Kneecap

Der irische Oscar-Beitrag KNEECAP erzählt von dem Aufstieg einer Irisch rappenden Musikerformation, die sich mit ihren rebellischen Texten dem englischen Establishment entgegengesetzt. Herausgekommen ist ein raues, jedoch nicht minder  leidenschaftliches Musikerporträt, das Erinnerungen an „Trainspotting“ weckt.

OT: Kneecap (IE/UK 2024)

Darum geht’s

Ihr erstes Aufeinandertreffen haben Liam (Liam Óg als er selbst) und der Irisch-Lehrer JJ (DJ Próvai als er selbst) auf einer Polizeistation. Hier soll JJ für eine englischsprachige Polizistin (Josie Walker) dolmetschen, denn angeblich spricht Liam nur Irisch. Zwischen den beiden Männern entsteht schnell eine ungeahnte Verbindung. Als JJ in Liams Notizbuch rebellische Songtexte gegen das britische Establishment entdeckt, ist sein Ehrgeiz geweckt. Er lernt Liams Kumpel Móglai alias Noise (Móglaí Bap als er selbst) kennen, der gemeinsam mit ihm die Texte geschrieben hat. JJ, der sich fortan DJ Próvai nennt, sieht das Potenzial darin und zu dritt eifern die Musiker einem ungeahnten Erfolg als Gallionsfiguren der irischen Sprache entgegen, gegen den die Polizei, die Politik und das Paramilitär allerdings gehörig etwas einzuwenden haben. Da sind Radioboykotte noch das geringste Problem der Jungs…

Kritik

Manche Geschichten kann man sich nicht ausdenken. Kein Wunder also, dass „Kneecap“ auf wahren Ereignissen beruht. Genauer: auf der Entstehungsgeschichte der gleichnamigen Hip-Hop- und Rapformation, die ihren Ursprung 2017 in Nordirland hat. Ebendiese Entstehungsgeschichte ist wiederum eng mit irischer Tradition und vor allem der irischen Sprache verbunden. Die drei Jungs Liam (Mo Chara), Naoise (Móglaí Bap) und DJ Próvaí (J.J. Ó Dochartaigh) tragen ihre Texte nämlich auf der vom Aussterben bedrohten Sprache Gälisch vor. Denn – das hat Naoises Vater und Widerstandskämpfer Arló (hier gespielt von Michael Fassbender) ihm schon als Kind beigebracht – „jedes irische Wort ist eine abgefeuerte Kugel für die irische Freiheit“. Und da Sprache in „Kneecap“ generell eine sehr wichtige Rolle spielt, werden hier, übrigens auch in der deutschen Synchro, in der lediglich völlig dialektfreies Englisch ins Deutsche übersetzt wird, munter verschiedene Mundarten durcheinander gesprochen, was nebenbei auch viel über die Menschen aussagt, deren Münder sie verlassen. Folglich sind Kneecap bis heute Ikonen der irischen Sprache.

Der Irisch-Lehrer JJ (später DJ Próvai, als er selbst) erkennt das Potenzial in den Texten der Jungs…

Der Bandname Kneecap (zu Deutsch: Kniescheibe) leitet sich vom sogenannten „kneecapping“ ab. Einer innerhalb der IRA durchgeführten Bestrafung in Form eines Schusses in die Kniescheibe. Das verrät es schon: Hier weht ein rauer Wind. Die erste naheliegende Assoziation mit „Kneecap“ ist daher auch Danny Boyles Drogenmilieu-Klassiker „Trainspotting“; Zwar kein irischer, aber immerhin ein schottischer Film über eine Abhängigenclique in Edinburgh. Die von Ewan McGregor angeführte Truppe selbst weist allerdings nicht ganz so viele Parallelen zu den Kneecap-Jungs auf. Ja, auch Liam, Naoise und DJ Próvaí sind dem Drogenkonsum nicht abgeneigt. Mehr noch: Die Einnahme verschiedener Substanzen treibt sie regelmäßig zu kreativen Höhenflügen an. Doch was in „Kneecap“ fehlt, ist so etwas wie der totale Absturz. Die Trips der Jungs verherrlicht das trotzdem nicht automatisch. Ihre Eskapaden haben mitunter auch Konsequenzen. Etwa unnötig aufgeheizte, in ausufernde Streits mündende Diskussionen, die die Band durch die fehlende Harmonie in ihren kreativen Prozessen zurückwerfen. Der hier gezeigte Drogenkonsum ist ein essenzieller Teil der Band-DNA und damit auch deren Erfolges. Sie singen darüber, sie und ihre Fans frönen ihn auf den Konzerten und als Bestandteil ihrer Texte ist es Teil ihrer Rebellion gegen das System. In „Kneecap“ sind Drogen quasi der „Anfang vom Anfang“, in „Trainspotting“ der Anfang vom Ende.

„Liam, Naoise und DJ Próvaí sind dem Drogenkonsum nicht abgeneigt. Mehr noch: Die Einnahme verschiedener Substanzen treibt sie regelmäßig zu kreativen Höhenflügen an. Doch was in ‚Kneecap‘ fehlt, ist so etwas wie der totale Absturz. Die Trips der Jungs verherrlicht das trotzdem nicht automatisch.“

Regisseur und Drehbuchautor Rich Peppiatt („Supershoppers“) kann mit seiner persönlichen Leidenschaft für die Combo nicht hinterm Berg halten. Aus seiner gezielten Auswahl an Momenten der Bandhistorie ergibt sich mit „Kneecap“ vor allem eine Liebeserklärung an den Arbeitseifer der Jungs und ihren unbändigen Willen, neben dem reinen Musikmachen auch noch politische Statements zu setzen. Die logische Konsequenz aus Peppiatts Kneecap-Liebe: Anstatt Schauspieler für die Verkörperung von Liam, Naoise und DJ Próvaí zu casten, besetzte er einfach die Bandmitglieder selbst. Ein hervorragender Schachzug, denn die mitunter sehr komplexen Charaktere lassen sich schwer auf irgendwelche Manierismen festlegen. Alle drei haben Ecken und Kanten sowie tief in sich schlummernde Dämonen, die die echten Musiker am besten aus sich herausbrechen lassen können. Das hat zur Folge, dass sich keiner von ihnen in eine Schublade stecken lässt. Selbst sie als „Sympathieträger“ zu beschreiben, würde ihnen nicht gerecht werden. Denn hin und wieder muss man auch Aktionen und Taten mitansehen, die auf den ersten Blick eher abstoßend wirken (zum Beispiel ihr Umgang mit Frauen). Damit steht „Kneecap“ in der Tradition solcher Biopics wie „Better Man“ oder „Rocketman“, die bereits bewiesen haben, dass das Interesse an den porträtierten Menschen größer ist, je mehr Schwächen der Film ihnen zugesteht.

Liams (Liam Óg) Umgang mit Frauen ist nicht immer ganz so vorbildlich…

Schlussendlich liegt die Sprengkraft von Kneecap vor allem in ihrem eifrigen Einsatz für das Gälische. Der Film spricht der Sprache allgemein eine große Macht zu. Eine der ersten Szenen zeigt beispielsweise ein Verhörszenario, aus dem auch für die Zuschauenden nicht ersichtlich ist, wer hier im Raum eigentlich welche Sprache versteht – oder ob manch einer nur vorgibt, die Mundart des anderen nicht zu kennen, um sich einen kommunikativen Vorteil zu verschaffen. Diese von der Sprache ausgehende Macht lässt sich auch auf die Musik der drei Rapper übertragen. Wie viel von ihren Texten ist kalkulierte Provokation? Wie viel davon spricht ihnen wirklich aus der Seele? Wie können die Bandmitglieder die Macht ihrer Worte für ihre eigenen, vor allem aber auch für den Zusammenhalt der irischen Gesellschaft nutzen? All das sind Fragen, deren Beantwortung gar nicht die Aufgabe von „Kneecap“ ist. Aber sie ergeben wundervolle Subtexte in einem ansonsten so ruppigen Film, der auch ganz ohne den Bezug zur Band oder die zahlreichen Einschübe ihrer Songs einen stimmigen Kommentar darauf abgäbe, dass es an uns allen selbst liegt, eine Sprache zu finden, mit deren Hilfe wird mit anderen auf Augenhöhe kommunizieren können.

„Der Film spricht der Sprache allgemein eine große Macht zu. […] Und diese von der Sprache ausgehende Macht lässt sich auch auf die Musik der drei Rapper übertragen.“

Fazit: Der irische Oscar-Beitrag „Kneecap“ ist ein wildes, sich durch und durch authentisch anfühlendes Musikerbiopic auf den Spuren von „Trainspotting“, das die Sprengkraft der (irischen) Sprache hervorragend zur Geltung bringt.

„Kneecap“ ist ab dem 23. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

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