Abschussfahrt

Über Humor lässt sich ja bekanntlich streiten. Gerade die deutsche Jugendkomödie ABSCHUSSFAHRT ist ein Film, der so genau auf seine Zielgruppe abgestimmt ist, dass sich Publikum älteren Semesters schwer damit tun könnte, an dem wilden Prag-Trip Gefallen zu finden. Qualität darf hingegen keine Sache der Betrachtung sein, sondern ist da, oder eben nicht. Und deshalb ist für Tim Trachtes Film an dieser Stelle eine Lanze zu brechen: Die Komödie ist in jedweder Sicht ein guter Film. Warum, das lest Ihr in meiner Kritik.

Abschussfahrt

Kritik

Max (Max von der Groeben), Berny (Chris Tall) und Paul (Tilman Poerzgen) sind an ihrer Schule die Außenseiter. Kein Problem für die selbstbewussten Jungen, die zwar auch gern ein Stück vom Fame-Kuchen abbekommen würde, sich in ihrer eingeschworenen Dreierclique jedoch gut aufgehoben fühlen. Als die Abschlussfahrt nach Prag vor der Tür steht, beschließen die drei, es gemeinsam so richtig krachen zu lassen – das Ende von Paukerei und Klassenarbeiten feiert man schließlich nur einmal im Jahr! In der tschechischen Hauptstadt angekommen lässt sich Paul von der von ihr umschwärmten Mitschülerin Julie (Lisa Volz) ihren Bruder Magnus (Florian Kroop) aufs Auge drücken. Obwohl er ihr verspricht, dass die Jungs brav in der Jugendherberge bleiben und mit Magnus Karten spielen werden, löst sich dieses Vorhaben alsbald in Luft auf. Die Freunde beschließen, Magnus auf ihren von langer Hand geplanten Prag-Trip mitzunehmen und in einer XXL-Limousine die Stadt unsicher zu machen. Dabei treffen sie auf Drogendealer, einer ihrer Kumpel verliert seinen Finger und das Unheil gipfelt schließlich in einem Hardcore-Sexclub, wo sie Magnus endgültig aus den Augen verlieren. Doch was in Prag passiert, bleibt auch in Prag…

Kritik

Der Kassenschlager „Fack ju Göhte“ förderte dank seines immensen Erfolgs (7,3 Millionen Besucher) nicht nur eine in diesem Jahr erscheinende Fortsetzung zutage, sondern entstaubte das schon lange ausgetretene Comedy-Subgenre der Schulkomödie. Plötzlich trauten sich wieder eine ganze Reihe an deutschen Regisseuren an das Thema der humoristischen Aufbereitung des Pennäleralltages, darunter solche Namen wie Sönke Wortmann („Frau Müller muss weg“) oder Marco Petry („Doktorspiele“). Mit diesen beiden Filmbeiträgen wären auch sogleich die qualitativen Speerspitzen der deutschen Komödie abgedeckt; das kluge Kammerspiel „Frau Müller muss weg“ auf der einen, die technisch katastrophale und inhaltlich nervende Pubertätsklamotte „Doktorspiele“ auf der anderen Seite. Mit seinem neuesten Werk „Abschussfahrt“ dringt Regisseur Tim Trachte („Der Herrscher von Edessa“) nun ebenfalls in dieses Gebiet vor und schenkt man vorab gezeigtem Bildmaterial sowie diversen Trailern Glauben, so handelt es sich bei der Klassenfahrts-Comedy um einen ähnlich einfallslosen Filmbeitrag wie schon „Doktorspiele“ und Konsorten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Trachte inszeniert mit Spaß eine genau auf das junge Zielpublikum abgestimmte Geschichte über Freundschaft und den Drang zum Ausbruch aus den alltagsbedingten Grenzen des guten Benehmens. Der Regisseur nimmt sein Publikum mit auf eine absurde Reise durch das Gedankengut pubertierender Jugendlicher. Mit dabei: Ein griffiges Drehbuch, sympathische Figuren und eine moderne technische Umsetzung, die „Abschussfahrt“ zu einem charmanten Vertreter seines oftmals so belächelten Genres machen. Es ist an der Zeit, auch hierfür eine Lanze zu brechen!

Abschussfahrt

Was auf den ersten Blick wie eine halbgare Pennälerklamotte wirkt, hat rasch einen entscheidenden Vorteil auf seiner Seite: „Abschussfahrt“ hat zwar nicht annähernd so viele hieb- und stichfeste Pointen zu bieten wie artverwandte Filme aus den USA, doch in Puncto „Liebe zum Detail“ braucht sich „Abschussfahrt“ nicht vor den Komödien aus Übersee zu verstecken. Wenngleich sich Regisseur und Autor Tim Trachte bewusst auf das Umfeld einer Schulklasse konzentriert, weist sein Film doch wesentlich stärkere Bezüge zur beliebten „Hangover“-Trilogie auf als zu „Fack ju Göhte“ und Co. Seine Story besitzt den dramaturgischen Aufbau einer Sketch-Comedy:  Er lässt seine Figuren eine absurde Szenerie nach der nächsten durchlaufen und setzt in der Zuspitzung der Ereignisse immer gekonnt einen drauf. Über die Mietung einer Stretch-Limousine geht es zum Schlamm-Catchen, von dort in einen Sex-Club und schließlich entert die Clique gar einen Panzer, um ihren Freund Magnus aus einer obskuren Folterkammer zu befreien. Obwohl die einzelnen Filmetappen lediglich ein überstilisiertes Abbild der Realität darstellen, hat Trachte die bodenständigen Verhältnisse einer solchen Sauftour sehr genau im Blick. Trachte schürt Klischees, nur um sie wenig später zu zerschlagen. Machos werden zu Sympathieträgern, Zicken zu guten Zuhörern und zwielichtige Clubbesitzer mutieren im Anbetracht der zu Schrott gefahrenen Nobelkarosse zu heulenden Kleinkindern. Die vorab angeklungene Linearität innerhalb der Geschichte ist nicht weniger Bestandteil der sukzessiv in vollkommenes Chaos gipfelnden Story, als die vom deutschen Kino sich selbst auferlegten Kreativitäts-Grenze. Diese gibt es nicht – und damit ist auch die eingangs befürchtete Vorhersehbarkeit nicht existent.

Während die einzelnen Etappen nicht alle denselben Mehrwert haben und man jene beim Schlamm-Catchen durchaus hätte komplett streichen können, haben die Figuren alle ihren eigenen Reiz und Wert innerhalb der Erzählung. Anders als zuletzt in „Doktorspiele“ oder gar Filmen wie „Project X“ sind Max, Benny, Paul und Magnus keine unausstehlichen Poser, sondern aus dem Leben gegriffene Typen. Trachte geht den richtigen Schritt, indem er seine Protagonisten als geistig fitte Schüler etabliert und nicht aus etwaiger Naivität versucht, weitere Gags zu generieren. So lässt sich das Interesse am Leinwandgeschehen kaum leugnen, denn Benny, Max und Co. sind schlicht und ergreifend dufte Kerle, die gerade für das Zielpublikum als perfekte Identifikationsfiguren funktionieren. Allen voran Stand-Up-Comedian Chris Tall offenbart in seiner ersten Filmhauptrolle das Potenzial eines richtigen Schauspielers, wenngleich die Herkunft von der Comedy-Bühne unverkennbar ist: Wann immer Tall alleine agieren und Monologe halten darf, wirkt sein Spiel wesentlich überzeugender als gemeinsam mit den Kollegen. Hier wirken er unsicher und die vorgetragenen Texte wie steif auswendig gelernt. Dafür legt er ein ähnlich ausgeprägtes Gespür für Körperhumor an den Tag, wie seine bereits erfahreneren Kollegen. Gerade Max von der Groeben („Doktorspiele“) sticht hier einmal mehr hervor. Eine Szene, in welcher er in einer ausgeklügelten Choreographie den beaufsichtigenden Lehrer (wie auch alle anderen Nebenfiguren perfekt gecastet: Alexander Schubert) schachmatt setzt, gehört zu den Highlights des Films. Tillman Poerzgen („Bettys Diagnose“) mimt glaubhaft den braven Jungen von nebenan, während Debütant Florian Kroop das Kunststück gelingt, einen autistischen Jugendlichen zu spielen, dessen von außen merkwürdiges Verhalten zwar in eine Jugendkomödie passt, sich jedoch nie über das Krankheitsbild lächerlich macht und darüber hinaus sogar Aufklärung betreibt.

Abschussfahrt

Auf Seiten der konzipierten Pointen trifft Tim Trachte leider nicht immer voll ins Schwarze: Sobald es in „Abschussfahrt“ unter die Gürtellinie geht, wirkt die Szenerie gezwungen und hebt sich negativ vom überraschend gesitteten Umfeld ab. Für eine Comedy dieses Schlages ist der Film nämlich erstaunlich zahm und setzt mehr auf überbordenden Slapstick, anstatt auf derben Dialoghumor oder frivole Sex-Späße. Wann immer auf der Leinwand Großes passiert, wird es dagegen richtig komisch. Wenn die Jungs einen Panzer kapern oder Chris Talls Berny in einem eigentlich abgegriffenen Szenenaufbau seinen Finger verliert, ist „Abschussfahrt“ dank seines unvorhersehbaren Humors kreativ und urkomisch zugleich. Das Spiel, in welchem Berny mit einem Messer zwischen seinen Fingern hin- und her schnellt, ist zwar beileibe kein neues Szenenarrangement, doch Trachte hält den Überraschungsfaktor seines Filmes so konstant aufrecht, dass „Abschussfahrt“ schlicht alles zuzutrauen ist. Der Effekt des abgetrennten Fingers ist dabei Nebensache; die vorab aufgebaute Spannung hingegen ist echt – ein kleines Meisterstück für einen schon vielfach dargebotenen Gag. Und auch Trachtes Fingerspitzengefühl für die richtige Humordosierung ist beachtlich: Wenn etwa ein scheinbarer Frauenschwarm als homosexuell entlarvt wird, zieht der Regisseur wohl weißlich und genau dosiert die Bremse. Vielleicht führt dies gar dazu, dass ausgerechnet eine als durch und durch klischeehafte Komödie angekündigter Film dazu beiträgt, bei den jungen Zuschauern anklingende Homophobie zu entschärfen!?

Auch, wenn man es gerade als deutschfilmkritischer Filminsider nicht wahrhaben möchte, so kann „Abschussfahrt“ mit einem Drehbuch auftrumpfen, das auch nach mehrmaligem Abklopfen kaum logikbedingte Lücken aufweist. Die Produktion hat ihre Figuren, deren Verhalten und die plotbedingten Verwicklungen der Jungs genau im Blick, das Herz am rechten Fleck und bereitet sämtliche Storywendungen genau vor. Die Figuren agieren nicht beliebig, sondern genau in ihrem Rahmen der Charakterisierung. Und obwohl „Abschussfahrt“ von Minute zu Minute absurder wird, läuft der Prag-Trip plotbedingt in solch geregelten Bahnen ab, dass das Gefühl entsteht, all die Eskapaden sind zwar einer überdimensional hohen Anzahl an unglücklichen Zufällen geschuldet, jedoch zu keinem Zeitpunkt vollkommen aus der Luft gegriffen. Das Drehbuch bereitet über die stimmig ausgefüllte Gesamtlaufzeit von eineinhalb Stunden alle Ereignisse vor: undurchdachte und dadurch beliebige Entscheidungen oder Taten von Seiten der Protagonisten gibt es nicht. So lässt sich vielleicht über das Humorverständnis von „Abschussfahrt“ streiten, nicht aber über die genaue Beobachtungsgabe der Macher hinter den Kulissen. Denn auch, wenn sich die Komödie aus thematischen Gründen vornehmlich an ein Teenager-Publikum richtet, ist sie aus handwerklicher Sicht überdurchschnittlich gut geraten.

Powernapping auf der Tour durch die Nacht: Paul (Tilman Pörzgen), Berny (Chris Tall), Max (Max von der Groeben) und Magnus (Florian Kroop, vorne).

Fazit: Das Schwächste an „Abschussfahrt“ ist der Trailer, denn dieser tut dem charmanten Partyvergnügen Unrecht. Tim Trachte inszeniert keinen lieblosen Brachial-Spaß, sondern ein genau auf seine Figuren abgestimmtes Vergnügen mit Herz und Charakter, das in den humorvollen Spitzen nicht immer zündet, aber eine solche Passion an den Tag liegt, dass „Abschussfahrt“ eine insgesamt sehr gute Figur macht.

„Abschussfahrt“ ist ab dem 21. Mai bundesweit in den Kinos zu sehen.

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