Happy Family

Deutsche Animationsfilme sind eine Seltenheit. Erst recht, was den Erfolg angeht. Und so kann man Holger Tappes HAPPY FAMILY nur wünschen, dass dieser ein wenig mehr Beachtung findet, als die nationale Konkurrenz. Warum, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die Wünschmanns sind alles andere als eine glückliche Familie. Mutter Emmas Buchhandlung schreibt schon seit Monaten tiefrote Zahlen, der völlig überarbeitete Vater Frank leidet unter seinem Chef, das Gehirn der pubertierenden Tochter Fee ist gerade wegen Umbaus geschlossen und der hochintelligente Sohn Max wird in der Schule gemobbt. Doch damit nicht genug: Auf einem Kostümfest verwandelt die Hexe Baba Yaga die gesamte Familie in Monster – Emma wird zur Vampirin, Frank zu Frankenstein, Fee zur Mumie und Max zum Werwolf. Gemeinsam jagt die Monster-Familie die Hexe über den halben Globus, um den Fluch wieder loszuwerden. Auf ihrem Holterdipolter-Trip fetzen sich die Wünschmanns mit einigen echten Monstern, nicht zuletzt mit dem unwiderstehlich charmanten Graf Dracula (Oliver Kalkofe) persönlich, der sich unsterblich (logisch, weil untot!) in Emma verliebt hat.

Kritik

Im vergangenen Jahr stellte die Kinderbuchverfilmung „Mullewapp“ ein echtes Unikat dar. Der Grund: Mit etwas mehr als 300.000 Kinobesuchern, hielt der 3D-animierte Trickfilm als einziger die Flagge in Deutschland produzierter Animationsfilme hoch, die es gegen die üppig budgetierte Konkurrenz aus den USA immer schwerer haben, zu bestehen. Abseits den vereinigten Staaten beehren uns hierzulande ab und an CGI-Produktionen aus Belgien („Robinson Crusoe“), Frankreich („Shaun das Schaf – Der Film“) oder asiatischen Ländern („Die rote Schildkröte“), aber wie auch beim Genrefilm regelmäßig zu beobachten ist, stürmen immer weniger Zuschauer in Filme, die in diesem Land produziert wurden. Im direkten Vergleich erkennt man zumeist auch den Grund, denn visuell kann ein „Ooops! Die Arche ist weg“ nun mal kaum mit dem neuesten Werk aus dem Hause Disney, Pixar, Dreamworks oder Illumination mithalten. Ein Mann hat sich indes in den vergangenen Jahren immer wieder dafür eingesetzt, dass sich auch auf hierzulande endlich sowas wie eine Lobby für deutsche Animationsfilme bildet. Sein Name: Holger Tappe, der in regelmäßigen Abständen aufwändige 3D-Trickfilme realisiert. Nach den durchschnittlichen „Urmel“-Verfilmungen und dem inhaltlich öden „Konferenz der Tiere“ legt er mit „Happy Family“ nun ein charmantes, generationenübergreifendes Leinwandabenteuer vor – sein bisher bestes.

Hat es nicht leicht: Mutter Emma ist mit ihrem Leben überfordert.

„Happy Family“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Erfolgsautor David Safier, der mit Büchern wie „Mieses Karma“ und „Jesus liebt mich“ (wurde vor einigen Jahren mit Florian David Fitz in der Hauptrolle verfilmt) einige moderne Klassiker geschaffen hat. Das besondere an dieser Adaption: Wo sich der fertige Trickfilm bevorzugt an die jüngeren Zuschauer richtet, ist das Buch dazu alles andere als ausschließlich kindgerecht. In „Happy Family“ schildert Safier auf zwar weitestgehend amüsante, wenn auch nie alberne oder gar verklärende Weise von dem sukzessiven Auseinanderdriften einer Familie, in deren Mittelpunkt die gerade scheiternde Ehe eines Paares steht. Eine ziemlich dramatische Ausgangslage, deren Emotionalität im Roman auch dann im Mittelpunkt steht, wenn die Eskapaden um den Fluch der bösen Zauberin längst ihren Lauf nehmen. Für „Happy Family“ nimmt Safier seiner Vorlage ein wenig die Ecken und Kanten – gemeinsam mit Catharina Jung („Die dunkle Seite des Mondes“) steuerte er auch das Drehbuch zum Film bei. Hier existieren die Probleme zwar ebenso, doch spielen sie sich allesamt in einem weitestgehend harmlosen, fast schon amüsanten Rahmen ab, wenn Vater Frank bei Stress plötzlich stinkende Ausdünstungen von sich gibt und Mutter Emma – im wahrsten Sinne des Wortes – von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert.

Unter diesen Voraussetzungen mögen Kenner des Romans der Verfilmung ein wenig die fehlende Reife und den Mangel an Bissigkeit vorwerfen, für einen familientauglichen Abenteuerfilm ist diese Prämisse indes gut geeignet. Denn auch, wenn die Wünschmanns hier nicht ganz so sehr am Verzweifeln sind, wie noch in der Vorlage und die Probleme allesamt lösbar erscheinen, bleibt die Prämisse allein deshalb glaubhaft, weil sie der eigentliche Hauptplot ohne die zerstrittene Familie gar nicht in Gang setzen könnte: Die böse Zauberin Baba Yaga kann die Wünschmanns nämlich nur deshalb verfluchen, weil sie unglücklich sind – und so können sich die fortan als Vampir, Werwolf, Mumie und Zombie durch die Gegend laufenden Zeitgenossen auch nur selbst aus dem Schlamassel ziehen, indem sie endlich wieder zueinander finden. Das offenbart zwar bereits eine recht austauschbare, im Familienkino nur allzu überdominante Botschaft mitsamt sämtlichen „Glaub an Dich selbst!“-Motivationssprüchen und Toleranz-Appellen, doch die Autoren nehmen sich zu Beginn genug Zeit, um selbst noch so abgedroschene Szenen charakterlich zu unterfüttern. In den ersten zwanzig Minuten erfährt man genug, um spätestens im letzten Drittel einfach nur noch mit den Hauptfiguren mitzufiebern. Da wird selbst eine reichlich plakative Szene im Finale, in denen die Wünschmanns erwartungsgemäß doch endlich zueinander finden, ziemlich rührend, denn das sukzessive Wieder-zueinander-Finden gerät hier ebenso glaubhaft, wie der vorab etablierte Dauerzwist.

In der deutschen Version ist Hape Kerkeling als Graf Dracula zu hören.

Trotzdem treffen nicht sämtliche Ideen voll ins Schwarze: Anspielungen auf deutsche Modelcastingshows wirken in dem ansonsten so bodenständigen Szenario völlig fehl am Platz, genau wie die Zeichnung des Schurken Dracula zwar angenehm komplex gerät, doch der zwischen missverstandenem Opfer seiner eigenen Existenz und egoistischem Bösewicht chargierende Blutsauger könnte allzu kleine Zuschauer durchaus überfordern. Selbst wir wussten bis zum Ende des Films immer noch nicht so recht, was wir von dem liebeskranken Untoten nun eigentlich halten sollen. Weitaus gefestigter zeigen wir uns dagegen in unserer Meinung zu den Synchronsprechern: Entertainer Hape Kerkeling („Die Eiskönigin“) zeigt sich als Graf Dracula wieder einmal von seiner besten Seite, während wir von Oliver Kalkofe („Voll verkatert“) als Butler Renfield gern mehr gehört hätten. Auch optisch kann „Happy Family“ überzeugen. Wenn die Familie Wünschmann sowie die tollpatschige Hexe Baba Yaga auf ihrer Leinwandodyssee von Ägypten über Venedig bis hin nach London reisen, sind die animierten Weltstädte in ihrem Detailreichtum schlicht wunderschön anzusehen – auch wenn es schon erstaunlich ist, dass hier selbst in den Touristenhochburgen fast nirgendwo andere Menschen zu sehen sind, als unsere Hauptfigurenfamilie. Doch das sind kleine Schönheitsfehler in einem ansonsten sehr soliden, vor allem aber sympathischen und auch ein klein wenig gruseligen Animationsabenteuer, an dem kleine und nicht mehr ganz so kleine Zuschauer gleichermaßen Spaß haben dürften.

Fazit: „Happy Family“ ist ein kunterbuntes, witziges und an den richtigen Stellen emotionales Familienabenteuer, das mit liebevollen Charakteren, schönen Animationen und einem starken 3D-Effekt punktet. Nach dem mauen „Konferenz der Tiere“ findet Holger Tappe zu alter Stärke zurück und legt hiermit sogar direkt seinen bisher besten Film vor.

„Happy Family“ ist ab dem 24. August in den deutschen Kinos zu sehen – auch in starkem 3D!

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