Nichts zu verschenken

Der Regisseur von „Point Blank“ rückt in seinem neuen Film NICHTS ZU VERSCHENKEN eine absolut unausstehliche Figur in den Fokus einer nicht minder anstrengenden Geschichte. Ob da noch was zu retten ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Violinist François Gautier (Dany Boon) ist nicht nur hervorragend in seinem Fach, sondern auch ein Pfennigfuchser, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Geld zu sparen verschafft ihm Glückseligkeit – Geld auszugeben dagegen bringt ihn ins Schwitzen und verusacht Panikattacken. Er verwendet unendlich viel Energie darauf, diese Macke zu vertuschen und ein halbwegs normales Sozialleben zu führen. Als jedoch eines Tages ohne Vorwarnung die 16-jährige Laura (Noémie Schmidt) vor seiner Tür steht und ihm offenbart, dass sie seine Tochter ist, sieht sich der Pfennigfuchser mit einer Lawine an Kosten und Problemen konfrontiert. Vor allem, als sich herausstellt, dass Laura eine Idee im Kopf hat, die ihn sehr teuer zu stehen kommen könnte. Zudem bringt die plötzliche und gänzlich unerwartete Zuneigung einer neuen Kollegin, der Cellistin Valérie (Laurence Arné), nicht nur François’ Gefühlswelt, sondern auch sein Sparkonzept durcheinander. Von wegen, Gefühle kosten nichts…

Kritik

Dass ein Film auch ohne eine eindeutig als „gut“ einzuordnende Figur hervorragend funktionieren kann, bedarf eigentlich überhaupt keiner Erwähnung. Im Falle von Fred Cavayés neuer Komödie „Nichts zu verschenken“ führen wir sie allerdings trotzdem an, um zu verdeutlichen, dass das Problem dieses Films auf anderer Ebene zu suchen ist. Es geht nicht darum, dass Protagonist François, gespielt von Dany Boon („Eyjafjallajökull“), kein auf den ersten Blick sympathischer Zeitgenosse ist. Nein, dieser Extrem-Sparfuchs, der das Feilschen um jeden einzelnen Cent zu seinem ganz persönlichen Lebensziel gemacht hat, ist von der ersten Sekunde an ein unsensibles, hysterisches und regelrecht asoziales Arschloch, dem man schon nach wenigen Augenblicken nicht mal mehr den Hauch eines Happy Ends gönnt. Aus diesem Grunde funktioniert es dann auch überhaupt nicht, dass sich „Nichts zu verschenken“ auf der Zielgeraden von der seichten High-Concept-Komödie (allein der genannte Grund für François‘ abnormalen Sparzwang zeigt von Anfang an auf, dass die Geschichte gar nicht unbedingt darauf abzielt, realistisch, sondern vielmehr einfach nur megalustig sein zu wollen) hin zu einem rührenden Familiendrama wandelt. François macht es dem Zuschauer nicht bloß schwer, ihm irgendwelche Sympathien abzugewinnen. Durch seine menschenfeindliche Attitüde und eine rigorose Lernresistenz erschöpft sich auch der Gag des geldbesessenen Pfennigfuchsers ziemlich schnell. Nicht zuletzt, weil hier viel zu oft auf Klischees zurückgegriffen wird.

An der Supermarktkasse wird schon mal der Taschenrechner gezückt, um der Kassiererin Rabatte vorzurechnen… 

Kann ein Schauspieler die an ihn gestellte Anforderung der Verkörperung einer Rolle zu gut ausführen? Im Falle von „Nichts zu verschenken“ möchte man tatsächlich dazu tendieren, „ja“ zu sagen, denn in seinem Bestreben danach, seinen François so neurotisch und anstrengend wie möglich zu zeichnen, geht Dany Boon voll auf. Gleichzeitig bietet ihm das Skript von Laurent Turner („Jacques – Entdecker der Ozeane“) und Nicholas Cuche („Jojo la frite“) aber auch überhaupt nicht die Möglichkeit, nette Seiten an seiner Figur hervorzukehren. „Nichts zu verschenken“ reiht eine unangenehme Situation an die nächste, lässt diesen François an der Supermarktkasse um die Einlösung von Rabattcoupons betteln, nach in den Abfluss gefallener Zahnpasta tauchen und seiner plötzlich auf der Matte stehenden Tochter Laura das Warmwasser abdrehen, während diese gerade unter der Dusche steht. Fred Cavayé mag gut darin sein, das Supersparer-Szenario möglichst vielfältig und kreativ zu gestalten (auch wenn wir viele Dinge davon irgendwie schon mal in anderen Filmen gesehen haben), doch die eigentlich wichtige Sache behandeln die Macher nur am Rande. Spätestens am dem Moment, in welchem François mit seiner Tochter konfrontiert wird, wäre es an der Zeit, die vorab vielleicht noch hier da amüsanten Einzelszenen emotional zu unterfüttern. Stattdessen passiert an dieser Stelle so lange nichts, bis Fred Cavayé mit aller Gewalt auf ein Happy End zusteuert, das so konstruiert daherkommt, dass sich Niemand dafür schämen muss, spätestens jetzt geistig aus dem Film auszusteigen.

Dabei hätte „Nichts zu verschenken“ durchaus Potenzial, denn gerade die beiden weiblichen Hauptfiguren versprühen so viel Esprit und Charme, dass es ihnen zeitweise sogar gelingt, den emotionalen Eisklotz François (zumindest für Sekunden) zum Schmelzen zu bringen. Weshalb sich die bezaubernde Musikerin Velérie ausgerechnet in diesen Griesgram verliebt, lässt sich zwar nur bedingt nachvollziehen, doch wie sie ihren Kollegen zurückhaltend anschmachtet und selbst einen völlig aus dem Ruder laufenden Restaurantbesuch noch irgendwie retten kann, ist einfach herzlich und mitreißend. Genauso verhält es sich bei Noémie Schmidt („Frühstück bei Monsieur Henri“), deren Elan um ein Zusammenwachsen mit ihrem leiblichen Film-Vater höchste Anerkennung verdient. Das Buhlen um die Gunst von François wirkt nie aufgesetzt, sondern ist von einer bemerkenswerten Natürlichkeit geprägt, während dasselbe für Laurence Arné („Sex für Fortgeschrittene“) gilt, die außerdem ein bemerkenswertes Gespür für Körperkomik besitzt. Schade nur, dass Dany Boons Figur mit der Herzlichkeit der beiden Damen überhaupt nicht mithalten kann.

Laurence Arné schmachtet als Valérie ganz hervorragend – warum erschließt sich einem jedoch nicht.

Auch aus technischer Sicht ist das Dasein von „Nichts zu verschenken“ als Kinofilm kaum nachvollziehbar. Die wenigen, wenig ästhetisch in Szene gesetzten Setpieces erinnern in ihrer Miefigkeit eher an eine standesgemäße Fernseh-Soap und tragen nicht dazu bei, dass Fred Cavayés Komödie klassisches Kinoflair ausstrahlt. Alles hier erfüllt gerade mal den Mindestanspruch an eine große Leinwandproduktion; nicht einmal das Kamerabild von Laurent Dailland („Mama gegen Papa“) ist immer dann scharfgestellt, wenn es das sein sollte. Musikalisch überzeugen immerhin die im Inneren eines prächtigen Konzertsaals aufgenommenen Orchesterszenen; auch, weil „Nichts zu verschenken“ hier einen seiner besten Gags ausspielt, wenn François um Zeit zu sparen (!) Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in gerade einmal 12 Minuten spielt. Tatsächlich ist das dann aber auch schon das Hoch der Gefühle und mehr und mehr beginnt man als Zuschauer, die engagierten Darsteller zu bemitleiden, die gegen das vollkommen unausgegorene Skript anzuspielen versuchen. Doch eine Komödie ohne Witz und emotionalen Ankerpunkt auf der Leinwand zu sehen? Das kann man sich dann doch irgendwie sparen. Erst recht, wo uns doch gerade aus französischen Landen so viel geboten wird, was doch immerhin die Mindestanforderungen an eine funktionierende Comedy erfüllt.

Fazit: Ein paar nette Gags und zwei wundervoller Hauptdarstellerinnen reichen beim besten Willen nicht aus, um die ansonsten ziemlich kläglich scheiternde Komödie „Nichts zu verschenken“ irgendwie noch auf den Durchschnitt zu hieven. Manchmal ist ein grantelnder Eigenbrötler als Hauptfigur eben nicht interessant, sondern einfach nur unausstehlich.

„Nichts zu verschenken“ ist ab dem 6. April in den deutschen Kinos zu sehen.

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