Desaster

Der deutsche Tarantino heißt Justus von Dohnányi. Gemeinsam mit seinen Kollegen Jan Josef Liefers und Stefan Kurt präsentiert er dem deutschen Kinopublikum ab dem 16. Juli die pechschwarze Gangsterposse DESASTER und damit ein verflucht geiles Dreckstück von Film. Kultpotenzial: hoch! Mehr dazu in meiner Kritik.

Desaster

Der Plot

Saint-Tropez: zwei alternde Profikiller am Strand. Ihr Auftrag? Einen Schweizer Anwalt beschützen. Sein Name: Dr. Jürg Würsch (Stefan Kurt). Dieser ist nach Südfrankreich gereist. Gegen Belohnung soll er dem skrupellosen Gangsterboss Mischa (Milan Peschel) Justizgeheimnisse verraten. Und obendrein erhofft sich Würsch ein kleines Schäferstündchen mit Mischas attraktiver Gattin Lydia (Anna Loos). Der Haken? Würsch weiß nicht, dass Lydia ein doppeltes Spiel spielt. Mischa und Lydia wiederum wissen nicht, dass der Anwalt ebenfalls eigene Pläne verfolgt und genau deshalb zu seinem Schutz die beiden Profikiller Ed (Justus von Dohnányi) und Mace (Jan Josef Liefers) angeheuert hat. Dumm nur, dass sich Ed als penetranter Macho-Proll herausstellt und den Plan von Würsch durch sein dämliches Verhalten völlig durcheinander bringt. Niemand spielt mit offenen Karten. Intrigen werden gesponnen, Fallen werden gestellt. Als Ed aus Versehen Mischas Mutter (Angela Winkler) von der Brüstung der Finka schubst, nimmt das Desaster unaufhaltsam seinen Lauf. Nur so viel ist klar: Hier hat jeder Dreck am Stecken.

Kritik

Alles lief nach Plan. Aber der Plan war kacke. Der Claim der pechschwarzen, deutschen Gangsterkomödie „Desaster“ ist Programm, denn das, was Ausnahmeregisseur und -Schauspieler Justus von Dohnányi („Die Frau in Gold“) in seiner eineinhalbstündigen Tour de Force an tarantinoesken Ideen und Dialogen abfeuert, ließe sich nicht treffender als das kinematographische Abbild von Murphys Gesetz beschreiben. Mit einem Budget von gerade einmal 700.000 Euro (!), was in etwa der Hälfte einer herkömmlichen „Tatort“-Folge entspricht, inszenieren Von Dohnányi und seine Crew aus Jan Josef Liefers (Hauptrolle und Ko-Produzent) sowie Stefan Kurt (Nebenrolle und Ko-Produzent) ein Feuerwerk des kultpotenziellen Schabernacks. Immer ganz nah dran an stilistischen Vorbildern wie Robert Rodriguez („Irgendwann in Mexiko“) und Martin McDonagh („7 Psychos“) beweist „Desaster“ etwas, was Kino-Deutschland partout nicht wahrhaben will, obwohl Filme wie der Hauptstadt-Epos „Victoria“ oder die überdrehte, jedoch nicht minder aufrüttelnde Nazi-Groteske „Heil“ aktuell genau das Gegenteil darbieten: Das deutsche Genrekino ist nicht tot, es ist als qualitativer Auswuchs der von dramatischen Weltkriegsstoffen und lieblichen RomComs überrannten Kinokultur nur schlichtweg unterrepräsentiert. Vermutlich wird auch „Desaster“ das altbekannte Schicksal des „ferner liefen“-Kinostarts ereilen, denn trotz namhafter Besetzung und einem Look, der gefälligst auf die große Leinwand gehört, sagen die bereits erwähnten Produktionskosten vor allem eines aus: Für ausgeklügelte PR-Strategien ist kaum Platz. Doch wenn in der heutigen (Medien-)Welt eines nicht zu unterschätzen ist, dann ist es der Wert guter Mundpropaganda. Und diese könnte im Fall von „Desaster“ tatsächlich zu Hochformen finden, denn ein solch unverschämt vergnügliches Macho-Abenteuer hat es im deutschen Kino bislang noch nicht gegeben.

Desaster

Die Inhaltsbeschreibung kündigt ein Versprechen an, das der Film in vollem Umfang einlöst: Die Story ist so ziemlich das Letzte, was hier im Mittelpunkt steht. Dies bedeutet nicht, dass Von Dohnányi, der sowohl auf dem Regiestuhl platznahm, als auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, in irgendeiner Form ungenau vorgegangen wäre. Im Gegenteil. Vielmehr setzt der Teilzeitfilmemacher die Prioritäten nach eigenem Gutdünken, ohne sich jedweder Form der Konstanz zu unterwerfen. Epilog? Klimax? Höhepunkt und Finale? Derartige Faktoren, die innerhalb des konventionellen Storytellings von nicht geringer Relevanz sind, finden im Aufbau von „Desaster“ allenfalls bruchstückhaft statt. Was sich dadurch ergibt, ist nicht bloß ein durch und durch von Anarchie geprägtes Erscheinungsbild (Justus von Dohnányi: „Nachdem der Rahmen vom Regisseur gesteckt ist […], kann/soll sich der Schauspieler seinen Freiraum nehmen und loslegen!“), sondern allen voran eine ebenso wenig durchdringbare wie vorhersagbare Ausgangslage. Von der ersten Szene an lädt „Desaster“ den Zuschauer dazu ein, sich wie ein zusätzlicher Teil des kuriosen Gangster-Duos zu fühlen. Dass die Handlungen der exzentrischen Killer Ed und Mace dabei nicht immer nachvollziehbar sind, stört allenfalls jene Zuschauer, deren Filmleidenschaft nicht über die Werke eines Til Schweiger hinausgeht. Einen bunt gemixten Soundtrack und hollywoodtaugliche Bilder liefert zwar auch „Desaster“, doch an einem mangelt es der pulsierenden Gangsterposse dann doch: sympathische Figuren.

Ohne jene, möchte der geneigte Kinozuschauer meinen, kann ein Film doch eigentlich nicht funktionieren. „Kann er doch!“, behauptet die Verfasserin dieser Zeilen, die hinzufügen möchte, dass „Desaster“ in den Vorabvorstellungen für die Presse durchgehend gespalten aufgenommen wurde. Während sich die Herren der Schöpfung an den Eskapaden der Ganovenrotte kaum sattsehen konnten, hielten sich die Damen mit ihrem Lob zurück. Ein Beweis für die „Desaster“-Einordnung als eine Art „Männerfilm“, denn sowohl vor als auch hinter der Leinwand zeichnet vorzugsweise das „starke Geschlecht“ verantwortlich. Die Ausnahme von der Regel bildet die Rolle von Anna Loos („Anatomie“) als verführerische Femme Fatale, die sich ihrem heißblütigen Image jedoch nicht unterwirft, sondern ihre ganz eigenen, durchaus feministisch geprägten Pläne schmiedet. Bis es soweit ist, stehen allerdings die philosophischen Ausschweifungen Von Dohnányies sowie die pragmatischen Lebensentwürfe Liefers‘ im Mittelpunkt. Es wäre zu simpel, die Figurenzeichnungen beider mit bereits existenten Hollywoodcharakteren zu vergleichen; Clive Owens verboten cooler Karottenliebhaber Smith aus Michael Davis‘ Kult-Actioner „Shoot ‘Em Up“ könnte noch als einer der Ersten für einen direkten Vergleich taugen, doch im Grunde verbietet es die Originalität von „Desaster“, Ed und Mace lediglich als Abwandlung bekannter Schurkenfiguren zu betrachten. Jan Josef Liefers und Justus von Dohnányie machen ihre markanten Antihelden zu einzigartigen, nicht selten an der Grenze zur Karikatur schrammenden Kunstfiguren, die mithilfe knackiger One-Liner das Zeug haben, in wenigen Jahren Kult zu sein. Stefan Kurt (demnächst auch in „Ich und Kaminski“ zu sehen) brilliert als in Extremsituationen seiner Schweizer Herkunft verfallene Anwalt, dessen kaum einschätzbare Aura durchaus Anlass zu der Frage gibt, wie sehr man seiner Figur vertrauen kann, und Milan Peschel („Schlussmacher“) beweist, dass er entgegen seines zuletzt bevorzugten Tollpatsch-Typus weitaus besser besetzt ist, wenn auch er endlich einmal von der Leine gelassen wird.

Desaster

Trotz einer insgesamt sehr hohen Gagdichte ist jedoch auch „Desaster“ nicht davor gefeit, die eine oder andere Pointe durchaus zu versemmeln. Doch anstatt die üblichen Faktoren für derartige Faux Pas zurate zu ziehen, die sich bisweilen in einem mangelnden Timing-Verständnis wiederfinden oder in der simplen Erklärung, Regisseur und Drehbuchautor würden Dinge witzig finden, die dem Publikum vollends abgehen, so liegt hier der Eindruck nahe, Justus von Dohnányi hätte sich der Authentizität wegen immer mal wieder bewusst zurückgehalten, um aus „Desaster“ keine herkömmliche Sketch-Parade zu machen. Dafür ist die Krimikomödie technisch von einem wesentlich ausufernderen Stil geprägt und verlässt sich auf Musik und Kameraarbeit als äußerst relevante Erzählmechanismen. Wenn Milan Peschel zu dröhnendem Heavy Metal durch einen spärlich beleuchteten Autobahntunnel fährt, kann ein derartiges Bild nur dann zur vollen Entfaltung finden, wenn sämtliche Faktoren im Einklang sind. Peschels Gestus, die aggressiven, jedoch nicht minder paralysierenden Bass- und Gitarrenklänge sowie die fiebrige Bildsprache treiben das Tempo in derartigen Szenen bis zum Anschlag hoch und knallen dem Zuschauer die kompromisslose „Alles ist möglich“-Intention voll in die Fresse. „Desaster“ ist keine Spazierfahrt und nimmt auf Nichts und Niemanden Rücksicht. Und genau deshalb hat die deutsche Kinolandschaft diesen Film so dringend gebraucht.

Fazit: St. Tropez sehen… und Sterben! – Mit Anleihen an die Kultklassiker von Tarantino, Rodriguez und McDonagh beweisen sich Justus von Dohnányi und sein Team als die Enfants Terrible des deutschen Gangsterkinos. Davon wollen wir mehr sehen!

„Desaster“ ist ab dem 16. Juli in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

8 Kommentare

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s