlskalten Erwachsenenwelt repräsentieren, wie sie sich die Kinder – Hauptzielgruppe des Romans – diese wohl vorstellen. Mark Osborne und sein Team, die ihre Nacherzählung als Hommage an das Original und nicht als simple Zeitgeistanpassung verstehen, wollen sich auf diese subtile Symbolik nicht verlassen. Schon ihr Hauptplot zeichnet die Unterschiede zwischen „Kinder- und Erwachsenenwelt“ ziemlich deutlich nach. Die drei Hauptfiguren, das kleine (im Stile der Romanvorlage übrigens namenlos bleibende) Mädchen, die Mutter und der Pilot entsprechen allesamt standardisierten Figurentypen, bei denen eine genaue Interpretation angesichts der Reißbrettcharakteristika vollkommen überflüssig ist. Jeder erfüllt seine vorgezeichnete Bestimmung; eine sensible Charakterisierung sieht anders aus. Trotzdem wird sich „Der kleine Prinz“ somit einem breiteren Publikum erschließen. Die das Buch so bekannt gemachte Poesie und die ethisch-philosophischen Ansätze finden sich nämlich nicht in der Rahmenhandlung, sondern nach wie vor in den Rückblenden, die direkt dem Roman entlehnt sind und glücklicherweise auch das Herzstück des Films ausmachen.

Trotzdem lässt der Plot im filmischen Hier und Jetzt gerade die jüngeren Zuschauer dem Geschehen wesentlich leichter folgen. Die eigentliche, deutlich subtilere und obendrein auch sichtbar aufwändiger animierten Rückblenden treffen die Aussage des Buchs viel besser. Sie sagen sich von einer stringenten Dramaturgie los und stecken voller Symbolik. Darunter hat das zuvor eingeführte, geordnete Narrativ zwar sichtbar zu leiden, sodass „Der kleine Prinz“ nicht selten in zwei Teile zerfällt. Darüber hinaus sind beide Erzählebenen für sich genommen interessant und ergänzen einander treffsicher. Dass die Rahmenhandlung auf einen Animationsstil baut, der mehr an ein nicht ganz die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit ausnutzendes Computerspiel erinnert, ist schade, unterstreicht in seinen entsättigten Farben und den kantigen Linien allerdings die Kernaussage der vollkommen frei von jedweder Fantasie und Schönheit seienden Moderne. Die Rückblenden entführen den Zuschauer in eine wunderschöne Welt, die sich in ihrer Animation anschaut, als wäre sie aus filigranen Papierskulpturen geschaffen. Sie bildet einen berauschenden Kontrast zum Grau-in-Grau im Hier und Jetzt und lädt – im wahrsten Sinne des Wortes – zum Träumen ein.

Die Rückblenden in "Der kleine Prinz" erwecken den Eindruck, aus Papier gefertigt zu sein.

Die Rückblenden in „Der kleine Prinz“ erwecken den Eindruck, aus Papier gefertigt zu sein.

Das geldgebende Studio Warner Bros. wirbt im deutschen Raum mit der Verpflichtung der beiden Star-Schauspieler Til Schweiger („Honig im Kopf“) und Matthias Schweighöfer („Der Nanny“), die dem kleinen Prinzen und dem Fuchs jeweils ihre Stimmen leihen. Wer sich ausgerechnet dadurch nun zu einer ablehnenden Haltung gegenüber „Der kleine Prinz“ animiert sieht, der sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass dies überhaupt nicht nötig ist. Schon in Disneys „Hercules“ hat sich Schweiger als angenehm-authentischer Synchronsprecher erwiesen und auch Schweighöfer bewies sich als Sprecher bereits im Rahmen des 3D-Animationsfilmes „Das magische Haus“. Dass nun ausgerechnet mit diesen beiden Herren ihrer Zunft auf dem Plakat geworben wird, ist lediglich im Hinblick auf die ihnen vergönnte Screentime ein kleines Ärgernis. Während Schweiger erst in den letzten 20 Minuten sein Können beweisen kann, bekommt man von seinem Kollegen gerade einmal ein paar Sätze zu hören. Das ist schade, allerdings auch dem Skript geschuldet, die für beide Figuren nun mal nicht mehr Zeit einräumt, als sie in „Der kleine Prinz“ zugestanden bekommen.

Der kleine Prinz

Auf der Zielgeraden von „Der kleine Prinz“ verzetteln sich die Macher dann leider noch das ein oder andere Mal in Sachen Stringenz. Sie sagen sich in einem äußerst lauten, den Tonfall der Vorlage leider überhaupt nicht treffenden Finale stark von den sich selbst vorab auferlegten Regeln los und schicken ihre Helden in eine (wenn auch kleine) Schlussschlacht, wie man es sonst nur vom klassischen Hollywood-Blockbuster kennt. Das hätte nicht sein müssen. „Der kleine Prinz“ ist bekannt für solch rührende Weisheiten wie „Wenn man einmal gezähmt wurde, dann weint man schneller!“ oder ebenjenem berühmten Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“, das wohl zu den meistgewählten Sprüchen in Poesiealben gehört. Mark Osborne und sein Autorenduo Irena Brignull („Die Boxtrolls“) sowie Bob Persichetti (wirkte bereits an Filmen wie „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Mulan“ mit) räumen auch diesen stillen Momenten den notwendigen Platz ein, doch leider stehen sie im direkten Kontrast zu sehr lauten Szenen, die sich gerade für die jüngeren Zuschauer als einen Tick zu aufregend erweisen könnten. So ist „Der kleine Prinz“ mit seiner modernen Dramaturgie, der atemberaubenden Animation und seiner zeitlosen Poesie immer noch mehr als einen Blick wert, bleibt dabei jedoch auch merklich hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Fazit: Trotz liegengelassenem Potenzial bei der klassischen 3D-Animation und einem etwas zu lauten Finale – „Der kleine Prinz“ ist genau so geworden, wie seine Vorlage: zeitlos.

„Der kleine Prinz“ ist ab dem 12. Dezember bundesweit in den Kinos zu sehen – auch in 3D!

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