Thelma

Norwegen schickte in diesem Jahr Joachim Triers Mysterydrama THELMA ins Rennen um den Auslandsoscar. Es wurde noch nicht einmal nominiert – dabei hätte der Film die Konkurrenz ordentlich aufmischen können. Warum, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die schüchterne Thelma (Eili Harboe) verlässt ihr streng religiöses und konservatives Elternhaus in der ländlichen Idylle der norwegischen Wälder, um in Oslo zu studieren. Als sie auf dem Campus ihre Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins) kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden eine starke Anziehungskraft. Zum ersten Mal in ihrem Leben genießt sie die Zwanglosigkeit der Jugend, feiert Partys und entdeckt ihre Weiblichkeit. Doch plötzlich erlebt Thelma epilepsieartige Anfälle und es beschleicht sie der Verdacht, dass mit ihrem Befreiungsschlag auch übersinnliche Fähigkeiten freigesetzt wurden, die in ihrer Familiengeschichte tief verwurzelt sind.

Kritik

Epilepsie ist eine wahrlich unangenehme Krankheit. Das weiß niemand besser, als die Verfasserin dieser Zeilen selbst, die seit über acht Jahren darunter leidet. Doch so unangenehm die Symptome auch für den Betroffenen sein mögen, so faszinierend muten sie doch für viele Unbeteiligte von außen an. Ein völlig unkontrolliert von wilden Zuckungen durchzogener Körper ist einfach ein Anblick, der bei aller Tragik auch etwas Einzigartiges birgt; erst recht, wenn man nicht auf Anhieb weiß, welche körperlichen Anomalien überhaupt dafür verantwortlich sind. Regisseur Joachim Trier („Louder Than Bombs“) macht das auch unter dem Begriff „Fallsucht“ bekannte Leiden nun zu einem entscheidenden Aspekt seines mit Horroranleihen gespickten Mysterydramas „Thelma“, in dem eine junge Frau immer wieder von Krampfanfällen heimgesucht wird. Doch Trier spinnt daraus nicht die x-te Nacherzählung eines dramatischen Krankheitsschicksals. Stattdessen macht er es sich zunutze, dass die Epilepsie zu weniger aufgeklärten Lebzeiten bereits als Gottesstrafe oder dämonischer Angriff gewertet wurde. Der Regisseur und Drehbuchautor kombiniert geschickt den altertümlichen Aberglauben mit moderner Medizin sowie zeitgemäßem Horror und packt noch eine Prise Selbstbestimmungsbotschaft obendrauf. Das Ergebnis ist spektakulär.

Thelma (Eili Harboe) spürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt.

Nach dem Kinobesuch von „Thelma“ möchte man den Film im Affekt als intellektuelle Version eines altbekannten Schauerklassikers bezeichnen. Die Parallelen sind so offensichtlich, dass viele nationale und internationale Feuilletonisten diesen Vergleich auch bereits angestellt haben; wir möchten allerdings darauf verzichten, die Katze jetzt schon aus dem Sack zu lassen, um Niemandem den Spaß an dem subversiven Spiel aus Schein und Sein zu nehmen und verweisen obendrein darauf, sich nicht das deutsche Kinoplakat genauer anzuschauen. Der auf kleine Gesten spezialisierte Norweger Tier (der übrigens absolut nichts mit seinem Fast-Namensvetter Lars von Trier zu tun hat!) erzählt seine Geschichte nämlich sehr behutsam und stellt nur ungern allzu offensichtliche Antworten zur Schau. Schon die Anfangssequenz – die Luftaufnahme eines belebten Univorplatzes – steckt rückblickend voller Details und kleiner Hinweise auf das, was sich in den folgenden zwei Stunden auf der Leinwand ereignet.  Wer hier schon weiß, worauf das Szenario hinauslaufen wird, kann sich nicht annähernd so unvoreingenommen auf das Gezeigte einlassen, wie es sich bei der Geschichte anbietet – und auch der erzählerische Kreis, der zwischen Eröffnungs- und Abspannsequenz geschlossen wird, entfaltet sich ohne Vorwissen nur halb so gut. „Thelma“ beginnt nämlich erst einmal als absolut unspektakuläre Coming-of-Age-Story über ein Mädchen, das sich endlich aus der klammernden Umarmung ihrer tiefreligiösen Eltern befreit und aus dem norwegischen Nirgendwo in die Metropole Oslo zieht.

Wenn das Skript, das neben Joachim Trier selbst auch erneut von seinem Landsmann und Kumpanen Eskil Vogt (die beiden schrieben bereits „Louder Than Bombs“, „Oslo, 31. August“ und „Auf Anfang“ gemeinsam) verfasst wurde, schließlich die sich sukzessive entwickelnde Liebschaft mit der smarten Kommilitonin Anya andeutet, glaubt man, den Schwerpunkt von „Thelma“ ausmachen zu können. Doch da sind ja auch immer noch die von unheilvollen Vorzeichen angekündigten Krampfanfälle der Protagonistin; Und die Krankheit mag Medizinern bis heute zwar immer noch viele Rätsel aufgeben, für plötzlich auftauchende Vogelschwärme, zerberstende Fensterscheiben oder wackelnde Kronleuchter im Zusammenhang mit Epilepsie-Symptomen kann es schlicht und ergreifend keine natürliche Erklärung geben. Ganz langsam tastet sich Joachim Trier in übernatürliche Gefilde vor und macht sich dabei die Unberechenbarkeit der Krankheit selbst zu Eigen: Es braucht lange, bis sich wirklich offenbart, was sich die titelgebende Protagonistin nur einbildet (das Gehirn kann Epilepsie-Patienten vor einem Anfall alle möglichen Streiche spielen) und was tatsächlich unerklärlich ist. Während Trier auf der einen Seite das Seelenleben seiner Hauptfigur seziert, gibt er dem Zuschauer gleichermaßen Einblicke in die komplexe Welt der Krankheitsdiagnostik  (die dabei angewandte Bestrahlung mit Stroboskoplichtern entspricht so übrigens tatsächlich dem gängigen Verfahren, ist aber selbst für gut auf ihre Medikamente eingestellte Epileptiker eine Herausforderung) und lässt beides zu einer Einheit verschmelzen. Den entscheidenden Moment der Erkenntnis, der hier allerdings nicht in Form eines überbordenden Twists, sondern vielmehr durch das sukzessive Offenlegen diverser Geheimnisse geschieht, inszeniert Joachim Trier schließlich angemessen ekstatisch – ganz im Sinne seiner freiheitsliebenden, nach Selbstbestimmung suchenden (und diese schließlich auch findenden) Thelma.

Thelma und ihre Studienkollegin Anya (Kaya Wilkins) fühlen sich zueinander hingezogen.

So klar und deutlich Joachim Trier schließlich das Genre des Mysterythrillers anreißt (ab jenem wichtigen Moment ist einfach klar, dass „Thelma“ nicht länger die Geschichte eines ganz normalen Mädchens ist), so leidenschaftlich ist sein Film auch ein Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frauen und gleichgeschlechtliche Liebe. Mithilfe von geschickter Lichtsetzung, subtil-fieser Musik (Ola Fløttum) und einer schlichten aber stylischen Kameraarbeit (Jakob Ihre) gelingt Trier ein Höchstmaß an beklemmender Atmosphäre, doch so richtig Leben kommt in „Thelma“ erst dank der famosen Hauptdarstellerin(nen). Eili Harboe („The Wave – Die Todeswelle“) ist als Thelma eine Offenbarung und vereint zu jedem Zeitpunkt sämtliche Facetten ihrer mannigfaltigen Hauptfigur. Sie ist gleichermaßen zerbrechlich wie tough, ihre Rebellion gegen die Eltern nimmt man ihr ebenso ab, wie das spätere Zurückkehren und den Zusammenbruch ob diverser unerklärlicher Ereignisse. Auch den Mangel an Erfahrung in Liebesdingen macht Harboe jederzeit greifbar; nicht zuletzt aufgrund ihrer umwerfenden Gegenspielerin Kaya Wilkins, die in „Thelma“ ihre erste Hauptrolle spielt. Die beiden tragen den Film die meiste Zeit über auf ihren Schultern und verhelfen ihm so zu noch mehr Undurchsichtigkeit. Bis zuletzt verzichtet Joachim Trier nämlich darauf, sämtliche offene Fragen direkt zu beantworten. Selbst mit Einsetzen des Abspannes ist da immer noch Einiges, was sich einem auch beim zweiten und dritten Ansehen nicht völlig erschließt. Wie angenehm, dass es im Kino doch noch Platz für das eine oder andere Geheimnis gibt.

Fazit: „Thelma“ ist allein schon deshalb etwas Besonderes, weil Regisseur Joachim Trier nicht den Fehler begeht, die komplette Faszination seiner Hauptfigur entschlüsseln zu wollen. Stattdessen erzählt er einfach eine hochatmosphärisch inszenierte Geschichte über ein Mädchen, das nicht weiß, wie ihm geschieht, als es plötzlich von epileptischen Anfällen durchgeschüttelt wird. Alles Weitere sollte man ohne viel Vorwissen selbst erleben.

„Thelma“ ist ab dem 22. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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