Flatliners

Das Remake des vor 27 Jahren erschienenen Horror-Thrillers FLATLINERS wurde in den USA bereits mit miesen Kritiken und wenig Zuschauerzuspruch bestraft. Doch ist diese Ablehnung gerechtfertigt? Das und mehr verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Um diesem Mysterium auf den Grund zu gehen, starten die fünf Medizinstudenten Courtney (Ellen Page), Ray (Diego Luna), Jamie (James Norton), Sophia (Kiersey Clemons) und Marlo (Nina Dobrev) ein wagemutiges und überaus gefährliches Experiment. Indem sie ihren Herzschlag für kurze Zeit stoppen, lösen sie bei sich eine Nahtoderfahrung aus. Als die Kommilitonen sich mit ihren lebensbedrohlichen Trips ins Unbekannte gegenseitig überbieten möchten, sind die Fünf plötzlich gezwungen, sich ihrer eigenen dunklen Vergangenheit zu stellen. Denn an den Grenzen des Jenseits lauern erschreckende Abgründe…

Kritik

1990, als Julia Roberts noch in Genrefilmen mitspielte, machte sich Joel Schumachers „Flatliners“ eine kleine Fanbase zueigen. Der mit 17 Millionen Dollar recht schmal budgetierte Horrorthriller spielte über 60 Millionen wieder ein und riss in seinem Dasein als düsterer Science-Fiction-Grusel über eine Gruppe von Studenten, die mithilfe von Selbstexperimenten versuchen wollte, das Leben nach dem Tod zu ergründen, auch einige philosophische Gedankengänge über das Sterben an. Die Verfasserin dieser Zeilen wurde sogar im Ethikunterricht erstmalig mit dieser Produktion konfrontiert, denn auch, wenn Schuhmacher den Fokus klar auf das Amüsement und den schnellen Schock, weniger auf ernst zu nehmende, ethische Erkenntnisse legte, ist sein Film zugänglich und kurzweilig genug, um sich derartigen Thematiken vorsichtig zu nähern. Doch bleiben wir einmal realistisch, so hat das Original von „Flatliners“ nie einen Kultstatus erreicht oder sich durch überbordende Qualität hervorgetan, sodass sich ein Remake – abgesehen davon, dass der Film von vor 27 Jahren durchaus ein Kassenerfolg war – nicht zwingend aufdrängt. Niels Arden Oplev (Regisseur der schwedischen „Verblendung“-Verfilmung) hat sich trotzdem dran gewagt und für sein Projekt durchaus namhafte Darsteller herangekarrt. Doch Kritiker und Zuschauer in den USA watschten „Flatliners 2017“ mit miesen Kritiken und Desinteresse ab. Der mit 19 Millionen US-Dollar nur unweit teurere Film spielte gerade einmal 34 wieder ein und dürfte nach Abzug von Marketing- und Werbekosten gerade eben so auf Null kommen – man darf fast schon von einem Desaster sprechen. Und wenn man sich das fertige Ergebnis anschaut, kommt diese Ablehnung nicht ganz ungerechtfertigt.

Eine Gruppe junger Medizinstudenten erforscht die Grenzen zwischen Leben und Tod…

Man kennt es von den Remakes der Horror- und Terrorfilme aus den späten Siebzigerjahren: Als Anfang der Zweitausender ein Großteil dieser Schocker für ein Mainstream-Publikum neu aufgelegt wurde, erhöhte man zwar den physischen Gewaltgrad, die tiefpessimistische Weltsicht, einhergehend mit der ebenjene versinnbildlichenden dreckigen Bildsprache tauschte man dagegen gegen oberflächlichen Hochglanz-Grusel. Nun wäre es zu viel, das Original von „Flatliners“ mit Filmen wie „The Texas Chainsaw Massacre“ zu vergleichen, doch gemein haben diese beiden Filme, dass sie eines hatten, was ihren Neuauflagen fehlt: Puls. Um im Wortrepertoire des Films zu bleiben, fühlt sich die 2017er-Version von „Flatliners“ nahezu klinisch tot an; Interesse für die Figuren, für ihre Beweggründe, ein solches Experiment über sich ergehen zu lassen, respektive überhaupt erst ins Leben zu rufen und, damit einhergehend, für ihren Verbleib: Fehlanzeige! Dabei ist Niels Arden Oplev zumindest in einer Hinsicht durchaus smart: In seinem Film ist Niemand davor gefeit, das Ende möglicherweise gar nicht zu überleben. Das ist im Kontrast zur jederzeit berechenbaren Inszenierung wiederum durchaus interessant. Schade ist nur, dass Niemand etwas daraus macht; denn wie soll man ernsthaft über das frühe Ableben einer wichtigen Figur schockiert sein, wenn man zuvor noch nicht einmal Gelegenheit hatte, sich näher mit ihrem Charakter auseinanderzusetzen?

Das größte Problem an „Flatliners“ sind also ganz klar die Figuren, denn so namhaft man mit Ellen Page („Freeheld“), Nina Dobrev („xXx: Die Rückkehr des Xander Cage“) oder dem Original-Rückkehrer Kiefer Sutherland auch gecastet hat: Am Ende entsprechen sie allesamt nur Abziehbildern gängiger Hollywood-(Teen-)Stereotypen, die eines ganz sicher nicht haben: Probleme. Vor chicer Kulisse (die Kombination aus altehrwürdigem Internatsgemäuer und hochmoderner Klinik ist – nennen wir es einmal – gewagt) manövrieren sich die Protagonisten erst durch nahezu soapeske Dialoge, eh von jetzt auf gleich das Thema der Nahtoderfahrung ins Spiel gebracht wird. Weshalb sich Hauptfigur Courtney, die mithilfe eines dahin geklatschten Prologs immerhin noch ein wenig Background erhält, damit auseinandersetzen möchte, ist gerade noch plausibel. Doch ab dem Punkt, an dem sie ihre Kommilitonen dazu überredet, sie zu unterstützen, verabschiedet sich die Story von handlungsinterner und figurenbasierter Logik. Sie alle agieren lediglich im Sinne der Filmhandlung, sodass sich zwar durchaus der eine oder andere Storyschlenker ergibt, doch einen solchen herbeizuführen, ist leicht, wenn man auf eventuelle Persönlichkeiten keinerlei Rücksicht nehmen muss. Zwischendurch darf dann auch brav jeder einmal Zweifel anbringen, die ganze Aktion für Selbstmord befinden oder eben zuletzt dann doch schwach werden; da hatten Julia Roberts und Co. im Original doch deutlich mehr Rückgrat, oder – im Gegenteil – sichtbare Leidenschaft für die Forschung.

Marlo (Nina Dobrev) muss sich ihrer Vergangenheit stellen…

Sind erst einmal  alle dem Tod knapp von der Schippe gesprungen, spult Niels Arden Oplev routiniert das kleine Einmaleins des Gruselhorrors ab, ohne dabei auch nur im Ansatz die philosophischen Aspekte der Thematik zu berücksichtigen. Dabei ist die Trefferquote an Jumpscares – zumindest für ein halbwegs genreerfahrenes Publikum – recht gering, immerhin Neulinge dürften das eine oder andere Mal kurz zusammenzucken. Häufig funktioniert der Schock allein aufgrund des bewährten Prinzips des plötzlichen Lautstärkeanstiegs; nicht innovativ, dafür effektiv. Doch selbst innerhalb der Gruselmomente – die Flatliner werden nach und nach mit Sünden aus der Vergangenheit konfrontiert – bricht der Regisseur munter die handlungsinterne Logik auf und lässt seinen Film in eine völlige Willkür abdriften. Mal haben die Geisterwesen die Möglichkeit, das Geschehen im Hier und Jetzt direkt zu beeinflussen (Stichwort: Messer), ein anderes Mal wird betont, all das seien nur Visionen. Und aufgeklärt wird hier bis zuletzt sowieso nichts. Bleibt noch der Blick auf die Effekte, denn hier hätten die Macher von „Flatliners“ die deutlich vorangeschrittene Tricktechnik auf ihrer Seite; der Film sieht aus wie ein Film aus 2017 – kein Retrochic, kein Nostalgieflair. Das Problem: Mit Ausnahme einer insgesamt recht eleganten Kameraführung und klaren, farbentsättigten Bildern haben die Computereffekte wenig mit dem aktuellen Standard zu tun. So richtig mies sieht das alles zwar nie aus, so richtig gut aber auch nicht.

Fazit: Als kurzweiliger Grusel-Schabernack geht „Flatliners“ in Ordnung, doch die philosophischen Ansätze, die das Original zumindest versucht hat, anzureißen, lässt Niels Arden Oplev völlig links liegen. Auf dieser Basis können sich auch die Darsteller nur wenig profilieren.

„Flatliners“ ist ab dem 30. November bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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