Der phönizische Meisterstreich

Wes Anderson meldet sich in gewohnter Manier zurück. Doch nach einigen Ausrutschern, bei denen sich sein immer gleicher Stil mehr und mehr wie Faulheit anfühlte, überzeugt die Heist-Komödie DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH endlich wieder, gerade weil Anderson seinem Stil hier treu bleibt.

OT: The Phoenician Scheme (USA/DE 2025)

Darum geht’s

Zsa-Zsa Korda (Benicio del Toro) ist ein extravaganter Unternehmer, der einst mit Aktivitäten in der Rüstungs- und Luftfahrtbranche zu enormem Reichtum gelang. Dass er zudem seine drei Ehefrauen ermordet haben soll, macht ihn obendrein zu einer geheimnisumwitterten Figur, der mehrere Personen nach dem Leben trachten. Nachdem er – wieder einmal – ein Flugzeugattentat überlebt hat, besucht er seine entfremdete Tochter Liesl (Mia Threapleton). Er erklärt die zurückhaltende Nonne zur Alleinerbin seines Vermögens sowie Geschäftsnachfolgerin und begibt sich mit ihr auf eine abenteuerliche Reise. Zusammen mit dem norwegischen Insektenforscher Bjorn (Michael Cera) reisen die beiden einmal rund um den Erdball, um mit einer Handvoll Geschäftspartnerinnen und -Partnern neue Verträge für ein gigantisches, gewinnversprechendes Projekt auszuhandeln. Doch Korda muss Acht geben: Man plant bereits die nächsten Attentate, Manipulationen und Verschwörungen gegen ihn…

Kritik

Ab wann wird aus einer ausdrucksstarken Handschrift ein Selbstzitat? Wo endet die charmante Reproduktion stilbildender Inszenierungsmittel, wo beginnt die kreative Bankrotterklärung? Und wann ist die Rückbesinnung auf den immer gleichen Style einfach nur noch Faulheit? Diese Fragen stellt man sich seit einigen Jahren unweigerlich, wenn man an Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“) denkt. Der texanische Regisseur und Kritikerliebling hat sich, wie kein zweiter, einen unverkennbaren visuellen Stil angeeignet, den er wie eine Schablone auf seine Filme zu legen scheint. Pro: Die Werke lassen sich, im wahrsten Sinne des Wortes, vom ersten Frame an als seine identifizieren. Contra: Unweigerlich kommt es zur in diesen Text einleitenden Diskussion und damit einhergehend der Frage: Langweilt einen das nicht irgendwann? Die Antwort ist: jein. Denn solange Anderson die Settings und Geschichten weiterhin so ansprechend variiert, wie er es bis heute tut, steht dem fortwährenden Unterhaltungswert nichts im Weg. Anstrengend wird es nur, wenn der Filmemacher – wie zuletzt bei dem drögen „Asteroid City“ – nicht mehr zu bieten hat als seine Schablone…

Liesl (Mia Threapleton) und ihr Vater Zsa-zsa (Benicio Del Toro) auf dem Weg ins (fiktive) Phönizien.

… und natürlich jede Menge Stars. Denn abgesehen von seinen puppenhaft ausgestatteten Sets, den ausgewaschenen Farben und dem Faible für Symmetrie zeichnet Wes Andersons Filme immer auch aus, welche Namen diesmal auf dem Filmplakat stehen. Zu den meistgecasteten Gesichtern gehören unter anderem Bill Murray („The French Dispatch“), Owen Wilson („Darjeeling Limited“), Jason Schwartzman („Asteroid City“) und Adrien Brody („Grand Budapest Hotel“). Auch hinter der Kamera arbeitet Anderson gern mit denselben Leuten zusammen. Komponist Alexandre Desplat („Isle of Dogs“) oder auch Drehbuchautor Roman Coppola („Tiefseetaucher“) sind Teil seines Stammensembles. Benicio del Toro („Sicario“) muss nach seiner erstmaligen Zusammenarbeit in „The French Dispatch“ einen solchen Eindruck bei Anderson hinterlassen haben, dass er für „Der phönizische Meisterstreich“ direkt als Hauptdarsteller engagiert wurde. Sein Zsa-zsa Korda ist ein exzentrischer Geschäftsmann, der sich in seinem Business immer wieder haarscharf an die Grenze der Illegalität herantastet und bisweilen auch darüber hinausgeht. Del Toro stellt sich mit seiner Performance ganz in den Dienst des Films und führt ein Figurenarsenal an, das es ihm gleichtut.

„Mit den für Wes Anderson typischen (Atem-)Pausen, in denen ein Charakter niemals dem anderen ins Wort fällt, hat auch ‚Der phönizische Meisterstreich‘ etwas sehr Theaterhaftes.“

Schnelle, spürbar auf dem Papier und nicht infolge irgendwelcher Improvisation entstandene Dialoge werden vor liebevoll und detailliert ausgestatteten, aber immer auch starr-ausstaffiert wirkenden Kulissen vorgetragen. Mit den für Wes Anderson typischen (Atem-)Pausen, in denen ein Charakter niemals dem anderen ins Wort fällt, hat auch „Der phönizische Meisterstreich“ etwas sehr Theaterhaftes. Hin und wieder schauen die Schauspielenden nur ganz knapp an der Kamera vorbei, sodass es so wirkt, als wollten sie doch eigentlich lieber das Publikum direkt ansprechen anstatt die Figur, mit der sie sich eigentlich unterhalten. Das ist für Wes Anderson alles nichts Neues. Genauso wenig die durch und durch eigenwilligen Figuren, über die man in der Regel nicht mehr erfährt als ihre Spleens. Mit Del Toro im Leading und seiner Gefolgschaft, bestehend aus unter anderem Michael Cera („Barbie“), Mia Threapleton („A Little Chaos“), Willem Dafoe („Kinds of Kindness“), Bill Murray, Tom Hanks („Ein Mann namens Otto“), Bryan Cranston („Argylle“) und Rupert Friend („Hitman: Agent 47“), herrscht auf der Leinwand einmal mehr ein stargespicktes Gewusel, das sich selbst in Mini-Nebenrollen mit großen Namen schmückt. Das geht sogar so weit, dass etwa Schauspielerin Charlotte Gainsbourg („Nymph()maniac“) nur für wenige Sekunden zu sehen ist und man Wotan Wilke Möhring („Steig. Nicht. Aus!“) glatt verpasst, wenn man im falschen Moment blinzelt.

Auch Bill Murray ist natürlich wieder mit von der Partie. Diesmal als Gott.

Abgesehen von diesem irrwitzigen Schaulaufen punktet „Der phönizische Meisterstreich“ nach einigen Anderson-Enttäuschungen endlich mal wieder mit einem richtig hohen Tempo, viel Charme und Witz. Die Raserei von einem Setting zum nächsten im Rahmen eines Quasi-Heists erreicht bisweilen ein schwindelerregendes Tempo, das jedoch immer wieder von einzelnen, kurzen Etappen ausgebremst wird. Ein Basketballspiel zwischen Benicio del Toro und Riz Ahmed („Nightcrawler“) sowie Tom Hanks und Bryan Cranston etwa erinnert dramaturgisch an die Station eines klassischen Roadmovies. Die Hauptfiguren treffen immer wieder an unterschiedlichen Orten auf neue Weggefährten – mit ebenjenem Basketballmatch als eines der Highlights. Auch, weil Hanks und Cranston eine diebische Freude an ihren kurzen Auftritten versprühen. Starke Ausreißer nach unten sind während der Reise nicht auszumachen, wenngleich „Der phönizische Meisterstreich“ immer auch dramaturgischen Schwankungen unterlegen ist. Dafür punkten besonders die zwischendrin eingestreuten Running Gags. Zum Beispiel die Versuche, Zsa-Zsa zu vergiften, was (fast) immer im letzten Moment verhindert werden kann.

„Die Raserei von einem Setting zum nächsten im Rahmen eines Quasi-Heists erreicht bisweilen ein schwindelerregendes Tempo, das jedoch immer wieder von einzelnen, kurzen Etappen ausgebremst wird.“

Wes Andersons Ansätze, auch den ein oder anderen Twist in die Story einzubauen, gerät da etwas ins Hintertreffen. Wenn sich eine wichtige Nebenfigur als jemand völlig Anderes entpuppt als er bis dato vorgab, zu sein, dann reicht das im Moment der Enthüllung für nicht mehr als ein Schulterzucken. Auch die eigentliche Auflösung der Handlung punktet vor allem mit einem beeindruckenden Setpiece und weniger mit einer finalen Erkenntnis – und mit einem herrlich freidrehenden Benedict Cumberbatch („The Imitation Game“) als Zsa-zsas kampfbereiter (!) Bruder. Das treibt das Tempo von „Der phönizische Meisterstreich“ im Schlussdrittel nochmal ordentlich in die Höhe. Einfach weil auf der Leinwand so viel passiert wie in einem Wes-Anderson-Film schon lang nicht mehr. Der Regisseur hat also auch diesmal seine Schablone ausgepackt, sie aber immerhin mal wieder ein paar Zentimeter in eine neue Richtung gedreht.

Benedict Cumberbatch hat seinen großen Auftritt im finalen Drittel.

Fazit: „Der phönizische Meisterstreich“ ist durch und durch ein Wes-Anderson-Filmen mit all seinen bekannten Tropes, Motiven und natürlich einer unvergleichbaren Ästhetik. Doch im Gegensatz zu seinen letzten, immer etwas faul wirkenden Werken ist das hier endlich mal wieder der Beweis, dass Anderson an seinen Arbeiten immer noch einen Heidenspaß hat, der sich 1:1 aufs Publikum überträgt.

„Der phönizische Meisterstreich“ ist ab dem 29. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

6 comments

  • Fand ich leider, wie schon „Asteroid City“, leider sehr langweilig. Ein paar nette Bilder/Sets, das war es dann aber auch. Da fand ich Andersons Netflix-Kurzfilme doch um eines interessanter.

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  • Farblich und stilistisch war das wieder ganz großes Kino, aber bei der Figurenzeichnung hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. Manchmal reicht es eben nicht, wenn ein Charakter nur durch schräge Kleidung und eine schräge Kameraeinstellung auffällt. Bei Familienporträts zeigt sich oft, wie viel mehr entsteht, wenn echte Gefühle sichtbar werden und das Licht bewusst eingesetzt wird.
    Denkst du, Anderson würde jemals eine Geschichte so intim erzählen wie eine echte Familienfotografin?

  • Konnte diesmal echt was mit der Story anfangen, gerade weil der Unternehmer-Charakter nicht als komplett durchgeknallter Karikaturtyp gezeigt wird, sondern irgendwie glaubhaft schillernd bleibt. Dieses ganze Verhandlungs-Hopping über Kontinente erinnert ein bisschen an echte Transformationsprozesse, bei denen man ständig zwischen den Abteilungen und Systemen vermitteln muss. In der Beratung sieht man sowas oft, wenn man Kunden hilft, ihre Einkaufsstruktur umzustellen, nur ohne Mordanschläge natürlich. Wie bewusst war die Entscheidung, ausgerechnet eine Nonne als Erbin einzusetzen – steckt da ein versteckter Kommentar zum Thema wer eigentlich „fähig“ ist, zu führen?

  • Unendlich langweilig; abstruser Plot, wird aber als einer der schlechtesten Filme ever im Gedächtnis bleiben.

  • Ich stimme Martin Werner vollends zu.
    Absolut überbewerteter Film, der ganze Hype um Wes Andersons Werke ist mir suspekt. Ich habe mit meiner Begleitung das Freilichtkino nach etwa der Hälfte verlassen. Wir waren nicht die Einzigen.

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