Happy Burnout

Für die Tragikomödie HAPPY BURNOUT versammeln sich Teile des Teams hinter „Das Leben ist nichts für Feiglinge“, um einmal mehr einen beschwingten Film zu einem eigentlich ernsten Thema auf die Leinwand zu bringen. Ob das gelingt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Alt-Punk Fussel (Wotan Wilke Möhring) ist Frauenheld, Lebenskünstler und Systemverweigerer aus Überzeugung. Arbeit? Nicht mit ihm. Er lässt es lieber ruhig angehen, hat immer einen Spruch parat und wickelt mit seinem jungenhaft-sympathischen Charme die Bekanntschaft vom Supermarkt genauso um den Finger wie Frau Linde (Victoria Trauttmansdorff), seine Sachbearbeiterin im Arbeitsamt. Sie ist ihm verfallen und unterstützt seine Zurückhaltung bei der Arbeitssuche – bis eine interne Prüfung sie zwingt, aktiv zu werden. Zu einem Job lässt Fussel sich nicht überreden, daher vermittelt sie ihm etwas anderes: ein Arbeitsunfähigkeits-Attest, Diagnose Burnout, samt Therapie in einer stationären Klinik. So findet sich Chaot Fussel plötzlich zwischen echten Burnout-Patienten wieder, den Gestrandeten einer Gesellschaft im Effizienzwahn. Mit seiner unorthodoxen Art mischt er den Klinikalltag mitsamt den Therapeuten und Schwester Alexandra (Anke Engelke) gehörig auf – bringt aber auch frischen Wind in den Laden.

Kritik

Die Diagnose Burnout hat in der Gesellschaft einen schlechten Ruf. Sofern man bei einer Krankheit denn überhaupt von einem Ruf sprechen kann (oder darf). Das Problem: Das weit verbreitete Erschöpfungssyndrom wurde viel zu lange nicht als „richtige“ Erkrankung anerkannt. So wurden tatsächliche Patienten von ihrer Umgebung belächelt, während die Diagnose an anderer Stelle nur zu gern falsch selbst gestellt wurde und wird. Wer über einen längeren Zeitraum erschöpft ist, ist nämlich noch lange nicht ausgebrannt. Tatsächlich gehen mit einem Burnout zwölf verschiedene Entstehungsphasen einher, zu denen unter anderem auch schwere depressive Schübe gehören. Der Moment, in welchem die Medizin erst von einem akuten Burnout spricht, geht in den aller meiste Fällen mit Selbstmordtendenzen einher – wem ein Burnout diagnostiziert wird, für den folgt meist der direkte Weg in eine psychiatrische Klinik. Doch natürlich sind schon die Entstehungsphasen davor alles andere als angenehm für den Patienten; und noch nie war die Anzahl der stressgeplagten, Burnout-gefährdeten Menschen höher als in einer schnelllebigen, erfolgsorientierten Gesellschaft wie heute. Zu einem solch ernsten Thema einen Film mit komödiantischer Tendenz zu inszenieren, ist daher ziemlich mutig. Ihn dann auch noch „Happy Burnout“ zu nennen, fast schon sarkastisch. Aber wenn das Jemandem gelingen könnte, dann wohl Regisseur André Erkau und seinem Team, mit welchem er mit „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ bereits eine Geschichte darüber erzählt hat, wie es ist, nach dem Tod der geliebten Ehefrau und Mutter wieder in den Alltag überzugehen.

Fussel stellt sich seiner Therapiegruppe vor.

„Das Leben ist nichts für Feiglinge“ war in seinem Entstehungsjahr 2013 einer der stärksten deutschen Filmbeiträge überhaupt. Erkau und sein Team wurden für diverse Filmpreise nominiert, teilweise ausgezeichnet – und das alles vor allem deshalb, weil es dem Regisseur und seinem Autor Gernot Gricksch gelang, den schwierigen Balanceakt zwischen herzzerreißender, realistischer Tragik und optimistischer, dabei jedoch nie idealisierter Komik zu halten. Genau das versucht das Team mit „Happy Burnout“ auch diesmal wieder, nur leider geht der gewagte Spagat hier nur bedingt auf. Dabei ist es nicht die riesige Diskrepanz zwischen Momenten wie solchen, in denen sich eine Tinnitus-Patientin aus Verzweiflung einen Stift ins Ohr rammt und jenen, in denen die Klinikbewohner an einem aus dem Ruder laufenden Ballspiel teilnehmen; das eine Extrem der Tragik funktioniert ebenso, wie das andere Extrem der zwanglosen Albernheit. Doch ausgerechnet die tragischen Momente haben in erster Linie die Wirkung eines fiesen Nadelstichs, schaffen es aber nicht, die Dramaturgie der Geschichte nachhaltig zu prägen. Während der seine Diagnose nur vorgaukelnde Fussel ausreichend Leinwandzeit erhält, um im Verlauf der Handlung das Profil des typischen raue-Schale-weicher-Kern-Machos anzunehmen, bleiben die eigentlich noch viel interessanteren Nebenfiguren konsequent Staffage und werden lediglich dann hervor geholt, wenn der Plot um Fussel und seine Angelegenheiten ins Stocken gerät.

Zu diesen Nebencharakteren gehören Julia Koschitz („Hin und weg“) als tatsächlich am Burnout erkrankte Vierfachmutter, Torben Liebrecht („Wir waren Könige“) als im Hamsterrad seines eigenen Arbeitsalltags gefangener Workaholic, Michael Wittenborn („Toni Erdmann“) als apathischer, seine Krankheit lange Zeit nicht offenbarender Depressiver und Kostja Ullmann („Mein Blind Date mit dem Leben“) als mit sich und seinem Leben vollkommen überforderter Alleinunterhalter. Ebenfalls eine tragende Rolle spielt auch Anke Engelke („Gespensterjäger“), die ihre Schützlinge von der Position der leitenden Ärztin aus beäugt. All diese Figuren lassen mit der Zeit einen absolut tragischen Hintergrund erkennen (vor allem das Schicksal von Wittenborns Figur rührt nicht nur schon beim Anblick fast zu Tränen), doch immer wieder scheint es so, als würden Autor und Regisseur nicht auf die Zugkraft dieser zu vertrauen. Stattdessen fungieren sie fast nur als Stichwortgeber für Wotan Wilke Möhring („Lommbock“). Da das zum einen funktioniert und Möhring zum anderen stark aufspielt, ist dagegen per se nichts einzuwenden. Gleichwohl ist das auf der Strecke bleibende Potenzial ziemlich deutlich als solches erkennbar. „Happy Burnout“ könnte sich mit dem früheren Verlassen darauf, dass hier das gesamte Ensemble interessant ist, viel emotionaler entfalten. So ist die Komödie über weite Strecken zwar solide, aber formelhaft und wird nur vereinzelt durch die Nebencharaktere geprägt.

Fussel (Wotan Wilke Möhring) und Alexandra (Anke Engelke)

So geht es also primär um die Erlebnisse von Fussel, der sich mit seinem gespielten Burnout irgendwann in der Position des Entertainers und Motivators wiederfindet. Dieser Sinneswandel vom sprunghaft-verantwortungslosen Tunichtgut hin zum Zeitgenossen, der plötzlich lernt, wie man Ordnung in das eigene Leben bringt, gerät charmant, wenn auch weitestgehend überraschungsarm. Trotzdem gelingt es gerade dem passioniert aufspielenden Wotan Wilke Möhring, die Leidenschaft auf den Zuschauer zu übertragen, mit welcher er seine Figur zum Leben erweckt. Weshalb Fussels Sozialarbeiterin diesem aus der Hand frisst und sich sogar dafür einsetzt, dass dieser seinen Laissez-Faire-Lebensstil auf Kosten des Staates fortsetzen kann, wird bereits in der Szene ihres ersten Aufeinandertreffens ersichtlich. Dieser Fussel hat einen Charme, mit welchem er den Film durchgehend prägt. Gleichwohl dürfte es die raubeinige Attitüde seiner Figur nicht jedem Zuschauer gleichermaßen leicht machen. Inszenatorisch ist „Happy Burnout“ dagegen auf eine angenehme Art und Weise gefällig. Die kurzweilige Laufzeit, die hochwertigen Bilder und die einprägsamen Musikstücke heben die Produktion nicht bloß auf Kinoniveau, sondern verkaufen den Film obendrein nicht tiefgründiger, als er es sein soll. Dass die Handvoll hochemotionaler Momente trotzdem so gut funktioniert, liegt einmal mehr an den sehr interessanten Nebenfiguren. Doch hier noch einmal anzusetzen, dann würde man sich doch im Kreis drehen.

Fazit: „Happy Burnout“ ist eine solide Tragikomödie mit starken Hauptdarstellern und einprägsamen Charaktermomenten. Gäbe es von letzteren mehr, hätte dieser Film jedoch noch viel, viel stärker sein können.

„Happy Burnout“ ist ab dem 27. April in den deutschen Kinos zu sehen.

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