Auf einmal

Was passiert, wenn plötzlich alles anders ist, zeigt uns die Regisseurin Asli Özge in ihrem einnehmenden Drama AUF EINMAL, das im Laufe seiner einhundert Minuten einmal in jedes Genre reinschnuppert, nur um am Ende mit Minimalismus zu punkten. Mehr dazu in meiner Kritik.

Auf einmal

Der Plot

Nach der Party in Karstens Wohnung sind alle gegangen, außer Anna. Fasziniert nähert sich Karsten (Sebastian Hülk) dieser geheimnisvollen Frau, als plötzlich ein Unglück passiert. Im Zuge geistiger Umnachtung verlässt der junge Mann die Wohnung und sucht im nahegelegenen Krankenhaus nach Hilfe. Als er wenig später in seine Wohnung zurückkehrt, ist die Frau tot und Karsten muss sich die Frage gefallen lassen, weshalb er nicht einfach den Notarzt gerufen hat. Nach und nach beginnt sein Umfeld, ihn zu meiden. Erst recht, als sich wenig später herausstellt, dass irgendwie keiner so recht weiß, wo diese Anna eigentlich herkam. Es kommt zum Prozess. Doch der ist für Karsten noch das geringste Problem…

Kritik

Asli Özges Drama „Auf einmal“ beginnt mit einem Zitat: „Denn an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.“ aus Shakespears Hamlet. Am Ende bekommt der Zuschauer einen Rammstein-Song zu hören. Was auf den ersten Blick willkürlich wirkt, hat seinen ganz eigenen Grund. Im Laufe der 108 Minuten, in denen die Hauptfigur Karsten mit sich und seiner Umwelt hadert, durchläuft sie gleichsam einen Prozess, den dieser Wechsel vom nüchternen Shakespeare-Zitat hin zur lärmenden Rammstein-Musik kaum besser beschreiben könnte. Die Regisseurin von „Man on a Bridge“, die ihre neueste Arbeit Anfang dieses Jahres auf der Berlinale vorstellte, beobachtet den charakterlichen Wandel ihres Protagonisten ganz genau und geht dabei so sehr ins Detail, dass es fast schmerzt. Letztendlich geht es in „Auf einmal“ nämlich gar nicht um die Frage, wer an dieser äußerst misslichen Lage nun eigentlich Schuld hat, sondern darum, was die Reaktionen unserer Umwelt mit uns anrichten können. Die einen gehen daran zu Grunde, die anderen zeigen sich unberührt und wieder andere laufen unter emotionalem Druck erst so richtig zu Höchstform auf. Und genau so einer ist eben auch Karsten.

Auf einmal

Selten war es so schwer, einen Film in ein Genre einzuordnen, wie im Fall von „Auf einmal“. Sowohl thematisch, als auch erzählerisch verlässt die Geschichte ihre ruhigen Drama-Bahnen nie, doch inszenatorisch wähnt man sich alsbald in einer Mischung aus den stilistischen Auswüchsen eines Nicholas Winding-Refn und Stanley Kubrick. Dabei ist „Auf einmal“ visuell eigentlich über weite Teile unauffällig; lediglich in den Momenten, in denen Karsten des Nachts durch die Straßen streift, stechen die auffällig rot leuchtenden Straßenlaternen hervor. Ansonsten sorgt der türkisch-stämmige Kameramann Emre Erkmen („Die Fremde und das Dorf“) für aufgeräumte, nüchterne, bisweilen fast dokumentarisch anmutende Bilder, in denen er das Geschehen für sich sprechen lässt. Gleichsam hält Erkmen immer wieder inne,  verharrt lange auf winzigen Details und macht sie so zu Stillleben, um die Geschichte symbolisch zu unterfüttern. Musikalisch bleibt „Auf einmal“ ebenfalls unauffällig, auch wenn sich kurze Sound-Einschübe mitunter kreischend ins Ohr des Zuschauers brennen. Es ergibt sich ein technisches Bild nach dem Motto „So viel wie nötig, so wenig wie möglich!“, das den Zuschauer nie erschlägt und lediglich punktuell untermauert, was das Publikum ohnehin schon weiß: Karstens emotionale Verfassung ist unberechenbar; wirkt er in einem Moment noch gefasst und ruhig, droht er im nächsten aus der Haut zu fahren. Erst, als er sich im letzten Drittel den Frust von der Seele brüllt, haben wir kurz die Gelegenheit, aufzuatmen. Doch danach nimmt „Auf einmal“ nochmal ordentlich Fahrt auf.

In welche Richtung sich der Film genau entwickelt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, wenngleich „Auf einmal“ nicht das Prinzip des billigen Twists nutzt, um zum Schluss doch ganz wo anders zu enden, als man es vorab erwartet hätte. Das gelingt vor allem deshalb, weil Hauptdarsteller Sebastian Hülk („Homeland“) seinen Karsten pur, unverfälscht und doch hier und da nur schwer einsichtig ans Publikum heranträgt. So scheint seine Figur lange Zeit selbst nicht zu wissen, in welcher Position er zu den Ereignissen steht; entsprechend wenig Halt bekommt der Zuschauer, wenn es darum geht, sich eine Meinung von der moralischen Vertretbarkeit seiner Tat zu bilden. Wie verwerflich ist der im Affekt vergessene Notruf? War vielleicht alles geplant? Wer hat hier überhaupt das Recht, über die Situation zu urteilen und ist eine sukzessive hervortretende Aggression von Karsten direkt ein Schuldeingeständnis? „Auf einmal“ wirft all diese Fragen unterschwellig auf, ohne dass der Zuschauer sie beantworten müsste, um sich das filmische Puzzle selbst zusammenzubauen. Stattdessen geht es vielmehr um die Beobachtung im zwischenmenschlichen Austausch; die Sequenz, in der Karstens Freundin Laura (Stark: Julia Jentsch, „24 Wochen“) versucht, ihm eine Beziehungspause nahezulegen, schreit im Stillen vor Zerrissenheit und dem Versuch, einander zu verstehen, scheitert aber am offenen Austausch und wird zum erschreckend präzisen Beobachter einer ganz und gar unangenehmen Schlussmach-Situation.

Auf einmal

Julia Jentsch ist neben Sebastian Hülk nur eine aus einer Handvoll Nebenfiguren, die ein moralisches Konstrukt um Karsten bilden, das auf ganz unterschiedliche Weise mit der Situation umgeht. Eines ist ihnen allen jedoch gemein: Nach und nach ziehen sie sich vom vermeintlich Schuldigen zurück und versuchen, die Sache zu verdrängen; sie können es. Schließlich waren sie alle schon weg, als der Unfall geschah. Doch die Loyalität in Bezug auf Karsten darf angesichts der Reaktionen mehr als einmal hinterfragt werden. Gleichsam sorgt die allgegenwertige Spannung dafür, dass bis zuletzt nicht einzuschätzen ist, ob Karsten nicht doch mehr mit Annas Tod zu tun hat, als wir alle ahnen. „Auf einmal“ ist ein Film, der sich so komplex einer eigentlich eindeutigen Situation annimmt, dass er das Optimum emotionaler Gefühlslagen aus sämtlichen Figuren heraus kitzeln kann. Am Ende sind sich eigentlich alle spinnefeind, doch wer weiß, was passiert, wenn sich diese unterschwellige Aggression doch irgendwann mal entlädt? Asli Özge weiß die Antwort und nutzt die unterschwellige Bedrohung, um ihrem Drama einen Anstrich des unangepassten Bösen zu verleihen. Ihr Film ist die deutsche Antwort auf die Mentalität eines „Only God Forgives“ und bleibt bis zuletzt brutal spannend. Wozu also Genreeinordnungen, wenn es ohne sie noch viel unberechenbarer wird?

Fazit: Asli Özge gelingt mit ihrem schwer zu fassenden Drama „Auf einmal“ ein packender Blick in die Weiten der menschlichen Seele – mit all ihren guten und schlechten Seiten.

„Auf einmal“ ist ab dem 6. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

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