Yesterday

Die Grundidee von YESTERDAY ist originell, doch in der Umsetzung ist diese Romantikkomödie banal. Inwiefern sich das auf das Gesamtergebnis auswirkt, das verraten wir in unserer Kritik zum neuen Film von „Steve Jobs“-Regisseur Danny Boyle.

Der Plot

Jack Malik (Himesh Patel) ist ein erfolgloser Singer-Songwriter, dessen Sandkastenfreundin Ellie (Lily James) zu seinen wenigen Fans gehört und nebenher als seine Managerin fungiert. Als Jack eines Nachts während eines weltumspannenden Stromausfalls vom Bus getroffen wird, verliert er ein paar Zähne. Der Rest der Welt verliert derweil sämtliche Erinnerungen an die Beatles und jegliche Beweise ihrer Existenz. Als Jack dies bemerkt, ist er völlig von den Socken. Zunächst ratlos, fast panisch ob seiner sonderbaren Situation, beschließt er letztlich, sämtliche Beatles-Songs, an die er sich erinnern kann, zu rekonstruieren und mit diesen einst erwiesenen Megahits seine Karriere anzuschieben. Doch der Karrierepfad ist hart und steinig: Manche erachten „Jacks“ Lieder als gut, teilen aber nicht seine immense Begeisterung. Andere feiern seine Songs, können aber mit ihm als Künstler nichts anfangen. Erst, als Popstar Ed Sheeran (gespielt von Popstar Ed Sheeran) ihn im Fernsehen sieht und als Vorband anheuert, und Jack von der grellen Musikmanagerin Debra Hammer (Kate McKinnon) Hilfe erhält, gerät der Stein ins Rollen – was jedoch Jacks Beziehung zu Ellie verkompliziert ..

Kritik

Sind es die Kunstwerke allein, oder doch diejenigen, die sie erschaffen haben, und der Augenblick, indem sie entstehen, die beeinflussen, ob sie die Welt im Sturm erobern? Irgendwo, tief, tief, tief vergraben in Danny Boyles  („Steve Jobs“) musikreicher Romantikkomödie „Yesterday“ steckt diese Frage, doch verwirft sie zugleich recht zügig. Nachdem wir erzählerisch in der Welt ohne Beatles angelangt sind, verfällt diese musikreiche Komödie in die althergebrachte Dramaturgie von Musiker-Biopics. Obwohl die Möglichkeit bestanden hätte, mit dem zentralen Gimmick einen Kommentar auf dieses Genre in die Wege zu leiten, verharrt „Yesterday“ stattdessen im Genrestandard: Es geht darum, wie Jack sukzessive die Karriereleiter hinaufklettert, mit dem ungewohnten Ruhm hadert, seine Kindheitsfreundin verprellt, ihr hinterher trauert und es mit vermessenen Ratschlägen seines Managements zu tun bekommt. All dies gewürzt mit Beatles-Coverversionen im Singer-Songwriter-Stil.

Jack (Himesh Patel) und Ellie (Lily James) sind beste Freunde seit Kindheitstagen…

Es ist fast so, als würde „Bohemian Rhapsody“ statt Queen-Originalaufnahmen nur etwas sanfter geartete Coversongs aufweisen und seinen Plot von den Aufs und Abs der Rockband beibehalten, nur, dass irgendwelche fiktiven Figuren diese Probleme durchmachen. So ist „Yesterday“ in seinen beliebigen Momenten (nur halt mit den Beatles, statt mit Queen). Aber es gibt auch eine kleine Handvoll gewitzter Augenblicke. Dazu zählt eine fast schon sketchartige Sequenz, in der Jack seinen Eltern voller Stolz „Let it Be“ vorspielen möchte, seine Eltern sich aber nicht einmal für einen kurzen Augenblick konzentrieren können. Diese Szene persifliert das Musiker-Biopic-Klischee, dass großartige Evergreens schon vom ersten Augenblick an als etwas Großes erkannt werden. Zudem profitiert sie von Patels prägnanter, lustigerweise gleichwohl minimalistischer Art, Frust zu zeigen. Auch alle Szenen rund um Kate McKinnon („Ghostbusters“), die als raffgierige, wichtigtuerische Managerin stets die grausame Wahrheit über das Showgeschäft ausspricht und dennoch ihren Willen durchsetzt, schlicht, weil sie mit Ruhm und Geld lockt, sind gewitzt und spitzfindig.

Primär verfolgt Boyle in diesem für seine Verhältnisse sehr gemächlich (bis beliebig) inszenierten, ruhig erzählten Film jedoch ein anderes Ziel als das Persiflieren des Showgeschäfts oder das Hinterfragen, welche Rolle der Interpret im Großmachen eines Songs spielt: Der Löwenanteil des Films handelt davon, dass Jack sehr spät realisiert, wie sehr ihm seine Weggefährtin Ellie verfallen ist.  Es ist ein Thema, das Drehbuchautor Richard Curtis  nicht fremd ist, und das er in seinen eigenen Regiearbeiten bereits mannigfaltig variiert hat – zuletzt im ungeheuerlich charmanten „Alles eine Frage der Zeit“. Doch in „Yesterday“ geht Curtis‘ Mixtur aus überspitzten Elementen (hier: das Beatles-Gimmick) und entspannter Kuscheldramaturgie nicht auf: Egal, wie strahlend Lily James („Love, Rosie: Für immer vielleicht“) auch lächelt, ihre Ellie ist eine konturlose, nichtssagende Figur, die sich allein dadurch definiert, dass sie Jack anhimmelt. Und selbst der ist lasch charakterisiert: Er ist schüchtern, spielt gerne Musik und ist vom plötzlichen Ruhm überfordert. Mehr macht ihn nicht aus, so dass es schwer fällt, mit diesem potentiellem Filmpaar mitzufiebern und mitzuschmachten.

Ed Sheerans Karriere hat den Stromausfall überdauert.

Fazit: Frei von klassischen Curtis-Bonmots ist das „Yesterday“-Skript zwar nicht, und ab und zu bricht Boyles stilisiertes Händchen dann doch aus, aber all dies hilft nur denkbar wenig: „Yesterday“ ist Fluff. Nicht von der bezaubernden Wohlfühlsorte, für die Curtis bekannt ist. Sondern von der unbedeutenden „Schon bei Beginn des Abspanns zerfallen die Erinnerungen an ihn“-Sorte. Schade.

„Yesterday“ ist ab dem 11. Juli 2019 in den deutschen Kinos zu sehen.

4 Kommentare

  • Nach dem Lesen unzähliger überwiegend positiver Kritiken haben wir den Erfolgsfilm (300.000 Besucher in zwei Wochen im Hochsommer) gestern gesichtet. Es war niederschmetternder als erwartet.
    Kurz gesagt:
    Was vorher jedem klar war: Der Film ist hemmungslos nach Erfolgsformel gestrickt: Erfolgreiche Musik plus Romanze und um sicher zu sein, dass auch eine Jugend, die mit den Beatles vielleicht nicht so viel anzufangen weiß, sich ins Kino verirrt: Ed Sheeran. Ansonsten ist „Yesterday“ das, was man einen reinen Teenagerfilm nennt, deren Phantasien hier zu 100% bedient werden und vor Grenzwertigem, wie einer öffentlichen Liebeserklärung im ausverkauften Wembley-Stadion, nicht zurückschreckt und mit einer puritanischen Keuschheitsmoral à la „Twilight“ aufwartet. Ellies Definition eines One-Night-Stands schießt dabei den Vogel ab.
    Für uns völlig irritierend: Nicht eine Kritik thematisiert die keusche Sexualmoral, die dieser Film erfolgreich als „Romantik“ zu transportieren versteht. Warum Ellie, die mehr oder weniger als Weggefährtin und Kumpeline 20 Jahre an der Seite von Jack steht, in all der Zeit nicht einmal die Kurve bekommen haben will, ihm ihre Liebe zu gestehen und dies erst tut, als er sich auf dem Weg zum Weltruhm befindet, kann man durchaus als Ausdruck eines antiquierten Rollenverständnisses begreifen, das aber anscheinend nach wie vor als so selbstverständlich rezipiert wird, dass es keinem Kritiker/Kritikerin thematisierenswert erscheint. Aber das wäre noch das Geringste. Als Ellie dem verdutzen Jack ihre jahrelange Liebe gesteht, landen sie in seinem Hotelzimmer (in dem, warum auch immer, ein überdimensionaler TB-Bildschirm unentwegt vor sich hin flimmert …) und anstatt sich nun zu lieben, springt sie in letzter Sekunde von der Bettkante und erklärt, dass sie sich für einen One-Night-Stand zu schade sei! – sein Flug war für den nächsten Tag gebucht … Ferner: Völlig grenzwertig in der Tradition fragwürdiger Hollywood-Produktionen stehend, findet Jack es eine angemessene Idee, Ellie seine Liebe bar jeder Intimität auf der Bühne des ausverkauften Wembleystadion zu gestehen, während sie, ohne ihr Wissen, Backstage gefilmt wird und ihr Gesicht in Großaufnahme auf die Stadionmonitore projiziert wird und ihr ahnungsloses Gesicht so weltweit einem Millionenpublikum präsentiert wird. Ellies Reaktion darauf lautet: hätte ich das gewusst, hätte ich meine Haare vorher in Ordnung gebracht … Anschließend wird, wie es sich gehört, in Weiß geheiratet und zwei entzückenden Kindern das Leben geschenkt.

    Nur mal so: Vielleicht wäre Jack mit seinen eigenen Songs erfolgreicher gewesen, wenn er so weit gewesen wäre, sich in all den Jahren seine Gefühle zu Ellie einzugestehen – also seine eigenen Gefühle überhaupt mal wahrzunehmen – nicht davon zu reden, wie man so lebensunerfahren sein kann, die Gefühle des Gegenüber jahrelang zu ignorieren. Emotionale Kompetenz ist wohl eine nicht unwesentliche Eigenschaft eines Poeten wie auch die eines erfolgreichen, überzeugenden und einnehmenden Interpretens der Beatles-Songs. Auch einige andere Aspekte des Films gehen, unbemerkt von großen Teilen der Kritik und & Danny Boyle sowie dem Unwillen, etwas Gegebenem und kommerziell Erfolgreichem eigenständig seine eigene Lebenshaltung und Lebenserfahrung entgegenzusetzen, nicht auf.

  • Ich meinte, vorhin was geposted zu haben. Nun weiß ich nicht, ob ich dabei einen Fehler gemacht habe oder ob mein Kommentar unerwünscht war – was ja auch in Ordnung wäre.

    • Antje Wessels

      Hallo Stefan. Um Spam zu vermeiden, müssen die Erstkommentare eines Lesers erst von uns freigeschaltet werden. Da wir nicht 24 Stunden am Computer sitzen, kann es schon mal sein, dass es ein wenig dauert, bis ein Kommentar freigeschaltet wird. Du hast nichts falsch gemacht. 🙂

  • Liebe Antje Wessels,
    ich bin sechzig und habe in meiner frühen Jugend viel in der legendären Zeitschrift Filmkritik gestöbert, die von meinem Vater gesammelt wurde.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Filmkritik_(Zeitschrift)
    Mittlerweile befindet sich die deutschsprachige Filmkritik allgemein auf einem bedauernswerten Niveau – das Arthouse-Publikum früherer Jahre ist den Kinos in Deutschland jzudem ja auch abhanden gekommen.
    Ich möchte bei der Gelegenheit anmerken, dass ich Ihre Kritiken gerne lese, da sie zu den lesenswerten, da eigenständigeren, gehören.
    Ich hatte zwischenzeitlich aufgehört, Ihre Kritiken zu lesen, als ich Ihre Kritik von „Die Lebenden reparieren“ gelesen hatte, aber mittlerweile schaue ich regelmäßig auf Ihre Seite.
    Danke für Ihre Arbeit und alles Gute
    Stefan

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