Roman J. Israel, Esq.

Mit seinem Anwaltsdrama ROMAN J. ISRAEL, ESQ. meldet sich „Nightcrawler“-Regisseur Dan Gilroy mit seiner zweiten Regiearbeit zurück und konnte Denzel Washington dadurch zu seiner achten Oscar-Nominierung verhelfen. Weshalb der Film selbst dagegen zu Recht nicht berücksichtigt wurde, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Das Strafgerichtssystem von Los Angeles ist seit Jahren überlastet. Einer der Leidtragenden davon ist der motivierte, idealistische Strafverteidiger Roman J. Israel (Denzel Washington), dessen Leben auf den Kopf gestellt wird, als sein Mentor, eine Bürgerrechts-Ikone, stirbt. Als er von einem Unternehmen angestellt wird, das ein ehemaliger Student des legendären Mentors leitet – der ambitionierte Anwalt George Pierce (Colin Farrell) – schließt Roman Freundschaft mit einer jungen Verfechterin für Gleichberechtigung (Carmen Ejogo). Eine Reihe turbulenter Ereignisse sind die Folge, die den Aktivismus, der Romans bisherige Karriere geprägt hat, auf die Probe stellt.

Kritik

Dan Gilroy war bereits über zwanzig Jahre für das US-amerikanische Filmgeschäft tätig, bevor er sich dazu entschloss, 2014 mit seiner bitterbösen Mediensatire „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ erstmals als Regisseur aufzutreten. Seinen Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal spornte er in der Rolle eines skrupellosen Unfallreporters zu Höchstleistungen an, und wenn man sich sein drei Jahre später entstandenes Juristendrama „Roman J. Israel, Esq.“ anschaut, bestätigt sich der Eindruck, Gilroy könne alles, aber auch wirklich alles aus seinen Schauspielern herausholen. Denzel Washington („Fences“) erhielt für seine Verkörperung des autistischen Strafverteidigers Roman. J. Israel seine achte Oscar-Nominierung; in diesem Jahr übrigens die Einzige innerhalb der Hauptdarstellerkategorien, deren zugehöriger Film nicht automatisch auch für den „Besten Film“ nominiert wurde. Dass Gilroys Film die letztgenannte Ehre nicht zuteilmwurde, hat aber auch einen guten Grund: Stellt man sich „Roman J. Israel, Esq.“ einmal mit einem anderen Akteur in der Hauptrolle vor, geht ein Großteil der Faszination für das Gezeigte verloren. Denzel Washington beweist, dass die Performance eines Einzelnen den Gesamteindruck auf einen Schlag in die Höhe schnellen lassen kann. Dem gebürtigen New Yorker bei seiner Darstellung zuzuschauen, ist trotz erzählerischer Schwachstellen ein Ereignis.

Roman (Denzel Washington) und sein Anwaltskollege Anwalt George Pierce (Colin Farrell) geraten häufig aneinander.

Nachdem „Roman J. Israel, Esq.“ seine Weltpremiere auf dem Filmfestival von Toronto feierte, entschieden sich die Verantwortlichen, noch einmal die Schere anzusetzen und den Film um zwölf Minuten zu erleichtern. Das nun von ihnen vorgelegte Projekt sei für sie das optimale Ergebnis – so richtig glauben, kann man das allerdings nicht, denn die zwei Stunden Laufzeit fühlen sich nicht nur hin und wieder ziemlich zäh an, in ihnen stecken auch diverse Szenen, die es so eigentlich nicht gebraucht hätte. Die Story an sich ist nämlich überraschend dünn, auch wenn Dan Gilroy, der auch das Drehbuch verfasste, seinem „Nightcrawler“-Thema treu bleibt. Auch diesmal sieht sich eine Person mit einer Entscheidung konfrontiert, die ihn unweigerlich vom rechten Pfad abbringt, doch während Gyllenhaal die Anerkennung als gefühlskalter Katastrophenreporter mehr und mehr zu genießen begann und darüber vergaß, was für moralische Opfer er dafür brachte, fühlt sich Roman alles andere als wohl, als er ein einziges Mal in seinem Leben beschließt, nicht das zu tun, was das Gesetz verlangt. Doch „Roman J. Israel, Esq.“ erzählt nicht bloß, was diese Entscheidung seelisch mit dem Protagonisten anstellt (im Gegenteil: viel zu schnell rückt Romans emotionaler Zwiespalt in den Hintergrund, damit sich Gilroy auf andere Dinge konzentrieren kann), sondern widmet sich dem Titelhelden viel lieber abseits davon in seiner Position als unkonventioneller „komischer Kauz“ zwischen den Anzugträgern des US-amerikanischen Rechtssystems.

Obwohl sich Dan Gilroy bei der Zeichnung des autistischen Roman vor allem auf vereinzelt hervorgehobene Spleens konzentriert, gelingt es dem einmal mehr extrem wandelbaren Denzel Washington, seine Figur trotzdem zu einem echten, authentischen und dadurch alles andere als klischeehaft-karikaturesken Charakter zu machen. Roman J. Israel fährt kein Auto, hört stets Musik über seinen Walkman, nennt seinen Namen grundsätzlich auch mitsamt seines Titels (die Bezeichnung „esq.“ – esquire – ist im Deutschen mit dem adeligen „Hochwohlgeboren“ zu vergleichen) und hat unter anderem ein fotografisches Gedächtnis; das sind alles Details, die per se noch keine Charakterisierung ausmachen, hier allerdings dazu beitragen, das Wesen des Protagonisten um Eigenheiten zu ergänzen, aus denen sich letztlich ein großes Ganzes ergibt. Als Zuschauer erleben wir das Geschehen durch die Augen der Hauptfigur und dank Washingtons intensiver Performance begreifen wir nach und nach, welche Hürden Roman J. Israel überwinden muss, um seinen Job zu seiner eigenen Zufriedenheit (und der seiner Klienten) auszuüben. Für den schnell überforderten Anwalt wird schon ein Spaziergang durch die Metropole Los Angeles mit ihren vielen verschiedenen Eindrücken zu einem Spießroutenlauf, was Gilroy auch auf akustischer und visueller Ebene unterstreicht. Völlig ohne jede stilistische Überhöhung lässt der Regisseur beizeiten einfach nur sämtliche Einflüsse zusammenlaufen und lässt sie ungefiltert auf den Zuschauer los – ein beeindruckender Effekt, der das Publikum noch intensiver am subjektiven Empfinden Romans teilhaben lässt.

Die Menschenrechtlerin Maya (Carmen Ejogo) erzählt Roman von ihrer Arbeit.

Als Charakterporträt seiner titelgebenden Hauptfigur ist „Roman J. Israel, Esq.“ zweifelsfrei am stärksten. Selbst wenn sich der erzählerische Fokus irgendwann vom Protagonisten löst und auch die Belange von Nebenfiguren wie dem engagierten, mit Romans Methoden allerdings nicht ganz konform gehenden Anwalt George Pierce oder der idealistischen Menschenrechtlerin Maya miteinbezogen werden, ist es vor allem Denzel Washington, der jede Szene an sich reißt – für seine im Hintergrund bleibenden Kollegen interessiert sich Gilroy dagegen selbst kaum. Dies hat zwar den Vorteil, dass die Aufmerksamkeit immer wieder gekonnt davon abgelenkt wird, dass die Geschichte an sich nicht nur ziemlich generisch und überraschungsarm daherkommt, sondern auch so völlig ohne erzählerische Höhepunkte bleibt (eine Vielleicht-Verfolgungsjagd in der Wüste bildet zumindest inszenatorisch die seltene Ausnahme), doch letztlich liegt es ganz allein am Hauptdarsteller selbst, dass „Roman J. Israel, Esq.“ nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Für einen Crime-Thriller ist Romans begangene Missetat zu unspektakulär, für einen ähnlich schockierenden Beitrag zum Thema „moralische Verfehlung“ wie schon „Nightcrawler“ einer war, fehlt es dem Film an Durchschlagskraft und für ein klassisches Gerichtsdrama spielt er ganz einfach zu wenig in Gerichtssälen. Nur Denzel Washington ist über alle Zweifel erhaben – und genau deswegen ist bei aller Kritik der Kauf eines Kinotickets keine schlechte Idee.

Fazit: „Roman J. Israel, Esq.“ Ist ein Justizdrama ohne erzählerische Intensität, das allerdings einen ganz entscheidenden Vorteil besitzt: Denzel Washington macht den Film zu einem Ereignis und lenkt mit seiner Performance konsequent von den inszenatorischen Defiziten ab.

„Roman J. Israel, Esq.“ ist ab dem 19. April in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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