Passengers

Das Science-Fiction-Kammerspiel PASSENGERS von „The Imitation Game“-Regisseur Morten Tyldum dürfen die Hollywood-Megastars Jennifer Lawrence und Chris Pratt nahezu alleine bestreiten. Ob das Vor- oder Nachteil ist, das verrate ich in meiner Kritik.Passengers

Der Plot

Aurora (Jennifer Lawrence) und Jim (Chris Pratt) sind zwei Passagiere an Bord eines Raumschiffs, das sie zu einem neuen Leben auf einem anderen Planeten bringen soll. Doch ihre Reise nimmt plötzlich eine lebensbedrohliche Wendung. Denn die Schlafkammern, in denen sie liegen, wecken sie auf unerklärliche Weise viel zu früh auf – 90 Jahre ehe sie ihr Ziel erreicht haben werden. Während Jim und Aurora versuchen, hinter das Geheimnis dieser Fehlfunktion zu kommen, fühlen sie sich mehr und mehr zueinander hingezogen. Doch dann werden sie von dem unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des Raumschiffs bedroht und entdecken den wahren Grund, warum sie aufgewacht sind.

Kritik

Die Karriere des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum liest sich wie das Paradebeispiel einer Hollywoodkarriere. Der in seiner Heimat durch die Inszenierung diverser TV-Serien bekannt gewordene Filmemacher drehte von 1991 bis 2008 ausschließlich für den heimischen Markt, eh er mit „Headhunters“ aus dem Jahr 2011 erstmalig an einer internationalen Koproduktion beteiligt war. „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“, der Oscar-Anwärter von 2015, wurde schließlich zu seinem weltweiten Durchbruch. Kein Wunder also, dass er für seine neueste Regiearbeit „Passengers“ keine große Überzeugungsarbeit leisten musste, um Megastars wie Jennifer Lawrence („Die Tribute von Panem“), Chris Pratt („Jurassic World“) oder Michael Sheen („Nocturnal Animals“) für sich zu gewinnen. In dem knapp zweistündigen Weltraummärchen, das sich in den Trailern weitaus reißerischer verkauft, als es das eigentlich ist, seziert der geborene Bergener zunächst die Einsamkeit an sich und spinnt Ereigniskonstrukte, die sich auch auf die Realität übertragen ließen. Doch so ganz kann der Regisseur diesen minimalistischen Kurs nicht halten. Ist die Katze erst einmal aus dem Sack, respektive der Plottwist über die Bühne gegangen, segelt „Passengers“ in moralisch fragwürdigen Gewässern einem in Genregefilden standardisierten Schlussakt entgegen.

Pas

Aurora (Jennifer Lawrence) und Jim (Chris Pratt) genehmigen sich einen Drink an der Bar von Druide Arthur (Michael Sheen).

Irreführende Trailer können ein echtes Ärgernis sein. Wer sich im Falle von „Passengers“ allerdings schon darüber echauffierte, das erste Bewegtbildmaterial könne eventuell schon zu viel verraten haben, der darf an dieser Stelle getrost durchatmen. Die in den diversen Vorschauen gezeigten Szenen finden im Film zwar tatsächlich statt, doch das Ausgangsszenario ist ein anderes. Um das Sehvergnügen nicht zu schmälern, wollen auch wir an dieser Stelle gar nicht weiter ausführen, wie sich die Ereignisse auf dem sensationell in Szene gesetzten Raumschiff Avalon entwickeln (auch unsere Inhaltsangabe ist dem Trailer angepasst), doch so viel sei verraten: Mit dem angekündigten Actiongewitter hat „Passengers“ nichts zu tun. Lange Zeit erinnert das Zwei-Mann-Stück, das lediglich Michael Sheen als die Bar betreuender Androide ab und an um seine Anwesenheit ergänzen darf, vor allem an eine Liebesgeschichte alter Filmschule. Damit erweist sich „Passengers“ durchaus als Mogelpackung, denn wer statt eines Science-Fiction-Films eine Romanze serviert bekommt, dem kann man es nicht verübeln, wenn dieser selbst in der zweiten, ein wenig dynamischeren Filmhälfte kein Interesse mehr an den Verwicklungen hat. Wer sich fraglos auf das gegebene Szenario einlässt, bekommt dafür eine Geschichte präsentiert, die Chris Pratt mit seinem natürlich-rauen Charme um überraschend humoristische Töne ergänzt und der Jennifer Lawrence mit ihrer elegant-femininen Ausstrahlung zu einer ordentlichen Portion Grandezza verhilft.

Pratt und Lawrence gelingt es also, das Leinwandgeschehen über weite Strecken auf ihren Schultern zu tragen. Denn tatsächlich macht es Spaß, dem Traumpaar in spe dabei zuzusehen, wie sich die Liebesgeschichte vom ersten Kennenlernen hinüber zum Date bis hin zum handfesten Beziehungskrach entwickelt. Dabei besitzt der Zuschauer einen wichtigen Wissensvorsprung im Vergleich zu einigen der handelnden Personen innerhalb der Geschichte, was einen besonderen Blick auf die Ereignisse zulässt. Wir wissen: Wenn sich ein entscheidender Faktor innerhalb der Geschichte verändert, werden die Ereignisse in unvorhersehbare Bahnen gelenkt. Dieser inszenatorische Kniff verhilft „Passengers“ zu einer durchgehend spannenden Atmosphäre. Als dann allerdings passiert, was sich lange ankündigt, bedeutet dies für Morten Tyldum leider das Zurückgreifen auf Genrestandards. Anstatt das Grundszenario der beiden auf ewig gemeinsam eingesperrten Liebenden näher zu beleuchten und die seelischen Veränderungen der Charaktere zu sezieren (wie es innerhalb der ersten halben Stunde von „Passengers“ noch durchaus geschieht), konzentrieren sich die Macher fortan auf das große Spektakel, das leider ohne jedweden Knalleffekt auskommen muss. Auch, weil die Figuren aufgrund der späteren Schwerpunktverlagerung irgendwann nahezu nichtig werden und in ihrer Charakterisierung oberflächlich bleiben.

Aurora und Jim müssen eine Katastrophe verhindern.

Wo „Passengers“ bei Figurenzeichnung und Dramaturgie Abstriche machen muss, punktet er bei der Optik. Mit seinen simplen Farbschemen aus schwarz, weiß und grau, den klaren Linien und kühlen Formen wäre wohl selbst Steve Jobs stolz auf das Design der Avalon gewesen. „Passengers“ wirkt in seiner Eleganz futuristisch und setzt visuell auf viele Spielereien. Seien es ein Pool mit Panorama-Fenster und Bullauge, neueste Hologramm-Technik oder diverse Entertainment-Möglichkeiten für die Besatzung – die Avalon ist so etwas wie der Luxus-Dampfer unter den Raumstationen, wenngleich sich einige popkulturelle Querverweise nicht ganz erschließen. Weshalb die Bar, an der sich Aurora und Jim regelmäßig treffen, optisch überdeutlich an das „Shining“-Hotel erinnert, bleibt zum Beispiel unklar. Dafür ist die Verschmelzung Michael Sheens mit seinem Androiden-Ich Arthur sehr gelungen. Alles in allem bleibt „Passengers“ im Anbetracht seiner Starbesetzung, vor allem aber aufgrund der vielen erzählerischen Möglichkeiten weit hinter den Erwartungen zurück. Nicht zuletzt, weil Morten Tyldum ausgerechnet nach der Hälfte der Laufzeit der Mut zu verlassen scheint und er sich doch nur in Science-Fiction-Blockbustergewäsch probiert. Da wäre so viel mehr drin gewesen.

Fazit: „Passengers“ beginnt als klassische Liebesgeschichte, schlägt allerdings irgendwann den Weg durchschnittlicher Blockbuster-Action ein und bleibt bis zuletzt konsequent inkonsequent. Trotz starker Schauspielleistungen und einem pompösen Set-Design ist es aber vor allem die fragwürdige Moral hinter der Geschichte, dank derer der Film nicht über das Prädikat „Durchschnitt“ hinaus kommt.

„Passengers“ ist ab dem 5. Januar bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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