Die Liebe seines Lebens

Anfang des Jahres lieferte Angelina Jolie mit ihrem vermeintlichen Award-Favoriten „Unbroken“ ein Paradebeispiel für mit falschem Pathos aufgeladenes Tränenzieherkino. Der weitaus weniger prominente Filmemacher Jonathan Templitzky beweist mit DIE LIEBE SEINES LEBENS, dass man ein und dasselbe Thema auch wesentlich authentischer inszenieren kann. Sein Kriegsdrama ist ein kleines Highlight im bisherigen Kinojahr. Mehr dazu in meiner Kritik.

Die Liebe Seines Lebens

Der Plot

Eric Lomax (Colin Firth) ist kein Mann der vielen Worte. Züge und Bahnstrecken interessieren ihn mehr als Menschen, und auch das Lachen gehört nicht zu seinen Stärken. Das ändert sich, als er die ebenso schöne wie warmherzige Krankenschwester Patti (Nicole Kidman) kennen lernt. Die beiden verlieben sich, und zum ersten Mal seit vielen Jahren hält das Glück Einzug in Erics Leben. Zwar spürt Patti, dass ihm etwas auf der Seele lastet, aber sie wagt es nicht, Eric damit zu konfrontieren. Doch auch nach der Hochzeit kann Eric sich nicht öffnen. Er wird von Alpträumen geplagt und verschließt sich ausgerechnet vor der Liebe seines Lebens. Erst Erics alter Freund Finlay (Stellan Skarsgård) erzählt Patti, was ihren Mann quält: Es sind die düsteren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, als die beiden britischen Soldaten in japanische Gefangenschaft gerieten und als Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen beim Bau der Eisenbahn von Birma nach Thailand mitwirken mussten. Patti nimmt sich vor, Eric ein für allemal zu erlösen. Doch als Eric erfährt, dass sein einstiger Peiniger Nagase (Hiroyuki Sanada) noch am Leben ist, bricht er voller Hass und Rachegefühle auf in Richtung Thailand. Eine Reise, die ihn für immer verändern wird.

Kritik

„Die Liebe seines Lebens“: ein Filmtitel, wie ihn sich Nicholas Sparks nicht besser hätte ausdenken können. Doch einmal mehr führt die deutsche Filmtitelpolitik die potenziellen Kinogänger an der Nase herum. Obwohl sich auch die PR-Abteilung mit der Gestaltung ihres Posters sichtbar Mühe gegeben hat, den Eindruck zu erwecken, bei dem Kriegsdrama handele es sich um eine waschechte Romanze, so erfasst der Originaltitel den Inhalt von Jonathan Templitzkys neuestem Werk doch wesentlich treffender. Unter „The Railway Man“ ist das auf dem gleichnamigen Roman basierende Biopic über die hiesigen Grenzen hinaus tituliert, denn mit ebenjener Liebe seines Lebens beschreibt die Produktion nur in Teilen die zwischenmenschliche Faszination Eric Lomax‘ für seine Frau, sondern allen voran die Leidenschaft des Schotten, die er dem Thema Eisenbahn gegenüber hegt. Das Schicksal des im Oktober 2012 verstorbenen Offiziers Eric Lomax ist in Großbritannien, einem der Produktionsländer des Films, weitaus bekannter als hierzulande; mit ein Grund, weshalb sich Regisseur Templitzky („Broadchurch“) für sein neuestes Werk seiner Lebensgeschichte annahm. Damit geht der Filmemacher den nahezu identischen Weg, den auch seine Kollegin, die Schauspielerin und Teilzeit-Regisseurin Angelina Jolie, vor Kurzem verfolgte. Doch Templitzky liefert mit „Die Liebe seines Lebens“ nicht etwa die weniger beachtete, entsprechend unauffälligere und dadurch schwächere Variante von Jolies „Unbroken“ ab, sondern die weitaus bessere. Der Regisseur setzt auf ehrliche Emotionen anstatt auf hollywoodtaugliche Gefühlsduselei und distanziert sich merklich von etwaiger Zuschauermanipulation. Vor allem aber ist sein Herzensprojekt ein Schauspielerfilm – und der britische Edelmime Colin Firth („Kingsman: The Secret Service“) ein Geschenk für einen solch subtil agierenden Charakter wie Eric Lomax einst einer war.

Die Liebe seines Lebens

Templitzkys Film basiert auf den Memoiren der Hauptfigur, die Schauspieler Colin Firth und seine Kollegin Nicole Kidman („Ich. Darf. Nicht. Schlafen“) im Rahmen der Dreharbeiten persönlich kennenlernen durften. Firth‘ Respekt vor der Geschichte und dem Schicksal seiner zu verkörpernden Figur ist der Darbietung des Akteurs anzumerken. Zurückhaltend, fast schon zögerlich fügt sich sein Spiel in das unaufdringliche Erscheinungsbild eines Films, der mit Würde ein Thema aufbereitet, das vor Innovation zwar nicht strotzt, wohl aber vor Authentizität. Sowohl „Die Liebe seines Lebens“ als auch „Unbroken“ eint nicht bloß dieselbe Regie-Intention, sondern auch weite Teile des Inhalts. Wenngleich sich das wahre Schicksal der Menschen, die in den beiden Filmen aufbereitet werden, unterscheidet, so sind die Parallelen ebenjener doch nicht aus von der Hand zu weisen: Im Mittelpunkt steht nicht nur ein (männlicher), tragischer „Held“, sondern auch ein und dasselbe Ereignis. Sowohl Eric Lomax als auch der in „Unbroken“ die Story tragende Louis Zamperini befanden sich während des Zweiten Weltkrieges in japanischer Kriegsgefangenschaft. Das Verfassen von Memoiren avancierte für beide zu einer Art Vermächtnis, das Menschen beeindruckte und vielen Lesern Mut machte.

Anders als in „Unbroken“, in welchem Angelina Jolie ihren Protagonisten zu einem jesusgleichen Heroen hochstilisierte, befasst sich Templitzky mit den Momenten, für die im Rahmen von Spielberg’schem Pathos kein Platz ist. Eric Lomax hat die Gefangenschaft und Folter körperlich längst hinter sich gelassen, wird im Hier und Jetzt jedoch noch immer von ihn überwältigenden Albträumen und Wahnvorstellungen heimgesucht. Zwar besteht „Die Liebe seines Lebens“ zu gleichen Anteilen aus Rückblenden und Szenen in der Gegenwart, doch der Regisseur interessiert sich nicht für das was war und legt den inszenatorischen Fokus auf den Ist-Zustand. Der von den Drehbuchautoren Frank Cottrell Boyce („Dr. Who“) und Andy Paterson („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) fast schon zaghaft gezeichnete Eric ist kein Held, bloß weil es ihm gelang, den Qualen der Japaner zu entkommen. Auch das Kämpfer-Dasein hat der stille Schotte längst hinter sich gelassen. Zu sehr haben die Ereignisse seine Seele verdunkelt, ihn innerlich gebrochen.

Die Liebe seines Lebens

Templitzky bewegt sich mit „The Railway Man“ bewusst weg vom positiv assoziierten Drama-Kino, wie es im optimistisch geprägten Hollywood vorherrschend ist. So wundert es kaum, dass sein Film oft bedrückt, gleichsam ist der Regisseur viel freier in der Wahl seines Tonfalls. Hier und da erlaubt er sich einen augenzwinkernden Spruch, die Interaktion von Colin Firth und Nicole Kidman ist lange von gegenseitigen Neckereien geprägt, bis sich das Skript – leider ein wenig zu spät – endlich mit der emotionalen Aufbereitung von Eric Lomax‘ Vergangenheit auseinandersetzt. So gewinnt man nicht nur mit der Zeit den Eindruck, es ginge Templizky zu keinem Moment um so etwas wie Awardbaiting, sondern um die Story selbst. Dazu passt auch der Umgang mit dem lange Zeit als Antagonisten gezeichneten Talashi Nagase, der zu den Peinigern Lomax‘ gehört. Templitzky scheut den Umgang mit der mehrschichtigen Betrachtungsweise nicht und bietet schließlich auch das Publikum um Vergebung. Die Grundehrlichkeit von „Die Liebe seines Lebens“ greift bis ins Finale über, das beweist, wie man die Botschaft effektiv darbietet, an der „Unbroken“ zuletzt gescheitert ist. „Man muss vergeben, um zu vergessen!“: Was plakativ klingt, macht Collin Firth greifbar – die beeindruckende Quintessenz eines noch viel beeindruckenderen Filmes. Sogar die technische Gestaltung fügt sich in Gänze dem zurückhaltenden Grundgedanken des Regisseurs. Sowohl Kameramann Gary Phillips („Burning Man“) als auch Komponist David Hirschfelder („Das Versprechen eines Lebens“) setzen auf Subtilität in ihrer Arbeit.

Fazit: Das Kriegsdrama „Die Liebe seines Lebens“ erzählt mit viel Fingerspitzengefühl von den seelischen Qualen eines liebevollen Menschen, dem Colin Firth mit seiner kraftvollen Performance ein vielschichtiges Profil verleiht. Am Ende des Films steht schließlich, die beim Zuschauer noch lange nachwirken wird. So und nicht anders geht bewegendes Historienkino!

„Die Liebe seines Lebens“ ist ab dem 25. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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