The Girl With All the Gifts

Im Rahmen des Fantasy Filmfests 2016 wurde THE GIRL WITH ALL THE GIFTS bereits frenetisch gefeiert. Nun erhält das Horrordrama deutschlandweit auch eine reguläre Kinoauswertung. Zurecht? Das verrate ich in meiner Kritik.The Girl With All the Gifts

Der Plot

In einer nicht allzu fernen Zukunft: Eine aggressive Pilzinfektion hat fast die gesamte Menschheit in fleischfressende, zombieartige Wesen – sogenannte „Hungries“ – verwandelt. Nur eine kleine Gruppe infizierter Kinder verspricht Hoffnung auf ein Heilmittel: Sie können ihren „Fressimpuls“ kontrollieren, weil ihr Verstand noch nicht der Infektion zum Opfer gefallen ist. In einer Militärbasis werden sie von der Wissenschaftlerin Dr. Caldwell (Glenn Close) grausamen Experimenten unterzogen und besuchen unter dem wachsamen Auge von Sergeant Parks (Paddy Considine) täglich den Schulunterricht. Doch ein Mädchen unter ihnen ist anders: Die junge Melanie (Sennia Nanua) übertrifft ihre Mitschüler an Intelligenz, ist wissbegierig, einfallsreich und vergöttert ihre Lieblingslehrerin, Miss Helen Justineau (Gemma Arterton). Als die Basis von einer Horde Hungries überrannt wird, kann Melanie zusammen mit Helen, Sergeant Parks und Dr. Caldwell gerade noch entkommen. In einer in Chaos und Zerstörung versunkenen Welt muss Melanie bald nicht nur über ihre eigene Zukunft, sondern das Schicksal der gesamten Menschheit entscheiden.

Kritik

Mit seinen vielen Blockbuster-Franchises und TV-Serienhits hat der Zombiefilm den Mainstream längst geknackt. Das Konzept von der Untoten-Epidemie sollte man mittlerweile schon ein wenig variieren, um die Fanbase zu überzeugen. Dass Regisseur Colm McCarthy („Peaky Blinders“) das tatsächlich getan hat, kündigte sich bereits an, als sein auf dem gleichnamigen Roman von Mike Carey basierender Survival-Horror „The Girl With All the Gifts“ im vergangenen Jahr das renommierte Filmfestival von Locarno eröffnen durfte und von den Kritikern äußerst wohlwollend aufgenommen wurde. Auch bei anschließenden Preisverleihungen durfte die britisch-amerikanische Koproduktion mitmischen; so wurde der Film unter anderem mehrfach für den British Independent Film Award sowie den London Critics‘ Circle Film Award nominiert. Hierzulande kamen die Besucher des Fantasy Filmfests bereits in den Genuss des dystopischen Survivalhorrorfilms, der mit Glenn Close („Guardians of the Galaxy“) und Gemma Arterton („The Voices“) namhaft aufgestellt ist. Der eigentliche Star in „The Girl With All the Gifts“ ist allerdings die Newcomerin Sennia Nanua, die mit der Hauptrolle der infizierten Melanie tatsächlich ihr Leinwanddebüt feiert. Und das ist bei Weitem nicht die einzige Besonderheit dieses Films.

Melanie

Melanie (Sennia Nanua) gibt sich in der Schule viel Mühe, um ihre Lehrerin zu beeindrucken.

Wer sich von „The Girl With All the Gifts“ eine weitere von vielen standardisierten Zombie-jagt-Mensch-Orgien erhofft, der läuft Gefahr, enttäuscht zu werden. Die fünf Millionen US-Dollar teure Produktion setzt zwar auch auf einige harte Gewaltspitzen (dass der Verleih für den Film ursprünglich eine FSK-Freigabe ab 12 vorgesehen hat, ist ein Witz, den auch die FSK selbst später als einen solchen enttarnt hat), in erster Linie lebt die Geschichte jedoch von ihrer beklemmenden Atmosphäre. Es dauert lange, bis die ohnehin angespannte Lage in der Forschungseinrichtung eskaliert. Zunächst darf das Publikum am Alltag der sogenannten Hungries teilhaben. Die irgendwo zwischen lebend, tot und untot gefangenen Kinder nehmen Schulunterricht wahr, müssen aber auch grauenvolle Experimente über sich ergehen lassen, die zunächst nur im Off stattfinden. Es ergibt sich ein subtiles Gefühl der Unsicherheit, denn auch, wenn wir alle zu glauben wissen, was genau hier unter der Leitung einer akkurat kaltherzig aufspielenden Glenn Close vonstatten geht, so müssen wir es erst mit eigenen Augen sehen, um es zu begreifen. Doch kaum wird aus den Vorahnungen Gewissheit, wendet sich das Blatt und durch „The Girl With All the Gifts“ fährt ein gewaltiger Ruck, mit dem nicht bloß die erste von mehreren, gefühlt mit Blockbusterbudget inszenierten Actioneinlagen, sondern auch ein spürbarer Anstieg des Tempos einhergehen.

Colm McCarthys Film lässt sich ziemlich genau in zwei Teile gliedern. Der erste schildert die Gefangenschaft, der zweite die Flucht. Doch obwohl letzteres dazu einladen würde, einfach nur als überlanger Showdown zu funktionieren, bleibt der Regisseur abseits der erhöhten Dynamik seiner ruhigen Erzählweise treu. In „The Girl With All the Gifts“ geht es weniger darum, Suspense daraus zu ziehen, wer am Ende überleben wird; geschweige denn, ob Hauptfigur Melanie nicht doch noch zu einem blutrünstigen Zombie mutiert. Stattdessen zieht der Film ähnlich des Formats „The Walking Dead“ seinen Reiz aus der Figurenkonstellation. Mike Carey, der seinen Roman direkt selbst zu einem Drehbuch machte, legt bis zuletzt nur häppchenweise frei, welche Beweggründe hinter den Handlungen der Charaktere stehen. Selbst die von Anfang an als Protagonistin etablierte Melanie scheint nicht davor gefeit, in letzter Instanz doch für eine möglichst spektakuläre Wendung herhalten zu müssen (ob dem so ist, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten). „The Girl With All the Gifts“ liefert 111 Minuten lang absolut unberechenbares Spannungskino, unter dessen Oberfläche zusätzlich jede Menge Gesellschaftskritik brodelt. Das absolut konsequente Finale könnte in seiner Aussage für Gesprächsstoff sorgen – um die Sinnhaftigkeit des Films, vielleicht sogar die erschreckende Aktualität zu unterstreichen, ist genau das allerdings notwendig.

Text

Miss Justineau (Gemma Arterton) rettet Melanie im Alleingang.

Dass „The Girl With All the Gifts“ mit einem Budget von gerade einmal fünf Millionen Dollar inszeniert wurde, mag man im Anbetracht des zwar dreckigen, aber doch absolut hochwertigen Designs kaum glauben. Gleichwohl macht es schon Sinn: Besonders spektakuläre Bauten musste man für die Inszenierung des Films kaum errichten. Zunächst konzentriert sich die Handlung ausschließlich auf das Innere der Forschungsstation, später laufen Melanie und ihre Weggefährten durch ein menschenleeres London, das noch bedrohlicher aussieht, als damals in „28 Days Later“. Es gleicht schon einem Understatement, dass selbst die Aufeinandertreffen der Gruppe und riesigen Zombiehorden nicht automatisch in ein x-beliebiges Schlachtengetümmel münden. Umso einprägsamer geraten jene Momente, in denen sie sich unter der Bemühung keinerlei Laut von sich zu geben durch das Labyrinth aus Untoten bahnt, bis man sich selbst als Zuschauer dabei ertappt, gemeinsam mit den Hauptfiguren den Atem anzuhalten. Vor allem die von Gemma Arterton äußerst herzlich verkörperte Miss Justineau etabliert sich schnell als zweite Hauptfigur. Zwar lässt sie sich als einziger Charakter ziemlich eindeutig „den Guten“ zuordnen, gleichsam funktioniert sie aber auch als moralische Instanz – und Hoffnungsschimmer. Denn trotz der äußerst niederschmetternden Zukunftsaussichten, die in „The Girl With All the Gifts“ präsentiert werden, macht Regisseur Colm McCarthy doch ausgerechnet aus einer Sache nie einen Hehl: dass er an das Gute in der Gesellschaft glaubt.

Fazit: „The Girl With All the Gifts“ ist ein kluger, ruhiger Zombiefilm, der von seiner absolut unberechenbaren Atmosphäre lebt und in den entscheidenden Momenten ordentlich Blut spritzen lässt. Von Newcomerin Sennia Nanua dürfte man in Zukunft noch viel hören.

„The Girl With All the Gifts“ ist ab dem 9. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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