Straight Outta Compton

In den USA geht das Rapper-Portrait STRAIGHT OUTTA COMPTON durch die Decke. Nun erscheint das Biopic über die berühmt-berüchtigte Combo N.W.A. auch hierzulande in den Kinos und erzählt dabei weit mehr als nur die Entstehungsgeschichte eines der berühmtesten Rap-Alben aller Zeiten. Regisseur F. Gary Gray bettet das Schicksal der Musiker in den gesellschaftspolitischen Kontext der späten Achtziger und frühen Neunziger ein und reißt dabei Themen an, wie sie aktueller kaum sein könnten. Mehr zum Film in meiner Kritik.

Straight Outta Compton

Der Plot

Mitte der 80er Jahre ist Compton, gelegen am Stadtrand von L.A., einer der gefährlichsten Orte der USA. Der Konflikt zwischen den rivalisierenden Gangs eskaliert zunehmend, der Handel mit Crack gehört zum Alltag und fast täglich sterben junge Afroamerikaner in den Straßen. Das als rassistisch bekannte Los Angeles Police Department greift hart durch und die Gewaltspirale dreht sich unaufhörlich weiter. Eine Thematik, die erschreckender Weise bis heute nichts an Aktualität verloren hat.  Die Hauptstadt der Gangs mit der höchsten Kriminalitätsrate des Landes prägt fünf junge Männer nachhaltig. Sie beginnen, ihre bitteren Erfahrungen in radikal ehrlicher Musik zu verarbeiten. In ihren Texten rebellieren sie gegen den brutalen Alltag, die Polizeiwillkür und ihre scheinbar aussichtslose Lage. Mit dem Album „Straight Outta Compton“ geben N.W.A. (Niggaz Wit Attitudes) einer unterdrückten Generation eine explosive Stimme und einen neuen Sound, die das Land und die gesamte Musikindustrie bis heute nachhaltig aufmischen.

Kritik

Dass Universal Pictures derzeit einen beispiellosen Lauf hat, ist glatt untertrieben. Nicht nur, dass die Produktionsfirma mit der Weltkugel die Rechte an den Erfolgsfranchises „Fifty Shades of Grey“, „Jurassic World“ sowie „Minions“ hält und damit einen Box-Office-Rekord nach dem anderen einfährt, auch vermeintlich kleinere Projekte wie etwa der Cyber-Horrorschocker „Unknown User“ oder die Judd-Apatow-Komödie „Dating Queen“ sprengen in diesem Jahr sämtliche Erwartungen. Der Erfolg des Rapper-Biopics „Straight Outta Compton“ setzt dem universalen Kassenschlager-Höhenflug nun endgültig die Krone auf. In den USA knackte der Film von Regisseur F. Gary Gray („Gesetz der Rache“) am Startwochenende die 60-Millionen-Dollar-Grenze und legte damit den sechstbesten August-Start aller Zeiten hin. Die Kritiker in Übersee überschlagen sich vor Lob an dem zweieinhalbstündigen Streifzug durch die US-amerikanische Rap-Historie und erste Stimmen sehen den Film sogar bereits in der Endauswahl für die kommende Oscar-Verleihung. Dabei geht mit den Kinovorstellungen von „Straight Outta Compton“ in den USA auch ein unangenehmer Nebeneffekt einher: Nachdem US-amerikanische Lichtspielhäuser in der Vergangenheit vermehrt zum Ziel tragischer Gewaltausbrüche wurden, wurden die Sicherheitsvorkehrungen diverser „Straigth Outta Compton“-Vorstellungen drastisch verschärft und bisweilen von Security bewacht. Ein besserer Bezug der zu Zeiten der Filmhandlung bereits so präsenten und bevorzugt rassistisch motivierten Gewaltbereitschaft zu den aktuellen Zuständen in den Vereinigten Staaten ließe sich kaum herstellen.

Straight Outta Compton

Nicht nur hierzulande dringen aktuell fast täglich Nachrichten rassistisch motivierter Gewalttaten gegen Minderheiten an die Öffentlichkeit. Die USA als Schmelztiegel verschiedenster, ethnischer Gruppen gleicht in manchen Vierteln einem Hexenkessel, in welchem sich die Bürger gegen die willkürliche Gewalt weißer Polizisten gegen schwarze Einwohner zu wehren versuchen. Wenngleich man meinen möge, seit dem Ende der Achtzigerjahre, der Dekade, in welcher sich die Handlung von „Straight Outta Compton“ abspielt, wären radikalisierte Denkmuster längst aufgebrochen, so kommt Grays Regiearbeit zur denkbar besten Zeit; kann eine solch aufwändige und von viel PR begleitete Produktion doch viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen (und damit zwangsläufig mehr Kinogänger zum Kauf eines Tickets bewegen), als es zum Beispiel vor knapp zwei Jahren das weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufene Indie-Drama „Nächster Halt: Fruitvale Station“ zu schaffen vermochte. F. Gary Gray geht mit „Straight Outta Compton“ einen richtigen Weg: Er bereitet die spannende Geschichte der weltberühmten Rap-Combo N.W.A. nicht als bloßes Charakterstück auf, sondern bettet es gekonnt in die gesellschaftspolitischen Umstände seiner Zeit ein. Der fertige Film ist ein echtes Mammutprojekt: Sage und schreibe 147 Minuten widmet Gray den von steten, emotionalen Schwankungen geprägten Eskapaden von MC Ren (Aldis Hodge), Dr. Dre (Corey Hawkins), Ice Cube (O’Shea Jackson Jr.), Eazy-E (Jason Mitchell) und DJ Yella (Neil Brown Jr.) und nimmt dabei Längen in Kauf, die sein müssen, um die Entstehungsgeschichte Umstände der „Niggaz wit Attitudes“ angemessen aufzubereiten.

Der Aufbau von „Straight Outta Compton“ gleicht dabei fast dem Franchise-Auftakt gängiger Superhelden-Filme. In ausführlichen Einzelszenen zeichnen die Drehbuchautoren Jonathan Herman und Andrea Berloff („World Trade Center“) die Umstände sämtlicher Gruppenmitglieder einzeln nach. Es geht um Drogen, um Arbeitslosigkeit und um das Aufbegehren gegen rassistische Gewalttaten, durch welche die Musikliebhaber irgendwann zusammenfinden. Wie sich die Pfade der ganz unterschiedlich motivierten Rapper kreuzen, ist spannend und wird von den Machern geschickt gelöst, doch zu einem richtigen Rhythmus findet „Straight Outta Compton“ erst dann, wenn sich Dr. Dre, Ice Cube und Co. schließlich zu den N.W.A. formieren. Gray inszeniert die Historie des weltberühmten Albums „Straight Outta Compton“ sehr musiklastig und geht explizit auf die Entstehungsgeschichte der einzelnen Songs ein. So begibt er sich gleichsam an die Seite der Jungs, wenn diese im Studio ihre gerappten Texte einsingen, als auch, wenn sie durch Vorkommnisse im Alltag zu den Lyrics inspiriert werden.

Straight Outta Compton

In den USA war „Straight Outta Compton“ eines der ersten Musikalben, das mit dem heute fast obligatorischen „Parental Advisory“-Sticker versehen wurde und damit explizit vor anstößigem Inhalt warnte. Entsprechend grobmotorisch gestaltet sich auch der Sprachgebrauch im Rahmen des Films; während „Straight Outta Compton“ in den USA mit einem R-Rating ausgestattet wurde, läuft das Musikdrama hierzulande mit einer FSK-Freigabe ab 12. Die Macher nehmen mit ihrem schonungslos-ehrlichen Blick auf die Entstehung des Albums kein Blatt vor den Mund und handeln damit im Sinne ihrer portraitierten Figuren. Songs wie „Fuck da Police“ sind heute Kult, sorgten trotz ihrer durchaus tragischen Entstehungsgeschichte jedoch dato für einen Skandal. Einen Skandal, den N.W.A. einst selbst hervorragend auszunutzen wussten, denn neben dem Portrait der Künstler geht es in „Straight Outta Compton“ auch um die materialistisch geprägten Wert des gleichnamigen Albums und um die harten Seiten des Musikgeschäfts. So wird Grays Arbeit bisweilen so vielseitig, dass der Zuschauer zum Nutznießer und Leidtragenden wird: Den vielen Sinneseindrücken und Aussagen zu folgen, ist nicht immer ganz leicht. Andererseits erweist sich „Straight Outta Compton“ aufgrund seines vollgepackten Inhalts als derart kurzweilig, dass sich trotz der ausladenden Laufzeit nie so etwas wie Leerlauf einstellt.

Im starken Kontrast zum brachialen Sprachgebrauch und zur bisweilen hektisch-aggressiven Attitüde des Films stehen gerade in der zweiten Hälfte die ruhigen Töne, wenn Gray sich mit viel Feingefühl an die tragisch-emotionalen Momente der Protagonisten wagt, die auf der Zielgeraden dafür sorgen, dass „Straight Outta Compton“ immer mehr an Nachhaltigkeit gewinnt. Wer sich gar ohne jedwedes Hintergrundwissen in den Film begibt, könnte sich durch die Härte der Lebenswege sämtlicher Charaktere regelrecht vor den Kopf gestoßen fühlen. Insbesondere Jason Mitchell („Broken City“) mimt den Mitte der Neunzigerjahre auf tragische Weise verstorbenen Eazy-E mit einnehmender, und doch so zerbrechlicher Präsenz, dass sein Spiel gleichsam paralysiert wie nachdenklich stimmt. Doch auch seine Kollegen spielen sich in „Straight Outta Compton“ um Kopf und Kragen. Sie alle schaffen es, den emotionalen Balanceakt des Films auf ihre Charaktere zu übertragen. Durch sie erhält der Film eine Seele, die den Zuschauer berührt und die Geschichte auch für jene Zuschauer greifbar macht, die mit der Musik selbst gar nicht so viel anfangen können.

Straight Outta Compton

Bei einem Konzert von N.W.A. spielen die Rapper trotz Verbot den Song „Fuck Da Police“ .

Fazit: „Straight Outta Compton“ portraitiert die brisante Entstehungsgeschichte des gleichnamigen Rap-Albums der Musiker-Combo N.W.A. und bettet diese in die gesellschaftspolitische Lage der späten Achtziger und frühen Neunzigerjahre ein. Dabei herausgekommen ist ein passioniertes Mammutprojekt, das ebenso zum Staunen wie Nachdenken anregt und von einer aktuelleren Brisanz kaum sein könnte. Und die deutschen Zuschauer seien beruhigt: Die Synchronisation lässt die englischen Songs selbstverständlich unangetastet und geht sogar so weit, die für die Handlung relevanten Stellen deutsch zu untertiteln.

„Straight Outta Compton“ ist ab dem 27. August bundesweit in den Kinos zu sehen.

2 Kommentare

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s