Elle

Es ist ein Skandal, dass ELLE nicht für den Fremdsprachen-Oscar nominiert wurde, doch vielleicht ist Paul Verhoevens Regiecomeback der Academy einfach eine Spur zu krass gewesen. Mehr dazu in meiner Kritik.Elle

Der Plot

Michèle (Isabelle Huppert), Chefin einer erfolgreichen Firma für Videospiele, wirkt wie eine Frau, der nichts etwas anhaben kann. Unnahbar führt sie mit der gleichen Präzision und Kalkül ihre Firma wie ihr Liebesleben. Als Michèle eines Tages in ihrem Haus von einem Unbekannten angegriffen und vergewaltigt wird, scheint sie das Vorgefallene zunächst kalt zu lassen. Doch ihr Leben ist über Nacht ein anderes geworden. Resolut spürt sie den Angreifer auf und verstrickt sich mit ihm in ein gefährliches Spiel aus Neugier, Anziehung und Rache. Es ist ein Spiel, das jederzeit außer Kontrolle geraten kann …

Kritik

Als hätte Paul Verhoeven („Robocop“, „Total Recall“) das Filmgeschehen nicht bereits genug geprägt, setzte der gebürtige Niederländer im vergangenen Jahr zu einem Comeback an – mit sage und schreibe 77 Jahren. Seinen auf dem Filmfestival von Cannes uraufgeführten Film „Elle“ bezeichnet er selbst als „humorvollen Rape-and-Revenge-Thriller“ – das ist schon auf dem Papier eine emotionale Gratwanderung, die der Filmemacher hier unternimmt. So ganz können wir uns dieser Beschreibung nicht anschließen. „Elle“ ist voll von staubtrockener Komik, macht sich eine Vergewaltigung zur Ausgangslage und beobachtet anschließend das Opfer dabei, wie dieses nicht etwa zur Polizei geht, sondern das Gesetz lieber in die eigene Hand nimmt. Doch eine klassische Thriller-Spannung kommt nie auf – in erster Linie spielt Paul Verhoeven in seinem Film damit, wie sich das Handeln der von Isabelle Huppert („Louder Than Bombs“) phänomenal verkörperten Michèle mit den Erwartungen ihrer Umwelt beißt. Fast möchte man meinen, auf der Leinwand passiere tatsächlich lange Zeit gar nichts, denn wer ohnehin die Meinung vertritt, ein jeder solle einfach tun und lassen, was er wolle, der wird das Filmgeschehen als weitestgehend selbstverständlich empfinden. Wer es hingegen eher als „normal“ erachtet, dass ein weibliches Vergewaltigungsopfer nach einer solchen Situation gefälligst am Boden zerstört ist, auf den mag die Passivität der Hauptfigur tatsächlich arg befremdlich erscheinen.

Isabelle Huppert

Isabelle Huppert spielt Michèle, die alles andere als ein Opfer sein will.

Wenn man diesen Umstand verinnerlicht hat, drängt sich einem direkt ein Begriff auf, mit welchem „Elle“ wie angegossen in die heutige Zeit passt: Emanzipation. Wenngleich sich das hier und da fast schon duckmäuserisch anmutende Gebären der Protagonistin auf den ersten Blick eher gegenteilig interpretieren lässt, ist Verhoevens Werk ein durch und durch feministischer Film. In den Fokus rückt weniger die vermeintliche Fügung in das Opferschicksal. Stattdessen kämpft Hupperts Figur mit stiller Tapferkeit für ihr Recht auf Selbstbestimmung. Immer wieder richtet sie sich anklagend gegen ihr Umfeld, das von ihr den Gang zur Polizeiwache ebenso erwartet, wie die Verstörung und anklingende Traumata. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Mit vermeintlicher Vernachlässigung seiner selbst hat das absolut nichts zu tun. Den medizinisch notwendigen Gang zum Arzt vollzieht Michèle selbstverständlich und auch mit Verdrängung hat ihr Verhalten absolut nichts zu tun. Stattdessen verhindert die toughe Frau lediglich, dass eine solche Tat (und daraus folgend eben auch der Täter) die Oberhand über ihr (Seelen-)Leben gewinnt.       Für wie befremdlich man ein solches Verhalten im Anbetracht der Schuldschwere erachtet, entscheidet wohl jeder Zuschauer für sich selbst. Doch allumfassend schockierend kann „Elle“ damit automatisch nicht sein. Das ist aber auch eigentlich gar nicht so wichtig.

Unterhaltsam ist „Elle“ allemal, wofür vor allem Isabelle Hupperts Performance verantwortlich ist. Die Pariser Schauspielerin hat für ihre Leistung in Verhoevens Film nicht bloß absolut gerechtfertigt den Golden Globe und eine Oscar-Nominierung erhalten (dass „Elle“ nicht als „bester fremdsprachiger Film“ nominiert ist, ist der eigentliche Skandal der diesjährigen Academy Awards), ihre Performance gehört in ihrem Spiel aus passiver Aggression und aktiver Provokation zu den besten Darstellerleistungen, die es in den vergangenen Jahren auf der Leinwand zu sehen gab. Trotzdem ist „Elle“ kein Film von großen Gesten. Verhoeven entlockt seinen Akteuren und Aktricen winzige Veränderungen in der Mimik, achtet ganz genau auf die Betonung innerhalb der Sprache und lässt manche Passage minutenlang für sich sprechen, ohne die Kamera zu bewegen. Die eigentliche Provokation in „Elle“ liegt in der Stille, im Schweigen – in jenen Momenten, in denen jeder Andere anklagen würde und Hupperts Figur die hierin inne wohnende Macht für sich arbeiten lässt. Immer wieder scheint Verhoeven, der das Skript von David Birke („13 Sins“) auf die Leinwand bringt, seinem Publikum nur einen Satz ins Gericht zu rufen: „Und was wollt ihr jetzt tun?“ Sein Film wirft Fragen auf, die andere Regisseure gar nicht erst zu fragen wagen würden. Drängen wir Opfer nicht noch weiter in die Opferrolle, wenn wir sie zusätzlich als solche betrachten? Machen wir eine Situation nicht noch viel schlimmer, wenn wir sie immer und immer wieder betonen? Und wer hat eigentlich das Recht, Opfern vorzugeben, dass sie ein solches zu sein haben? Die Provokation eines klassischen Rape-and-Revenge-Movies nutzt Verhoeven für ein echtes Statement für Frauen und gegen die Selbstverständlichkeit, mit der nicht nur Männer sie automatisch für schwächer erachten. „Elle“ ist damit vielleicht der wichtigste filmische Beitrag in Sachen weiblichen Aufbegehrens.

H

Michèle (Isabelle Huppert) spielt ihre Machtposition auch im Job gern aus…

Trotz der durchgehend lobenswerten Intention hinter „Elle“ kann sich der Film nicht davon lossagen, in seinen 130 Minuten hier und da Leerlauf zu offenbaren. Das von Paul Verhoeven eingeschlagene Tempo bleibt konstant niedrig und ermöglicht dem Zuschauer somit das Durchleben diverser Lebenssituationen – erst durch ein allumfassendes Bild von Michèles Alltag lässt sich die insgesamt sehr unnahbare Figur emotional einordnen; trotzdem fordert die sehr zurückhaltende Inszenierung Sitzfleisch und Muße. Viele Einzelszenen benötigen ausgiebige Expositionen, um sich anschließend voll entfalten zu können. So muss man Michèle einfach mal erlebt haben, wie sie mit ihren Angestellten umspringt, um zu begreifen, wer in „Elle“ überhaupt ein Motiv haben könnte, sich an der attraktiven, offenherzigen Frau zu vergehen. Die Protagonistin scheint mit so ziemlich jedem spinnefeind zu sein – und wer sich irgendwann bei dem Gedanken ertappt, dass eine solche Tat bei einer solchen Person ja irgendwie auch erwartbar war, der rennt in eine wohlweislich von Paul Verhoeven aufgestellte Falle. Sein „Elle“ ist ein faszinierend-durchdachter Film, in dem absolut nichts dem Zufall überlassen wird. Durch die Überpräsenz von Isabelle Huppert hat leider keiner der Nebendarsteller die Gelegenheit, so richtig hervorzustechen. Aber auch das ist ja irgendwie schon wieder konsequent: Wer interessiert sich denn bei einem Film über ein Vergewaltigungsopfer noch für die anderen? Am Finale werden sich übrigens die Geister scheiden; vielleicht soll das ja etwas über unseren eigenen Geisteszustand aussagen?

Fazit: „Elle“ ist ein verstörend-faszinierender Film, den man erst einmal verdauen muss, um ihn richtig zu erfassen. Paul Verhoeven liefert einen herausragend gespielten, wichtigen Beitrag für das emanzipatorische Kino ab und packt den Zuschauer da, wo es ordentlich weh tut: bei seinen eigenen Vorstellung vom Richtig und Falsch.

„Elle“ ist ab dem 16. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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