Der Dieb der Worte

Als DER DIEB DER WORTE noch „The Words“ hieß, gehörte das Drama mit Bradley Cooper in der Hauptrolle zu den Filmen, die ich mir am meisten herbeisehnte. Nun, da in Deutschland wieder der Umbenennungswahn um sich gegriffen hat und ich in den Genuss kam, den Arthausfilm bereits sehen zu können, fällt meine Laune zwar nicht wirklich ernüchternd aus, dennoch kann ich mit Fug und Recht behaupten, von dem Streifen etwas gänzlich anderes erwartet haben. Ob das bedeutet, dass „Der Dieb der Worte“ schlecht oder einfach nur ‚anders‘ ist, lest Ihr in meiner heutigen Kritik.

Der Plot

Rory (Bradley Cooper) und Dora Jansen (Zoe Saldana) scheinen nach der Hochzeit ihr Glück gefunden zu haben. Doch obwohl es für die beiden privat nicht besser laufen könnte, macht dem perfektionistischen Rory die Arbeit zu schaffen. Seit Jahren ist er bestrebt, ein erfolgreicher Autor zu werden. Während er von Jedermann zwar attestiert bekommt, ein hochtalentierter Schreiber zu sein, mangelt es ihm daran, den Nerv der Leser zu treffen. Eines Tages entdeckt er beim Stöbern in einem Antiquitätenladen das Manuskript zu einem scheinbar unveröffentlichten Roman. Zuhause angekommen beginnt Rory übermütig, das fremde Werk abzutippen, um es nur wenig später als sein eigenes rauszubringen. Zunächst geht diese Rechnung auf. Mit „Fenstertränen“ scheint ihm endlich der langersehnte Durchbruch gelungen zu sein. Doch es dauert nicht lange, bis ihn die Vergangenheit schneller als erwartet einholt und Rory auf einen alten Mann (Jeremy Irons) trifft: Den wahren Verfasser der Geschichte.

Kritik

Fünf lange Jahre brauchte das Autorenteam um Brian Klugman und Lee Sternthal  („TRON: Legacy“) für das Skript zu „Der Dieb der Worte“. Angesichts der komplexen Herangehensweise an die eigentlich recht simple Geschichte verwundert eine derart lange Arbeitsphase der beiden Science-Fiction-Experten nicht. Denn der Plot an sich liest sich zwar weitestgehend schnörkellos, wird auf der Leinwand allerdings äußerst verschachtelt und abstrus aufbereitet.

Der Streifen lässt sich ohne viel Interpretationsanstrengung in drei Abschnitte gliedern. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Geschichte um Rory und Dora. Bradley Cooper („Hangover“, „Ohne Limit“) und Zoe Saldana („Colombiana“, „Star Trek into Darkness“), die für die Rollen der beiden Protagonisten gecastet wurden, liefern vor allem in den ruhigen Momenten packende, minimalistische Leistungen ab. Die zweite Erzählebene ummantelt die Geschichte des Protagonistenpärchens, indem sich relativ schnell herausstellt, dass beide lediglich Figuren einer Geschichte sind, dessen Schöpfer der Schriftsteller Clay Hammond (Dennis Quaid, 8 Blickwinkel“) ist. Im Rahmen einer Lesung stellt er seinen neusten Roman vor.

Während der Lesephasen spielt sich der Handlungsstrang ab, der mit Cooper und Saldana bestückt ist. Die kurz und knapp gehaltenen Passagen, die Ford innerhalb des Hörsaals zeigen, sind der Aufhänger für einen Flirt zwischen ihm und Daniella (Olivia Wild, „TRON: Legacy“), einer Dame im Publikum, deren Sinn und Zweck sich nach einmaligem Sehen sicher für kaum einen Zuschauer erschließt. Einerseits ist vor allem dieser Gliederungsabschnitt derjenige, der den meisten Raum für Interpretationen lässt und dazu einlädt, „The Words“ mehrmals zu schauen. Danielle konfrontiert den Schriftsteller mit all den offenen Fragen, die sich auch beim Zuschauer aufgrund der sich anhäufende Masse an Informationen mit der Zeit einstellen und liefert so die Basis für eine anregende Auseinandersetzung mit dem Gezeigten. Gleichzeitig droht dieser Touch des Hochintellektuellen hinter der aufkeimenden 08/15-Liebelei zurückzubleiben.

Die dritte und letzte Erzählebene schließlich taucht im Rahmen des ersten Handlungsstrangs auf, als Rory auf den alten Mann trifft. Waren die beiden vorherigen Abschnitte noch klassisches, auf Hochglanz poliertes Durchschnittskino, gerät „Der Dieb der Worte“ jetzt unkonventionell und präsentiert sich in seinem Look um rund 50-60 Jahre gealtert. Von nun an wird ein melancholisch in schmerzenden Erinnerungen schwelgender Jeremy Irons („Nachtzug nach Lissabon“, „Die Borgias“) zum Mittelpunkt der Erzählung und ganz nebenbei auch zum herausragenden Highlight des Dramas. Auch wenn sich sein Agieren darauf beschränkt, neben Bradley Cooper auf einer Parkbank zu sitzen und mithilfe eines Monologes seine Lebensgeschichte zu erzählen, bringt er es fertig, aufgrund seiner naturgegebenen Kraft und Ausdrucksstärke in Gestik, Mimik und Artikulation, das Publikum gebannt zu fesseln. Sogar Schauspielkollege Cooper meint man bisweilen seine Ehrfurcht vor Irons‘ Ausstrahlung anzumerken.

Der Rückblick auf das bewegte Leben der von Jeremy Irons verkörperten Figur kleidet sich in sepiafarbene Bilder und erzählt tragische Liebesgeschichte, Kriegsdrama und das Portrait eines einsamen Mannes zugleich. Im Mittelpunkt stehen hier Ben Barnes („Das Bildnis des Dorian Gray“, „Die Chroniken von Narnia“) als jüngere Version des von Irons verkörperten Charakters und Nora Arnezeder („Safe House“, „Alexandre Ajas Maniac“). Beide genießen den Luxus, wesentlich ausgefeiltere Charaktere darstellen zu können als Cooper und Saldana und erfüllen diese Aufgabe jederzeit. Vor allem Arnezeder beweist aufs Neue ihr Händchen dafür, ihrer Figur zugleich Zerbrechlichkeit und eine enorme, emotionale Stärke zu verleihen.

Leider ziehen Brian Klugman und Lee Sternthal, die neben dem Skript auch die Regie übernahmen, die strikte Aufteilung ihres Streifens insofern nicht konsequent durch, als dass sie in Sachen Musikgestaltung auf einen Einheitssound zurückgreifen. Vor allem, da sich der optisch nostalgisch anmutende Erzählstrang enorm vom Rest abhebt, wäre hier mehr Liebe zum Detail wünschenswert gewesen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die künstlerische Gestaltung von „Der Dieb der Worte“ im Großen und Ganzen gelungen ist. Vor allem die auffallend ruhigen Kamerafahrten, die mehr darauf aus sind, dem Zuschauer einen Überblick zu verschaffen denn Detailbilder zu liefern, sind bemerkenswert und verleihen dem Streifen ein opulentes Auftreten. Zugleich fällt die Anzahl der verschiedenen Settings verhältnismäßig gering aus, sodass der Eindruck des kleinen Arthausfilms erhalten bleibt. Als bestes Beispiel sei hierfür die Szenerie mit Cooper und Irons auf der Parkbank zu nennen, die fast eine halbe Stunde und somit rund ein Drittel des gesamten Films einnimmt.

Die Methodik, nach welcher das Regie- und Autorenduo seinen Film konzipierte, ist auf der einen Seite genau das, wodurch sich „The Words“ von der Masse abhebt. Klugman und Sternthal brachten auf diesem Weg möglichst viele Denkanstöße in ihrem Film unter, liefern Raum für freimütige Interpretationen und lassen es zu, dass man – je öfter man den Streifen sieht – jedes Mal aufs Neue mit dem Nachdenken beginnen kann. Andererseits muss das Publikum durch diese ausladende Produktion mit einigen anstrengenden Längen kämpfen, die sich vor allem in der Erzählebene wiederfinden, die von Arnezeder und Barnes ausgefüllt wird. Darstellerisch befindet sich „The Words“ nah an der Perfektion. Trotz Schwächen in der musikalischen Gestaltung ist auch die künstlerische Qualität nicht zu verachten. Da sich jedoch nicht ganz erschließt, an welche Zielgruppe sich das Drama nun richten möchte, könnte es der kleine Film an den deutschen Kinokassen allerdings äußerst schwer haben.

Der Dieb der Worte“ ist ab dem 23. Mai in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de