September 5 – The Day Terror Went Live

Das Olympia-Attentat von München, erzählt aus der Perspektive des damals operierenden Nachrichtenteams: Tim Fehlbaums frisch für den Golden Globe nominiertes Thrillerdrama SEPTEMBER 5 – THE DAY TERROR WENT LIVE nutzt eine hochinteressante Erzählperspektive für einen Diskussionsanstoß über journalistische Moral.

OT: September 5 (DE/USA 2024)

Darum geht’s

Am 5. September 1972 finden die Olympischen Spiele in München statt. Der US-amerikanische Fernsehsender ABC berichtet live von dem sportlichen Weltereignis, als morgens zwischen 4 und 5 Uhr Schüsse im Olympischen Dorf fallen. Schnell stellt sich heraus: Mehrere Athleten wurden im Rahmen eines terroristischen Akts als Geiseln genommen und schweben nun in Lebensgefahr. Für den ehrgeizigen Geoff (John Magaro) steht fest: Die Geschehnisse müssen an die Öffentlichkeit. Diesen Gedanken geht auch Roone Arledge (Peter Sarsgaard) mit, der das Sagen über das TV-Studio hat. Er hält seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an, die Geiselnahme mit einer Liveberichterstattung zu begleiten, selbst wenn das die Ermittlungsarbeit der Polizei behindert…

Kritik

Der Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München 1972 ging nicht nur aufgrund seines dramatischen Ausgangs in die Geschichte ein. Sondern auch, weil dieses Ereignis die aller erste Live-Übertragung eines derartigen Gewaltaktes im Fernsehen zufolge hatte. Damals konnte man in Echtzeit am Empfangsgerät miterleben, wie sich die Geschehnisse im Olympischen Dorf der bayerischen Hauptstadt entwickeln – bis in ihren verheerenden Schlussakt hinein. Stephen Spielberg widmete dem Geschehen bereits einen starken, insgesamt aber eher konventionell erzählten Spielfilm („München“). „Heil“- und „Tides“-Regisseur Tim Fehlbaum erzählt die Geschichte nun von einer anderen, deutlich spezifischeren Seite – nämlich aus der Perspektive des Nachrichtenteams, das damals an vorderster Front saß und sich dadurch die moralische Frage stellen musste, was am schwersten wiegt: Persönlichkeitsrechte, das öffentliche Bedürfnis nach Informationen oder das Wahren der ermittlungstaktischen Sicherheit von Polizei und Behörden?

TV-Produzent Roone Arledge (Peter Sarsgaard) überlegt, wie mit der Extremsituation umgegangen werden sollte.

Ebenjene Frage – so viel sei vorab verraten – beantwortet Tim Fehlbaum in seinem zweiten englischsprachigen Film nicht. Was er aber bietet, sind genügend Anhaltspunkte, um sich selbst eine Meinung zu dem Thema zu bilden. Und das ist bis zuletzt gar nicht so leicht. Denn auch, wenn „September 5“ aufgrund seiner Erzählperspektive eine subjektive Einfärbung erfährt, hat das Publikum genügend Möglichkeiten, die Entscheidungen handelnder Personen zu hinterfragen. So erleben wir die Olympia-Tragödie zwar aus dem Blickwinkel der Journalisten mit, doch Fehlbaum sowie seine Co-Autoren Moritz Binder („Alles Fifty Fifty“) und Alex David versetzen ihr Skript mit genügend Widerhaken, um die Ereignisse unkommentiert für sich stehen lassen zu können. Das verhilft „September 5“ zu einem hohen Authentizitätsfaktor und lässt einen bisweilen vergessen, dass man es hier nicht mit einer Dokumentation, sondern mit einem Spielfilm zu tun hat.

„Denn auch, wenn ‚September 5‘ aufgrund seiner Erzählperspektive eine subjektive Einfärbung erfährt, hat das Publikum genügend Möglichkeiten, die Entscheidungen handelnder Personen zu hinterfragen.“

Auch wenn „September 5“ vor allem eine Ensembleleistung ist, stehen der junge, aufstrebende und extrem ehrgeizige Produzent Geoff sowie der Produzent Roone Arledge im Zentrum der Ereignisse. Ihr Enthusiasmus, hier einen journalistischen Coup zu landen (was ihm ja rückblickend betrachtet auch gelungen ist), fühlt sich genauso mitreißend wie falsch an. Insbesondere Geoffs Karriereambitionen – wenn auch indirekt – auf dem Rücken mehrerer Terrorgeiseln auszutragen, hat etwas Abstoßendes. Gleichwohl sind die Absichten beider nachvollziehbar und vor allem Roone in der Lage, ihr Vorhaben mit dem öffentlichen Medieninteresse zu begründen. Beides zahlt aufeinander ein – und führt auch uns als Zuschauer:innen vor Augen, wie bigott das moderne Nachrichtenfernsehen im Extremfall sein kann. Dass Fehlbaum sich selbst nicht klar zu seinem Protagonisten bekennt und sich gleichzeitig jedweder Ver- und Beurteilung enthält, kann man kritisieren. Doch schlussendlich ist dieser Geoff gerade aufgrund seiner moralischen Ambivalenzen ein spannender Charakter, der nie zum Helden hochstilisiert wird, aber auch nicht in die Rolle eines verkommenen Widerlings passt. Vieles an „September 5“ ist von derlei Widersprüchen geprägt. Das macht ihn unbequem und gerade deswegen so eindringlich und sehenswert.

Marianne Gebhard (Leonie Benesch) hilft dem Team als Übersetzerin.

Geoff steht dabei nicht zwingend für das gesamte Team. Seine News-Mannschaft vereint verschiedene Ansichten zu der Art, wie mit der medialen Aufbereitung des Terroranschlags umgegangen wird. Das Skript fühlt sich dabei nicht so an, als hätte jemand einfach nur eine Pro- und Contra-Auflistung zu der Frage verfilmt, was für und was gegen die Live-Übertragung des Attentats spricht. Stattdessen fallen Zweifel an der Richtigkeit sowie Befürwortungen des Ganzen vorwiegend in Nebensätzen und – im wahrsten Sinne des Wortes – im Vorbeigehen. Vor allem aber machen alle hier auftretenden Figuren in erster Linie eines: ihren Job. Es ist dem starken Spiel sämtlicher Beteiligter zu verdanken, dass subtile Gesten wie das Herunterschlucken von Skepsis oder das sich Verkneifen belehrender Kommentare nicht ausgesprochen werden brauchen, sondern in den Gesichtern der Charaktere abzulesen sind. Hervorzuheben sei an dieser Stelle vor allem Leonie Benesch („Das Lehrerzimmer“) als Dolmetscherin, die schon aufgrund ihres Berufs zur nüchternen Betrachtungsweise frei von jedweder Interpretation gezwungen ist. Doch ihrer Performance wohnt auch etwas zutiefst Menschliches inne – hier verschmelzen der nüchterne Anspruch auf inhaltliche Richtigkeit und die emotionale Positionierung zu den Geschehnissen kongenial ineinander.

„Zwar sorgt schon allein die Chronologie der Ereignisse dafür, dass ‚September 5‘ eine klare dramatische Marschrichtung hat. Wer nicht um den Ausgang des Attentats weiß, für den dürfte sich definitiv eine große Spannung ergeben. Gleichwohl verzichtet Fehlbaum auf allzu krasse Zuspitzungen.“

Zwar sorgt schon allein die Chronologie der Ereignisse dafür, dass „September 5“ eine klare dramatische Marschrichtung hat. Wer nicht um den Ausgang des Attentats weiß, für den dürfte sich definitiv eine große Spannung ergeben. Gleichwohl verzichtet Fehlbaum auf allzu krasse Zuspitzungen. So bleibt der Film sich auch inszenatorisch seiner Dokumentarfilmlinie treu. Wir lernen weder die Opfer noch die Täter näher kennen, bekommen nichts zu sehen, was nicht auch das Nachrichtenteam über seine Kameras einfangen kann. Das hat bisweilen etwas emotional Distanziertes, denn natürlich kann man die Frage stellen, mit wem man denn hier eigentlich mitfiebern soll. Aber „September 5“ ist nicht diese Art von Film, die auf tiefe Gefühle und das große Drama abzielt. Der Reiz und die Spannung zieht der Journalistenthriller, neben der leidenschaftlichen Darstellung des Berufes selbst, stets aus der Frage nach dem Richtig und dem Falsch – und daraus, dass man selbst die meiste Zeit über gar nicht weiß, welche Position man eigentlich selbst einnimmt.

Im Kontrollraum wird jedes kleinste Detail genauestens analysiert.

Fazit: „September 5“ schildert intensiv und ohne allzu große dramatische Zuspitzung die Ereignisse des Terroranschlags auf die Olympischen Spiele 1972 in München. Der dokumentarisch anmutende Journalistenthriller verzichtet auf eine moralische Bewertung, sondern überlässt ebenjene dem Publikum. Aus dessen Perspektive ist die damalige Arbeit des Nachrichtensenders ABC entweder eine journalistische Glanzleistung, oder moralisch fragwürdige Sensationsgeilheit. Diese stets durchscheinenden Ambivalenzen machen „September 5“ zu einem gleichermaßen unbequemen als auch hochspannenden Film.

„September 5 – The Day the Terror Went Live“ ist ab dem 9. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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