Shut In

Nach ihrem fulminanten Auftritt in Gore Verbinskis Horror-Meisterwerk „Ring“ zieht es Naomi Watts zurück ins Horrorgenre. Leider tut sie sich und ihrer Vita mit dem Auftritt im Gruselhorror-Thriller SHUT IN keinen Gefallen. Mehr dazu in meiner Kritik.Shut In

Der Plot

Zurückgezogen von der Zivilisation, in einem ländlichen Teil von Neuengland, kümmert sich die Kinderpsychologin Mary (Naomi Watts) aufopferungsvoll um ihren pflegebedürftigen Sohn (Charlie Heaton), der seit einem Autounfall komplett gelähmt ist. Ihr Ehemann Richard ist bei diesem Unfall gestorben, und die Witwe hat ihren Kontakt zur Außenwelt auf gelegentliche Skype-Gespräche mit ihrem Kollegen Dr. Wilson (Oliver Platt) beschränkt. Trotz allem nimmt die Witwe einen neuen Patienten an, den Waisenjungen Tom, (Jacob Tremblay) und bietet ihm sogar an für eine gewisse Zeit bei ihr einzuziehen. Aus dem Kontakt zu diesem Jungen schöpft sie neuen Lebensmut, doch noch am ersten Abend verschwindet Tom in einem gefährlichen Schneesturm und gilt seitdem als vermisst. Plötzlich geschehen beängstigende Dinge in Marys Haus und sie beginnt zu zweifeln: Ist Tom wirklich tot?

Kritik

Regisseur Farren Blackburn hat sich mit seiner Arbeit an Hit-Serien wie „Marvel’s Daredevil“ oder „Luther“ einen Namen in der Branche gemacht. Darauf lässt er mit „Shut In“ nun seinen ersten Langspielfilm folgen, mit dem er sogleich zeigt, weshalb er sich fortan vielleicht doch bevorzugt dem seriellen Erzählen hingeben sollte. Seine Darsteller ordentlich in Szene zu setzen, gelingt ihm auch innerhalb dieses 90 Minuten langen Psychothrillers mit diversen großen und kleinen Horroreinschüben. Doch selbst so namhafte Darsteller wie Naomi Watts („St. Vincent“) oder das Schauspiel-Wunderkind Jacob Tremblay („Raum“) können nicht darüber hinweg täuschen, dass „Shut In“ trotz einer soliden Grundidee zu keinem Zeitpunkt Spannung aufbauen kann. Das liegt in erster Linie am Skript von Debütantin Christina Hodson, die auch bereits für das „Transformers“-Spin-Off „Bumblebee“ sowie den sechsten Teil der Michael-Bay-Reihe bestätigt wurde. Darin zeigt sich, dass „Shut In“ ein klassischer Vertreter jener Filme ist, bei denen sich an exakt einer Sache festmachen lässt, weshalb sie nicht funktionieren. In diesem Fall sorgt die vollständige Vernachlässigung eines Themas dafür, dass der Plot hanebüchen wirkt und der mitten im Film platzierte Twist vollkommen an den Haaren herbeigezogen erscheint. So ist „Shut In“ in seinen Hochphasen gerade noch okay, was in erster Linie daran liegt, dass mit Watts eine echte Sympathieträgerin besetzt wurde. Die meiste Zeit über taugt der Film jedoch allenfalls für Horroreinsteiger, die mit den gängigen Genremechanismen noch nicht vertraut sind.

Mary

Mary (Naomi Watts) und Tom (Jacoob Tremblay) haben einen Draht zu einander. Leider wird das aus dem Film nicht deutlich…

„Shut In“ beginnt eigentlich wie ein klassisches Familiendrama. Das Drehbuch nimmt sich viel Zeit, um die Umstände von Marys ungewöhnlicher Lebenssituation zu erläutern und schafft es im Anbetracht der nicht zu leugnenden Tragik, ehrliches Interesse an den Figuren zu entwickeln. Die angedeuteten Szenen, in denen Mary daran zu zerbrechen droht, nicht bloß ihren Ehemann Richard aufgrund eines Autounfalls verloren zu haben, sondern auch alleine für ihren komatösen Sohn sorgen zu müssen, gehen vor allem aufgrund von Naomi Watts‘ ergreifendem Spiel ehrlich zu Herzen. Tritt indes erst einmal der Waisenjunge Tom aufs Parkett, bleibt alles, was das Verhältnis zwischen ihm und Mary angeht, bloße Behauptung. Die Macher von „Shut In“ setzen voraus, dass die sehr schnell sehr eng werdende Bindung zwischen den beiden für den Zuschauer erkennbar ist. Ohne vorab zu viel verraten zu wollen, ist genau dieser Aspekt später auch essentiell wichtig, um den Plottwist als einen solchen zu akzeptieren. Leider haben Watts und Tremblay lediglich eine Handvoll Szenen gemeinsam und auch Marys Angst um den irgendwann verschwundenen Tom existiert allenfalls auf dem Papier. Das enge Band zwischen (Pflege-)Mutter und Sohn wirkt wie aus der Luft gegriffen; eine grobe inhaltliche Vernachlässigung, die später auch dafür sorgt, dass die für den Film so wichtige Wendung das letzte Bisschen Glaubwürdigkeit aus der Geschichte saugt.

Zwischen der Drama-ähnlichen Einführung in die Prämisse sowie dem leider viel zu früh einsetzenden Richtungswechsel in der Mitte des Films sorgt Regisseur Farren Blackburn mithilfe des standardisierten Gruselfilm-Repertoires für klassisches Horrorfilm-Flair, versäumt es jedoch, Teile davon zumindest im Ansatz variieren. Trotz der weitestgehend niedrigen Anzahl klassischer Jump-Scares haben die Macher nicht mehr zu bieten, als die handelsüblichen Spielereien mit knarrenden Türen, furchteinflößenden Schatten und wehenden Vorhängen. Das Gruseligste an „Shut In“ ist wohl ohnehin Marys pflegebedürftiger Sohn Stephen, was vor allem daran liegt, dass die Spannungen zwischen Mutter und Sohn mithilfe von Traumsequenzen unterfüttert werden, in denen Mary Stephen nach langer Leidenszeit umbringt. Entsprechend forciert wirkt letztlich auch die Idee, aus der Geschichte unbedingt einen Genrefilm machen zu wollen. Die Geschichte böte genug Zündstoff für ein klassisches Familiendrama; entsprechend fehlplatziert und konstruiert wirken schließlich sämtliche Elemente, die die im Hier und Jetzt verankerte Geschichte zwingend auf eine übernatürliche Ebene hieven wollen. Unterstrichen wird dieser Eindruck nur von dem absolut albernen, reißerischen und jedweder Logik entbehrenden Finale.

Der obligatorische Gang in den Keller ist natürlich auch in "Shut In" Pflicht...

Der obligatorische Gang in den Keller ist natürlich auch in „Shut In“ Pflicht…

Zwei Trümpfe kann „Shut In“ dann aber doch ansatzweise ausspielen. Da wären zum einen die Darsteller, deren Performances zwar nicht an das heranreichen, was sie bereits in anderen (weitaus besseren) Filmen abgeliefert haben. Gleichzeitig können gerade Naomi Watts und Charlie Heaton („Stranger Things“) auch aus den hanebüchensten Szenen das Optimum an emotionaler Intensität herausholen. Dass ausgerechnet Jacob Tremblay kaum etwas zu tun bekommt, ist schade. Bewies er doch gerade im Genrebereich zuletzt, dass er Filme aufwerten kann, deren Stärke nicht unbedingt in der Ausarbeitung der Geschichte liegt („Before I Wake“). Einen Subplot um einen Verehrer Marys reißt das Skript derweil nur kurz an, lässt ihn aber schließlich vollkommen ungenutzt. Des Weiteren gefällt an „Shut In“ vor allem das Setting. Farren Blackburn verzichtet zunächst darauf, die ewig gleiche düstere Horrorfilm-Bildsprache zu verwenden und setzt mithilfe des schneeverdeckten Hauses und einer gemütlichen Vorweihnachtsstimmung einen direkten Kontrast zur gruseligen Handlung. Leider verfolgt der Regisseur auch diesen Ansatz nicht konsequent. Als Mary schließlich von ihren Visionen (?) heimgesucht wird, wird es spätestens dann doch wieder düster, wenn es für die junge Frau – natürlich nur mit einer Lampe bewaffnet – in den Keller geht…

Fazit: Was wie ein tragisches Familiendrama beginnt, wird in der ersten Hälfte durch standesgemäßen Horror-Mummenschanz verwässert und von einem Twist in der zweiten Hälfte der Lächerlichkeit preisgegeben. Lediglich die Darsteller und das Setting überzeugen.

„Shut In“ ist ab dem 15. Dezember in den deutschen Kinos zu sehen.

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