The Babysitter: Killer Queen

Mit THE BABYSITTER: KILLER QUEEN setzt Regisseur McG seinen schrägen, von Zuschauern wie Rezensenten nur wenig wohlwollend aufgenommenen Netflix-Erfolg fort. Ob das Sequel McGs ersten Mix aus Gewalt und Witz  adäquat fortführt, verraten wir in unserer Kritik.

OT: The Babysitter: Killer Queen (USA 2020)

Der Plot

Drei Jahre nach Erscheinen des Netflix-Films „The Babysitter“, inhaltlich aber zwei Jahre nach den in ihm geschilderten Ereignisse, geht die Geschichte des schüchternen, nerdigen Cole (Judah Lewis) weiter. Seit er in einer aufreibenden Nacht einen satanistischen Kult besiegen musste, der von seiner Babysitterin Bee (Samara Weaving) angestachelt nach seinem Leben trachtete, leidet er unter posttraumatischem Stresssyndrom. Und schlimmer noch: Weil sämtliche Hinweise auf die extrem blutige, überaus zerstörerische Nacht schlagartig verschwanden, hält ihn alle Welt für völlig durchgedreht. Einzig seine Nachbarin und beste Freundin Melanie (Emily Alyn Lind) glaubt ihm. Doch das gibt ihm kaum Halt in seinem neuen Dasein als Mobbingopfer an der High School. Denn Melanie ist beliebt (und führt ihm somit ungewollt vor, wie ungebliebt er ist). Und sie ist vergeben, was bei ihm großen Herzschmerz verursacht. Als eine grantige, geheimnisvolle neue Mitschülerin namens Phoebe (Jenna Ortega) an Coles Schule kommt, markiert dies jedoch einen weiteren Wendepunkt in seinem Leben …

Kritik

McG galt zeitweise als ein „Michael Bay in billig“. Seine „Drei Engel für Charlie“-Filme, sein „Terminator“-Film, die Action-Romantikkomödie „Das gibt Ärger“ oder auch der von Luc Besson geschriebene Actioner „3 Days to Kill“ schlagen in eine ähnliche Kerbe des anspruchslosen Popcornkinos mit Momenten in reiner Videoclipästhetik. Nur, dass Bay seinen eigenen megalomanischen Krachbummstil hat, während der McG dieser Jahre austauschbar blieb. Ein Michael Bay würde niemals „Das gibt Ärger“ drehen, aber viele Leute könnten den Film genauso „bayesk angehaucht“ inszenieren wie McG. Und dann kam „The Babysitter“: 2017 auf Netflix veröffentlicht, markierte der Streamingfilm nicht nur in Sachen Veröffentlichungsmethode eine Kehrtwende für McG. Nein, auch stilistisch zeigte sich der Regisseur von einer völlig neuen Seite. Was wie eine Teeniekomödie über einen scheuen Jungen beginnt, der sich in seinen ebenso spaßigen und eigenwilligen, wie lasziv gekleideten Babysitter verliebt, wird schlagartig zur gnadenlos überzogenen Horrorkomödie voller Splatter und selbstironischen Brüchen mit Genrenormen und seiner eigenen Fiktionalität.

Chris Wylde als Juan, Andrew Bachelor ist John und Ken Marino als Archie. 

Die Rezeption des in knalligen Bonbonfarben gehaltenen Films, in dem 80er-Jahre-Genrespaß-Tropen mit der Flippigkeit und mediale Verdrossenheit der späten 2010er kollidiert, fiel denkbar gespalten aus. Zahlreiche (selbsternannt-)eingefleischte Hardcore-Horrorfans beschimpfen „The Babysitter“ in sämtlichen Vulgärvokabeln, die ihnen einfallen. Nicht wenige Pressestimmen bemängeln einen Überschuss an Klischees und ausgelutschten Charakterzeichnungen sowie Plotstrukturen, hielten dem Film aber den bestens aufgelegten Cast und das peppige Erzähltempo zugute. Und dann sind da jene Stimmen, die „The Babysitter“ als modernen Vertreter eines waschechten, campigen „Midnight Movies“ feiern, der auf seiner ganz eigenen, verzerrten Frequenz sendet und sein Ding knallhart durchzieht. Schließlich sieht der Film aus (und weist Dialoge auf), als handle es sich bei ihm um den neusten Disney Channel Original Movie in der Tradition von „High School Musical 2“, der „Descendants“-Trilogie oder „Z-O-M-B-I-E-S“. Nur, dass er zeitweise völlig übersteuert und makaber-blutigen Humor im Sinne eines Sam Raimi (in seinen kauzigen Phasen) oder Joe Dante (in seinen splatterigen Phasen) auslebt.

„Und dann sind da jene Stimmen, die „The Babysitter“ als modernen Vertreter eines waschechten, campigen „Midnight Movies“ feiern, der auf seiner ganz eigenen, verzerrten Frequenz sendet und sein Ding knallhart durchzieht.“

So kommt dann halt ein „Konsens“ von 2,8/5 Sternen bei Letterboxd zustande, bei dem 15 Prozent der Stimmen auf weniger als zwei Sterne fallen, 16 Prozent auf vier oder mehr Sterne, und rund 12.000 Herzchen für „The Babysitter“ vergeben wurden. So oder so festigte McGs erfrischendste und denkwürdigste Regiearbeit Titel(anti)heldin sowie Teilzeit-Margot-Robbie-Doppelgängerin Samara Weaving als Star schräger, blutiger Genrevergnügen (siehe auch: „Mayhem“, „Ready or Not“ und „Guns Akimbo“). Und er hat offenbar den ebenso ominösen wie übermächtigen Netflix-Algorithmus dazu gedrängt, einem zweiten Teil grünes Licht zu geben. Der wurde erneut von McG inszeniert, der dieses Mal zudem gemeinsam mit Dan Lagana, Brad Morris und Jimmy Warden den Originalautor Brian Duffield ersetzt, und lässt Judah Lewis zurückkehren, der als Cole nun vom Frühteenie zum High-School-Bubi herangewachsen ist. Über die Rückkehr oder Nicht-Rückkehr weiterer „The Babysitter“-Castmitglieder machten die Verantwortlichen bis kurz vor Veröffentlichung des Films ein großes Geheimnis – bevor Netflix eine 180°-Wende unternahm und den meisten UserInnen im personalisierten Interface alle nur erdenklichen, potentiellen Überraschungen um die Ohren haut.

Phoebe (Jenna Ortega und Cole (Judah Lewis) versuchen eine Lösung für das Problem zu finden.

Doch von diesem Ärgernis abgesehen, was hat „The Babysitter: Killer Queen“ denn sonst so zu bieten? Nun, zunächst einmal einen gedrosselten ersten Akt. Während sich „The Babysitter“ vor der Eskalation in Sachen vollkommen unernster Horrorszenarien tief, tief in die überzeichnete Welt typischer Disney-Fernsehfilme wagte (die ja gemeinhin bereits „Familien- und Kinderkomödien auf Zuckerschock“ sind), eröffnet „The Babysitter: Killer Queen“ fast schon konservativ: Fließband-High-School-Komödien-Ästhetik und -Plotelemente treffen auf Versatzstücke von Horrorfortsetzungen, in denen „der Vorgängerfilm verarbeitet wird“ – mit ganz bewusst gesetzten Gänsefüßchen. Cole ist auf eine seichte Art traumatisiert, wie Figuren in aus reiner Geldgier produzierten, lieblosen Horrorsequels nun einmal traumatisiert sind, und die ganze „Niemand glaubt es!“-Nummer fügt sich auch in diesen Eindruck. Ganz davon zu schweigen, dass „The Babysitter: Killer Queen“ wie viele (Horror-)Sequels der 1980er- und frühen 1990er-Jahre die Charakterentwicklung aus dem Vorgänger rückgängig macht – der Erstling endete mit einem selbstbewussten, zielstrebigen Cole, und all das wird innerhalb weniger Filmsekunden in Part zwei über Bord geworfen.

„Fließband-High-School-Komödien-Ästhetik und -Plotelemente treffen auf Versatzstücke von Horrorfortsetzungen, in denen „der Vorgängerfilm verarbeitet wird“ – mit ganz bewusst gesetzten Gänsefüßchen.“

Nun würde man McG und Co. viel zu wenig zumuten, würde man stumpf notieren, „The Babysitter: Killer Queen“ würde in typische (und überholte) Sequel-Stolperfallen trampeln. Denn beide Teile dieser Filmreihe beweisen durch eine Vielzahl liebevoller Referenzen sowie haarklein eingefädelter, verdrehter Spielereien mit Horror-Konventionen aus der VHS-Glanzzeit, dass die Verantwortlichen ganz genau wissen, was sie tun. Die Geschmäcker dürfen sich liebend gern dahingehend unterscheiden, ob „Die gute, alte Zeit“ durch Modernisierung „zerstört“ wird, oder ob es ja gerade die Absicht und die Kunst hinter diesen Filmen ist, das, wofür McG und Co nostalgisch sind, mit dem zu verquicken, wofür diejenigen nostalgisch sind, die frisch der Disney-Channel-Original-Movie-Kernzielgruppe entwachsen. Es wollen doch immer alle „etwas Neues“, aber wenn das eigene Nostalgie-Wohlfühlfutter neue Formen und Beilagen bekommt, wird das nicht als neu, sondern als Bockmist tituliert.

Cole ist in seiner Schule das Gesprächsthema Nummer eins.

Aber: So wissend all diese Elemente aus typischen Billigsequels und Fließband-High-School-Komödien in „The Babysitter: Killer Queen“ verwendet werden – das Drehbuchteam macht wenig daraus. Erklärt sich der Reiz eines Clashs aus modernem Disney-Fernsehen und 80er-Horrorkomödie von selbst, ist „Wir machen das, was irgendwie lahm, aber mit Abstand romantisch verklärt wird, einfach nochmal – nur dezent zugespitzt“ im direkten Vergleich als Konzept halbgar. Die Zutaten sind da, aber sie können sich nicht entfalten.

Ist der erste Akt von „The Babysitter: Killer Queen“ allerdings überstanden, legt McG endlich den Gaga-Turbo ein, mit dem er den ganzen Vorgänger vorwärts getrieben hat. Das Sequel mutiert, ist die sprichwörtliche Kacke erst einmal am dampfen, zwar noch mehr als das Original zu einer sketchhaften Aneinanderreihung von irrwitzigen Momenten – aber das greift in einer augenzwinkernden, genreaffinen, hibbeligen Fortsetzung eines augenzwinkernden, genreaffinen, hibbeligen Films auf der Metaebene besser als noch der Einstieg. Denn Sequels sind ja oft größer, schneller, weiter, wilder. Und es spielt dem Cast einfach in die Karten: Wenn sich Judah Lewis als Cole zum Beispiel aus einer misslichen Lage befreit, indem der sozial ungelenke, nerdige Loser eine vollkommen übertriebene Persiflage seines Images vom Stapel gibt, oder Emily Alyn Lind gegenüber Coles Vater die Rolle eines hilflosen, herzensguten Sandkastenflirts auf die Spitze dreht, trieft die Spiellust des Casts fast schon aus dem Bildschirm. Da ist Jenna Ortega („Jane the Virgin“) als taffe, geheimnisvolle Neue an der Schule geradezu subtil gegen – und „subtil“ bedeutet im „The Babysitter“-Universum noch immer Disney-Channel-eskes Szeneriefuttern mit charmantem Augenzwinkern – und dennoch schafft sie es, ihr sehr verkrampft vorausgedeutetes, dunkles Geheimnis rührend zur Schau zu stellen.

Max (Robbie Amell) trägt gern oben ohne.

Die unvermeidlichen, satanistischen Gegenspieler der Teenie-Helden sind erneut comiceske Oneliner im Stile eines Kevin aus „Ghostbusters – Answer the Call“ ablieferndes Kanonenfutter, das sehr kreativ und pointiert (aber meist auch sehr digital) abgemurkst wird. Um dem Ganzen etwas Haptik zu verleihen, werden den Helden dann in Gegenschüssen aber noch literweise Kunstblut ins Gesicht gekippt – mehr noch als in Teil eins. Und mehr noch als in Teil eins gibt es launig überzogene mediale Spielereien, wie (sukzessive immer unsinniger werdende) Rückblenden in abgenudelter VHS-Optik oder ein Musikvideo (!). Gegen Schluss steigert sich „The Babysitter: Killer Queen“ auch noch in eine Persiflage des Sequel-Trends hinein, immer alles unnötig kompliziert zu machen, was der Cast mit großen Augen und aufgesetzten Posen auf zum Filmtonfall passende Weise rüber bringt. Das erschwert aber auch das Fazit: Es passt zu „The Babysitter“, im zweiten Teil völlig zu übertreiben und sich sogleich durch drei Sequel-Arten zu ackern. Gleichwohl bleibt dadurch Potential auf der Strecke – im ersten Drittel gibt’s einfach zu wenig Pointen und inszenatorische Kommentare auf die liebevoll persiflierten Vorlagen, die letzten paar Minuten wiederum hätten glatt für einen ganzen eigenen Film gereicht.

„Wenn sich Judah Lewis als Cole zum Beispiel aus einer misslichen Lage befreit, indem der sozial ungelenke, nerdige Loser eine vollkommen übertriebene Persiflage seines Images vom Stapel gibt, oder Emily Alyn Lind gegenüber Coles Vater die Rolle eines hilflosen, herzensguten Sandkastenflirts auf die Spitze dreht, trieft die Spiellust des Casts fast schon aus dem Bildschirm.“

Somit bleibt wohl: Wer „The Babysitter“ schon gehasst hat, weil man doch das heilige Genre 80er-Jahre-Horror nicht mit so vielen Digitaltricks und Modernismen verschandeln dürfte, würde für eine riesige Überraschung sorgen, hieße es nun „Aber Teil zwei liebe ich!“ Fans von Teil eins dagegen werden höchst wahrscheinlich Spaß haben – sollten sich jedoch auf eine Zickzackkurve gefasst machen. You bee the judge. ABSICHTLICH MIT ZWEI E, WEIL ANSPIELUNG AUF WEAVINGS FIGUR IN TEIL EINS UND DIE ART GAG; DIE DER FILM BRINGEN WÜRDE.

Fazit: McG hat wieder Spaß, und schert sich noch immer nicht, wer denn so auf seiner Wellenlänge liegt: Die Fortsetzung von „The Babysitter“ ist erst weniger und ruhiger, dann auf einmal sehr viel mehr und „drüberer“.

„The Babysitter: Killer Queen“ ist ab sofort bei Netflix streambar.

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