Louder Than Bombs

Der norwegische Regisseur Joachim Trier erzählt in LOUDER THAN BOMBS nicht bloß die Geschichte einer trauernden Familie, sondern beweist vor allem, dass keine Emotion ohne ihr Gegenstück funktionieren kann. Mehr dazu in meiner Kritik.
Louder Than Bombs

Der Plot

Drei Jahre nach dem Unfalltod der bekannten Kriegsfotografin Isabelle Reed (Isabelle Huppert) bringen die Vorbereitungen zu einer großen Retrospektive ihren Ehemann Gene (Gabriel Byrne) und die beiden Söhne Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) wieder zusammen. Als anlässlich der Ausstellung ein Artikel in der New York Times erscheinen soll, der die wahren Umstände von Isabelles Tod aufzudecken droht, müssen die Drei zum ersten Mal wirkliches Verständnis füreinander entwickeln…

Kritik

Nein, der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Joachim Trier („Oslo, 31. August“) ist weder verwandt, noch verschwägert mit Lars von Trier – jenem Regisseur, der hauptsächlich für seine provokanten Dramen bekannt ist und neben Gaspar Noé („Love“) zu den letzten verbliebenen Enfants Terrible der europäischen Kinokultur gehört. Wäre dem anders und hätte sich Joachim Trier dann wohlmöglich noch am Stil seines (in diesem fiktiven Fall eben doch verwandten) Vorbildes orientiert, dann wäre aus „Louder Than Bombs“ vermutlich ein Film geworden, der sein Publikum auf noch viel extremere Weise mit dem Gefühl des Verlustes, dem damit verbundenen Schmerz und der anklingenden Perspektivlosigkeit konfrontiert, die in einem solchen Situation schlummert, in der wir uns ohne jedwede Möglichkeiten der Vorbereitung damit auseinandersetzen müssen, dass wir fortan ohne eine uns liebe Person weiterzuleben haben. Doch obwohl dieses Thema vom Arthouse-Kino bereits zu Tode inszeniert wurde und sich hartnäckig das Gerücht hält, das nur, wer möglichst humorbefreit auf unser aller Leben blickt, auch wirklich die Wahrheit spricht (alles Andere wird dann ja gern unter dem berühmten Begriff „Verklärung“ zusammengefasst), beweist Joachim Trier mit seinem vielschichtigen Familienportrait „Louder Than Bombs“ das Gegenteil; und das, obwohl sein Film in Kopienanzahl, Budget, inhaltlicher Struktur und Komplexität sowie Inszenierung für alle sichtbar ins Programmkino gehört. Doch der Skandinavier hat einen simplen Grundsatz beherzigt: Emotionale Entfaltung findet erst statt, wenn absolut jede Nuance unseres Inneren angesprochen wird. Denn eine einseitig niederschmetternde Charakterstudie hat nicht annähernd die Wucht eines Films, der weiß, dass im Leben geweint und gelacht werden darf.

Der Film beginnt mit der Hand eines Neugeborenen, die den Finger eines Erwachsenen umklammert. Ein Bild, das ohne viel Zutun Hoffnung verspricht und das den Grundton von „Louder Than Bombs“ vorgibt. Wenngleich der Film sich eines Themas annimmt, das ohne Frage zu den traurigsten in unser aller Leben gehört, verweigert Joachim Trier konsequent jedwede Form von aufgesetztem Trübsal, ohne dabei die Gestalt von zuckersüßem Wohlfühlkitsch anzunehmen. Ja, „Louder Than Bombs“ ist ein nachdenklicher, bisweilen melancholischer Film, der sich aus jeder erdenklichen Sichtweise mit dem Thema Tod und Verlust auseinandersetzt. Doch während gerade europäische Autorenfilmer eine derartige Szenerie oft benutzen, um sich in vermeintlich vielschichtiger Beklemmung zu suhlen, versucht sich Joachim Trier an der Zeichnung einer möglichst lebensnahen Familienkonstellation, in welcher jedes Mitglied so trauert (oder es eben lässt), wie es ihm beliebt. So widerspricht es sich nicht, dass der von Jesse Eisenberg („American Ultra“) ohne Heuchelei mitfühlend verkörperte Jonah den Tod seiner Mutter beweint, in der nächsten Szene jedoch seiner Freundin fremdgeht, die zuhause mit ihrem Neugeborenen auf den abwesenden Vater wartet. Es widerspricht sich nicht, dass Jonahs kleiner Bruder Conrad (eine absolute Entdeckung: Devin Druid) tief in sich gekehrt ist, von seinem Umfeld kaum wahrgenommen wird und sich doch im Stillen seiner Stärken bewusst ist, die schlussendlich nur sein Bruder aus ihm herauszukitzeln vermag. Und es widerspricht sich ebenso wenig, dass Gene (zurückhaltend-würdevoll: Gabriel Byrne) zwischen Trauer und Erleichterung schwankt, denn durch den Tod seiner Frau ist die Auseinandersetzung über gegenseitige Affären hinfällig.

Worin die Einen Beliebigkeit sehen mögen, erkennen die Anderen die Vielfältigkeit unseres Seelenlebens, das nicht davor Halt macht, während einer Beerdigung über eine amüsante Erkenntnis zu lachen oder nach genussvollem Sex plötzlich in Depressionen zu verfallen. Joachim Trier beweist sich als herausragender Beobachter der Komplexität menschlicher Gefühle und verleiht seinem Film schon dadurch eine bemerkenswerte Echtheit, vollkommen ohne sich dabei bewusst von den Sehgewohnheiten seines Publikums abzugrenzen. Letzteres tut er allerdings auf inszenatorischer Ebene und macht damit mehr als nötig, um seinem Film zusätzlich zur Authentizität zu einem weiteren Alleinstellungsmerkmal zu verhelfen. Ob es als Zugeständnis an das intellektuelle Publikum zu verstehen ist, sei erst einmal dahingestellt. Doch unter Zuhilfenahme von Rückblenden, Bildmontagen und eingeschobenen Schwarz-Weiß-Szenerien hüllt Joachim Trier seinen Film in ein Kunstgewandt, das er nicht gebraucht hätte. Mehr noch: Angesichts der ansonsten so lebensecht geschriebenen Figuren und Geschichte erweckt „Louder Than Bombs“ nicht selten den Eindruck, der Komplexität willen auf prätentiöse Einschübe nicht verzichten zu wollen. Das ist nichts, was den Gesamteindruck immens schmälert, beißt sich aber mit dem unverfälschten Grundton des Films, was einzig und allein für Abzüge in der B-Note, nicht aber für eine Beeinflussung emotionaler Befindlichkeiten seitens des Publikums sorgt.

Louder Than Bombs

Auf welches Ziel „Louder Than Bombs“ schlussendlich hinaus will, welche Quintessenz Joachim Trier mit seiner Betrachtung einer trauernden Familie, die nach dem steten Auseinanderbrechen sukzessive über Umwege zueinander findet zutage fördert, erweist sich als genau so zweitrangig wie die Frage, wie die ehemalige Kriegsfotografin Isabelle Reed (setzt in ihren kurzen Szenen starke Akzente: Isabelle Huppert) tatsächlich zu Tode gekommen ist. Wie es Jesse Eisenbergs Figur in einer Szene treffend zusammenfasst, basteln sich die Menschen ihre eigenen Geschichten, wenn ihnen die Antwort auf etwas zu unspektakulär erscheint. Mit „Louder Than Bombs“ möchte Joachim Trier keine ereignisreiche Story erzählen und erwartet von seinem Publikum ebenso wenig, zu bahnbrechenden Erkenntnissen zu gelangen. Stattdessen setzt er ein Statement dafür, dass in der Traurigkeit immer auch Glückseligkeit steckt und dass Freude automatisch mit Kummer einhergeht. Und wem das zu wenig ist, der hat vermutlich ganz elementare Dinge seiner eigenen Existenz nicht verstanden, denn manchmal, da ist Stille eben lauter, als es Bomben zu sein vermögen.

Fazit: „Louder Than Bombs“ ist das zarte, in seiner inneren Struktur bisweilen etwas unbeholfen wirkende Portrait einer am Unfalltod der Mutter zerbrechenden Familie, das in der Stille seine lautesten Momente hat.

„Louder Than Bombs“ ist ab dem 7. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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