Das ist unser Land!

Nach dem Vorbild des erschreckenden Siegeszuges von Rechtspopulistin Marine Le Pen erzählt DAS IST UNSER LAND! von einer Frau, die unbemerkt von der falschen Seite der Politik instrumentalisiert wird und dabei fast alles verliert. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Pauline (Émilie Dequenne) arbeitet als Krankenschwester in einer Kleinstadt im strukturschwachen Norden Frankreichs. Sie kümmert sich um ihren Vater und zieht ihre beiden Kinder alleine groß. Sympathisch und aufopferungsvoll wie sie ist, wird sie von allen gemocht. Ihre Glaubwürdigkeit will sich eine aufstrebende nationalistische Partei zu Nutze machen und wirbt sie als Kandidatin für die kommenden Bürgermeisterwahlen an. Der charismatische Arzt Dr. Berthier (André Dussollier) umschmeichelt Pauline und überredet sie zu kandidieren. In ihrem Beruf täglich mit sozialen Missständen konfrontiert, lässt sie sich von seinen populistischen Ansichten mitreißen, in der Hoffnung, in der Lokalpolitik etwas bewirken zu können. Ihr sozialistisch geprägter Vater ist bestürzt über den Gesinnungswandel seiner Tochter. Und diese muss bald erkennen, dass sie nur als hübsches Gesicht der landesweiten Wahlkampagne von Parteichefin Agnès Dorgelle (Catherine Jacob) dienen soll.

Kritik

In einer der letzten Szenen von Lucas Belvaux‘ Politdrama „Das ist unser Land!“ fährt die Kamera über eine in der Abenddämmerung befindliche französische Großstadt, deren Stille lediglich von der frenetisch vorgetragenen Marseillaise – der französischen Nationalhymne – durchbrochen wird. Erst nach und nach erkennen wir, dass die Gesänge zu einem Fußballspiel gehören – offenbar spielt gerade die französische Nationalmannschaft. Für viele gehört die Marseillaise musikalisch gesehen zu den schönsten aller Hymnen, doch nachdem wir rund eine Stunde zuvor schon einmal in den Genuss des „Kriegsliedes für die Rheinarmee“ gekommen sind, gestaltet sich der Genuss diesmal äußerst zweifelhaft. Nicht nur wurde die französische Nationalhymne während einer Kriegserklärung im 18. Jahrhundert verfasst und besitzt einen entsprechend frenetisch-kampfgeistigen Inhalt. Anders als etwa bei der deutschen Nationalhymne, von der heutzutage nur noch die dritte, und nicht wie im Dritten Reich die erste Strophe gesungen wird, hat sich am Text der Marseillaise bis heute nichts geändert. Und so singen die Franzosen bei festlichen Anlässen von vergossenem unreinen Blut, durchgeschnittenen Kehlen und wilden Soldaten. Bei Fußballspielen haben derartige Zeilen heute nur noch symbolischen Wert, die für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stehen. Doch wenn diesen kurz zuvor die rechtspopulistischen Parolen der deutlich an Marine Le Pen angelehnten Parteichefin Agnès Dorgelle vorausgegangen sind, offenbaren die gesungenen Wort in den Augen der leidenschaftlichen Parteimitglieder eine ganz und gar falsche Form von Patriotismus.

Parteichefin Agnès Dorgelle (Catherine Jacob) auf einer ihrer Kundgebungen.

In der Realität scheiterte Front-National-Mitglied Marine Le Pen im Mai an ihrem Kontrahenten Emmanuel Macron. In „Das ist unser Land!“ bleibt hingegen offen, wie die entsprechende Bürgermeisterwahl ausgeht. Tatsächlich geht es Lucas Belvaux („Morgen ziehen wir um“) auch gar nicht so sehr um einen einzelnen, abzuwendenden Konflikt wie in diesem Fall etwa das Verhindern einer rechtsextremen Regierung. Stattdessen konzentriert er sich vielmehr darauf, die emotionale Manipulation einer Person in den Fokus zu rücken, die mit Politik bislang kaum etwas am Hut hatte. In „Das ist unser Land!“ wird einer von der Wirtschaftskrise direkt betroffene Altenpflegerin instrumentalisiert, um sich auf Augenhöhe mit den zukünftigen, mit dem System unzufriedenen Wählern zu begeben. Eine clevere, auch hier in Deutschland praktizierte Methode, durch welche sich eine Partei wie die AfD eine erschreckende Form der Volksnähe aufgebaut hat. Wenngleich gewisse Szenen fast schon an der Satire kratzen (auf einer Versammlung wird bestimmt, welche Worte in der Öffentlichkeit für die ausländische Bevölkerung verwendet werden dürfen, und von welchen man besser die Finger lässt, um sich nicht den Vorwurf des Rassismus gefallen zu lassen), schafft das Skript von Jérôme Leroy und Belvaux selbst immer noch genug subtile Momente, um sich nicht der absoluten Vorschlaghammerkritik hinzugeben. Tatsächlich führt einem „Das ist unser Land!“ die zwar voller hanebüchener Theorien steckende, aber auch von rhetorischem Geschick geprägte Wortwahl der rechtspopulistischen Stimmenfänger direkt vor Augen und lässt die derartigen Ideologien auf den Leim gehende Menschen plötzlich gar nicht mehr ausschließlich dumm wirken, sondern entlarvt vielmehr deren leichte Verführbarkeit.

Insofern gibt schon der Titel des Films, der zugleich auch Agnès Dorgelles Wahlparole entspricht, Aufschluss über die Argumentationsmethoden der hier im Mittelpunkt stehenden Partei: Wo offen rechte Parteien wie die deutsche NPD mit platten Ansagen der Marke „Ausländer raus!“ überhaupt nicht zu verschleiern versuchen, in welchem politischen Fahrwasser sie schwimmen, tarnen sich Parteien wie die in „Das ist unser Land!“ im Mittelpunkt stehende Wählervereinigung als zwar für ihr Vaterland einstehende, jedoch offiziell Niemanden ausschließende Gemeinschaften. Auf diesem Wege gewinnt der dieser ebenfalls angehörende Dr. Berthier auch die charismatische Pauline für sich, die der Ideologie ihres Freundes nach und nach verfällt. Dabei kreiert Lucas Belvaux genug Nebencharaktere, an denen sich die aufstrebende Politikerin reiben kann; da ist auf der einen Seite ihr Vater Jacques (Patrick Descamps), der die Gefahr erkennt und sich als überzeugter Kommunist schon bald von seiner Tochter lossagt, da ist auf der anderen Seite aber auch nicht nur Paulines Arbeitsumfeld aus gleichgesinnten Beratern und Parteikollegen, selbst im Freundeskreis finden sich Anhänger von fremdenfeindlichen Gedankengut, das sich bis in die heranwachsende Generation verbreitet. Vereinzelt zeichnet „Das ist unser Land!“ ein erschreckendes Bild von Alltagsrassismus, das Belvaux jedoch nur für kleine Randnotizen nutzt und dann auch bevorzugt, um den sukzessiven Sinneswandel von Protagonistin Pauline zu betonen. Szenen wie eine aus dem Ruder laufende Diskussion über die Vorurteile verschiedener Ethnien könnten gern noch wesentlich üppiger ausfallen, um die erschreckende Selbstverständlichkeit gewisser Sichtweisen aufzuzeigen.

Philippe Berthier (André Dussolier) träumt von einem neuen Frankreich.

Während man zu Beginn noch darum fürchten muss, dass „Das ist unser Land!“ von den falschen Seiten Applaus bekommen könnte (Agnès Dorgelle und ihre Anhänger tragen ihre Ansichten leider auf eine erschreckend plausible und dabei unkommentierte Weise vor), wird der Film in der zweiten Hälfte vom Politdrama zu einem düsteren Thriller. Je tiefer Pauline in dem rechtspopulistischen Sumpf versinkt, desto mehr erkennt sie, was damit verbunden ist. So wird ihr nicht bloß die ein wenig behelfsmäßig in die Story integrierte Lovestory mit einem Ausländer zum Verhängnis, gleichzeitig wird sie Zeuge von harter Gewaltanwendung, wenn sich Menschen trauen, die Stimme gegen sie und ihre Partei zu erheben. Bei all diesen Eskapaden steht trotzdem immer Émilie Dequenne („Pakt der Wölfe“) in ihrer Rolle der Verführten im Mittelpunkt. Dabei ist ihre Pauline weder das unschuldige Opfer, noch die treibende Kraft hinter den Parolen; Stattdessen chargiert Dequenne hervorragend zwischen beiden Extremen und sorgt dafür, dass „Das ist unser Land!“ zu einem starken Charakterdrama wird, dessen Ausgang bis zuletzt offen bleibt. Catherine Jacob als („Wie die Mutter, so die Tochter“) als Agnès Dorgelle gelingt es indes erschreckend gut, die polarisierende Attitüde einer Marine Le Pen aufzugreifen, ohne sie dabei lediglich zu imitieren. An ihrer Seite agiert André Dussolier („Gemeinsam wohnt man besser“) als rhetorisch gewandter, schmeichelhafter Anwerber Paulines, dessen Maske des charmanten Freundes jedoch mit der Zeit immer mehr bröckelt.

Fazit: Im französischen Politdrama „Das ist unser Land!“ zeigt uns Regisseur Lucas Belvaux, nach welchen geschickten Methoden Rechtspopulisten auf Stimmenfang gehen und lässt das Publikum daran teilhaben, wie eine junge Frau dieser Ideologie erst verfällt, um dann zu erkennen, dass sie lediglich instrumentalisiert wurde. Ein spannendes, emotionales und brisantes Zeitdokument.

„Das ist unser Land!“ ist ab dem 24. August in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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