The Running Man
In THE RUNNING MAN jagt Edgar Wright seine Zuschauer durch eine gnadenlose, dystopische Zukunft, in der Unterhaltung und Gewalt untrennbar verschmelzen. Action, Satire und beißende Gesellschaftskritik treffen hier auf ein halsbrecherisches Tempo und charismatische Darsteller. Doch hinter der glänzenden Oberfläche lauern erzählerische Schwächen, die den Film zwiegespalten zurücklassen.
Darum geht’s
In einer nahen, dystopischen Zukunft prägen wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit und staatliche Kontrolle den Alltag der Menschen. Einer von ihnen ist Ben Richards (Glen Powell), der gerade erneut seinen Arbeitsplatz verloren hat. Dadurch können weder er noch seine Frau Sheila (Jayme Lawson) die dringend benötigten Medikamente für ihre Tochter aufbringen. Verzweifelt nimmt Ben ein Angebot an, an der brutalen, landesweit übertragenen TV-Show The Running Man teilzunehmen. In dieser Sendung müssen die Kandidaten 30 Tage überleben, während professionelle Jäger sie quer durchs Land verfolgen. Die ganze Gesellschaft verfolgt die Ereignisse live vor den Bildschirmen. Wer das Spiel übersteht, hat die Chance auf ein enorm hohes Preisgeld. Ben findet sich mitten in diesem gnadenlosen Überlebenskampf wieder. Doch je länger er kämpft, desto mehr wird er auch zu einem Symbol des Widerstands gegen die Ausbeutung von Menschen und die Verherrlichung von Gewalt als Unterhaltung.
Kritik
17 Jahre bevor 1987 die erste Verfilmung von Stephen Kings (alias Richard Bachmanns) „Menschenjagd“ ins Kino kam, entwickelte sich Tom Toelles deutscher Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ zu etwas, was man dato im Volksmund als „Straßenfeger“ bezeichnete. In der verfilmten Kurzgeschichte „The Prize of Peril“ von Robert Shekley geht es um eine aus damaliger Sicht nah zukünftige Gesellschaft, in der Unterhaltung und Gewalt zu einer spektakulären Fernsehshow verschmelzen. Im Mittelpunkt steht die fiktive Sendung „Das Millionenspiel“, in der ein Kandidat eine Million D-Mark gewinnen kann, wenn er es schafft, sieben Tage lang nicht getötet zu werden. Für maximales Entertainment wird der Kandidat von drei bewaffneten Killern quer durch die Bundesrepublik gejagt. Begleitet von Moderationen, Interviews, Sponsorenwerbung und Zuschauerbeteiligung. Das kommt einem doch alles ziemlich bekannt vor. Doch der absurdeste Fakt kommt jetzt erst: Der offiziellen Überlieferung nach erreichten die ARD im Anschluss an die Ausstrahlung zahlreiche Anrufe interessierter Kandidaten, die unbedingt an der nächsten Folge von „Das Millionenspiel“ teilnehmen wollten. Damit prallte die beißende Gesellschaftskritik der Macher auf jene Realität, die sie eigentlich entlarven wollte – traf also genau ins Schwarze.
Dass im Anschluss an Edgar Wrights Romanadaption von „Menschenjagd“ ebenfalls Leute beim Filmstudio anrufen, um nach Teilnahmemöglichkeiten an der TV-Show „The Running Man“ zu fragen, steht zu bezweifeln. Denn eine der ganz großen Stärken der gleichnamigen Action-Dystopie ist es, eine glaubhafte und in sich schlüssige Zukunftsvision unserer Gesellschaft zu entwerfen, die von vorne bis hinten einfach nur abgefuckt ist. Die soziale Ungleichheit hat riesige Ausmaße erreicht. Während die Unterschicht in Slums lebt, gibt es eine kleine, reiche Elite, die in dieser kapitalistisch-totalitären Welt den Ton angibt. Arbeitslosigkeit, Krankheit und Umweltverschmutzung sind allgegenwärtig. Es herrschen staatliche Kontrolle und mediale Manipulation vor. Vor allem durch das Fernsehen, mit einem sich sichtlich genießenden Josh Brolin („Weapons – die Stunde des Verschwindens“) als ätzender, durch und durch geldgeiler Produzentenboss an der Spitze. Mitten in diesem Chaos bemüht sich Shootingstar Glen Powell („Twisters“) sichtlich darum, als Protagonist Ben Richards die Sympathien des Publikums auf seine Seite zu ziehen. Doch so gut wie es den Machern gelingt, dieses futuristische Amerika mithilfe authentischer Settings und in den besten Momenten beißend-satirischer Momente greifbar zu machen, versäumen sie es, eine Hauptfigur zu entwerfen, die nicht ausschließlich vom Charme ihres Darstellers lebt.
„Doch so gut wie es den Machern gelingt, dieses futuristische Amerika mithilfe authentischer Settings und in den besten Momenten beißend-satirischer Momente greifbar zu machen, versäumen sie es, eine Hauptfigur zu entwerfen, die nicht ausschließlich vom Charme ihres Darstellers lebt.“
Den bringt Glen Powell von Natur aus mit, sodass er sich gar nicht viel Mühe geben braucht, damit man mit den Eskapaden seines jähzornig-krawalligen, gleichermaßen verzweifelten Ben Richards nicht doch durchgehend mitfiebert. Zumal ohnehin von Anfang an klar definiert ist, wer in „The Running Man“ zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Trotzdem gibt das Skript von Edgar Wright („Last Night in Soho“) und Michael Bacall („22 Jump Street“) kaum Anhaltspunkte für die wahre Gesinnung seines Protagonisten. Wenn Ben in der aller ersten Szene seine Tochter im Arm hält, dann wirkt es so, als hätte der Regisseur Glen Powell ohne jedwede Anweisungen ein Kind an die Brust gedrückt. In der Hoffnung, dass dieses Bild alleine schon genügt, um Mitgefühl zu erzeugen. Auch der Austausch zwischen ihm und seiner Frau Sheila ist auf das Allernötigste (und eigentlich nicht mal das) reduziert; Dass sich die beiden die notwendigen Medikamente für ihr krankes Kind nicht mehr leisten können und Ben gerade seinen Job verloren hat, ist alles, was wir an Background über die kleine Familie erhalten. Jetzt kennen wir zwar den emotionalen Antrieb für Bens Teilnahme an der „Running Man“-Gameshow, doch irgendwie ist das ganz schön wenig. Etwas besser geglückt ist da die Charakterisierung von Josh Brolins Dan Killian, der von Anfang an offenlegt, weshalb Ben genau der richtige Kandidat ist, um an „The Running Man“ teilzunehmen und uns damit einen noch besseren Einblick in sein kaputtes Wertesystem gibt.
Die wie ein Trainingscamp aufgebaute Casting-Phase handelt der Film im Eilverfahren ab. Schnell beginnt die eigentliche Show. In der ersten Filmhälfte tritt Edgar Wright gefühlt nicht einmal vom Gas, sondern treibt den Plot aktiv voran, indem er die perverse Idee hinter der Sendung von allen möglichen Seiten beleuchtet. Inklusive einer begleitenden TV-Show in einem Fernsehstudio, wo Colman Domingo („Sing Sing“) als skrupelloser Moderator Bobby Thompson das Geschehen kommentiert wie einst Stanley Tucci in „Die Tribute von Panem“. Nur dass sein moralischer Kompass noch weitaus gestörter ist. Domingos Szenen gehören zweifelsohne zu den Highlights in „The Running Man“. Auch weil hier das angestrebte Bild der Hardcore-Satire am besten zu seiner Formvollendung findet. Darüber hinaus erinnern Tempo und Witz dieser Momente am ehesten noch an den Stil eines Edgar Wright, der hier sonst nur selten durchkommt. „The Running Man“ hätte ebenso gut von jedem x-beliebigen Regisseur ohne eigene Handschrift stammen können. Doch immerhin inszeniert Wright das Geschehen mit handwerklich gewohnter Kompetenz. Die Actionszenen vermitteln ein angemessenes Gefühl für Bedrohung, der Protagonist erhält ein, zwei gute Heldenmomente und das Setting um ihn herum wird bestmöglich ausgenutzt. Vor allem eine Hatz innerhalb eines heruntergekommenen Hotels hinterlässt in der ersten Filmhälfte einen bleibenden Eindruck.
„‚The Running Man‘ hätte ebenso gut von jedem x-beliebigen Regisseur ohne eigene Handschrift stammen können. Doch immerhin inszeniert Wright das Geschehen mit handwerklich gewohnter Kompetenz.“
Doch damit sei der inszenatorische sowie erzählerische Höhepunkt von „The Running Man“ auch bereits umrissen. Denn in der zweiten Hälfte zerfällt der Film spürbar und schlägt auf der Zielgeraden sogar unpassend versöhnliche Töne an. Dabei ist gar nicht unbedingt das Problem, dass sich das Finale (und damit die Kernaussage des Films) sowohl drastisch von der Romanvorlage als auch von der ersten Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger unterscheidet. Problematisch ist eher, dass es die zuvor angestrebte Kompromisslosigkeit ad absurdum führt. Dabei hätte man im Anbetracht der durchaus blutigen Gewaltspitzen etwas mehr Mut zur Kante erwarten können. Für eine Big- (oder zumindest Mid-)Budget-Studio-Produktion ist „The Running Man“ nämlich überraschend blutrünstig geraten. Wenn hier in Köpfe geschossen wird, dann spritzt das Blut ordentlich. Gleichwohl macht der Film auch Zugeständnisse an die modernen Sehgewohnheiten. Ein von Michael Cera („Der phönizische Meisterstreich“) gespielter Systemkritiker namens Elton wirkt wie eine unnötige Kreation eines Comic Reliefs, den offenbar jeder Film heutzutage braucht. Nicht nur hier wirkt „The Running Man“ tonal unausgereift. Immer wieder lässt Edgar Wright Momente intensiver Bedrohung und Zermürbung von garstigem Humor aufbrechen. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Vor allem aber sorgt auch das dafür, dass sich der Film insgesamt alles andere als rund anfühlt – ganz egal, wie viel fiesen Spaß er dank seines halsbrecherischen Tempos und seines charismatischen Hauptdarstellers auch bereiten mag.
Fazit: „The Running Man“ überzeugt mit einer atmosphärisch dichten und satirisch zugespitzten Zukunftsvision, die durch Tempo, Stil und pointierte Gesellschaftskritik fesselt. Dennoch bleibt der Film hinter seinem eigenen Anspruch zurück, weil er erzählerisch zu wenig wagt und seine Figuren emotional unterentwickelt bleiben. Die Mischung aus brutaler Action und beißender Medienkritik wirkt stellenweise unausgewogen, verliert im letzten Drittel sogar an Schärfe. Insgesamt ist „The Running Man“ ein unterhaltsamer, aber inkonsequenter dystopischer Actionfilm, der mehr andeutet, als er letztlich einlöst.
„The Running Man“ ist ab dem 13. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



