Bibi & Tina – Tohuwabohu total

Hiernach ist endgültig Schluss. Und dem Liebhaber blutet bei dieser Erkenntnis ein wenig das Herz! Mit BIBI & TINA – TOHUWABOHU TOTAL geht ein einzigartiges Filmprojekt nach vier Teilen zu Ende – auf einem Höhepunkt! Mehr dazu in meiner Kritik. Bibi & Tina - Tohuwabohu total

Der Plot

Das Tohuwabohu ist perfekt: Bibi (Lina-Larissa Strahl) und Tina (Lisa-Marie Koroll) begegnen einem ruppigen Ausreißer (Lea van Acken), der sich als Mädchen entpuppt und von seiner Familie verfolgt wird. Das Familienoberhaupt ist weltfremd, engstirnig und stur, den kann man nicht überzeugen und selbst Bibi kommt mit Hexerei nicht weiter. Außerdem ist Schloss Falkenstein „under contruction“ und der Graf (Michael Maertens) völlig überfordert, während Alex (Louis Held) ein Musik-Festival auf Falkenstein plant und sich seinem Vater widersetzt. Und als wäre das nicht genug, wird Tina schließlich auch noch entführt. Bei all dem Chaos wird am Ende eines ganz klar: Wirkliche Veränderungen entstehen durch gemeinsame Aktionen und Anstrengungen, nicht durch Hexerei.

Kritik

„Und dann ist Schluss!“ – Niemand Geringeres als Detlev Buck höchstpersönlich macht am Ende des Trailers zu „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ deutlich, dass der vierte Teil der Reihe definitiv der letzte sein soll. Ähnliches ließ er zwar bereits zu Drehbeginn des dritten Teils „Mädchen gegen Jungs“ verlauten; Auf der anschließenden Pressetour ruderte er jedoch zurück und gab bekannt, dass ihn „ein gegebener Anlass in der Welt“ dazu zwingen würde, noch einen vierten Teil der Realverfilmung des „Bibi Blocksberg“-Spin-Offs zu drehen. Der gegebene Anlass ist die Flüchtlingskrise. Und tatsächlich wirkt „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ zu keiner Sekunde nicht erzählenswert. Wenn sich ein Detlev Buck dazu entschließt, einen Film zu drehen, den er so eigentlich gar nicht mehr drehen wollte, dann hat das seine Gründe. Wie bei allen Projekten des 54-jährigen Bad Segebergers steckt auch hinter „Bibi & Tina 4“ kein geldgieriges Kalkül; was mit dazu beiträgt, dass wir jetzt tatsächlich davon ausgehen, dass der Regisseur von weiteren Ausflügen in die kunterbunte Musicalwelt der Pferde absehen wird. Aber sein Schlussakt ist noch einmal ganz großes Kino, was dazu führt, dass wir uns eine Welt ohne einen jährlich erscheinenden „Bibi & Tina“-Film zwar vorstellen können, aber gar nicht so recht wollen. Detlev Buck hat die Einzigartigkeit ins immer häufiger gleichgeschaltete, deutsche (Kinder-)Kino zurück gebracht. Es bleibt zu hoffen, dass sich Produzenten und Verleih nicht dazu aufraffen werden, den Staffelstab einfach an einen anderen Regisseur zu übergeben.

t

Bauunternehmer Trumpf (Joachim Meyerhoff) unterbreitet Graf Falko (Michael Maertens) sein Angebot

„Bibi & Tina“ fing als klassisches Pferde-Mädchen-Abenteuer mit jeder Menge Musik und herrlich abgedrehtem Meta-Schabernack für Erwachsene an, steigerte den Wahnsinn im kleine dramaturgische Durchhänger aufweisenden zweiten Teil „Voll verhext“ und gipfelte in einem absolut irren dritten Teil, bei dem selbst vorurteilsbelastete Scheuklappenträger irgendwann mitbekommen mussten, dass das hier überhaupt nichts mehr mit einer ausschließlichen Kindergeschichte zu tun haben konnte. Dieses dem Franchise gut zu Gesicht stehende „Höher, schneller, weiter!“-Prinzip ist mit „Tohuwabohu total“ beendet. Tatsächlich kehrt Detlev Buck inszenatorisch und erst recht im Hinblick auf das Tempo zurück zu den Ursprüngen. Der vierte „Bibi & Tina“-Film konzentriert sich wieder voll und ganz auf seine Geschichte – die die Reihe so beliebt gemachten Meta-Einschübe kommen trotzdem genug zum Tragen. Dabei ist es völlig egal, ob schon die Allerkleinsten den satirisch-parodistischen Mehrwert des engagierten Mauer-Bauers Herrn Trumpf (glaubhaft widerlich: Joachim Meyerhoff) verstehen; Fakt ist: Während die Erwachsenen nicht nur hierin, sondern in Dutzenden von Details einen der bissigsten Kommentare auf das facettenreich im Argen liegende, aktuelle Weltgeschehen entdecken können, ist für die ursprünglich mal zur Kern-Zielgruppe erklärten Kinder und Jugendlichen genug Abenteuer und Witz im Spiel, um „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ im vollen Umfang zu genießen (Herr Trumpf gibt auch ohne das Wissen um das offensichtliche Vorbild Donald Trump ein schmieriges Antagonisten-Bild ab).

Mehr noch als die Trump-Thematik (die durch die erst nach den Dreharbeiten stattgefundene Präsidentschaftswahl des Medienmoguls eine noch deutlich bittere Beinote erhält, als es wohl ursprünglich vorgesehen war) steht allerdings ein Thema im Mittelpunkt, das seit Monaten nicht bloß die internationalen Medien, sondern auch die Filmlandschaft beschäftigt: die Flüchtlingskrise. Dem Millionenhit „Willkommen bei den Hartmanns“ gelang der schwierige Spagat zwischen bestechender Zustandsbeschreibung und komischer Brechung bereits ganz hervorragend, doch so überraschend es auch klingen mag, liefert ausgerechnet Detlev Buck mit einem (zumindest augenscheinlichen) Kinderfilm den bislang wohl reifsten Kommentar auf das derzeitige Weltgeschehen. Dabei geht „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ viel weiter als nur bis zu der Erkenntnis, dass Hilfsbedürftige auch Hilfe erhalten und sämtliche Ethnien friedlich zusammen leben sollten. Buck behandelt die komplette Mannigfaltigkeit dieses Gesellschaftskonflikts, indem er in Details bohrt, die so noch kein Film – egal ob national oder international – angerissen hat. Dass es auch unter den Flüchtlingen zu Streitigkeiten kommt, weil es „echte“ und „unechte“ Gründe für eine Flucht gibt, ist nur eines von vielen Beispielen, das in „Tohuwabohu total“ seinen Platz findet. Damit entsagt sich das Skript zugleich auch der direkten Aufteilung in Opfer und Täter. Trotz der mitunter ein wenig zu sehr in eine Schurkenrichtung überzeichneten Darstellung von Adeas Familie – dem Flüchtlingsmädchen, das bei Bibi und Tina nach Schutz sucht – lässt sich keine storytreibende Figur klar einordnen. Ganz so, wie es auch im echten Leben ist. Hinzu gesellen sich Teilaspekte, die Krieg und Flüchtlingskrise ebenso mit sich bringen; Kinderehen, das unterschiedliche Frauenbild in nicht-westlichen Kulturen oder das Verständnis für Luxus – Detlev Buck berücksichtigt für sein kinder- und jugendfreundliches Abbild dieses komplexen Themas so ziemlich alles, was man berücksichtigen kann; und benötigt für manche spitzen Kommentare hierzu noch nicht einmal einen Satz (etwa dann, wenn einer von Adeas Cousins ganz offensichtlich eine homosexuelle Beziehung pflegt und diese Tatsache für ihn selbstverständlich ist).

t

Aus Angst vor ihren Brüdern ist Adea (Lea van Acken) nach Deutschland geflohen

So unterschiedlich all diese Faktoren sind, so oft ändert sich im Laufe von „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ auch der Tonfall des Films. Wie zuletzt sind auf dem Musical-Soundtrack alle möglichen Musikrichtungen vertreten; von der in ihrer Direktheit fast schon niederschmetternden Ballade „Was würdest du tun?“ bis zum Gaga-Rap „Muss ich haben“ lässt sich schon anhand der Bandbreite der Musiken erkennen, wie ungern sich Detlev Buck auf eine Emotion festlegen möchte. Sein Film bleibt trotz des ernsten Hintergrundes ein immer noch vergnüglicher Film, doch so überdreht und abgefahren wie in den ersten drei Filmen geht es hier nicht zu. Und das ist auch genau richtig! Die Verzweiflung ob der schier ausweglosen Situation ist in „Tohuwabohu total“ ebenso treffend platziert, wie die wesentlich vergnüglicheren Szenen, etwa dem Entführungsszenario von Tina. Sogar richtig spannend wird es, wenn Bibi und Tina auf ihren Pferden Amadeus und Sabrina vor einem Jeep über das offene Feld flüchten müssen. Doch derartige Stimmungsschwankungen werden vor allem vom einmal mehr bravourös aufeinander eingespielten Cast abgefangen. Zum krönenden Abschluss sind bis auf Charly Hübner noch einmal alle wichtigen Figuren der vergangenen drei Filme mit an Bord. Auch für einen augenzwinkernden Kommentar auf das mittlerweile doch vorangeschrittene Alter der beiden Hauptdarstellerinnen ist noch Platz – es ist schon nachvollziehbar, dass es einen fünften Teil nun nicht mehr geben kann und wird. Doch dass es diesen vierten gibt, das ist genau richtig. Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist!

Fazit: Wer nach „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ immer noch die Meinung vertritt, das ursprünglich mal als Familienfilmreihe angefangene Franchise sei doch nur etwas für kleine Mädchen, der glaubt auch, dass Donald Trumps Idee mit der Mauer eine gute ist. Bibi und Tina machen es vor: Die beiden weltoffenen Mädels bekommen mit diesem weltoffenen, komplexen und ungemein kreativen Film genau den Abschlussfilm, den sie verdienen.

„Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ ist ab dem 23. Februar bundesweit in den Kinos zu sehen.

2 Kommentare

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s