Die große Oscarprognose 2017

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar werden im Dolby Theatre in Los Angeles die 89. Academy Awards verliehen. In meiner traditionellen Oscar-Vorschau versuche ich mich an einer Prognose und versuche, die Nominierten in ihren Kategorien einzuordnen. Viel Spaß damit und viel Freude morgen Abend mit der Show. Möge der Bessere gewinnen – und Meryl Streep! 

La La Land

Bester Film

Ein Durchmarsch von LA LA LAND ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Mit „Moonlight“  und „Manchester by the Sea“ hat das schillernde Musical mit harter Konkurrenz zu kämpfen. Trotzdem setze ich in der Königskategorie auf Damien Chazelle und das Duo Emma Stone und Ryan Gosling. Hier stimmt einfach das Gesamtpaket!

Beste Regie

  • Damien Chazelle (La La Land)
  • Mel Gibson (Hacksaw Ridge – Die Entscheidung)
  • Barry Jenkins (Moonlight)
  • Kenneth Lonergan (Manchester by the Sea)
  • Denis Villeneuve (Arrival)
Mein Herz wünscht sich einen Sieg von Außenseiter Denis Villeneuve, dicht gefolgt von Damien Chazelle. Aber bei Indikatorpreisen ist auch immer wieder BARRY JENKINS für seine Arbeit am Drama „Moonlight“ ausgezeichnet worden. Daher lege ich mich auf letztgenannten Regisseur fest und glaube, dass sich die Academy von dem in drei Kapiteln erzählten Drama-Projekt bezirzen lässt.

Manchester by the Sea

Bester Hauptdarsteller

Die Weltklasseperformance von CASEY AFFLECK im Drama „Manchester by the Sea“ war von Anfang an Frontrunner in dieser Kategorie. Lediglich Denzel Washington dürfte ihm hier wohl gefährlich werden. Beide Darsteller spielen sich in ihren Filmen die Seele aus dem Leib, wobei Affleck in seiner Arbeit noch nuancierter und emotional breiter gefächert aufgestellt ist, als Washington, der sich dafür in seinen dramatischen Momenten durchgehend profilieren kann. Ein hartes Duell, bei dem sämtliche anderen Darsteller ziemlich machtlos sein dürfen.

Beste Hauptdarstellerin

Natalie Portman gibt das perfekte darstellerische Ebenbild zu Jackie Kennedy ab, Emma Stone legt uns in einer schmetternden Ballade ihre komplette Gefühlswelt zu Füßen und Meryl Streep ist einfach Meryl Streep – und damit wieder einmal über jeden Zweifel erhaben. Doch was ISABELLE HUPPERT für eine brillant-ikonische Darbietung in „Elle“ abliefert, ist einfach eine Wucht. Und da die Academy den Film selbst in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ geschnitten hat, könnte der Award in dieser Kategorie so eine Art Wiedergutmachung sein.

Elle

Ob sich Isabelle Huppert gegen die weibliche Konkurrenz durchsetzen kann?

Bester Nebendarsteller

Der Gewinner in dieser Kategorie ist für mich in diesem Jahr am schwersten zu erahnen. Am meisten hervorstechen konnte bei dieser Konkurrenz Lucas Hedges in „Manchester by the Sea“, doch ich fürchte, aufgrund seines jungen Alters wird dieser den Award nicht bekommen. Michael Shannon war einer der wenigen gutes Aspekte im maßlos überschätzten „Nocturnal Animals“, Jeff Bridges spielte wieder einmal sich selbst und Mahershala Ali wusste in „Moonlight“ zwar zu überzeugen, doch hatte andererseits auch zu wenig Screentime, um sich vollständig zu entfalten. Ich gehe vorsichtig auf DEV PATEL, auch wenn ich kein Fan von „Lion“ bin – den Film getragen hat er trotzdem und bei dem Thema wird die Jury sicher schnell andächtig.
Fences

Beste Nebendarstellerin

  • Viola Davis (Fences)
  • Naomie Harris (Moonlight)
  • Nicole Kidman (Lion)
  • Octavia Spencer (Hidden Figures)
  • Michelle Williams (Manchester by the Sea)
Diese Kategorie ist eine, in der es 2017 keine zwei Meinungen gibt. Nicht nur, dass Nicole Kidman den Award auf gar keinen Fall mit nach Hause nehmen darf – als Gewinnerin darf nur eine Schauspielerin aus dieser Konkurrenz hervorgehen und diese lautet: VIOLA DAVIS. Ihr tiefschürfend-ergreifendes Spiel in „Fences“ ist außerweltlich. Ihr gelang es sogar, Schauspielkollege Denzel Washington in den Schatten zu stellen. Abgeschlagen auf Platz zwei sehe ich Michelle Williams.

Bestes adaptiertes Drehbuch

  • Luke Davies (Lion)
  • Eric Heisserer (Arrival)
  • Barry Jenkins (Moonlight)
  • Allison Schroeder, Theodore Melfi (Hidden Figures)
  • August Wilson (Fences)
Ich würde es dem ehemaligen Horrorfilm-Drehbuchautor Eric Heisserer so sehr gönnen, denn wie es ihm gelungen ist, die äußerst komplexe Romangrundlage zu „Arrival“ in ein Drehbuch umzuschreiben, ist einfach herausragend. Mit viel Feingefühl wird aus der trockenen Theorie über Sprache und Verständigung ein Bild, aus dem später ein Film wurde. Doch mit seiner Science-Fiction-Thematik und dem fehlenden Oscar-Buzz rechne ich ihm eher Außenseiterchancen aus. Ich gehe davon aus, dass es sich zwischen August Wilsons „Fences“ und BARRY JENKINS‘ MOONLIGHT entscheiden wird. Ersteres gewann immerhin schon einen Pulitzerpreis, „Moonlight“ punktet dafür mit einer aus dem Leben gegriffenen Sprache und mit viel Poesie zwischen den Zeilen.

Bestes Originaldrehbuch

Geht man nach Kreativität, müsste der Preis für das beste Originaldrehbuch entweder an „The Lobster“ oder an „La La Land“ gehen, doch die Dialoge in MANCHESTER BY THE SEA, geschrieben von Regisseur KENNETH LONERGAN, sind einfach so echt, kraftvoll und herzzerreißend, dass ich mich auf das Drama als Gewinner festlege.


ArrivalBeste Kamera

  • Greig Fraser (Lion)
  • James Laxton (Moonlight)
  • Rodrigo Prieto (Silence)
  • Linus Sandgren (La La Land)
  • Bradford Young (Arrival)
Diese Kategorie ist die einzige, in der Martin Scorseses Drama „Silence“ nominiert ist. Dies ist aus zweierlei Sicht absolut gerechtfertigt. Zum Einen, weil der Film in seiner betonten Schwere und eintönigen Inszenierung keinen anderen Award verdient hätte, zum Anderen, weil die Kameraarbeit von Rodrigo Prieto im wahrsten Sinne des Wortes gewaltig ist. Gewinnen dürfte trotzdem jemand Anderes. Am meisten freuen würde ich mich über Bradford Young und „Arrival“, gegen LINUS SANDREN für LA LA LAND wird aber wohl kein Weg vorbei führen.

Bestes Szenenbild

LA LA LAND ist ein Sammelsurium kreativer, bunter, handgemachter Ideen eines nostalgieverliebten Hollywood – das wird die Academy honorieren (müssen), auch wenn die schlichte Eleganz eines „Arrival“ gern ausgezeichnet werden dürfte – zumindest wenn es nach mir geht.
La La Land

Der große Favorit des Abends: „La La Land“

Bestes Kostümdesign

Ein Film über eine der beliebtesten First Ladys der USA, das den Prunk und Stil der damaligen Zeit in Form der schlichten, aber nicht minder wunderschönen Kostüme wieder aufleben lässt – bei JACKIE dürfte der Academy warm ums Herz werden. Dicht gefolgt von „La La Land“ aus denselben Gründen, die ich auch schon bei „Bestes Szenenbild“ angeführt habe.

Beste Filmmusik:

  • Nicholas Britell (Moonlight)
  • Justin Hurwitz (La La Land)
  • Mica Levi (Jackie)
  • Thomas Newman (Passengers)
  • Dustin O’Halloran, Hanuschka (Lion)
Wenn LA LA LAND in dieser Kategorie nicht gewinnt, in welcher denn dann? Auch wenn es schon was hätte, den experimentellen Horrorfilm-Score aus „Jackie“ auszuzeichnen – und damit alle zu überraschen.

Bester Filmsong

Sollten sich die beiden Songs aus „La La Land“ die Stimmen klauen, würde ich auf Justin Timberlakes „Trolls“-Ohrwurm „Can’t Stop the Feeling“ setzen. Doch vermutlich ist das eher weniger der Fall. Daher sehe ich den im Film besonders stark wirkenden AUDITION knapp vor dem eingängigen „City of Stars“-Thema, das sich durch den gesamten Film zieht.
Hell or High Water

Bestes Make-Up und beste Frisuren

Die Auswahl in dieser Kategorie ist dieses Jahr ein echtes Armutszeugnis. Keiner dieser drei Kandidaten gehört in meinen Augen zu den stärksten Make-Up- und Frisuren-Vertretern in diesem Jahr. Stattdessen hätte man gern Filme wie „Deepwater Horizon“, „Hacksaw Ridge“ oder auch „Die Insel der besonderen Kinder“ nominieren dürfen. So aber muss ich mich unter diesen drei Kandidaten entscheiden und tippe reichlich lieblos auf SUICIDE SQUAD, weil die vielen Maskeraden hier noch am effektvollsten daherkommen.

Bester Schnitt:

  • La La Land
  • Hacksaw Ridge
  • Hell or High Water
  • Moonlight
  • Arrival
Bei einem Musical wie LA LA LAND trägt der Schnitt maßgeblich dazu bei, das die Übergänge zwischen Musicalszenen und Rahmenhandlung flüssig ineinander übergehen. Daher setze ich hier auf den ohnehin haushohen Favoriten, der dem Film zu seinem einzigartigen Rhythmus verhilft.

Bester Ton

Die Welt liebt LA LA LAND – ich auch. Und ich glaube, die Academy auch.

Bester Tonschnitt

Siehe oben. Auch wenn ich hierzu noch anmerken muss, dass gerade die beiden Kriegsactionfilme dieser Kategorie verdammt gute Soundqualitäten vorzuweisen haben. Trotzdem: An LA LA LAND führt kein Weg vorbei.

Bestes visuelle Effekte

Ich bin eigentlich kein großer Fan von „Deepwater Horizon“, zeitgleich steht dieser Film aber auch dafür, dass in Hollywood nicht immer alles aus dem Computer kommen sollte. Peter Berg hat für seinen Film extra eine Bohrinsel nachbauen und in die Luft sprengen lassen – es wäre zu toll, wenn das honoriert werden würde. Da aber auch der eine wesentlich größere Lobby vorweisender THE JUNGLE BOOK neue technische Maßstäbe gesetzt hat, gehe ich auf die Neuverfilmung des Disney-Klassikers. Und schiele noch ein wenig traurig in Richtung „Kubo“, der es ebenfalls verdient hätte. Eine sehr starke Kategorie!
g

„Kubo“ könnte „Zoomania“ zurecht noch gefährlich werden…

Bester Animationsfilm:

Message, Kreativität, visuelle Vielfalt: ZOOMANIA bietet alles, was ein moderner Animationsfilm von heute braucht und noch ein klein wenig mehr. Gewinnen wird er wohl – ein Fan von ihm werde ich trotzdem nie sein.

Bester fremdsprachiger Film

  • Ein Mann namens Ove (Schweden)
  • The Salesman (Iran)
  • Tanna – Eine verbotene Liebe (Australien)
  • Toni Erdmann (Deutschland)
  • Unter dem Sand (Dänemark)
Ich habe es zwar nie verstanden, aber lange befürchtet, dass „Toni Erdmann“ tatsächlich den Oscar als bester fremdsprachiger Film holen wird. Mittlerweile sind die Oscars durch Trumps Muslim Ban mehr denn je zu einem Politikum geworden. Zwar dürfen die Macher von THE SALESMAN mittlerweile wieder einreisen, doch selbst mit ihnen im Saal dürfte die Auszeichnung des iranischen Beitrags das wohl stärkste Statement setzen.

Bester Dokumentarfilm

  • 13th (Ava DuVernay, Spencer Averick, Howard Barish)
  • I Am Not Your Negro (Raoul Peck, Rémi Grellety, Hébert Peck)
  • Life, Animated (Roger Ross Williams, Julie Goldman)
  • O.J.: Made in America (Ezra Edelman, Caroline Waterlow)
  • Seefeuer (Gianfranco Rosi, Donatella Palermo)
Ich schwanke zwischen „Seefeuer“ und I AM NOT YOUR NEGRO, lege mich nach Bauchgefühl aber auf letztern fest. Auch „Life, Animated“ hätte es sehr verdient.

Der Rest:

  • Bester animierter Kurzfilm: Piper
  • Bester Kurzfilm: Ennemis Intérieurs
  • Bester Dokumentar-Kurzfilm: Joe’s Violin
In diesen Kategorien habe ich zugegebenermaßen keine Ahnung, daher gebe ich nur der Vollständigkeit halber diese blinden Tipps ab. Auf eine schöne Oscar-Verleihung!

2 Kommentare

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