The Visit

M. Night Shyamalan findet mit dem Horrorfilm THE VISIT endlich zurück zu seinen Wurzeln und zeigt nicht nur, dass er das Genre nach wie vor perfekt versteht, sondern auch, dass er es immer noch weiß, die geneigte Kritikerzunft an der Nase herumzuführen. Ein ganz, ganz feines Seherlebnis – mehr dazu in meiner Kritik.The Visit

Der Plot

Dieser Familienbesuch bei den Großeltern wird zum Psycho-Trip. Dabei hat die alleinerziehende Mutter (Kathryn Hahn) für ihre Kinder nur die besten Absichten, als sie den einwöchigen Urlaub bei Oma und Opa in Pennsylvania plant. Auf der abgelegenen Farm kommen Bruder (Ed Oxenbould) und Schwester (Olivia DeJonge) schnell dahinter, dass die alten Leute ein verstörendes Geheimnis haben. Doch was verbirgt sich hinter der Regel, dass Zimmer nach 21.30 Uhr nicht mehr verlassen zu dürfen? Das Unheil nimmt seinen Lauf und die Chancen, Nachhause zurückzukehren, werden immer geringer…

Kritik

Die Karriere von M. Night Shyamalan galt bereits als beendet. Mit dem Genre-Meilenstein „The Sixth Sense“ gelang dem Regisseur 1999 einer der Kultfilme des modernen Mysterykinos, der die Verwendung eines alles infrage stellenden Twists noch näher an das Mainstream-Publikum heranführte als es in den Sechzigerjahren bereits Alfred Hitchcocks „Psycho“ vermochte. Es folgten mit „Unbreakable – Unzerbrechlich“, „Signs – Zeichen“ und allen voran „The Village – Das Dorf“ weitere Produktionen, die mit demselben Prinzip aufzutrumpfen versuchten, doch während bereits diese Filme wohl vor allem deshalb nicht an den Erfolg von Shyamalans Debüt anknüpfen konnten, weil das Publikum die immer gleiche Erzählstruktur langsam aber sicher durchschaute, folgten die ersten Kollateralschäden am Ruf des Filmemachers spätestens mit „Das Mädchen aus dem Wasser“. Das Fantasymärchen über die Beziehung eines Mannes zu einer Nymphe schien zu beweisen, dass der Regisseur ohne Zuhilfenahme seiner berühmten Schlusspointe ein auf weitem Feld verlorener Geschichtenerzähler ist, was sich mit „The Happening“ und erst recht mit „Die Legende von Aang“ bestätigte. Nach dreijähriger Schaffenspause versuchte er sich 2013 erneut an der Konzeption eines Filmes ohne doppelten Boden und ohne seinen Namen für Marketingzwecke herzugeben. Doch auch „After Earth“ ging am Box-Office unter – und das, obwohl der Name Will Smith zum damaligen Zeitpunkt eigentlich noch ein Garant für internationale Kassenschlager war.

Die beiden Kinder wissen noch nicht ganz, was sie von ihren Großeltern halten sollen.

Die beiden Kinder wissen noch nicht ganz, was sie von ihren Großeltern halten sollen.

Kurzum drehte Shyamalan dem Kino den Rücken zu und ging wie viele seiner Kollegen zum Fernsehen, das, so hört man seit einigen Jahren immer wieder, momentan ohnehin stärkere Geschichten zu bieten hat als Hollywood. Die an „Twin Peaks“ und „True Detective“ erinnernde Serie „Wayward Pines“ lief in Übersee mittelmäßig; eine zweite Staffel ist momentan nicht geplant. Für Shyamalan steht die Karriere-Uhr entsprechend auf „kurz vor zwölf“, denn so gnadenlos wie die Kritiker sind, werden sie es sich nicht nehmen lassen, dem 45-jährigen Filmemacher mit ihren Verrissen den Todesstoß zu versetzen, sollte dessen neuestes Werk „The Visit“ nicht den hochstilisierten Ansprüchen der professionellen Beobachter genügen.

Womit wir auch schon beim Thema sind: Auf den ersten Blick erzählt der von Shyamalan sowohl inszenierte als auch geschriebene Horrorschocker „The Visit“ von zwei Kindern, die ihre Großeltern das erste Mal besuchen und mit der Zeit feststellen müssen, dass auf dem großzügigen Anwesen der alten Herrschaften Merkwürdiges vor sich geht. Oma (Deanna Dunagan) und Opa (Peter McRobbie) verhalten sich merkwürdig, die Teens dürfen abends ihr Zimmer nicht mehr verlassen und der Geräteschuppen im Garten scheint ein Geheimnis zu bergen. Und als ginge es nicht konventioneller, greift Shyamalan selbstredend auf die heutzutage standardisierte Found-Footage-Inszenierung zurück, da die pfiffige Enkelin Rebecca (Olivia DeJonge) später gern Regisseurin werden möchte und den Trip zu ihren Großeltern via Kamera gleich selbst festhält. Alles recht genrekonform, doch bei genauerem Hinsehen ist „The Visit“ nicht weniger als der lang erwartete Befreiungsschlag des von der Kritik bisweilen (zu Unrecht!) gescholtenen M. Night Shyamalan, der auf einer Meta-Ebene mit der ihm gegenüber erbrachten Unfairness abrechnet, die die weltweite Presse in den letzten Jahren an den Tag gelegt hat.

Mit welch genauer Beobachtungsgabe er die Mechanismen der Presse, die verqueren Denkweisen der Journalisten und die mangelnde Professionalität vieler moderner Kritiker auf die Filmhandlung überträgt, ist in ihrer Perfidität viel interessanter, als die eigentliche Story; trotzdem geht dem reinen Gruselplot etwas Wichtiges nicht ab: „The Visit“ ist durch und durch atmosphärisch, setzt lediglich auf eine Handvoll gut platzierter Jump-Scares, verzichtet vollends auf jedwede Form der theatralischen Musikuntermalung (wenn man von einer sehr gewitzt in die Handlung integrierten und darüber hinaus das Geschehen direkt kommentierenden Songplatzierung einmal absieht) und schafft es, mit kleinen Gesten und Bewegungen, große Stimmung zu erzeugen. Und als würde dies nicht ausreichen, ist Shyamalans Film in vielen Momenten auch richtig lustig. Die Figuren durchlaufen darüber hinaus zwar keinerlei tiefsinnige Charakterentwicklung, handeln jedoch nicht willkürlich und legen einen glaubhaften Fortschritt an den Tag, sodass sich die sukzessive Steigerung des Wahnsinns seitens der Großeltern lediglich schleichend bemerkbar macht und dafür umso intensiver wirkt. Die beiden von Olivia DeJonge („Hiding“) und Ed Oxenbould („Die Coopers“) gespielten Protagonisten haben eine angenehme und ihrem Altersunterschied entsprechende Chemie. Gerade Oxenboulds Figur funktioniert immer wieder als ironischer Kommentator des Geschehens und ist gar für einige Lacher gut, wenn er die Ereignisse aus den Augen eines pubertierenden Posers betrachtet und seine Gedanken ungefiltert (dafür aber gerappt) an das Publikum weitergibt.

Die Genialität liegt in „The Visit“ aber in ebenjener Meta-Ebene, in der M. Night Shyamalan mit den Kritikern abrechnet. Bereits in „Das Mädchen aus dem Wasser“ fand sich in einer Nebenfigur ein Ebenbild des Filmemachers wieder; nun erzählt er den Film direkt aus seiner Sicht. Auf der einen Seite stehen die beiden Teenies, die ihn innerhalb unterschiedlicher Karrierephasen repräsentieren. Die anspruchsvolle Rebecca steckt ihr ganzes Herzblut in das Projekt und kümmert sich nicht darum, ob ihr fertiges Projekt irgendwelchen Konventionen folgt. Die an sich selbst gestellte, künstlerische Aufgabe gilt es, mit aller Passion und Aufopferungsbereitschaft zu erfüllen; als komplettes Gegenteil erweist sich dafür ihr jüngerer Bruder Tyler, dem es in erster Linie darum geht, dass auf dem Band möglichst viel passiert, was den Zuschauer bei Laune hält („Heutzutage interessiert sich doch niemand mehr für eine Handlung!“).

Die Geschwister müssen sich nicht nur mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen von gelungenem Filmemachen herumschlagen, was den inneren Zwiespalt Shyamalans in Bezug auf Kunst und Kommerz wiederspiegelt; sobald die Großeltern die Leinwand betreten, kommt der Kritiker ins Spiel, der den beiden das Leben – im wahrsten Sinne des Wortes – zur Hölle macht. Dabei verrät der auch in „The Visit“ einmal mehr auf den Plan tretende Schlusstwist sogleich, dass es Shyamalan nicht um den Kritiker an sich geht, sondern nur um jene, die ihre Arbeit als Informant, Analyst und Tippgeber für den Zuschauer missverstehen, sondern sich stattdessen lieber als Fehlergucker und Miesmacher beweisen wollen. In jeder Handlung der Großeltern finden sich typischer Kritiker-Eigenheiten wieder: Da ist die aus vollem Halse lachende Großmutter, die entgegen der Vermutung ihres Enkels nicht etwa darüber lacht, weil sie etwas Lustiges im Fernsehen sieht, sondern stattdessen lediglich die Wand anstarrt (verstehend als Kommentar darauf, dass viele Journalisten es heute nicht mehr für nötig halten, Filme bis zum Ende zu schauen und sich auch ohne Sichtung jener meinen, ein Bild von einem Projekt machen zu können und zu dürfen), da ist das Yahtzee-Spiel „Jung gegen Alt“, das betont, wie ungern Alt gern von seinen eingesessenen Gewohnheiten abweicht, weil man ja seinen Horizont erweitern könnte, wenn man einmal über den Tellerrand hinausblickt, da ist aber auch die immer vulgärer werdende Attitüde der Großeltern respektive somit der Kritiker, die den verspielten Tyler irgendwann schlichtweg – mit Verlaub – Scheiße fressen lässt; sinnbildlich stehend für den ultimativen Untergang des kultivierten Filmjournalismus.

The Visit

„The Visit“ ist voll von Momenten, in denen der kommentierende Subtext eine viel angsteinflößendere Wirkung auf den Zuschauer hat, als es der gänsehauterzeugende, oberflächliche Grusel zu schaffen vermag. Wenn Menschen kommentarlos beseitigt werden, die den Handlungen der Großeltern kritisch gegenüberstehen, dann ist das zugleich ein Kommentar auf die karrierebedingte Wegwerfgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Damit ist „The Visit“ vielleicht nicht der technisch hervorstechendste Film, den M. Night Shyamalan in seiner Karriere bisher hervorgebracht hat. Aber es ist sein klügster, sein persönlichster, vielleicht sogar sein nachhaltigster. Doch vermutlich wird das keiner wahrhaben wollen. Schade. Denn nach der Pressevorführung sind die Massen der Kritiker tobend aus dem Saal gestürmt und haben die Meta-Ebene wohlweislich außer Acht gelassen. Wer lässt sich selbst schon gern analysieren, geschweige denn vorführen? Liebe Kollegen: Ironischerweise habt ihr „The Visit“ so aber sogar noch eine dritte Meta-Ebene beschert, die die Leinwand in Gänze verlässt und die Filmhandlung ins Kino-Foyer trägt. Doch leider schlägt ebenjene Realität dann umso gnadenloser zu: in Form von Verrissen, die sich gerade bei M. Night Shyamalan ja so leicht schreiben lassen, wenn man die Hoffnung in sein Können ja ohnehin schon lange aufgegeben hat. Shyamalan appelliert mit seinem Film nicht an weichgespülten Filmjournalismus und bettelt nicht darum, von den Kritikern auf Biegen und Brechen positiv rezensiert zu werden. Aber er erbittet sich Fairness. Und das ist weiß Gott nicht zu viel verlangt!

Fazit: „The Visit“ ist ein gnadenlos spannender Kritiker-Rundumschlag. Und eine witzig-gruselige Horrorodyssee zugleich.

„The Visit“ ist ab dem 24. September bundesweit in den Kinos zu sehen. 

4 Kommentare

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