Poltergeist

Das Original war ein Meilenstein, nun wagt sich Regie-Newcomer Gil Kenan an die schwierige Aufgabe, ein Remake von POLTERGEIST zu inszenieren, das der Vorlage in Sachen Grusel in Nichts nachsteht. Beide Filme haben ihre unübersehbaren Vorzüge, doch das Fazit überrascht: Der Horrorfilm von 2015 erweist sich als dramaturgisch wesentlich ausgereifter als der Achtzigerjahre-Film und besticht durch sympathische Figuren, tolle Tricktechnik und einen soliden 3D-Effekt. 

Poltergeist

Der Plot

Für die Familie Bowen geht der Traum vom Eigenheim in Erfüllung. Nicht nur Eric (Sam Rockwell) und seine Frau Amy (Rosemarie DeWitt) sind überglücklich, auch die Kinder Kendra (Saxon Sharbino), Griffin (Kyle Catlett) sowie Nesthäkchen Madison (Kennedi Clements) fühlen sich in ihren neuen Vier Wänden in einer ruhigen Wohngegend auf Anhieb heimisch. Dass mit dem verwinkelten Gebäude irgendwas nicht stimmt, merkt die Familie erst, als es schon fast zu spät ist. Zunächst sind es bloß Gegenstände, die sich wie von Geisterhand bewegen. Auch die Technik spielt verrückt. Doch schließlich erweist sich ausgerechnet Maddies Kinderzimmer als Portal zu einer fremden Welt, in dessen Schlund grauenvolle Kreaturen hausen. Diese haben es auf das kleine Mädchen abgesehen, das für die geheimnisvollen Wesen besonders empfänglich scheint. Eric und Amy ziehen eine Gruppe von Experten zurate, die Maddie retten sollen. Doch mit einem Poltergeist ist nicht zu spaßen.

Kritik

Der 1982 von Tobe Hooper respektive Steven Spielberg inszenierte Horrorfilm „Poltergeist“ gilt noch immer als einer der Wegbereiter des Haunted-House-Subgenres. Von dort an schossen bis heute allerhand Spukhausgeschichten aus dem Boden, davon mehr als ein Dutzend Filme aus der „Amityville Horror“-Reihe und darüber hinaus natürlich jede Menge Trittbrettfahrer. Die Geschichte um eine Familie, die nach dem Einzug in ihr neues Haus von unheimlichen Phänomenen – einem sogenannten Poltergeist – heimgesucht wird, revolutionierte jedoch nicht nur die horrende Filmsparte an sich, sondern setzte auch in der technischen Aufbereitung neue Maßstäbe. Noch heute zählt „Poltergeist“ zu den tricktechnisch wegweisendsten Blockbustern, was man sich im Anbetracht der aktuellen Standards zwar kaum mehr vorstellen kann, doch seinen Platz auf der kurzen Liste echter Kultfilme hat sich die Produktion über mehrere Generationen hinweg gesichert. Bei näherem Hinsehen ist der „Poltergeist“-Film der Achtzigerjahre allerdings kaum eine Rede wert, wenn man von dem großen CGI-Spektakel einmal absieht und bedenkt, dass zum damaligen Zeitpunkt viele abgegriffene Klischees von heute einst noch gar keine waren. Hooper und Spielberg hatten zwar ihre ganz eigenen Ideen vom Grusel, doch rückblickend ist ihr „Poltergeist“ schlecht gealtert. Dazu wurde zu oft kopiert, zu viel schlecht variiert und sich mit den ewig gleichen Versatzstücken zufriedengegeben. Hinzu kommt ein schon zu damaliger Zeit mageres Drehbuch, das seinen dynamischen Höhepunkt bereits auf der Hälfte der Story findet und von dem Moment der übernatürlichen Ekstase konsequent auf einen dramaturgischen Null-Punkt zusteuert.  So mag man Remakes aufgrund der vermeintlich mangelnden Kreativität zwar verteufeln, in diesem Falle macht „Monster House“-Regisseur Gil Kenan jedoch das einzig Richtige und wärmt „Poltergeist“ nur deshalb wieder auf, um die Fehler des Originals auszubügeln. Sein Film ist eine durch und durch moderne Gruselgeschichte mit punktgenau platzierten Schocks und genügend Referenzen an das Original, um die Liebhaber ebenjenes Films nicht vor den Kopf zu stoßen.

Poltergeist

Nein, die überbordende Neuerfindung des horrenden Kinos erwartet den genrekennenden Zuschauer mit der 2015er-Version von „Poltergeist“ erwartungsgemäß nicht. Auch die gängigen Pfade des klassischen Spukhausfilmes verlässt Regisseur Gil Kenan nur selten. Doch das verantwortliche Team aus dem Filmemacher, Produzent Sam Raimi („Tanz der Teufel“) sowie Drehbuchautor David Lindsay-Abaire („Die fantastische Welt von Oz“) legt seine Neuinterpretation des Achtziger-Stoffes so stilsicher an, dass sich das Publikum dennoch auf eineinhalb Stunden gepflegten Grusel einstellen kann. Getreu dem Motto „Wenn schon nicht neu, dann wenigstens gut!“ finden die Macher eine stimmige Balance zwischen Variation und Optimierung. Aus der berühmten Küchenstuhl-Pyramide wird etwa das Vorzeigewerk eines komplexen Kartenhauses, der gruselig dreinblickende Clown ist wieder mit an Bord und auch der albtraumhaft anmutende Baum steht erneut exakt an dem Platz, wo er der Poltergeist-geplagten Familie schon im Original das Fürchten lehrte. Das nimmt dem Kenner der Vorlage zwar ein Stück weit den Überraschungseffekt, doch die Vernachlässigung unabdingbarer Kultelemente brauchen sich die Macher absolut nicht vorwerfen lassen.

Neben der Genauigkeit innerhalb einzelner Szenen-Arrangements fällt besonders die genauere Charakterzeichnung ins Auge. Die Ecken und Kanten der Protagonisten, angeführt von einer überaus sympathischen Rosemarie DeWitt („#Zeitgeist“) und einem sichtlich amüsierten Sam Rockwell („7 Psychos“) sind deutlich ausgeprägter. Den Jungdarstellern kommen ebenfalls klar definierbare Facetten zu: Saxon Sharbino („Touch“) mimt Teenie-Tochter Kendra ohne die klischeebedingten Zickenallüren, Kyle Catlett („The Following“) ist kein typischer Angsthase, sondern entdeckt seine Furcht erst mit dem Aufkommen der unheimlichen Phänomene und Kennedi Clements („Wayward Pines“) ist mit ihren jungen Jahren am stärksten von der fremden Macht beeinflussbar. Diese einzelnen Aspekte erweisen sich besonders im Hinblick auf die Inszenierung des Poltergeistes für wichtig, denn anders als im Original bekommt es der Zuschauer hier nicht bloß mit einer willkürlich agierenden Übermacht zu tun, sondern mit einem Poltergeist, der klug agiert und die Stärken und Schwächen der Familienmitglieder genau kennt. Dies legt die Basis für ein Duell auf Augenhöhe, bei dem auch in „Poltergeist“ 2015 der Höhepunkt des Spuks etwa auf der Hälfte der Laufzeit geschieht. Doch entgegen des Originals geht dem Film danach nicht die Puste aus.

Poltergeist

Unter Zuhilfenahme sämtlicher technischer Neuerungen wie etwa Smartphones, Tablet-PCs und ferngesteuerter Drohnen ist „Poltergeist“ obendrein ein Abbild unserer modernen Technikaffinität. Die dritte Dimension, die darüber hinaus nicht nur qualitativ besticht, sondern auch innerhalb des Handlungsrahmens Sinn macht, komplettiert den Eindruck, es ginge den Machern auch darum, augenzwinkernd auf die Technikversessenheit der heutigen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Diese kommentiert der Film augenzwinkernd, wodurch dem Leinwandspektakel ein weiterer, entscheidender Pluspunkt beigemessen wird: Ironie. Anders als der durchschnittliche Horrorfilm des 21. Jahrhunderts kommt „Poltergeist“ mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit daher. Dabei setzt das Skript jedoch nicht etwa auf aufdringliche One-Liner – diese würden den Leinwandereignissen dann doch zu viel ihrer Ernsthaftigkeit rauben. Autor Lindsay-Abaire verlässt sich stattdessen lieber auf die natürliche Interaktion der Darsteller und lässt auch in den bedrohlichsten Szenerien Momente des Luftholens zu. Dass dieser schwierige Balanceakt so reibungslos funktioniert, verdanken die Verantwortlichen den Darstellern. Mit diesen steht und fällt die Geschichte, die nicht nur von einer ganz normalen und dadurch so sympathischen Familie getragen, sondern bis zum Schluss auch mit weiteren, neuen Gesichtern bestückt wird. Als Highlight erweist sich Jared Harris („Lincoln“) als tougher Fernseh-Geisterjäger, der dem Geschehen dank kesser Lippe noch eine Extraportion Spaß hinzuzufügen weiß. Dadurch ist „Poltergeist“ vielleicht nicht der nervenzerreißende Horrortrip, den sich manch ein Fan vorab erhofft hat. Stattdessen ist der Film ein fast schon altmodisches Spukerlebnis ohne ständige Jump-Scares und einer intensiven Atmosphäre.

Fazit: Mit einem durchdachteren Drehbuch, besseren Effekten und sympathischeren Charakteren hat das Remake von „Poltergeist“ dem Original viel voraus und mixt einen Gruselfilm alter Schule mit hervorragenden (3D)-Effekten von heute.

 „Poltergeist“ ist ab dem 28. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.

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