Foxcatcher

Mit einnehmender Beklemmung agiert Steve Carell in „Foxcatcher“ zusammen mit einem Cast, der ebenfalls nicht besser gewählt sein könnte. Gleichzeitig überragt der Spiel des Akteurs – dessen Oscar-Sieg nahezu sicher sein dürfte – in seiner perfekten Symbiose aus auf den Punkt abgelieferter Akteurskunst und intuitivem Agieren alle anderen Ensemblemitglieder derart um Längen, dass man es fast schade finden kann, dass das Hauptaugenmerk somit nur dann auf den anderen Darstellern liegt, wenn die Figur des John Du Pont in einer Szene einmal nicht zugegen ist. Mit seinem Charakter des Ringers Mark Schultz findet der oftmals belächelte Channing Tatum endgültig zu dieser einen, ihm auf den Leib geschriebenen Rolle, mit der er auch die Kritiker geschlossen begeistern kann und wird. Der für die Figur sichtlich an (Muskel-)Masse zugenommene Ex-Stripper erweist sich ab der ersten Szene als Idealbesetzung. Sein bulliges Auftreten des wenig feinfühligen Sportlers baut auf eine besondere Art der Grobmotorik; Gleichzeitig lassen nuancierte Gesten die wahre Sensibilität seiner Figur erahnen. Wenn Mark aufgrund eines verpassten Sieges etwa sein Hotelzimmer zertrümmert und sich gar selbst verletzt, er im nächsten Moment jedoch in sich zusammenbricht, vereint sich diese Mischung aus geballter Selbstaggression und Hoffnungslosigkeit zu einem großen Ganzen, das in einer einzelnen Figur zu einem beeindruckend vielfältigen und schwer zu entschlüsselnden Charakter wird. Immer wieder erhält Channing Tatum die Möglichkeit, sich in besonders starken Einzelszenen zu beweisen. Schmerz – ob nun körperlicher oder seelischer – sowie Erlösung spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Hauptrolle, ebenso wie Gegensätze, die sich wie ein roter Faden durch „Foxcatcher“ ziehen. Tatum kämpft bis zur wahrhaftigen Erschöpfung nicht bloß für die sportlichen Erfolge seiner Rollenfigur, sondern – so möchte man meinen – für die längst überfällige Anerkennung der weltweiten Kritikerschaft. Zum Schlüsselmoment wird eine Szene, in welcher Schultz die Folgen einer Fressattacke auf dem Hometrainer rückgängig zu machen versucht. Hier bekommt der Begriff „Selbstgeißelung“ eine völlig neue Bedeutung, in der sich auch eine weitere, für den Film immens wichtige Figur profilieren kann.

Mark Ruffalo, zuletzt als Hulk in „Marvel’s The Avengers“ zu sehen, mimt die Rolle von Mark Schulz‘ Bruder und Trainer, unter dessen Aufsicht Mark einst dieselben Erfolge erlangte, wie sein familiäres Vorbild. Die Chemie zwischen ihm und Ruffalo ist beachtlich und – trotz einer äußerst geringen Screentime seitens Ruffalo – stets glaubhaft und intensiv. Zugleich gelingt den Drehbuchautoren E. Max Frye („Gefährliche Freundin“) und Dan Futterman („Capote“) ein hervorragender Balanceakt zwischen zwei Männern, wie sie gegensätzlicher und doch gleicher kaum sein könnten. Die Skript-Autoren spielen mit der Anziehungskraft zweier Geschwister, die sich im Moment der Annährung direkt wieder abstoßen und kreieren daraus eine zwischenmenschliche Beziehung, die in ihrer hochinteressanten Betrachtungsweise ebenso für Zündstoff wie Geborgenheit sorgt. Ruffalo, der sich für seine Rolle in „Foxcatcher“ einen Vollbart wachsen ließ und somit ebenfalls kaum zu erkennen ist, mimt das Gegenteil zu Tatums Rolle mit Bravour und einer besonderen Form der Zurückhaltung, die nur in ganz entscheidenden Momenten wie ebenjener Hometrainer-Szene aufbricht. Das unterstreicht Bennett Millers Streifen als ein solcher, in dem Gegensätze und die Kollision ebenjener, zum Dreh- und Angelpunkt werden, was zwangsläufig zu einer Explosion führen muss. Als direkter Kontrast zum Ringer-Sport an sich avanciert derweil das Pferderennen. Schon die Auftaktszene zeigt alte Aufnahmen einer Treibjagd; Die eleganten Hochleistungstiere ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Die brillante Vanessa Redgrave („The Butler”) in der Rolle von John Du Ponts Mutter und erfolgreiche Pferdezüchterin auf dem Foxcatcher-Anwesen, deren Anerkennung sich der manische Investor um jeden Preis verdienen will, bringt es in einem intensiven Zwiegespräch auf den Punkt: „Ringen ist der Sport für die Unteren – und ich will Dich nicht unten sehen!”.

Zum zweiten Hauptdarsteller in „Foxcatcher“ wird Kameramann Greig Fraser. Der für die Bildgestaltung von Filmen wie „Snow White and the Huntsman“ und „Zero Dark Thirty“ verantwortliche Kamerakünstler packt das Psychodrama in ein Gewand aus Düsterness und Poesie. Ein wenig erinnert sein Blick für das Verschwimmen von Realität und Wahn an Roger Deakins, der den Entführungsthriller „Prisoners“ 2013 mit ähnlich beklemmenden Bildern bestückte. Stets von einem leichten Nebelschleier umgeben kreiert Fraser mit einfachsten Mitteln Bilder von immenser Ausdruckskraft. Dazu benötigt er gar keine aufwändigen Kulissen. Wenngleich der Detailreichtum der inszenierten Olympischen Spiele und Wettkämpfe in seiner Opulenz begeistert, sind es insbesondere die leisen Momente, die in ihrer wuchtigen Nachhaltigkeit den Atem rauben. Eine Szene, in welcher Steve Carell in der Dämmerung durch einen Pferdestall geht, den Kopf gesenkt, entfaltet eine visuelle Wucht, mit der nicht einmal die modernsten Fantasy-Epen aufwarten können. Diesen Eindruck, dass „Foxcatcher“ von den leisen Tönen dominiert wird, unterstreicht auch die musikalische Gestaltung. Rob Simonsen („Wish I Was Here“)bleibt mit seiner Instrumentalkomposition sehr zurückhaltend. Lange Zeit bleibt „Foxcatcher“ gar völlig frei von jedweder musikalischen Untermalung. Ganz gezielt setzt Simonsen Akzente, die dem Geschehen in den entscheidenden Momenten zusätzlich an Ausdrucksstärke verleihen. Das begeistert in seiner Zurückhaltung und beweist einmal mehr, dass in „Foxcatcher“ jede Sekunde bis zur Perfektion durchgeplant ist.

Foxcatcher

Mark Ruffallo und Channing Tatum geben ein beeindruckend authentisches Brüderpaar ab, das nicht mit, aber erst recht nicht ohne einander kann.

Fazit: Ein Film wie ein Faustschlag! Während Steve Carell elektrisiert und Channing Tatum mitreißt, macht Regisseur Bennett Miller „Foxcatcher“ zu einem Meilenstein der Filmgeschichte!

“Foxcatcher” erscheint am 29. Januar deutschlandweit in den Kinos!

Erschienen bei Quotenmeter.de