Love

Mit seinem Erotikdrama LOVE versucht der französische Skandalregisseur Gaspar Noé mit dreidimensionalen Spermafontänen und minutenlangen Orgien in Detailaufnahmen im Gedächtnis zu bleiben. Doch Sex ist nicht gleich Sex: Anders als etwa Lars von Triers „Nymph()maniac“ fehlt es Noés Werk nämlich an inhaltlicher Substanz und ist damit nicht mehr als pure Provokation. Mehr zum Film in meiner Kritik.Love

Der Plot

Zügellos ist sie, Murphys (Karl Glusmann) stürmische Liebe zu Electra (Aomi Muyok), ein Rausch aus Drogen und Sex und wilden Experimenten. Nichts ist verboten, alles wird ausprobiert, zu zweit, zu dritt, die Leidenschaft scheint grenzenlos. Und doch sind mittlerweile zwei Jahre vergangen, seitdem die Französin den jungen Amerikaner nach einem Seitensprung samt Kind verlassen hat. Mittlerweile lebt er mit der braven Omi (Klara Krisin) zusammen, doch die Liebe ist längst erloschen. Als ihn ausgerechnet am Neujahrestag die Nachricht erreicht, Elektra könne sich etwas angetan haben, begibt sich Murphy auf die Suche nach ihr und damit auf eine Reise ans Ende der Nacht, in der sich Murphy den Dämonen der Vergangenheit stellt und sich in einem orgiastischen Trip verliert, der ihn an die Grenzen seiner Existenz führt…

Kritik

Den Begriff „Enfant Terrible“ in Bezug auf den französischen Filmemacher Gaspar Noé („Irreversible“) zu verwenden, wäre in etwa so plakativ wie die Erwähnung, dass Liam Neeson es in seinen alten Tagen noch einmal richtig krachen lässt. Und doch hilft es vermutlich gerade weniger cineastisch veranlagten Zuschauern, die Werke Noés einzuordnen. Der Franzose ist nach Lars von Trier der letzte große Filmemacher, dessen kinematografische Ergüsse auch immer mit einer Art Mutprobe verbunden sind. Das Wort Erguss leitet sogleich die Thematik von „Love“ ein. Jenem Film, den Gaspar Noé Anfang dieses Jahres in Cannes vorstellte und mit dem sich der Regisseur sicher ein ähnliches Aufsehen erhofft, wie es im vergangenen Jahr Lars von Triers „Nymph()maniac“ gelang. Doch die dreidimensionale Orgie schockt nur auf den ersten Blick, wenn Noé Spermafontänen in Richtung Publikum schießen lässt, wenn sich die Kamera in einer minutenlangen Eröffnungssequenz nicht davon loslöst, wie die Hauptfigur seine Bettgespielin mit dem Finger penetriert, oder wenn Noés Kameramann Benoît Debie („Spring Breakers“) beim Sex ganz nah an die Geschlechtsteile der Protagonisten heranfährt. Das ist zunächst vielleicht mutig, entlarvt sich ob der unspektakulären Geschichte jedoch selbst als pure Provokation. Gaspar Noé geht es nicht um die Lust an der Nacktheit, sondern darum, aus seinem Publikum die größtmögliche Reaktion heraus zu kitzeln. Damit ist „Love“ nicht bloß oberflächlich, sondern eine echte Mogelpackung, denn wo sich „Nymph()maniac“ noch mit Nachdruck gegen den Ausdruck „Kunstporno“ zur Wehr setzen konnte, ist das bei „Love“ nicht so einfach. Gaspar Noés Film ist schlussendlich nicht mehr als ein Sexstreifen unter dem visuellen Deckmantel eines Arthousefilms.

Love

Trotz des sexuellen Schwerpunktes, der schon deshalb über „Love“ liegt, weil fast im Minutentakt unterschiedliche Matratzensportvariationen praktiziert werden, machen viele Szenen deutlich, dass es Gaspar Noé durchaus nach mehr dürstet. Schon die erste Szene, die nach einem minimalistischen Prolog und der Titeleinblendung folgt, stellt das Thema der menschlichen Distanz in den Mittelpunkt. Es geht um die Beziehung des Protagonistenpärchens Murphy und Omi, die sich beide auseinanderentwickelt haben und nur für ihr Kind weiterhin zusammenbleiben. Wie genau die beiden zueinander stehen und wie sich ihre Liebe entwickelt hat, dazu schweigt „Love“ wohlweislich. Erst mit der Zeit ergibt sich durch Rückblenden das komplexe Bild einer kaputten Beziehung, die von Leidenschaft, Sex und Schmerzen geprägt ist. Zu Beginn lässt sich noch eine gewisse Struktur in „Love“ erkennen. So ist Hauptdarsteller Karl Glusmann („Stonewall“) zunächst immer nur dann von vorn zu sehen, wenn er schweigt. In Dialogsequenzen verfolgt ihn die Kamera nur von hinten. Daraus ließe sich vermutlich ein Sinn ableiten, würde Gaspar Noé diesen inszenatorischen Ansatz durchgehend verfolgen. Doch wie auch viele andere Details reißt der Regisseur derartige erzählerische Momente nur an, um sie für die nächste Szene wieder zu verwerfen.

Diese Inkonsistenz zieht sich wie ein roter Faden durch „Love“, der das persönliche Drama innerhalb seiner Erzählung immer nur in Ansätzen aufgreift, um die erzählerische Dichte anschließend mithilfe der Oberflächlichkeit expliziter Sexszenen zu durchbrechen. Wenn die Protagonisten miteinander schlafen, ist dies selten ästhetisch, doch anders als der Gedanke von Lars von Triers „Nymph()maniac“, der seinen Film auf eine ähnliche Weise bewusst lieblos inszenierte, um mithilfe des Sex die zwischenmenschliche Verrohung seiner Figuren hervorzuheben, bemüht sich „Love“ stets darum, mithilfe seiner Nacktszenen die leidenschaftliche Liebe unter seinen Protagonist darzustellen. Doch dieser Übergang misslingt. „Love“ ist allenfalls Stückwerk, das gewiss harte und zarte Momente in sich zu vereinen versucht. Doch anders als die Menschen vor der Kamera verschmelzen diese nicht zu einer Einheit. Der provokative Gedanke wird schließlich davon unterstrichen, dass Gaspar Noé sich inszenatorischer Elemente bedient, die sich allenfalls der Effekthascherei, nicht aber der Untermauerung jedweder Aussagen zuordnen ließen. Wenn der Skandalfilmer einen Cumshot aus dem Inneren einer Vagina zeigt, steht das in keinem Verhältnis zur eigentlichen Aussage des Films, die sich grob mit „Sex und Liebe sind zwei verschiedene paar Schuhe“ umreißen lässt. Um dies nachdrücklich zu unterstreichen, bedarf es keiner ausgedehnten Sexszenen, die mit ganz unterschiedlicher Intention inszeniert sind. Besaß jede pornographische Anleihe in „Nymph()maniac“ noch ihre wichtige Bedeutung, so verkommt der Sex in „Love“ zum Selbstzweck. Und der Filmtitel ist nicht etwa ein gewitzter Kommentar auf die körperliche Liebe, die der emotionalen nie das Wasser reichen könne, sondern ein falsches Etikett.

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Die Frage, was die Darsteller dazu bewogen haben könnte, sich – im wahrsten Sinne des Wortes – mit Haut und Haar auf dieses Projekt einzulassen, wäre eine falsch gestellte. Sie würde implizieren, dass das Mitwirken an Gaspar Noés Werk im Ansatz etwas Verwerfliches hat, dabei sei deutlich betont: „Love“ hat Momente, die bewegen und deren Aussagekraft länger anhält als ein durchschnittlicher Orgasmus. Doch das Drehbuch macht es dem Publikum schwer, mit den Charakteren zu sympathisieren und gleichsam die Probleme der handelnden Paare nachzuvollziehen. Die immer wieder von Flashbacks durchbrochene Erzählung unterliegt keiner Chronologie. Erst nach etwa der Hälfte offenbart sich dem Zuschauer, worauf „Love“ überhaupt hinaus möchte.

Love

Dass sich die Figuren da schwer tun, eine Nahbarkeit aufzubauen, ist selbstredend. Es ist fast konsequent, dass all die Oberflächlichkeit und Leere, mit der „Love“ zwischen den Zeilen zu spielen versucht, auch vor dem Gefühl beim Zuschauen nicht Halt macht. Das Leinwandgeschehen, das mit 135 Minuten obendrein rund eine halbe Stunde zu lang ist, versucht, sich seinen Weg bis zum emotionalen Zentrum des Publikums zu bahnen. Doch es scheitert daran, dass ein jeder von uns Dinge an unseren Mitmenschen braucht, die sie für uns interessant machen. Die von Karl Glusmann, Aomi Muyok und Klara Kristin allenfalls solide aber ohne Wiedererkennungswert verkörperten Hauptfiguren sind aber keine, die sich durch Ecken und Kanten hervortun könnten. Sie sind da und sind doch nicht da – in einer Welt, die uns viel zu fern bleibt, als dass wir uns wirklich mit ihr auseinandersetzen wollen.

Fazit: Gaspar Noés Sexdrama „Love“ sorgt definitiv für Aufsehen. Doch hinter der dreidimensionalen Aneinanderreihung von harten (!) Erotikszenen und philosophischen Einschüben steckt nicht mehr als der unbedingte Schrei nach Aufmerksamkeit. Da wundert es auch nicht, dass Noé eine der Figuren dann auch direkt nach sich selbst benennt.

„Love“ ist ab dem 26. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen – auch in 3D!

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