Whatever Happens

Niels Laupert erzählt in WHATEVER HAPPENS vom Auseinanderbrechen einer Liebe und seziert gleichzeitig eine moderne Beziehung zwischen Kind und Karriere. Weshalb der Film trotz optimistischem Ende überraschend nachdenklich stimmt, dass verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die Trennung ist beschlossen: Hannah (Sylvia Hoeks) und Julian (Fahri Yardim) treffen sich noch ein letztes Mal zur Wohnungsübergabe, die kurz und schmerzlos über die Bühne gehen soll. Das ist zumindest der Plan. Doch nichts verläuft wie gedacht: Die Übergabe platzt und die beiden sitzen, ausgerechnet am Silvesterabend, nach wochenlanger Funkstille, gemeinsam in ihrer ehemaligen Wohnung fest. Dabei müssten sie schon längst auf der Party ihrer besten Freunde sein, um einen letzten gemeinsamen Auftritt hinzulegen. Vor sieben Jahren haben sich Hannah und Julian bei einer Wohnungsbesichtigung kennengelernt und wurden zu Mitbewohnern wider Willen. Sie, die zielstrebige Jurastudentin, er, der in den Tag hineinlebende Fotograf. Plan versus Planlosigkeit. Aus den Mitbewohnern wird ein ungleiches, aber sich liebendes Paar. Während Julian beruflich zurücksteckt, startet Hannah durch. Die beiden entfernen sich immer mehr voneinander und teilen ihren Alltag zunehmend mit anderen. Am Tiefpunkt der Beziehung steht plötzlich ein ungelöster Konflikt aus der Vergangenheit im Raum und stellt alles in Frage.

Kritik

Erst kommt das Verlieben, dann der Alltag und schließlich das bittere Ende – Beziehungen laufen in der Regel nach einem ähnlichen Schema ab. Genauso wie Filme zu dem Thema, wobei sich ein Gros auf den angenehmen Teil bezieht, während sich mit dem oft recht unspektakulären Zusammenleben häufig keiner so recht auseinander setzen will. Gehen Mann und Frau schließlich auseinander, wird es allerdings noch einmal spannend; wir erinnern uns an Derek Cianfrances tieftrauriges Beziehungsdrama „Blue Valentine“, oder die gänzlich unkonventionelle „Wir bleiben Freunde“-Tragikomödie „Celeste & Jesse“. Niels Laupert widmet sich in seiner gerade einmal dritten Langspielarbeit innerhalb von 16 Jahren (nach „Easy Living“ und „Sieben Tage Sonntag“) nun einer kompletten Liebesgeschichte und steigt ein, als eigentlich bereits alles zu spät ist. In Rückblenden erzählt er, wie aus Hannah und Julian erst ein Pärchen, anschließend Eltern und zu guter Letzt Fremde werden und widmet dabei jedem Abschnitt gleich viel Aufmerksamkeit. Dadurch lässt sich das langsame Dahinsiechen der Beziehung umso besser nachvollziehen, es tut aber auch umso stärker weh, denn „Whatever Happens“ ist trotz seiner nicht ganz konsequenten Auflösung ein äußerst zeitgeistiger und nahezu aufrüttelnder Film darüber, dass es heutzutage immer schwerer scheint, Karriere und Privatleben unter einen Hut zu bringen.

Hannah (Sylvia Hoeks) besucht Julian (Fahri Yardim) bei der Arbeit. Im Gepäck: alles verändernde Neuigkeiten.

Für „Whatever Happens“ verfilmt Niels Laupert erneut ein Drehbuch, das aus seiner eigenen Feder stammt. Schon sein Debüt „Sieben Tage Sonntag“ bestach durch seinen ungeschliffenen, authentischen Umgang mit den Figuren und der Betrachtung ihrer alltäglichen Realität. In seinem neuen Film ist es nun exakt dieser genaue Blick für winzige Entwicklungen innerhalb des Beziehungsgefüges, der aus „Whatever Happens“ ein gleichermaßen allgemeingültiges wie vollkommen individuell auf seine beiden Protagonisten zugeschnittenes Porträt einer Liebe macht. Ausgangspunkt dafür ist der (zugegebenermaßen äußerst symbolhafte, durch mehrfaches Kokettieren mit dem Datum aber fast schon wieder subtile) Silvesterabend, an dem Hannah und Julian ihre gemeinsame Wohnung ausräumen und damit ein für alle Mal Abschied von ihrer Beziehung nehmen sollen. Doch Laupert ergötzt sich nicht am Schmerz seiner Hauptfiguren; der erste tragische Schock über das Beziehungsaus ist verwunden, ein emotionales Kräftemessen gibt es nicht (mehr). Stattdessen punktet der Autorenfilmer damit, seine Charaktere so erwachsen wie möglich zu zeichnen, was erst recht im Hinblick auf die gemeinsame Tochter gleichermaßen idealistisch wie – aus menschlicher Sicht – zu befürworten ist. Dass Laupert jedoch mitnichten das Paradebeispiel einer Trennung nachzeichnen will, offenbart sich sowohl in kleinen Nebensätzen (da sorgt schon mal die Frage, wem ein bestimmter Einrichtungsgegenstand gehört, für eine kurze aber präzise Analyse beider Gefühlslagen), als auch in den Rückblenden – denn hier wird klar: Eine Bilderbuchliebe war das von Anfang an nicht.

Sowohl das Kennenlernen, als auch die Gründung der Familie sowie das sukzessive Auseinanderentwickeln der verschiedenen Lebensentwürfe kommen in „Whatever Happens“ weitestgehend ohne Klischees aus. Niels Laupert konfrontiert seine Figuren mit realistischen Alltagsszenarien, die das Paar vor genau jene Probleme stellen, mit denen sein Publikum zu kämpfen hat. Hannah und Julian verlieben sich, obwohl Hannah glücklich in festen Händen ist, trotz ihres anspruchsvollen Jobs entscheiden sie sich für ein Kind, weshalb Julian beschließt, fortan zuhause zu bleiben und der ausschlaggebende Punkt für die Trennung ist nicht etwa ein einschneidendes Ereignis, ein Seitensprung oder ein vergleichbares RomCom-Problem, sondern der schleichende Verlust der Liebe. Damit verzichtet Laupert bewusst auf Spektakel und für manch einen Zuschauer mag sich „Whatever Happens“ daher ein wenig zäh anfühlen. Vor allem jener Part, in welcher der Fokus auf den Spannungen liegt, die sich durch Hannahs permanente Abwesenheit ergeben, laufen hier und da Gefahr, redundant zu werden – zehn Minuten weniger hätten dem Film hier gut getan. Trotzdem trägt auch dieser Umstand wiederum dazu bei, den Eindruck zu bestärken, man wäre als Zuschauer hautnah dabei, wenn sich die Leben zweier Menschen langsam voneinander weg bewegen. Und dass das so gut funktioniert, liegt nicht zuletzt auch an den Darstellern.

Hannah sieht ihre Tochter Pauline (Helena Prison) nur noch selten.

Fahri Yardim („Jugend ohne Gott“) ist an der Seite der umwerfenden Sylvia Hoeks („Blade Runner 2049“) in der Rolle des aufopferungsvollen Vaters zu sehen, der seine eigenen Bedürfnisse jedoch ebenso wenig vollständig zurückstellen möchte, wie seine Freundin. Gemeinsam versucht sich das Paar an Kompromissen – und sowohl Yardim, als auch Hoeks balancieren auf dem schmalen Grad zwischen dem nachvollziehbaren Versuch, sich trotz aller Verantwortung für eine gemeinsame Tochter immer noch selbst zu verwirklichen, und gleichermaßen auf den anderen einzugehen. Während Hoeks ihre Hannah im Schlussdrittel nicht ganz davor bewahren kann, zeitweise in Antipathie abzudriften, gleicht das Skript das sofort wieder aus, indem sich auch der vermeintliche Vorzeigevater einen echten Faux-Pas erlaubt – und diesen auch nicht damit erklären kann, er hätte ja keine andere Wahl gehabt. Doch so menschlich wie das Machen von Fehlern ist letztlich auch der Film selbst; zumal „Whatever Happens“ immer wieder aufzeigt, dass etwas, was eigentlich problemlos funktionieren sollte – nämlich das Vereinbaren von Job und Familie – bis heute alles andere als selbstverständlich ist; erst recht, wenn sich die Frau beim gewissenhaften Ausüben ihres Jobs letztlich auch noch anhören muss, Kind und Ehemann zu vernachlässigen. Gern hätte Niels Laupert in diese Wunde noch ein wenig kräftiger bohren dürfen. Doch auch so ist sein „Whatever Happens“ ein ambitioniertes Beziehungsdrama, das lediglich auf der Zielgeraden vielleicht ein wenig mehr Pessimismus vertragen hätte, um die der Geschichte innewohnende, authentische Problematik noch einmal zu unterstreichen.

Fazit: Niels Laupert seziert in „Whatever Happens“ eine ganz normale Beziehung und macht daraus ein clever geschriebenes Zeitdokument über den Zwiespalt zwischen Kind und Karriere. Die anklagenden Momente gehen einher mit einem liebevollen Blick fürs Alltägliche, was Fahri Yardim und Sylvia Hoeks in ihren Hauptrollen brillieren lässt.

„Whatever Happens“ ist ab dem 30. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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