Bad Boys: Ride or Die
Mike und Marcus sind zurück: In BAD BOYS: RIDE OR DIE bestreiten die beiden Miami-Cops ihr nunmehr viertes Abenteuer und werden von Jägern zu Gejagten. Die von Adil El Arbi und Bilall Fallah hochambitioniert inszenierte Actioncomedy braucht lange, um die richtige Balance all ihrer Bestandteile zu finden. Das Ergebnis ist ein Film, der mit fortschreitender Laufzeit immer besser wird.
Darum geht’s
Mike Lowrey (Will Smith) und Marcus Burnett (Martin Lawrence) sind immer noch beste Kumpel und knallharte Cops auf den Straßen von Miami. Doch ihrem draufgängerischen Sinn für Gerechtigkeit macht eine Herzattacke von Marcus einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, soll der fortan Ruhe walten lassen, im besten Fall das Bett hüten. Und vor allem: kein Fast Food und keine Süßigkeiten mehr essen! Für Marcus undenkbar. Will der sich doch am liebsten direkt wieder in Polizeiermittlungen stürzen. Zumal ein Fall des Verrats in den internen Polizeikreisen, der auch den ehemaligen, mittlerweile verstorbenen Boss der beiden, Captain Conrad Howard (Joe Pantoliano) mit in die Sache hineinzieht, das Cop-Duo wieder an seine Grenzen treibt. Bei ihrer Suche nach dem Maulwurf finden sich die zwei nicht nur einmal mehr im Kreuzfeuer fieser Verbrecher wieder, sondern sehen sich auch erstmals damit konfrontiert, dass das eigene Leben endlich ist…
Kritik
2020 war „Bad Boys for Life“ der erfolgreichste Film des Jahres – sowohl hierzulande als auch in den USA. Natürlich trug auch die Corona-Pandemie ihren wettbewerbsverzerrenden Teil zu diesem Ergebnis bei. Aber mit mindestens 1,8 Millionen Zuschauer:innen in Deutschland wäre der dritte Teil der einst von Michael Bay („Ambulance“) ins Leben gerufenen Buddy-Cop-Actionreihe wohl auch in einem „normalen Jahr“ recht weit oben in den Kinocharts gewesen. Die Frage, ob sich nach 1995 („Harte Jungs – Bad Boys“) und 2003 („Bad Boys II“) noch irgendjemand um Will Smith („King Richard“) und Martin Lawrence („Beach Bum“) in den Rollen der Lieutenants Mike Lowrey und Marcus Burnett schert, lässt sich also guten Gewissens mit „Ja!“ beantworten. Und es wird spannend, ob es „Bad Boys: Ride or Die“ gelingen wird, das Ergebnis des zweiten Teils zu schlagen – dem bis heute erfolgreichsten des Franchises.
Zum Zeitpunkt des ersten Films waren Will Smith und Martin Lawrence Ende zwanzig respektive Anfang 30. Ein ganz normales Alter, um zwei draufgängerische, derb fluchende und in den Actionszenen ihr Leben riskierende Cops zu spielen. Das funktionierte in Teil zwei sogar noch ein bisschen besser, für den Michael Bay die Gigantomanie-Schrauben noch einmal ordentlich anzog und auch das letzte Bisschen Political Correctness über Bord warf. Heute wirkt „Bad Boys II“ in jeder Hinsicht aus der Zeit gefallen. Das noch einmal zu steigern: unmöglich! Dessen schienen sich auch die Regisseure Adil El Arbi und Bilall Fallah alias Adil und Bilal („Rebel – In den Fängen des Terrors“) bewusst gewesen zu sein und versuchten gar nicht erst, an den Wahnsinn des zweiten Films anzuknüpfen. Stattdessen weist Teil drei zwar immer noch den typischen Hochglanz-Look der Bay-Ära auf, fühlt sich jedoch deutlich grittyer, dafür längst nicht mehr so furios-ausufernd an. Auch dass das Alter an den beiden Hauptfiguren, insbesondere Lawrence, alles andere als spurlos vorbei gegangen ist, wird in „Bad Boys 3“ zum Thema. Das noch einmal zu steigern: kein Problem! „Bad Boys: Ride or Die“ ordnet sich stilistisch zwischen den beiden Bay-Filmen und ihrem eigenen Teil drei ein. Die Action steht wieder mehr im Mittelpunkt, die Actionsetpieces entwickeln sich ins Exzessive und die häufige Verwendung von Drohnen gibt dem Ganzen obendrein einen konsequent-modernen Anstrich. Aus Marcus Burnett macht man derweil eine reine Witzfigur, was insbesondere die ersten dreißig Minuten zu einer Geduldsprobe werden lässt.
„‚Bad Boys: Ride or Die‘ ordnet sich stilistisch zwischen den beiden Bay-Filmen und ihrem eigenen Teil drei ein. Die Action steht wieder mehr im Mittelpunkt, die Actionsetpieces entwickeln sich ins Exzessive und die häufige Verwendung von Drohnen gibt dem Ganzen obendrein einen konsequent-modernen Anstrich.“
Es genügt ein Blick auf die aller erste Szene, um den Humorschwerpunkt der folgenden zwei Stunden auszumachen. Mike und Marcus sind mit dem Auto auf den Straßen von Miami unterwegs. In schnieke Anzüge gekleidet, sind die beiden auf dem Weg zu Mikes Hochzeit. Doch Marcus scheint das irrwitzige Tempo seines fahrenden Kollegen nicht zu ertragen. Also bittet er Mike, kurz an einem Kiosk zu halten, um sich dort etwas zum Trinken zu kaufen (Und Skittles. Und ein Hot Dog.) – und prompt geraten die zwei in einen Überfall, den sie mit mehr Glück als Verstand unter Kontrolle bekommen, nur um sich direkt wieder aus dem Staub zu machen, nachdem sie den Gauner dingfest gemacht haben. Diese Sequenz hat alles, wovon auch die nachfolgende Laufzeit geprägt ist: die neckende Konversation zwischen Mike und Marcus, die Kombination aus fähiger Polizeiarbeit und lebensmüder Hau-Ruck-Methodik und nicht zuletzt ebenjenen Humorschwerpunkt auf den körperlichen Zustand von Lawrence, dessen Charakter überhaupt keinen Hehl daraus macht, kaum noch zu ausufernden Action-Exzessen in der Lage zu sein. Vielleicht ist es die notwendige Konsequenz, dass das Drehbuch aus Marcus im Anschluss an das Kiosk-Opening tatsächlich so etwas wie einen Pflegefall macht: Nach einer Nahtod-Erfahrung bekommt er nicht nur strikte Ruhe verordnet, sondern lebt auch in dem Glauben, unsterblich zu sein.

Alles beginnt mit einem Überfall auf einen Kiosk, wo Marcus eigentlich nur etwas zum Trinken kaufen wollte…
Wer nun aber glaubt, Martin Lawrence spiele in „Bad Boys 4“ nur noch eine Nebenrolle, der irrt gewaltig. Marcus‘ fehlende Agilität in manchen Actionszenen gleicht das Skript mehr denn je mit seiner großen Klappe aus. Und mehr noch: Martin Lawrence wird in den ersten dreißig Minuten zum overactenden Hampelmann degradiert. Mit einem fragwürdigen Höhepunkt auf dem Krankenhausdach, wo sich Marcus vollends enthemmt entblößt. Auch sein Jieper auf Süßes wird zum lahmen Running Gag (er muss sogar Salat essen – witzig.). Und so wirkt es irgendwie so, als hätten Chris Bremner („Bad Boys for Life“) und Will Beall („Aquaman“) nicht so recht gewusst, was sie mit dem Umstand ihrer gealterten Hauptfiguren denn nun Substanzielles anfangen sollen. Auch dass Mike eine kurzfristige Angststörung angedichtet bekommt, hat etwas von einer Verlegenheitslösung, denn davon einmal abgesehen, ist Niemand – weder hinter der Kamera noch vor der Leinwand – daran interessiert, sich wirklich mit dem Alterungsprozess zweier Actionikonen auseinanderzusetzen. Also verlässt man sich auf halbgare Spleens mit möglichst viel Cringe-Potenzial. Was für ein Glück, dass Adil und Bilal nach den anstrengenden ersten dreißig Minuten endlich die Balance wiederfinden.
„Niemand – weder hinter der Kamera noch vor der Leinwand – ist wirklich daran interessiert, sich mit dem Alterungsprozess zweier Actionikonen auseinanderzusetzen. Also verlässt man sich auf halbgare Spleens mit möglichst viel Cringe-Potenzial.“
Je mehr der Film Marcus aus der Gag-Schussbahn nimmt und dafür das nach wie vor hervorragende Zusammenspiel zwischen Martin Lawrence und Will Smith in den Mittelpunkt rückt, desto besser funktioniert der Film in seiner Gesamtheit. Spätestens mit der ersten richtigen Actionszene in einer Kunstausstellung kommen dann auch die inszenatorischen Stärken des Regie-Duos so richtig zur Geltung. Die Setpieces sind abwechslungsreich und die Schusswechsel- und Kampfchoreographien besitzen ein klares Konzept sowie die notwendige Übersicht. Insbesondere beim Einsatz von Drohnen darf sich Kameramann Robrecht Heyvaert („Revenge“) mächtig austoben. Es ist schon fast überraschend, wie ambitioniert „Bad Boys 4“ auf handwerklicher Ebene geraten ist. One-Shots, virtuose Szenenübergänge, Farben- und Kontrastspiele – Adil und Bilal verhelfen ihrem zweiten Beitrag zur „Bad Boys“-Reihe endlich zu einer eigenen Handschrift und punkten obendrein einmal mehr damit, dass ein Großteil der Actionszenen wieder handgemacht ist. Für ein Budget von 100 Millionen US-Dollar – noch einmal zehn Millionen mehr, als der letzte Teil verschlang – hätte man das ohnehin erwarten dürfen.

Die Actionsetpieces sind abwechslungsreich. Der erste richtige Shootout findet auf einer Kunstausstellung statt.
Und auch der Humor pendelt sich mit fortlaufender Spielzeit immer mehr ein. Es bleibt derbe (wenngleich längst nicht mehr so politisch unkorrekt wie noch vor knapp zwanzig Jahren) und albern, die Gag-Trefferquote sitzt. Das muss sie aber auch, denn von alldem abgesehen folgt „Bad Boys 4“ einem generischen „Wer ist der Maulwurf in den eigenen Reihen?“-Plot, an dessen Bösewichte sich man schon nach dem Rollen des Abspanns kaum mehr erinnern wird. Dafür an die vielen wiederkehrenden Nebenfiguren. Dank Vanessa Hudgens („tick, tick…Boom!“) und Alexander Ludwig („Vikings“) als nachrückende High-Tech-Garde über Jacob Scipio („Massive Talent“) in der Rolle von Mikes abtrünnig gewordenem Sohn Armando Aretas bis hin zu Marcus‘ Schwiegersohn Reggie, gespielt von Dennis Greene, ist „Bad Boys: Ride or Die“ nicht länger nur die Smith-Lawrence-Show, sondern bringt auch die neuen Figuren einmal mehr für eine Staffelübergabe in Stellung. Doch mittlerweile ist wohl eher damit zu rechnen, dass Mike und Marcus tatsächlich unsterblich sind, als dass sie ihren Staffelstab irgendwelchen Nachfolger:innen in die Hand drücken.
Fazit: Durch die nervenzerrende erste halbe Stunde muss man sich quälen. Dann jedoch belohnen einen die Regisseure Adil El Arbi und Bilall Fallah mit einer aufwändig und ambitioniert inszenierten Actionkomödie, in deren Mittelpunkt einmal mehr das nach wie vor blendend aufeinander abgestimmte Smith-Lawrence-Duo steht.
„Bad Boys: Ride or Die“ ist ab dem 6. Juni 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.
